Nachdenken über Gedenkreden zum Tag der Opfer des Faschismus (Nationalsozialismus)
„Die wohl verbreitetste Form, den Nationalsozialismus auf ein gleichsam verträgliches Maß zu reduzieren, besteht in seiner Entkonkretisierung. Sie steht im Gegensatz zum Wahrheitsbegriff der klassischen deutschen Philosophie, den Hegel in den Satz zusammendrängte: ‚Alles Wahre ist konkret.’" (Joachim Perels, Entsorgung der NS-Herrschaft. Hannover 2004, S. 30)
Am 1. November 2005 erklärte die Generalversammlung der Vereinten Nationen den 27. Januar in einer Resolution offiziell zum internationalen Holocaustgedenktag.
In der Bundesrepublik Deutschland proklamierte Bundespräsidenten Roman Herzog am 3. Januar 1996 den Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus und legte ihn auf den 27. Januar fest.
Das geschah immerhin schon 51 Jahre, nachdem in der Sowjetischen Besatzungszone und in der DDR alljährlich an einem Sonntag im September der Opfer des Faschismus gedacht wurde.
Einen Tag der Opfer des Faschismus gibt es in Pirna schon seit dem Jahre 1945. In Pirna fanden sich am 29. September 1945 zahlreiche Einwohner im Friedenspark zu einer Gedenkkundgebung ein.
So lesen wir in der Volkszeitung vom 4.10.1945, S. 3:
"Die Gedenkstunde für die Opfer des Faschismus fand unter außerordentlich zahlreicher Beteiligung der Bevölkerung von Pirna und Umgebung statt. Der Friedenspark wurde in seiner Neugestaltung den Toten der KZ-Lager eine würdige Ruhestatt. Unter den Klängen des Chopinschen Trauermarsches erfolgte der imposante Einmarsch der Kranzabordnungen. Nach einem Vorspruch fand Pfarrer Scholz(e), der 4 ½ Jahre Häftling des Dachauer Lagers war, mitfühlende Worte für seine ehemaligen Kameraden. Nach ihm sprachen für die KPD Gen. Hering (Spanienkämpfer, vom Volksgerichtshof zu 12 Jahren Zuchthaus verurteilt - Je), für das Kartell der Arbeit Gen. Klett. Der Oberbürgermeister Wetzig (SPD) unterstrich in markigen Worten nochmals die Schuld, die das deutsche Volk auf sich geladen hat, und betonte, dass es nun den Willen zeigen müsse, alles wieder gut zu machen. Nach gemeinsamem Gesang setzten sich die Teilnehmer in Marsch nach dem Friedhof, um die dort bestatteten 77 KZ-Opfer durch Kranzniederlegung zu ehren."
…
Über den Gedenktag 1946 in formiert uns ein Bericht vom 28.9.1946:
"Ein nach dem andauernd schlechten Wetter der letzten Zeit unerwartet herrlicher Sonntag begünstigte die auch in Pirna vorbereiteten Feierlichkeiten zum Gedenken an die Opfer der Faschistenherrschaft. Auf dem Friedensplatz, wo z. Zt. Die Arbeiten zu einem würdigen Ehrenmal für die dem Faschismus zum Opfer gefallenen Kämpfer für Demokratie und Freiheit im Gange sind, versammelten sich schon am zeitigen Vormittag Pirnaer Bürger, um der Feier beizuwohnen. Kurz nach 10 Uhr marschierten die Arbeiter und Angestellten aus den verschiedenen Stadtteilen mit ihren Kranzabordnungen heran und füllten den Platz vor dem Rednerpult bald zu einer eindrucksvollen Versammlung.
Unter den Klängen ernster Musik erfolgte zunächst die Niederlegung einer Fülle von prachtvollen, in den glühenden Farben des Spätsommers leuchtenden Kränzen. Hierauf wurde ein Prolog zum Gedenken der Toten gesprochen.
Pfarrer S c h o l z e sprach nun als erster zu den Versammelten. Er lenkte in seinen Ausführungen unsere Blicke auf die hinter uns liegende verbrecherische Zeitepoche, in der den Kämpfern für die Gerechtigkeit, Freiheit, Menschentum und Menschenwürde nichts erspart blieb, in der Steine barmherziger als Menschen waren.
Das Denkmal, so führte Pfarrer Scholze u. a. aus, das hier emporwächst, soll uns ständig an diejenigen mahnen und erinnern, die den Mut hatten, in einer Zeit der Barbarei ihr Leben für die höchsten Menschheitsideale hinzugeben.
Pfarrer Scholze verlas dann die Namen derer des Kreises Pirna, die in den Konzentrationslagern und Zuchthäusern gestorben sind oder gemordet wurden, die hingerichtet wurden und die bei den Strafkompanien gefallen sind und schloß mit dem Gelöbnis des Kampfes für die kulturellen Ideale der Menschheit, für Freiheit, Gerechtigkeit und Menschlichkeit.
In eindringlichen Worten wies dann Oberbürgermeister W e t z i g darauf hin, daß sich der Tag jähre, als an dieser Stelle die Opfer einer Wahnsinnsideologie symbolhaft ihre Ruhestätte fanden. Er deutete den Sinn ihres Opfertodes dahin, daß er das ganze deutsche Volk immer daran mahnen soll, daß es in seiner Gesamtheit ein Opfer des Faschismus geworden ist, und daß es gilt, sich dessen bewußt zu werden, daß aus dieser Ideologie, die im Kapitalismus und Militarismus wurzelte, die unsagbaren Leiden nicht nur des deutschen Volkes, sondern fast der ganzen Welt entstanden sind. Sie, die in den Höllen der Konzentrationslager und unter den Martern der Strafkompanien gestorben sind, ihnen gebührt dieser Tag. Sie sind Deutsche in des Wortes bester Bedeutung. Es ist deshalb nicht nur unsere Pflicht, ihnen einen Tag des Gedenkens im Jahre zu weihen, sondern sie haben einen Anspruch darauf, daß ihr Gedächtnis durch ein würdiges und interessantes Denkmal für immer wachgehalten wird.
Als Sprecher der antifaschistischen Parteien gab Herr Kurt Schöne einen Überblick über das Wirken der Widerstandsbewegung, die sich aus den Gewerkschaften, den Kirchen und Militärkreisen zusammensetzte. Diese Gemeinsamkeit des Kampfes für Menschenrecht nund Menschenwürde sei ein verheißungsvolles Zeichen für eine bessere und schönere Zukunft des deutschen Volkes.
Der K r i e g s k o m m a n d a n t von Pirna erinnerte sodann die Anwesenden, sich endgültig von den letzten Resten des Faschismus und Militarismus zu befreien, die dem deutschen Volk einen politischen Weg vorgeschrieben hatten, der in die Katastrophe führte. Aber nicht nur Deutschland habe der Irrwahn des Faschismus schwerste Opfer gekostet, sondern auch die anderen Völker, insonderheit Sowjetrußland habe der Krieg Millionen Opfer gekostet. Das deutsche Volk müsse heute erkennen, daß der Weg des Faschismus notwendigerweise die Welt ins Unglück stürzen mußte. Sowjetrußland sei ein fester Schutzwall gegen solche Ideologien..."
StAP, B4, 3001, 505, Informationsberichte des Nachrichtenamtes 1946-48, 160/61, 28.9.46 Informationsbericht Nr. 26/46.
Was mich bei den Gedenktagen in Pirna seit 1996 immer wieder in den Gedenkreden der Stadt- und Kreisoffiziellen unter den Rednern verwundert: sie halten sich gern an standardisierte Wendungen zur "Gewaltherrschaft des Nationalsozialismus". Das ist ein Euphemismus für ein weltweit geächtetes und verurteiltes Verbrecherregime. Ihm wurden nach einer komprimierten Auflistung, die ich bei Daniela Dahn fand, folgende Verbrechen im Nürnberger Prozeß und anderen Urteilen zur Last gelegt:
"Verschwörung zur Planung und Führung eines Angriffskrieges, Kriegsverbrechen, Mitgliedschaft in verbrecherischen Organisationen, Zwang zur Sklavenarbeit und Plünderung besetzter Gebiete, Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Die Schilderung letzterer nahm viele hundert Seiten ein. Besonders schwerwiegend war die Ermordung, Vernichtung, Misshandlung, Verschleppung der Zivilbevölkerung, ihre Verfolgung aus rassistischen, politischen und religiösen Gründen, die Erschießung von Geiseln, die Anmaßung einer «Herrenrasse» mit dem Recht, andere auszurotten, insbesondere Juden. Aber auch Polen, Zigeuner, Russen, Serben. Als Methoden für den vorsätzlichen und systematischen Massenmord wurden nachgewiesen: Vergasen, Erschießen, Erhängen, Aushungern, Zusammenpferchen, Schwerstarbeit, Versagen von ärztlicher Betreuung und Hygiene, Begraben und Verbrennen bei lebendigem Leib. Unterwerfung von jeder Art Folter, darunter der Gebrauch glühender Eisen, Stromschläge, Operationsexperimente ohne Betäubung, tödliche Herzinjektionen, Abschneiden von Brüsten und einzelnen Gliedmaßen, zwangsweises Verbleiben in eisigen Wassertonnen bis zum Erfrieren.
Nicht weniger umfangreich war die Liste der Kriegsverbrechen in den einzelnen Ländern. Allein in der Sowjetunion wurden 1710 Städte und 70 000 Ortschaften aufs schlimmste zerstört, die Zivilbevölkerung hingemordet und 25 Millionen Obdachlose hinterlassen. Die Wehrmacht beschädigte und zerstörte 1670 russisch-orthodoxe Kirchen, 532 Synagogen und 427 Museen, darunter die reichhaltigen Sammlungen von Leningrad. Die Schäden des Kunstraubes waren unermesslich." Daniela Dahn, Wehe dem Sieger! Ohne Osten kein Westen. Reinbeck bei Hamburg 2009, S. 166.
In den letzten beiden Jahren erfuhr man immerhin von einigen Opfern aus unserem Kreis. Gewürdigt wurden die in der Tötungsanstalt Sonnenstein vergasten und verbrannten fast 15.000 geistig Behinderten und KZ-Häftlinge.
Immer noch ausgeblendet oder nur nebenher erwähnt wurden konkrete Aussagen zu den zuerst verfolgten, inhaftierten, verurteilten, geschundenen und ermordeten Mitglieder und Funktionäre der Arbeiterparteien und Gewerkschaften, zur Verfolgung, Beraubung und Vertreibung jüdischer Bürger aus Stadt und Kreis, zu den in Zuchthäusern und Konzentrationslagern Umgebrachten. Wenn es doch geschah, dann durch Vertreter des Bundes der Antifaschisten/Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes.
Ist das wirklich bloßer Unkenntnis geschuldet? Das sollte verwundern, liegen doch seit geraumer Zeit ausführliche Publikationen zu den Schicksalen jüdischer Mitbürger von einst und zur Pirnaer Geschichte unterm Hakenkreuz vor. Zusätzliches Material ist im Internet seit drei Jahren für alle verfügbar und nutzbar. Dort findet sich auch die wahrscheinlich noch unvollständige Liste von 131 Menschen aus Stadt und Kreis, die als Widerstand Leistende oder aus rassischen Gründen umgebracht wurden oder an Leidensfolgen zu Tode kamen.
Unerwähnt blieb das mit dem Tage der Befreiung der Überlebenden des Tötungslagers Auschwitz am 27.1.1945 verbundene konkrete Ereignis in Pirna.
Am 27. Januar 1945 passierte ein mit 50 offenen Güterwagen bestückter Zug bei strengem Frost Pirna. Auf jedem dieser Wagen befanden sich ca. 50 Menschen in der dünnen Bekleidung der faschistischen KZ, ausgestattet gegen die Kälte mit unzureichenden Decken. Es war einer der in diesen Tagen mit den etwa 60.000 überlebenden Häftlingen des Lagers Auschwitz zu Fuß oder per Bahn in die Konzentrationslager Sachsenhausen, Ravensbrück, Buchenwald, Bergen-Belsen auf den Weg gebrachten Evakuierungstransporte. Aus diesem Zug, dessen Ziel Oranienburg/Sachsenhausen war, wurden zwischen Außig und Pirna 73 Erfrorene und Verhungerte hinausgeworfen. Sie wurden an der Strecke aufgelesen und am 28. Januar auf dem Pirnaer Friedhof in einem Massengrab beigesetzt, ohne daß auch nur einer identifiziert worden ist, was immerhin an den eintätowierten KZ-Nummern möglich gewesen wäre.
Die Vernehmungsprotokolle zu diesem Vorgang folgen als Anhang.
In den Auschwitzer Krematorien wurden auch zwei Frauen aus unserem Kreis verbrannt: die Jüdin Frieda Hänsel aus Sebnitz und die Dohnaer Kommunistin und ehemalige Stadtverordnete Anna Hirsch. Die Hölle von Auschwitz überlebte die Pirnaer Kommunistin Maria Maul, die am 18. Januar 1945 den Evakuierungstransport nach Ravensbrück überstand und am 2. Mai 1945 aus dem Nebenlager Malchow befreit wurde.
In unserer Stadt fehlt ein Informations- und Dokumentationsort für Naziherrschaft und Naziverbrechen.
Die Gedenkstätte Sonnenstein beschränkt sich auf die „Euthanasie"-Verbrechen. Eine öffentlich zugängliche Dokumentation der übrigen faschistischen Untaten fehlt: Zum alltäglichen Terror der dreißiger Jahre, der sich vor allem gegen die Arbeiterbewegung richtete, zum Judenboykott vom April 1933, zum Pogrom 1938, zur Verfolgung der Zeugen Jehovas, zu den vereinzelten Maßnahmen gegen einige evangelische und katholische Geistliche, zur Einbeziehung Pirnaer Betriebe in die Kriegsrüstung, zur Ausbeutung von Fremdarbeitern, Kriegsgefangenen und KZ-Häftlingen, zu den KZ-Nebenlagern in Pirna und im Kreis, besonders jenen Flossenbürg-Außenlagern zum Bau unterirdischer Anlagen an drei Orten in der Sächsischen Schweiz zur Gewinnung von Treibstoffen, zu den Umsiedlerlagern auf dem Sonnenstein und an anderen Orten des Kreises, zu den Todesmärschen von KZ-Häftlingen durch unseren Kreis und anderen schrecklichen Ereignissen am Ende des Krieges – all das ist nicht anschaulich und dokumentarisch für Jüngere verfügbar, die diese Zeit nicht erlebt haben.
Wann wird auch im Pirnaer Rathaus an die ermordeten Stadtverordneten erinnert?
Wenn Gedenken, wie das immer wieder sehr richtig betont wird, nicht zum Ritual verkommen soll, ist vor allem lebendige, Kopf und Herz gleichermaßen erfassende konkrete Kenntnis vonnöten.
Wenn wir der Opfer des deutschen Faschismus gedenken, wenn wir uns seiner oft unermesslichen Kriegsverbrechen, der Verbrechen an den Juden, den Völkern Europas und am eigene Volk bewußt werden, dann sollten wir auch immer unserer Verantwortung dafür nachzukommen suchen, nie wieder nationalistische Selbstüberhebung, Rassismus und Antisemitismus zu tolerieren. Wenn heute Neofaschisten im sächsischen Landtag mit ihren gehässigen Tiraden aufwarten dürfen, ist das für aufrechte humanistisch und demokratisch geprägte Menschen eine schier unerträgliche Belastung. Als bedenklich und zu vordergründig erscheint mir die rasche und oft geäußerte Befürchtung, das Auftreten dieser Leute beschädige das Ansehen unseres Landes im Ausland, schrecke Investoren und Touristen ab. Natürlich sind das negative Auswirkungen. Wesentlicher scheint mir die Förderung des Willens aller zum (zuweilen volltönend ohne rechte Konsequenzen angemahnten) „Aufstand der Aufrechten" zu sein, aus eigener Verantwortung für unser Land diesem braunen Aussatz entschieden entgegenzutreten. Er verpestet das geistige Klima, er vergiftet die politische Atmosphäre, er lenkt soziale Sorgen und Ängste gegen Fremde, Ausländer, Juden und Behinderte, er verfälscht Geschichte und sucht sie nazistisch umzudeuten, er verharmlost faschistische Barbarei und ist in allem zutiefst inhuman.
Anhang:
Protokolle zum Evakuierungstransport vom 27.1.1945 durch Pirna
Beglaubigte Abschrift.
Der Oberbürgermeister Pirna, am 3. 9. 1945
der Stadt Pirna
-Kriminalabteilung-
Tgb.Nr. 679/45
Wie hier bekannt geworden ist, befinden sich auf dem hiesigen Friedhof 2 Gräber, in denen in einem Grab 73 und in einem Grab 2 KZ-Häftlinge beerdigt wurden. Soweit zunächst festgestellt werden konnte, wurden die 2 Toten Mitte April und die 73 Toten Anfang Februar d. J. beigesetzt. Es erfolgen nunmehr die Vernehmungen der für die Beisetzungen infrage kommenden Personen:
gez. Weissler
Krim. Ob. Sekr.
Pirna, am 11. 9. 1945
Es erscheint der Friedhofswärter
Wa l t h e r , Paul,
68 Jahre alt,
wohnhaft in Pirna, Dippoldiswaldaer Str. 25,
und gibt an:
„An einem Sonntag, es wird im Februar gewesen sein, auf den Tag vermag ich mich nicht zu besinnen, es war aber sehr kalt, der Schnee war tüchtig gefroren, wurde ich gegen 1/2 12 Uhr von dem Bestattungsordner W e n z e l angerufen. Er beauftragte mich, möglichst sofort eine Grube für 35 Tote auswerfen zu lassen. Ich fragte ihn, um was für Tote es sich handele, worauf er sagte, anscheinend um Juden. Ich setzte mich nunmehr telefonisch mit dem Superintendenten L e i c h t e in Verbindung und besprach mit ihm über den Ort, wo wir die Toten einbetten wollten. Wir einigten uns, auf die T-Rabatte im Westteil des Friedhofes. Wenzel hatte mir gesagt, daß die Toten ohne Särge einzubetten seien. Wenzel hatte mir gesagt, daß ein Kommando Russen zur Herstellung der Grube kommandiert sei. Kurz vor 12 Uhr kamen etwa 8 Kriegsgefangene Russen mit einem Posten, die dann auf meine Anweisung die Grube auswarfen. Allerdings berechnete ich die Grube nur auf 35 Tote und ließ deshalb die Grube in 5 Meter Länge und 1,80 m Tiefe auswerfen. Diese Größe entspricht bei wechselseitiger Lage 3 Schichten. Für diesen Fall wäre die Grube bequem ausreichend gewesen.
Bei Eintritt der Dunkelheit kam dann ein Auto, auf dem wahllos durcheinander die Toten lagen. Der größte Teil von ihnen befand sich in zebra-farbiger Kleidung und ein Teil davon war fast zerlumpt und zum Teil fast völlig entblößt. Daß es sich hier bei dieser Kleidung um Sträflings- oder KZ-Häftlingskleidung handeln könnte, wußte ich damals noch nicht. Das Auto fuhr nicht bis an die Grube heran, dazu war kein Platz. Wir haben dann die Toten mittels Handwagen vom Auto nach der Grube gebracht. Ich stellte mich in die Grube und ließ mir von den kriegsgefangenen Russen die Toten hereingeben, und legte sie wechselseitig nebeneinander. Leider stellte sich bald heraus, daß die Zahl von etwa 35 wesentlich überschritten wurde und am Schluß waren es genau 73 Tote. Ich mußte infolgedessen in den oberen Schichten die Toten enger aneinander legen, zumal mir keine Möglichkeit gegeben war, es war inzwischen schon spät Abend geworden, noch eine neue Grube auszuwerfen. Ich habe dann im Anschluß an die Einbettung das Grab sofort zuschaufeln lassen.
Ob die Toten irgendwelche Verletzungen hatten oder, ob sie Ausweispapiere bei sich trugen, weiß ich nicht, da ich ja nur von Wenzel den Auftrag hatte, sie zu beerdigen, habe ich mich um weitere Sachen nicht gekümmert. Wenzel hatte mir bereits am Telefon gesagt, daß die Toten von der Bahn kämen, deshalb konnte ich annehmen, daß die Formalitäten bereits von .dort erledigt worden seien.
Ob diese Beerdigung in den Friedhofsbüchern festgehalten wurde, kann ich mit Bestimmtheit nicht sagen, ich nehme es aber an.
Unmittelbar neben dem Grab der 73 Toten in der S-Rabatte befindet sich das Grab von 2 Toten, die etwa Mitte April von der Fronfeste nach dem Friedhof gebracht wurden. Ich hatte Anweisung, beide in ein Grab zu legen und beide sind ohne Sarg beerdigt worden. Später habe ich dann durch Zufall, von wem weiß ich nicht mehr, erfahren, daß es sich um KZ-Häftlinge, die in der Fronfeste verstorben waren, gehandelt haben soll. Soviel ich weiß, hatten auch beide keine Papiere.
Wenige Tage vor der Beerdigung der beiden Toten aus der Fronfeste haben wir ebenfalls in der S-Rabatte auch eine weibliche Person, die ebenfalls aus der Fronfeste kam, in ein Einzelgrab ohne Sarg beigesetzt. Näheres über Herkunft, Name, Todesursache dieser Toten vermag ich nicht anzugeben."
v. g. u.
gez. Weissler gez. P. Walther Friedhofwart
Es erscheint der Bestattungsordner
Wenzel, Erwin
46 Jahre alt,
wohnhaft in Pirna, Braustr. 12,
und gibt an:
„Am Sonntag, den 28.1.1945, gegen 8 Uhr vormittags, wurde ich von der Polizeiwache Pirna fernmündlich gebeten, dorthin zu kommen. Bei meinem Erscheinen war Bürgermeister Kühn anwesend, der mir erklärte, daß ich mich mit dem Eisenbahninspektor N e m u t h in Verbindung setzen möchte. Es seien von der Reichsbahn eine größere Anzahl Tote gemeldet worden, die an der Bahnstrecke von Mittelgrund bis Obervogelgesang lägen. Ich sollte für die Bestattung dieser Toten besorgt sein. Ich begab mich zu Nemuth, der mir fast das Gleiche erklärte. Nemuth sagte mir noch, daß er die Toten sammeln lasse, durch ein Kommando kriegsgefangener Russen, das von der Reichsbahn gestellt werde. Ebenso sagte mir Nemuth zu, die Transportkolonne vom Bahnhof nach dem Friedhof und die Leute für das Ausheben des Massengrabes zu stellen. Das ist dann später auch geschehen. Für das Abtransportieren erklärte mir Bürgermeister Kühn, daß ich mich zu diesem Zweck mit dem Fahrbereitschaftsleiter Große in Verbindung setzen möchte. Das tat ich auch und Große verwies mich schließlich an den Fuhrunternehmer Otto Hesse, Pirna-Copitz, dessen Sohn dann diese Fahrten ausführte. Zwischen 17 und 17,30 Uhr begannen wir mit dem Abtransport der Leichen, die in zwei offenen Güterwagen an der großen Laderampe hinter dem "Goldenen Stern" standen. In der Zwischenzeit hatte ich zunächst fernmündlich und später persönlich den Friedhofswärter Walther in Kenntnis gesetzt und angewiesen, eine Grube auswerfen zu lassen. Wieviel Tote es sein könnten, konnte mir keine der beteiligten Stellen sagen. Ich konnte infolgedessen Walther keine bestimmte Zahl sagen, obwohl er mich danach fragte. Ich habe dann den Abtransport überwacht und bin solange zugegen gewesen, bis der letzte Tote eingesenkt war. Das war etwa gegen 21,30 Uhr.
Die Toten trugen sämtliche KZ-Sträflingskleidung, waren aber zum Teil nur mit einer Hose bekleidet. Über irgendwelche Schuß- oder andere Verletzungen habe ich an den Toten nicht festgestellt. Meiner Überzeugung nach waren die Leute, die völlig unterernährt waren, alle erfroren. Es war an diesem Tage sehr kalt.
Diese Überführung wurde von einigen Polizeibeamten überwacht. Zugegen war der Hilfspolizeibeamte Hans G u t h.
Von den Toten hat keiner einen Ausweis bei sich, obwohl wir fast alle daraufhin durchsucht, haben. Eine Beurkundung beim Standesamt Pirna ist nicht erfolgt, da jeder Anhaltspunkt über die Person der Toten fehlte und außerdem der Tod der einzelnen bereits außerhalb des Stadtbezirkes Pirna eingetreten war. Die Bezahlung der hier entstandenen Unkosten erfolgte später durch den Kommandeur der Sicherheitspolizei in Dresden, Kaiser-Wilhelm-Platz Nr. 3.
Am 16.4.1945 wurde von dem Obdachlosenverwalter M a n n gemeldet, daß dort 2 unbekannte Männer verstorben seien. Die beiden unbekannten Toten, die sich ebenfalls in KZ-Sträflingskleidung befanden und ebenfalls keine Papiere bei sich hatten, wurden nach dem Friedhof gebracht und am folgenden Tage auf dem Friedhof Pirna beerdigt. Beide Sterbefälle sind bei dem Standesamt Pirna beurkundet, unter ‚unbekannt’.
Am 23. 2. 1945 wurde mir ebenfalls von Mann der Tod einer Frau gemeldet. Es handelte sich bei der Toten um die am 22.2.22 in Czeyne / Polen geb. Rachela Grünbaum. Die Personalien sind dem Obdachlosenheimverwalter Mann durch einen Dolmetscher gesagt worden. Die Grünbaum wurde am 26.2.1945 auf dem Friedhof Pirna beerdigt. Nach Angaben des Herrn Mann sind die beiden Unbekannten vom 16.4.1945 an völliger Erschöpfung verstorben und die Grünbaum nach Angaben von Herrn Dr. med. Streitberger, der kurz vor ihrem Tode hinzugezogen wurde, an Lungen-Tuberkulose und ebenfalls starker Erschöpfung. Dieser Sterbefall ist ebenfalls beim Standesamt Pirna beurkundet."
v. g. u.
gez. Weissler gez. Erwin Wenzel
Pirna, am 12.9.1945
Es erscheint der Rev. Oberwachtmeister der Reserve a. D.
G u t h , Hans
43 Jahre alt,
wohnhaft in Pirna, Schössergasse 8
und gibt an:
„An einem Sonntag im Januar, es war sehr kalt, nachmittags gegen 16 Uhr, wurde ich von dem Mstr. der Schutzpolizei Zimmermann beauftragt, nach dem Güterbahnhof zu gehen und dort die Aufsicht beim Abtransport toter Häftlinge zu beaufsichtigen. Ich ging dorthin und habe dann mit den bereits anwesenden Wachtmeister der Res. N e u n e r t den Abtransport der Toten nach dem Friedhof Pirna überwacht. Irgendwelche Schuß- oder sonstige Verletzungen haben wir nicht wahrgenommen. Die Toten lagen in einem offenen Wagen und reichlich mit Schnee bedeckt. Bekleidet waren sie mit gestreifter Sträflingskleidung, z. T. waren sie nur mit einer Hose bekleidet.
Die Toten waren völlig steif gefroren. Auf Ausweispapiere haben wir sie nicht untersucht, da auch die Kleidung völlig steif gefroren war. Außerdem war anzunehmen, daß sie keinerlei Papiere bei sich hatten. Woher die Toten kamen und ob es sich um Deutsche oder Ausländer handelte, konnten wir nicht erfahren. Über diesen Vorgang habe ich einen Eintrag in das Wachbuch des 1. Pol. Rev. gemacht. Soviel ich weiß, ist das Tagebuch nicht mehr vorhanden. Es waren insgesamt 73 Tote, das weiß ich genau. Wachtmeister der Res. Neunert wird im Wesentlichen das Gleiche angeben können."
v. g. u.
gez. Weissler Hans Guth
Der Verwalter der Fronfeste
M a n n, Paul
59 Jahre alt,
wohnhaft in Pirna, Schmiedestr. 8,
gibt folgendes an: Bezüglich der 2 am 16.4.1945 in der Fronfeste verstorbenen KZ-Häftlinge berufe ich mich auf meine Niederschrift, die ich hiermit vorlege.
Zum Falle Grünbaum, Vorname: Rachella, gebe ich folgendes an:
„Am 17.2.1945, nachmittags gegen 15 Uhr, erschien vor dem Grundstück Schmiedestr. 8, Städt. Obdachlosenheim, ein Tafelwagen, der mit einer Plane überdeckt war. Der Begleiter dieses Fahrzeuges, den ich nicht kenne, erklärte, daß er mir eine Person, eine Jüdin Anna Steiner mit einem Kinde, welche am selben Tage früh 6 Uhr in einer Scheune in Zehista geboren worden sei, zuführen müßte. In Begleitung befand sich noch die Schwester der Kindesmutter, Inka Klinger, außerdem lag auf dem Tafelwagen noch eine schwerlungenkranke Person, die Jüdin Rachella Grünbaum. Der Gesundheitszustand der Letzteren war so, daß ich sie sofort in einem Bett unterbringen mußte. Am folgenden Freitag, den 23.2.1945, war für Letztere ärztliche Hilfe dringend nötig. Ich rief Dr. Streitberger an, der baldigst zur Stelle war und alle 3 Personen untersuchte. Er erklärte mir, daß ärztliche Hilfe für die Lungenkranke notwendig sei, zuständig aber sei Frau Dr. Peintker. Auf telefonischen Anruf bei Frau Dr. Peintker erklärte sie mir, daß sie Jüdinnen nicht behandele.
Hiervon habe ich Dr. Streitberger in Kenntnis gesetzt, der mir schon vorher erklärt hatte, daß im Falle Frau Dr. Peintker ablehnen sollte, er die Behandlung übernehmen werde, was er dann auch getan hat. Der Zustand der Lungenkranken verschlechterte sich bis zum Abend noch so, daß sie um 20 Uhr abends verstarb. Die verstorbene Grünbaum ist dann am nächsten Tag nach dem Friedhof Pirna gebracht worden."
gez. Weissler gez. Paul Mann
Nachstehend erfolgt die anfangs erwähnte Niederschrift über die verstorbenen 2 KZ-Häftlinge:
„Am Sonntag, den 15.4.1945 war ich gegen 18,30 Uhr noch zu Besuch meiner an Fleckfieber schwer erkrankten Frau im Hilfskrankenhaus Pirna, Nicolaistr. (Knabenschule). Als ich aus dem Haus trat, fuhr ein von 3 Ausländern gezogener Handtafelwagen vorüber. Der begleitende Lagerführer Karl Mach erklärte mir, daß er die 2 darauf liegenden Leute zu mir bringen würde. Da die Leute den Eindruck Schwerkranker machten, wies ich die Annahme mit dem Bemerken zurück, daß bei mir keine Krankenstube vorhanden sei und die Leute in ein Krankenhaus gehörten. Auf Anweisung der Polizei mußte ich die Leute aufnehmen. Als der Wagen an der Fronfeste vorgefahren war, sah ich, daß es 2 KZ-Leute waren. Papiere waren keine vorhanden, so daß ich nicht feststellen konnte, was für eine Staatsangehörigkeit sie besitzen. Der Jüngere ungefähr 22 - 25 Jahre alt, konnte sich noch auf den Beinen halten, während der Ältere vielleicht 40 Jahre alt vom Wagen runtergezogen liegen blieb. Der Begleiter wollte ihn mit Tritten ins Gesäß auf die Beine bringen, was ich verbot und die Leute auf Betten tragen ließ. Inzwischen war es ungefähr 19.30 Uhr geworden, ich verteilte die Abendkost Margarinebrot und Kaffee. Der Jüngere griff schnell zu, während ich es den Älteren hinstellen mußte. Da die Leute aus dem Krankenhaus kamen, war die Bestellung eines Arztes wie ich annehmen mußte, überflüssig. Als ich am Montag früh 7 Uhr den Raum betrat und Morgenkaffee geben wollte, lag der Jüngere in knieender Stellung vor dem Bett. Ich faßte ihn an und mußte feststellen, daß er tot war. Die Margarinestulle, vom Abend klebte am Gesicht.
Beim Älteren stellte ich fest, daß er die Abendkost zu sich genommen hatte. Ich wollte ihn nun die Morgenkost geben und mußte dabei feststellen, daß er im Sterben lag und bald darauf ebenfalls tot war.
Ich brachte dies zur Meldung, worauf die Toten abgeholt und auch beerdigt wurden.
Bemerken muß ich noch, daß es sich um 2 von Sonnabend, den 14.4.1945 in den Küttnerlager eingetroffenen KZ-Transport handelte, die nicht mehr weiter konnten.
Ob der Tod durch Erschöpfung oder eine andere Ursache eingetreten ist, weiß ich nicht, da ein Bericht von einer Untersuchung im Krankenhaus mir nicht zugegangen ist."
gez. Weissler gez. Mann
Pirna, am 13.9.1945
Es erscheint der Eisenbahnoberinspektor
N e m u t h , Herbert,
43 Jahre alt,
wohnhaft in Pirna, Bahnhofstr. 19,
und gibt an:
„Am Sonnabend, den 27.1.1945 kam gegen 13 Uhr ein Anruf vom Bahnhof Bodenbach, daß ein Sonderzug mit KZ-Häftlingen aus dem Protektorat in Richtung Dresden verkehre. Nach einer Meldung des Amtsvorstandes vom Reichsbahnbetriebsamt Außig würden aus diesem Zuge unterwegs tote Häftlinge herausgeworfen. Ich beauftragte den Bahnhof Bodenbach festzustellen, um was für einen Zug und um was für Insassen es sich handele. Nach Ankunft des Zuges in Bodenbach wurde mir gemeldet, daß es sich um jüdische Häftlinge eines KZ-Lagers handelte, die in offenen Wagen schon einige Tage unterwegs seien und infolge der Strapazen sehr geschwächt wären. Eine Anzahl der Häftlinge sei unterwegs gestorben und von den anderen Wageninsassen auf die Strecke geworfen worden. Auch im Bahnhof Bodenbach lagen 3 tote Häftlinge. Ich ordnete sofort die beschleunigte Weiterleitung des Zuges an, dessen Ziel Oranienburg b. Berlin war. Das Ziel hatte ich durch den Bahnhof Bodenbach feststellen lassen. Ich habe den Lauf des Zuges innerhalb unseres Bezirkes von Bodenbach bis Niedersedlitz verfolgt. Der Zug lief Stunde 16 durch Pirna. Um bei einem Aufenthalt in Dresden das Herauswerfen weiterer Toter zu vermeiden und zur Beschleunigung des Zuges habe ich unter Mitwirken der Zugleitung Dresdens erwirkt, daß bei diesem Zuge in Heidenau Lokomotivwechsel vorgenommen wurde. Lokomotivwechsel wurde in Heidenau durchgeführt. Nach Rückfrage bei der Zugleitung in Dresden sind zwischen Heidenau und der Grenze der Reichsbahndirektion Dresden keine Toten mehr herausgeworfen worden. In Heidenau sollte während des Lokomotivwechsels Verpflegung an die Häftlinge ausgegeben werden. Wie ich hörte, erhielten die Häftlinge aber nur warmes Wasser, da die Verpflegung nicht herangekommen war. Nach meiner Ansicht muß der Zug in den späten Abendstunden des 27.1.1945 in Oranienburg angekommen sein. Den Zug selbst habe ich nur im Vorbeifahren bei dem Eisenbahnbetriebsamt Pirna sehen können. Der Zug bestand aus etwa 50 offenen und l gedeckten Güterwagen. Die Häftlinge waren etwa zu 50 Mann in jedem Wagen untergebracht. Zum Schutz der Kälte hatten sie ihre Decken umgehangen. Unter den Häftlingen befanden sich auch mehrere Frauen. Wie ich gesehen habe, befand sich etwa auf jedem lO. oder 12. Wagen ein SS-Mann. Der Zug sollte nach den ersten Angaben aus Theresienstadt gekommen sein, er ist aber in Wirklichkeit aus einem weiter zurückliegenden Lager, wahrscheinlich aus dem Mährisch-Ostrauer oder einem Lager in Ungarn gekommen. Ich habe keine Laute vernommen, aus denen man hätte die Nationalität der Häftlinge feststellen können. Die Zugnummer und evtl. Fahrtnummer kann jetzt nicht mehr festgestellt werden, da durch den Angriff auf den Bahnhof Pirna am 19.4.1945 sämtliche Unterlagen vernichtet worden sind. Nach Abfahrt des Zuges in Bodenbach erhielt ich von den einzelnen Bahnhofsvorstehern Meldung über den Lauf des Zuges und über das Herauswerfen weiterer Toter. Nach den eingegangenen Meldunge waren innerhalb des Amtsbezirkes Pirna, das ist von Bodenbach bis einschließlich Niedersedlitz, zwischen den Bahnhöfen Mittelgrund und Pirna 14 Tote herausgeworfen worden. Diese Zahl erhöhte sich beim Sammeln der Toten auf 17. Nach Abfahrt des Zuges in Bodenbach bekam ich die Mitteilung, daß die Toten innerhalb des benachbarten Amtsbezirkes Außig auf der Strecke von Lobositz bis Bodenbach in einem Sonderzug gesammelt nach Bodenbach gebracht würden. Ich ordnete an, diesen Zug sofort zum Sammeln der weiteren Toten nach Pirna weiterzuleiten. Der Zug traf jedoch in Bodenbach so verspätet ein, daß er infolge der Dunkelheit am gleichen Tage nicht verkehren konnte. Der Zug verkehrte dann am Sonntag, den 28.1.45. Er traf gegen 16 Uhr in Pirna ein. Die Toten wurden unterwegs durch deutsche Bedienstete und Kriegsgefangene gesammelt, in 3 offene Wagen geladen und in Pirna an der Militärrampe zur Entladung bereitgestellt.
Nach den Vorschriften der Reichsbahn und den polizeilichen Vorschriften wären die Toten durch die einzelnen Gemeinden, über deren Flur die Eisenbahnstrecke verläuft, aufzuheben und zu beerdigen gewesen. Da das Aufheben und Wegbringen Toter durch die Gemeinden erfahrungsgemäß immer längere Zeit beansprucht, wurde das vorgeschilderte Sammeln der Toten ausnahmsweise angeordnet. Nach den Angaben der einzelnen Dienststellenvorsteher der Unfallmeldestellen konnten Personalien der Toten nicht festgestellt werden. Die Außenstellen haben die Toten von den Gleisen entfernt und so gelagert, daß sie von anderen Zügen nicht noch mehr zerstückelt und von den Reisenden nicht so gesehen werden konnten. Die Toten wurden von den noch lebenden Insassen aus dem Wagen geworfen, nachdem diese noch die verwendbaren Kleidungsstücke für sich zurückbehalten hatten. In Schöna ist ein noch lebender Insasse entweder von den anderen Häftlingen herausgeworfen oder selbst vom Zuge gesprungen. Er wurde, soweit ich mich erinnern kann, in das Gefängnis in Königstein eingeliefert. Dieser hatte sich so aufs Schweigen verlegt, daß aus ihm keine nennenswerten Angaben herauszubringen waren. Durch das Herauswerfen der Toten aus dem fahrenden Zuge sind die Leichen beim Aufschlagen auf dem gefrorenen Bahnkörper verletzt worden. Einige Tote wurden nach Angabe der Außenstellen von Zügen der Gegenrichtung überfahren und zum Teil zerstückelt. Wie ich durch Befragen der Dienststellen ermitteln konnte, ist während der Fahrt auf die Insassen nicht geschossen worden.
Am Sonntag, den 28.1.1945, habe ich in Pirna die infrage kommenden Stellen, Polizeiverwaltung und Totenbettmeister telefonisch verständigt, daß im Laufe des Tages ein Zug mit etwa 30 - 60 Toten, die auf der Strecke gesammelt wurden, nach Pirna kommen würde und diese möglichst schnell entladen und nach dem Friedhof gebracht werden möchten. Es wurden mehrere Telefongespräche mit den Pirnaer Stellen und 2 Gespräche mit dem Kommandeur der Sicherheitspolizei in Dresden, Kaiser-Wilhelm-Platz 3, geführt. Die Gespräche mit Dresden führte ich, um die Toten so schnell als möglich vom Banngelände wegbringen zu können. Der Bestattungsordner, Herr Wenzel, hat am Sonntag auch persönlich im Betriebsamt vorgesprochen. Die Reichsbahndirektion Dresden wurde von mir fernmündlich über den Vorfall und das Veranlaßte unterrichtet. Meine getroffenen Anordnungen und die Verständigung mit den betreffenden Polizeistellen und der Stadt Pirna wurden von dem Unfalldezernenten gutgeheißen.
Nach Ankunft des Zuges in Pirna wurden die Wagen sofort zur Entladung bereitgestellt und der Bestattungsordner Wenzel verständigt. Den Abtransport der Leichen nach dem Friedhofsgelände leitete der Friedhofsmeister. Um die Beerdigung der Toten habe ich mich nicht weiter bekümmert, da dies Sache der Polizeistellen ist. Wie mir erinnerlich ist, hat die Reichsbahn zum Schaufeln eines Massengrabes trotzdem kriegsgefangene Hilfskräfte gestellt. Der Reichsbahn wurden einige Wochen später von der Stadtverwaltung Rechnungen über Beerdigungskosten und Ausgaben für einen bei dem Transport der Leichen schadhaft gewordenen Wagen vorgelegt. Da die Reichsbahn zur Bezahlung dieser Rechnungen nicht verpflichtet war, wurden sie nach mehrmaligem Schriftwechsel mit der Stadtkasse dem Sicherheitsdienst zur Begleichung zugestellt. Die Reichsbahn hat für das Sammeln der Toten und die Gestellung des Sonderzuges von Bodenbach bis Pirna keine Kosten erhoben.
Bemerken möchte ich noch, daß es sich am 27.1.1945 um einen recht kalten Tag. handelte.
Wegen der beschleunigten Weiterleitung des Zuges nach dem Zielbahnhof habe ich mit dem damaligen Vorsteher, Oberinspektor Nicklas in Heidenau, gesprochen. Er äußerte, daß die Häftlinge dort Verpflegung erhalten sollten. Diese Verpflegung ist aber in Heidenau nicht eingetroffen, so daß die Insassen nur warmes Wasser erhalten konnten.
Der Zug ist innerhalb des Amtsbezirkes Pirna unter besonderer Zuglaufüberwachung behandelt worden, damit der Zug möglichst noch am gleichen Tage sein Ziel erreichen konnte. Nach Angabe des Oberinspektor Nicklas sind in Heidenau noch aufgefundene Tote dort in einen leeren Wagen des gleichen Zuges umgeladen worden. Reichsbahnoberinspektor Nicklas ist wegen seiner früheren politischen Tätigkeit als Gauredner kurz nach dem Einmarsch der Roten Armee verhaftet und aus dem Eisenbahndienst entlassen worden. Sein Aufenthalt ist mir nicht bekannt."
v. g. u.
gez. Weissler gez. Herbert Nemuth
Pirna, am 15.9.1945
Die Vernehmung des Meisters der Schutzpolizei a. D. Zimmermann ergab im Wesentlichen dasselbe, was bereits durch die Vernehmung des Bestattungsordners Wenzel und des Polizeioberwachtmeisters d. Res. Guth dargelegt wurde.
Von einer verantwortlichen Vernehmung des Kraftwagenführers Kurt Hesse, Pirna Copitz, Hauptstraße 18 wohnhaft, wurde abgesehen. Hesse hatte den Auftrag, die Toten nach dem Friedhof zu fahren, von dem damaligen Fahrbereitschaftsleiter Große bekommen, der wiederum im Auftrage der Polizei von der Reichsbahn um Gestellung eines Fahrzeuges ersucht worden war.
Bei den in der Fronfeste verstorbenen Häftlingen handelt es sich um 2 unbekannte Personen, die am Sonnabend, den 14.4.1945 aus Richtung Dresden kommend zu Fuß durch Pirna in Richtung Langenhennersdorf durchgekommen sind. Die. Herkunft dieser Beiden und das Endziel konnte nicht mehr festgestellt werden.
Wie aus der Vernehmung des Zeugen Nemuth hervorgeht, kamen die 73 verstorbenen KZ-Häftlinge aus dem Protektorat und von weiter her als Theresienstadt. Es muß sich deshalb um ein Lager handeln, das noch weiter nach hinten gelegen hat, Auschwitz bezw. Lublino. Nach Angabe des Herrn Hippe, Leiter des „Opfer des Faschismus" dürfte es anhand der Kleidung der Toten noch möglich sein, die Lagerzugehörigkeit festzustellen. Nach den Umständen zu urteilen, erscheint es ausgeschlossen, nachträglich die Personalien feststellen zu können. Vielleicht ist es möglich, bei Fortsetzung der Erörterungen die Zielstationen des damals infrage kommenden Zuges und damit auch die Abfahrtsstationen festzustellen.
Die Toten konnten, wie bereits von Nemuth berichtet wurde, infolge besonderer Umstände von den für die betreffenden Abschnitte infrage kommenden Gemeinden, wie es das Gesetz vorschreibt, nicht aufgehoben und beurkundet werden.
Es erscheint deshalb unbedingt erforderlich, die Beurkundung, schon um dieses Verbrechen für alle Zeiten geschichtlich festzuhalten, nachträglich beim Standesamt Pirna vornehmen zu lassen.
gez. Weissler
15.9.1945 Krim. Ob. Sekr.