Gisela Förster,
Zur Rolle der NSDAP bei der Faschisierung in Königstein in der Zeit von 1932-1933 (unter besonderer Berücksichtigung der ideologischenBeeinflussung von Bevölkerungsteilen durch die Nazipartei)
Staatsexamensarbeit. Erarbeitet: 1968. Stadtarchiv Pirna, PDS-Bestand, Nr. 63
Auszüge (Bearbeiter: Jensch)
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3. Die Besonderheiten der ökonomischen und politischen Verhältnisse in Königstein gegen Ende des Jahres 1931
3.1. Sozialökonomische Struktur Königsteins
Königstein/Elbe war 1931 eine Kleinstadt mit einem hohen Anteil des Kleinbürgertums an der Gesamtbevölkerung und einer hauptsächlich auf den Fremdenverkehr orientierten Wirtschaft. Die Stadt besaß etwa 4000 Einwohner, die sich aus meist stark verschuldeten Geschäftsleuten und Handwerkern, aus Arbeitern, Angestellten und Beamten, Besitzern von Hotels, Restaurants, Pensionen, Schiffen und kleinen Fabriken und aus einzelnen Bauern zusammensetzten.
Die größte Fabrik war die Feinpapierfabrik im Ortsteil Hütten, die der rheinisch-westfälische Schwerindustrielle Leopold Hoesch 1876 in einer Zwangsversteigerung für seinen dritten Sohn, Hugo Hoesch, erworben hatte. Hugo Hoesch, ein gelernter Papiermacher, baute die Fabrik um und erweiterte ihre Anlagen. Sie galt bald als eine der am besten eingerichteten Feinpapierfabriken Deutschlands, die besonders hochwertige Papiere herstellen konnte, weil sie über chemisch reines Fabrikationswasser aus einer Höhenquelle und einem artesischen Brunnen verfügte. Hugo Hoesch, der von 1876 bis zu seinem Tode im Jahre 1916 in Königstein lebte, gehörte zu den reichsten Kapitalisten Sachsens. Gemeinsam mit seinem Vetter Otto Hoesch gründete er in Pirna und Heidenau drei Zellstoffabriken.[1]
Die drei Kinder Hugo Hoeschs die sein Erbe antraten, ließen sich kaum in Königstein sehen, achteten aber darauf, daß das leitende Personal ihre Interessen vertrat und schickten auch Fachleute der Papierbranche aus ihren rheinischen Fabriken nach Königstein.
Besonders in den Jahren der Inflation stiegen die Gewinne der Firma Hoesch sprunghaft an. Die Kreissparkasse Pirna war nicht mehr in der Lage, die benötigte Menge Papiergeld herzustellen und in Umlauf zu bringen. Sie stellte deshalb Druckmaschinen in der Königsteiner Papierfabrik auf. So wurden Transportkosten und Zeit gespart. Die Firma Hugo Hoesch produzierte jetzt nur noch Papiergeld.
Im Jahre 1930 beschäftigte die Königsteiner Papierfabrik 490 Arbeiter und 38 Angestellte. Alle anderen Betriebe des Ortes lagen an Größe und Zahl der Beschäftigten weit hinter der Firma Hoesch zurück. Durch billige Werkswohnungen und andere Vergünstigungen versuchten die Erben Hugo Hoeschs, einen Stamm von Papiermachern an das Werk zu binden.
Die Gebrüder Hille Holzindustrie AG, und die Schiffswerft Ritter waren die größten unter den anderen Königsteiner Betrieben. Die Gebrüder Hille hatten 1928 das Dampfsäge- und Hobelwerk und die Kehlleistenfabrik an der Elbe übernommen und 1929 nach dem neuesten Stand der Technik umgebaut. Das Werk erzielte Höchstleistungen wie kaum ein anderer Betrieb seiner Branche, da es außerordentlich verkehrsgünstig an der Elbe und in der Nähe der Eisenbahn Bad Schandau-Dresden lag. Es galt als das größte Sägewerk in Ostsachsen. Die Gebrüder Hille beschäftigten 1931 etwa 80 Arbeiter und Angestellte.
Die Schiffswerft Ritter war 1889 vom Schiffsbaumeister Ritter gegründet worden. Am Anfang der dreißiger Jahre beschäftigte sie 50 Arbeiter.
Viele Königsteiner Einwohner fuhren auch in die Fabriken in Pirna, Heidenau oder Dresden, während Bewohner der benachbarten Dörfer, meist Halbproletarier, in Königstein Arbeit fanden.
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Auch die schlechtbezahlte Heimarbeit für auswärtige Blumen- und Knopffabrikanten war vor allem unter den Frauen verbreitet.
Königstein wurde wie alle sächsischen Städte während der Krise besonders hart von der Arbeitslosigkeit betroffen.
Der Rat der Stadt zahlte
am 1.11.1929 für 12 Wohlfahrtserwerbslose 476.- RM
am 1.11.1930 für 81 Wohlfahrtserwerbslose 2513.- RM
am 12.11.1931 für 203 Wohlfahrtserwerbslose 8500.- RM
im Dez. 1931 für 373 Wohlfahrtserwerbslose 15280.- RM
pro Monat.
Außer den 203 Wohlfahrtserwerbslosen waren im November noch
32 Kleinrentner,
77 Sozialrentner
31 sonstige Hilfsbedürftige (, zusammen also)
343 Personen unterstützt.
Etwa 40 % des gesamten Steueraufkommens der Stadt mußte für diese Zahlungen ausgegeben werden.[2]
Die Erwerbslosen, die Arbeitslosen- oder Krisenunterstützung erhielten und diejenigen, die ohne jede Unterstützung auskommen mußten, sind in diesen Zahlen nicht erfaßt.
Die extrem hohe Arbeitslosigkeit in Königstein ist vor allem auf die Folgen der Veränderungen in der ökonomischen Struktur der Stadt während des ersten Weltkrieges zurückzuführen. Bis zum Krieg bestand für die überwiegende Mehrheit der Arbeiter die Möglichkeit, Beschäftigung in der örtlichen Industrie zu finden. Neben den schon
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genannten Betrieben waren es Mittel- und Kleinbetriebe, wie zwei Knopffabriken mit je 80-100 Beschäftigten, eine Kartonagenfabrik mit 200 Beschäftigten, fünf Schneidemühlen, eine Korkfabrik und vier größere Fuhrunternehmen, in denen viele Einwohner des Ortes arbeiten konnten.
Währen des Krieges und nach dem ersten Weltkrieg wurden die meisten dieser kleinen Betriebe stillgelegt. Dadurch verlagerten sich die Arbeitsplätze für viele Königsteiner nach Pirna, Heidenau, Dresden-Niedersedlitz und anderen Orten. In der Zeit der Weltwirtschaftskrise wurden aber diese Arbeiter, die erst vor kurzem die Arbeit aufgenommen hatten, als erste wieder entlassen. Ein Teil der jungen Arbeiter Königsteins suchte sich Beschäftigung im Ruhrgebiet, einige wanderten nach Amerika aus. Die meisten Erwerbslosen hofften aber, in ihrer Heimat wieder Arbeit zu finden.
Auch der Königsteiner Mittelstand wurde hart von der Krise betroffen. Das Gastwirts- und Beherbergungsgewerbe klagte über den Rückgang des Fremdenverkehrs. Während 1929 12760 Urlauber in Königsteiner Hotels und Pensionen untergebracht worden waren, fiel diese Zahl 1930 auf 10444. Im Jahre 1929 besuchten 128 000 Menschen die Festung, 1930 nur noch 126 000. Der Personenverkehr auf Schiff und Bahn ging in diesem Zeitraum um ein Drittel zurück.[3]
Ein Projekt der Stadtverordneten, den Lilienstein durch eine Seilhängebahn mit der Stadt zu verbinden, wurde 1931 vom Ministerium des Inneren und der Finanzen abgelehnt. Diese Attraktion hätte zahlreiche Touristen angelockt und vielen Erwerbslosen Arbeit verschafft, allerdings auch die Schönheit des Liliensteins beeinträchtigt.
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Ein weiterer Plan, eine Brücke über die Elbe zu bauen, wurde ebenfalls zurückgewiesen.
Die meisten Betriebe der Fremdenindustrie mußten Angestellte entlassen. Es wurden auch Konkurse angemeldet. Handwerker und Gewerbetreibende beschwerten sich besonders über die Bier- und Getränkesteuer und die Schlachtsteuererhöhung. Die Hausbesitzer klagten über die Erhöhung des Einheitswertes des Grundbesitzes und die hohen Mietzinssteuern, die sich bis 1931 von 15 % auf 51 % gesteigert hatten.
Auch die Staatsbeamten, besonders die Lehrer, protestierten gegen die Notverordnungen. Am 11. Oktober 1931 trafen sich Delegierte des Sächsischen Lehrervereins im Zirkus Sarasanis, um ihrer Empörung über die Notverordnungen Ausdruck zu geben. Diese Verordnungen wirkten sich auch auf die Königsteiner Schule nachteilig aus: Die Wochenstundenzahl wurde in 15 Klassen gekürzt. Eine Lehrerin, die schon seit 1918 in Königstein tätig war, mußte versetzt werden. Für 19 Klassen gab es jetzt nur noch 16 Lehrer. Die Englisch- und Esperantokurse wurden abgebrochen. Ausgaben für Lehr- und Lernmittel, Büchereien und Wandertage sollten wegfallen.
Während in Deutschland die durchschnittlichen Ernteerträge 1929-1931 gestiegen waren, weil die Bauern hofften, durch intensive Bearbeitung des Bodens höhere Erträge und schnellere Schuldentilgung zu erreichen, lag die Ernte in Sachsen wegen ungünstiger Witterung um 30 % niedriger als im Vorjahr. Die wenigen Bauern Königsteins waren fast alle verschuldet.
3.2. Politische Gruppierungen und ihre charakteristischen Merkmale
3.2.1. Die rege ideologische Arbeit der Königsteiner Ortsgruppe der NSDAP
Im Sommer 1930 wurde die NSDAP auch im „roten“ Sachsen aktiv. Am 1. Juni fand der erste nationalsozialistische
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Parteitag des Gaues Sachsen in Plauen statt. Prominente Naziführer wie Adolf Hitler, Gregor Strasser und Joseph Goebbels nahmen daran teil. Der Parteitag diente der Vorbereitung der sächsischen Landtagswahlen.
Auch in Königstein wurde jetzt eine Ortsgruppe der NSDAP gegründet. Ortsgruppenleiter Wilhelm Beck war Hauptkalkulator in der Feinpapierfabrik Hoesch. Beck galt als radikaler Nationalsozialist. Er arbeitete darauf hin, daß die Feinpapierfabrik stillgelegt wird, da Arbeitslosigkeit die Massen „revolutioniere“ und dem Faschismus zugänglicher mache. Auf der ersten öffentlichen Versammlung der Königsteiner Faschisten am 18. Juni erläuterte der Münchner Redner Sonnleitner vor nur 200 Einwohnern das Programm der NSDAP. Vor allem griff er die Kommunisten, Sozialdemokraten, die Juden und den Versailler Vertrag an.
Der „Königsteiner Anzeiger“ schrieb:
„Hauptsächlich noch unreife Anwesende gaben in unverständlicher Weise durch schnoddriges Hineinreden, Schreien und Toben ihrem Unwillen Ausdruck....Die erregten Debatten setzten sich noch auf der Straße fort....“[4]
Zur Landtagswahl am 22. Juni konnten die Nazis in Königstein mit 13,1 % aller Stimmen keinen großen Erfolg verbuchen.[5] Im gesamten Land Sachsen erhielten die Nationalsozialisten auch nur 14,4 % der Stimmen.[6]
Mit diesen Positionen gab sich die NSDAP nicht zufrieden. Intensiv bereiteten die Faschisten die für September geplanten Reichstagswahlen vor.
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So erschien ab 1. August die Tageszeitung der NSDAP, „Der Freiheitskampf“. In Königstein führten die Nazis fünf Veranstaltungen zur Vorbereitung der Wahlen durch, während von den anderen bürgerlichen Parteien nur die Deutschnationalen und die Konservativen je eine öffentliche Versammlung ansetzten. Beide wurden schlecht besucht. In den Wahlveranstaltungen der Nazis aber war der Saal des „Deutschen Hauses“ bis auf den letzten Platz besetzt. Die Redner Dr. Nennecke, Zitzmann, Osternack und Kaiser hielten „Abrechnung“ mit dem System der Weimarer Republik und ergingen sich in antikommunistischer, antidemokratischen, antisemitischen und revanchistischen Äußerungen. An einer Demonstration der Faschisten am 8. September nahmen etwa 500 Königsteiner teil. Die Nazis hatten demnach viele neue Anhänger gewonnen. Das wurde an den Ergebnissen der Reichstagswahl vom 14. September 1930 deutlich.[7]
...Wie in ganz Deutschland so büßten auch in Königstein die meisten bürgerlichen Parteien Stimmen ein. Die größten Verluste verbuchten die Wirtschaftspartei, die DVP und die DNVP. Viele Anhänger dieser Parteien stammten aus den Mittelschichten, die sich immer mehr der NSDAP zuwandten. DNVP und DVP hatten außerdem vor der Wahl eine wüste Hetze gegen den Marxismus entfacht, die nicht von allen ihren Mitgliedern begrüßt wurde. Die NSDAP gewann auf Kosten der anderen bürgerlichen Parteien die meisten Wähler und erreichte in Königstein rund 25 mal mehr und in ganz Deutschland 7 mal mehr Stimmen als 1928. Die rege ideologische Arbeit der Faschisten hatte im Königsteiner Kleinbürgertum Früchte getragen.
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...Bis zum Ende des Jahres 1930 versuchten die Nationalsozialisten in Königstein durch drei Veranstaltungen, weitere Anhänger vor allem im Kleinbürgertum zu gewinnen. Auf einer Versammlung des Gewerbevereins, in dem alle Handwerker des Ortes organisiert waren, hatte Syndikus Franke am 25. September erklärt, von der Tätigkeit der NSDAP verspreche er sich nicht viel. Er rate, die Entwicklung der Dinge erst einmal abzuwarten. Da die Nazis im Kleinbürgertum ihre Massenbasis suchten, befaßte sich ihre Propaganda jetzt hauptsächlich mit demagogischen Phrasen, die auf die Mittelschichten zugeschnitten waren. So erklärte der Redner Zitzmann aus Meißen am 2. Dezember unter anderem, jeder Deutsche habe durch den Versailler Vertag jährlich 680.- RM an das Ausland zu zahlen. Er forderte die „Brechung der Zinsknechtschaft“ und die Enteignung der großen Warenhäuser.
Ergänzt wurde die geschickte demagogische Propaganda der Nazis durch Veranstaltungen, die an das Gefühl der Königsteiner appellieren sollten. So gaben die Faschisten den Einwohnern der Stadt am 15. Dezember ein bis dahin seltenes Schauspiel. Ein Fackelzug des
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Sturmes 88, der Standartenkapelle 5 bewegte sich durch die Stadt. Anschließend bot eine 30-Mann-Kapelle ein Militärkonzert.
Im Jahre 1931 organisierte die NSDAP sieben öffentliche Versammlungen in Königstein, in deren Mittelpunkt wieder Demagogie und Antikommunismus standen. Prominenteste Redner waren die Landtagsabgeordneten von Killinger und Cuno Meyer, der Reichstagsabgeordnete Prof. Helbig und der ehemalige Borkumpfarrer Münchmeyer. Alle Versammlungen wurden von etwa 400-500 Königsteiner Einwohnern besucht. Eine Erwerbslosenversammlung, ein Werbeabend für die SA und die Hitlerjugend, ein Fackelzug, ein Volkskunstabend, eine Theateraufführung und ein Militärkonzert standen außerdem im Programm der Ortsgruppe der NSDAP.
Die Königsteiner Ortsgruppe der NSDAP entstand relativ spät im zweiten Jahr der Weltwirtschaftskrise. Doch gerade in dieser Zeit, in der die meisten Kleinbürger um ihre Existenz bangen mußten, fielen die Parolen der Nazis auf günstigen Nährboden. Keine andere bürgerliche Partei trieb eine so intensive und geschickte Propaganda, keine...brachte so prominente Redner nach Königstein und keiner anderen bürgerlichen Partei gelang es, das Kleinbürgertum durch emotional betonte Veranstaltungen so zu beeindrucken: Die NSDAP wurde schon im ersten Jahr ihres Bestehens in Königstein zur stärksten bürgerlichen Partei.
3.2.2. Die verhängnisvolle Spaltung der Arbeiterbewegung
Trotz der großen Wahlerfolge der Nazis waren die beiden Arbeiterparteien in Königstein wie auch in Gesamtdeutschland stärker als die NSDAP. ...
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Die Königsteiner Sozialdemokraten, der Aktionseinheit nicht abgeneigt, befolgten jedoch streng die Weisungen ihrer übergeordneten Leitungen, die eine Zusammenarbeit mit den Kommunisten im entscheidenden Moment unterbanden. So zeigte sich auch in Königstein die verhängnisvolle Spaltung der Arbeiterbewegung, und auch hier konnten nur die Kommunisten konsequent die Interessen der Bevölkerung vertreten.
Obwohl die Königsteiner Grundorganisation der KPD während der Weltwirtschaftskrise nur 26 Mitglieder zähle, befand sie sich stets unter den Parteien, die die meisten Stimmen bei den Wahlen erhielten. ... Zu ihren Parteiversammlungen, die im Hotel „König Albert“ abgehalten wurden, luden sie prominente Persönlichkeiten ein. Es sprachen u. a. Rudolf Renner, Siegfried Rädel, der sächsische Landtagsabgeordnete Robert Klett und Herbert Müller, ein kommunistischer Lehrer, den seine Partei zu einer Studienreise in die Sowjetunion delegiert hatte.
Täglich waren die Genossen der KPD bei der Aufklärung über die Gefahr des Faschismus zu finden. Da sie auf den „schwarzen Listen“ der Unternehmer standen, befanden sie sich fast immer unter den Arbeitssuchenden. Besonders an den Stempeltagen kam es vor dem Arbeitsamt zu lebhaften Auseinandersetzungen zur politischen Lage. Die Genossen der KPD stellten sich an die Spitze der Erwerbslosen. Sie führten den Arbeitslosenrat Königsteins und organisierten Demonstrationen vor
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dem Rathaus, bei denen die Forderung nach Arbeit und Notstandsunterstüttzung gestellt wurden. Der Arbeitslosenrat ermöglichte auch den Erwerbslosen die Teilnahme an den Stadtverordnetensitzungen. Die Anträge des kommunistischen Stadtverordneten Paul Preißer wurden durch die anwesenden Erwerbslosen unterstützt. Kommunisten und fortschrittliche Parteilose organisierten Agitationseinsätze mit Literaturvertrieb, um die Hetze gegen die KPD zu zerschlagen.
Ständig bemühten sich die Genossen um die Aktionseinheit mit den Sozialdemokraten, doch über persönlich gute Kontakte kamen sie dabei nicht hinaus. So marschierten am 1. Mai 1931 vormittags Genossen der KPD mit etwa 130 Personen, Sozialdemokraten und Gewerkschaftsmitglieder am Nachmittag mit etwa 300 Anhängern. Zähe Arbeit leisteten die Kommunisten auch unter der Landbevölkerung. Dabei stießen sie oft auf starken Widerstand der Bauern, die von reaktionären Kräften wie den Rittmeister a. D. Peschel aus Gohrisch gegen die KPD verhetzt wurden.
Die SPD war seit der Gründung der Weimarer Republik die stärkste Partei in Königstein. Sie zählte während der Weltwirtschaftskrise 180-210 Mitglieder, deren bedeutendste Hermann Schulze und Hermann Lindemann waren. Hermann Schulze, Stadtrat und Leiter des Arbeitsamtes, sorgte dafür, daß umfangreiche Notstandsarbeiten im Gebiet der Oberelbe durchgeführt wurden: der Bau des Prossener Hafens, der Bau der neuen Gohrischer Straße, der Beginn einer Siedlung mit der heutigen Hermann-Schulze-Straße und Ernst-Thälmann-Straße und der Bau der Heidebergstraße mit dem Zehnfamilienhaus. Außerdem wurde die Tätigkeit
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in den Steinbrüchen rechts und links der Elbe wieder aufgenommen. Viele Erwerbslose erhielten Arbeit. Hermann Lindemann, der sich als Sohn eines Thürmsdorfer Landarbeiters zum technischen Leiter der Schiffswerft Ritter emporgearbeitet hatte, war während der Weimarer Republik ehrenamtlicher Stadtrat und später Stadtverordnetenvorsteher. Durch seine Ernennung zum Schulbezirksvorsteher für Königstein konnte er seine Kraft zum Wohle der Jugend einsetzen, der auch nach 1945 als Bürgermeister unserer Stadt seine besondere Liebe und Fürsorge galt. Heftige Kämpfe führte er mit den Vertretern der bürgerlichen Parteien wegen der Lernmittelfreiheit und der Gesundheits- und Zahnpflege der Kinder. Hermann Lindemann setzte auch den Bau der schwimmenden Jugendherberge „Sachsen“ durch, die 1928 eingeweiht wurde. Dieser aufopferungsvollen Tätigkeit Königsteiner Sozialdemokraten, geführt von Hermann Schulze und Hermann Lindemann, ist es zu verdanken, daß die SPD auch in den ersten beiden Krisenjahren die stärkste Partei blieb und bei den Wahlen relativ wenig Stimmen einbüßte, während sie in Gesamtdeutschland größere Verluste verbuchen mußte, da sich viele Mitglieder von der reformistischen Haltung ihrer rechten Führer distanzierten.
Bis 1932 gab es in der Königsteiner Stadtverordnetenversammlung eine knappe Arbeitermehrheit: neun Sozialdemokraten und zwei Kommunisten standen zehn Vertreter bürgerlicher Parteien gegenüber. Doch auch hier arbeiteten Sozialdemokraten und Kommunisten nicht immer zusammen, so daß auch reaktionäre bürgerliche Vorschläge angenommen werden konnten.
Die sozialdemokratische Eiserne Front und der kommunistische Kampfbund gegen den Faschismus, ein Arbeiter-Turn- und Sportbund, ein Radfahrerverein, ein Arbeitersamariterverein, ein Arbeitergesangsverein, die Naturfreundebewegung, die Freidenker, die Sozialistische Arbeiterjugend und die Roten Falken waren die wichtigsten Massenorganisationen, in denen sich Arbeiter trafen.
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4. Die politisch-ideologischen Auseinandersetzungen anläßlich der Reichspräsidentenwahl
4.1. Die sogenannten Gegensätze und die Gemeinsamkeiten im Lager der Rechtsparteien
(unter besonderer Berücksichtigung der Wahlpropaganda der NSDAP)
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Während die übrigen bürgerlichen Parteien in Königstein keine einzige Versammlung zur Wahlvorbereitung durchführten, sprachen prominente Redner der NSDAP auf fünf Massenversammlungen, an denen jeweils 500-700 Personen teilnahmen. Fast die ganze breite Skala der faschistischen Ideen wurde hier erläutert, um möglichst viele Teile der Bevölkerung zu beeinflussen: Hetze gegen die Sowjetunion und gegen deutsche Kommunisten, die als „Moskaujünger“ bezeichnet wurden, sollte begreiflich machen, daß nicht der in der Sowjetunion verwirklichte Sozialismus, sondern der Nationalsozialismus das erstrebenswerte Ziel sei.[8] Reichsredner W. Goerres aus Braunschweig warf der SPD vor, nur sie sei an der politischen Krise der Weimarer Republik schuld. ...
S. 52:
Demagogisch verkündeten die Faschisten Arbeit und Brot für alle.[9] Getreu ihrer „Rassenpflege“ schmeichelten sie den Bauern und traten gleichzeitig für die Autarkie der deutschen Landwirtschaft ein, um im geplanten Krieg möglichst unabhängig vom Ausland zu sein.[10]
Im „Königsteiner Anzeiger“ veröffentlichte der mit den Nazis sympathisierende Gohrischer Rittmeister a.D. E. Peschel einen Artikel, der von übler Revanchehetze gegen Frankreich strotzte.[11]
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4.3. Die Ergebnisse des ersten Wahlganges der Reichspräsidentenwahl
...
Auch in Königstein gewann die KPD Stimmen und erreichte ihren bisher höchsten Anteil an
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der Gesamtstimmenzahl. Gegenüber den Reichstagswahlen konnte die NSDAP ihre Stimmen ebenfalls fast verdoppeln, obwohl die Königsteiner Nazis kaum zwei Jahre politisch aktiv gewirkt hatten. Doch während die für Hindenburg abgegebenen Stimmen in Gesamtdeutschland die der NSDAP übertrafen, erhielt in Königstein Hitler die meisten Stimmen.
Es ist weiter auffällig, daß die Wahlbeteiligung weit über der im Reichsdurchschnitt lag.[12]
4.4. Die Vorbereitung der politischen Parteien auf den zweiten Wahlgang
...
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Die Königsteiner Faschisten bereiteten mit zwei Massenversammlungen den zweiten Wahlgang vor. Am 4. April erklärten sie im „Deutschen Haus“, sie seien nicht gegen Hindenburg, sondern gegen das ganze Regierungsystem. Ihnen war die parlamentarische Ordnung ein Dorn im Auge.[13] Im Mittelpunkt der zweiten Kundgebung dieser Art standen demagogische Phrasen. Die Redner der NSDAP versprachen, daß Hitler die „Zinsknechtschaft“ brechen und in kurzer Zeit der größten Zahl der Erwerbslosen Arbeit verschaffen werde.
Daß die Antifaschisten stärker als die Faschisten waren, erwies sich am 3. April, als einer Demonstration der Eisernen Front etwa 450, einem Gegenzug der NSDAP aber nur rund 200 Personen folgten.[14]
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4.5. Die Ergebnisse des zweiten Wahlgangs
....
In Königstein stiegen die Stimmen für Hindenburg nicht so stark an wie in Gesamtdeutschland. Hitler erhielt viel mehr Stimmen als Hindenburg. Die Wahlbeteiligung lag mit 96 % wieder über dem Reichsdurchschnitt.
S. 58:
5. Die Auswirkungen der weiteren Faschisierung Deutschlands auf die Gegner der Demokratie in Königstein
5.1. Antikommunismus und Antidemokratismus – die Leitgedanken in der Propaganda der Königsteiner Faschisten nach der Reichspräsidentenwahl
S.60:
Nach den Erfolgen der NSDAP in den Reichspräsidentenwahlen wandten sich die Redakteure des „Königsteiner Anzeigers“, die bisher stets die bürgerlichen Parteien des Hindenburgflügels unterstützt hatten, den Nationalsozialisten zu. Der „Königsteiner Anzeiger“ war ein Unternehmen der Familie Haffner, das schon seit 1864 bestand. Paul, Theodor und Alfred Haffner entwarfen die meisten Artikel, die Lokales oder Sächsisches betrafen, selbst. Paul und Theodor Haffner gehörten der DNVP, Alfred Haffner der NSDAP an. Außerden half der deutschnationale Oberlehrer Hörig bei der Gestaltung des lokalen Teils der Zeitung. Ihre Informationen über das Geschehen in anderen Teilen Deutschlands und im Ausland erhielt die Firma vom Wolffschen Telegrafenbüro. Sie war auch der Ala Anzeigen-AG angeschlossen. Die zahlreichen Inserate des Fremdenverkehrsgewerbes und der politischen Parteien gestatteten es der Firma, die Zeitung selbst während der Krise regelmäßig viermal wöchentlich in einer Auflage von 1000 Exemplaren mit einem Umfang von je 8-14 Seiten erscheinen zu lassen. Trotz der geringen Auflagenhöhe wurde der „Königsteiner Anzeiger“ von fast allen Einwohnern Königsteins und seiner Nachbarorte Gohrisch, Thürmsdorf und Pfaffendorf gelesen, weil meist mehrere Familien gemeinsam eine Zeitung abonnierten.
Diese Zeitung wirkte entscheidend an der Verbreitung der faschistischen Ideologie in Königstein mit. Der „K.A.“ warb eindringlich für die Veranstaltungen der Nazis und beschrieb ihren Verlauf ausführlich und begeistert, während er die Aktionen der Arbeiterparteien oftmals kaum erwähnte.
Die Königsteiner Ortsgruppe der NSDAP erhielt nach der Reichspräsidentenwahl auch ideologische Verstärkung durch die Besetzung der ersten Pfarrstelle mit einem Nationalsozialisten, dem Pfarrer Leichte, und die Übernahme einer Arztpraxis durch den Nationalsozialisten Dr. Zentner, der durch den Umgang mit seinen Patienten
S. 61:
Einfluß auf die Meinungsbildung ausübte.
Materielle Unterstützung erhielt die Ortsgruppe der NSDAP vor allem von der örtlichen Industrie, den Hoteliers und den Geschäftsleuten. Die demagogischen Versprechungen der Nazis von der Enteignung der Monopole und der großen Warenhäuser fanden bei der kleinen und mittleren Bourgeoisie großen Widerhall.
....
Ortsgruppenleiter Wilhelm Beck organisierte eine besonders eindrucksvolle Veranstaltung der NSDAP, für die er den zweiten Bürgermeister der Stadt Dresden, Dr. Bührer, gewann. Die Versammlung mußte in zwei Sälen des „Deutschen Hauses“ abgehalten werden, weil über 800 Personen erschienen waren.[15] Nicht das Amt Bührers, sondern sein Übertritt von der SPD zur NSDAP interessierte vor allem jene Königsteiner Kleinbürger, die sich noch nicht für die NSDAP entscheiden konnten. Hatten sie bisher nicht ein sozialdemokratisches Stadtparlament unterstützt?... Dr. Bührer behauptete, die SPD habe sich in die längst überholten marxistischen Theorien verrannt. Als veraltet bezeichnete er die Lehre vom Klassenkampf und betonte, dieser Kampf müsse im Interesse des Volksganzen überwunden werden. Mit der Verelendungstheorie verhalte es sich ebenso...
S. 62:
...
Da keine Diskussion vorgesehen war, konnte auch keiner der anwesenden Vertreter der Arbeiterparteien die Anschuldigungen Dr. Bührers widerlegen.
Gegen die KPD richtete sich Anfang Mai ein Theaterabend der NSDAP. In einem Schauspiel, das Probleme der Arbeitslosigkeit im Ruhrgebiet behandelte, wurden die Kommunisten als „von Moskau beauftragte Terroristen“ hingestellt, die Nazis aber mit Patriotismus und anderen edlen Eigenschaften versehen.[16]
S. 63:
5.2. Methoden und Ergebnisse des Wahlkampfes der NSDAP im Sommer 1932
Auch in Königstein war die Not sehr groß. Eine Umfrage in der Volksschule ergab, daß 52 % der Eltern der befragten Kinder Arbeitslose und 18,7 % Kurzarbeiter waren. Von 576 Kindern besaßen 87 arbeitslose ältere Geschwister, 5 mußten hausieren gehen. 70 hatten nicht jeden Tag warm zu essen, 3 Kinder besaßen keine Schuhe, 68 nur ein Paar, 131 zwei Paar.[17]
S. 66:
...
In vier Massenversammlungen bereiteten die Königsteiner Nazis die Reichstagswahlen vor, die für den 31.7. angesetzt waren. Als Redner konnten sie wieder prominente NS gewinnen: den italienischen Faschisten Lino Righi-Zanon, den Wirtschaftsreferenten der NSDAP, Direktor Hoffmann, den Reichstagsabgeordneten Horn und Haasa. ...
S.67:
Vortrag Prof. Dr. Stemmler aus Chemnitz zur Rassenlehre: „Statistisch ist es nachgewiesen, daß unser Volk in den letzten Jahren nicht allein nur zahlenmäßig zurückgegangen ist, sondern auch qualitativ. Der wertvolle Mensch richtet sich durch falsche Voraussetzungen selbst zu Grunde, und wenn der Staat die Rassenfrage nicht löst, sinkt unser Volk nach und nach bis zur Bedeutungslosigkeit, zum geistigen Tode herab, und dann hat das Deutschtum in der Welt nichts mehr zu melden.“[18]
S. 68/69:
...Prophezeiungen wurden durch die Juliwahl nicht erfüllt, denn zwei Drittel der Bevölkerung Deutschlands und die Hälfte der Königsteiner Wahlberechtigten lehnten die Nazis ab. Trotzdem waren sie die erfolgreichste Partei und erzielten ihren größten Wahlsieg vor der Machtergreifung. Sie verdoppelten ihre Stimmen gegenüber der letzten Reichstagswahl aufkosten der anderen bürgerlichen Parteien. In Königstein erhielt keine dieser Parteien mehr als 5 % aller Stimmen. (Die Verluste dieser Parteien ergeben im wesentlichen den Stimmenzuwachs der Nazis).
5.3. Das veränderte Kräfteverhältnis im Herbst 1932
...
Nach der Wahl versuchten die Faschisten, auch die örtlichen Parlamente zu beherrschen. Zum ersten Male wollten sie in Königstein an der Stadtverordnetenwahl teilnehmen. Eine großangelegte Einwohnerversammlung sollte diese Wahl für die NSDAP vorbereiten. Oberzollsekretär Gerischer wies darauf hin, „daß es bedeutungslos sei, wenn den Nationalsozialisten bei dieser letzten Wahl einige Sitze verlorengegangen seien. Von weit größerer Bedeutung und weit bedenklicher sei das Anwachsen der Kommunisten.“[19] Die Nazis hatten den Bürgermeister der Stadt, Gerhard Engelmann (DDP), aufgefordert, an der Versammlung teilzunehmen. Er war nicht erschienen. Dafür gab aber der angesehene Sozialdemokrat Stadtrat Hermann Lindemann den Nazis auf ihre provozierenden Anschuldigungen, die die Verschuldung der Stadt betrafen, sachliche Antworten. Da die Nazis außer ihrer Kritik keine Vorschläge zur Verbesserung der Situation brachten, klang diese Versammlung, von der sie so viel erhofft hatten, nicht so optimistisch aus wie ähnliche Veranstaltungen in den vorhergehenden Monaten.
Die Stadtverordnetenwahl vom 14.11. brachte den Nationalsozialisten einen weiteren Stimmenverlust, der SPD einen Gewinn, der mit den Verdiensten dieser Fraktion um das Wohl der Stadt und dem entschiedenen Verhalten Hermann Lindemanns zu erklären ist.
5.4. Die unmittelbare Vorbereitung der offenen, faschistischen Diktatur durch die Regierung Schleicher
S. 76:
...
Das Königsteiner Stadtverordnetenkollegium mußte sich im Dezember 1932 und im Januar 1933 in zwei Sitzungen mit der trostlosen Wirtschaftslage, mit Anträgen der KPD zur Linderung der Not der Erwerbslosen und der ärmeren Werktätigen und den sich häufenden Provokationen der Nazis beschäftigen. Angaben über die im Dezember 1932 in öffentlicher Fürsorge stehenden Personen und über die Wohlfahrtsausgaben des gesamten Jahres zeigen die Ohnmacht der örtlichen Organe gegenüber der ständig steigenden Not der Bevölkerung:
Dezember 1931
Dezember 1932
Wohlfahrtserwerbslose
210
331
Kleinrentner
35
31
Sozialrentner
76
76
Pflegekinder
32
50
Empf. d. allg. Fürsorge
20
15
Unterstützte Pers. insgesamt
373
503
Aufwendungen für die Unterstützten in RM
15280
17500
Gesamtaufwendungen für die Unterstützten:
1931: 68.795 RM
1932 143.584 RM[20]
Die Stadtverordneten erklärten: „Diese Zahlen lassen den Umfang der Arbeitslosigkeit und das Maß der öffentlichen Fürsorge und weiter erkennen, daß die Fürsorgelasten zu schwer geworden sind, als daß sie auch künftig ohne ausreichende Hilfe durch Reich und Staat von der Stadtgemeinde getragen werden können.“[21]
In der Stadtverordnetenversammlung am 13. Januar 1933 nahmen kommunistische Delegierte einer am Vortag abgehaltenen Erwerbslosenversammlung Stellung zu den unzureichenden
S. 78:
Winterhilfsmaßnahmen der Regierung und verlangten Unterstützung mit Kohlen, Brot, Fleisch und Schuhbeschaffung. In einem zweiten Antrag forderte die Fraktion der KPD Erhöhung der abzugfreien Verdienstgrenze auf 5 Mark und Kürzung der weiteren Beträge um 10 %. Der dritte Antrag der KPD sah vor, sämtliche Ausschüsse öffentlich tagen zu lassen, um den Antragstellern Gelegenheit zu geben, sich über die Behandlung ihrer Eingaben ein Bild zu machen.[22] Diese Anträge wurden an übergeordnete Ausschüsse weitergeleitet.
S. 79:
...
Die Nazis beschränkten sich jedoch nicht nur auf ideologische Angriffe, sondern verstärkten den individuellen Terror. In einer längeren Debatte versuchten sie, auf der Stadtverordnetenversammlung vom 13. Januar den Mitgliedern des Nufag-Arbeitsdienstes die Schuld an den sich häufenden Zusammenstößen zwischen Nazis und Sozialdemokraten oder Kommunisten in die Schuhe zu schieben. Die Königsteiner Polizei stand bei diesen tätlichen Auseinandersetzungen auf der Seite der Faschisten.[23]...
In der Stadtverordnetensitzung vom 3. Januar wurde deutlich, daß die zweijährige Propaganda der Königsteiner Ortsgruppe der NSDAP, unterstützt vom Terror gegen Demokraten und Kommunisten, auf viele Angehörige der Mittelschichten nicht ohne Wirkung geblieben war. Vor der Wahl des Stadtverordnetenvorstehers erklärte der Sprecher der Parteien des Mittelstandes, der Stadtverordnete Georg Adler, seine Fraktion unterstütze den nationalsozialistischen Kandidaten, den Elektromeister Paul Büttner. Entgegen bisheriger parlamentarischer Gepflogenheiten, den Vizevorsteher aus den Reihen der zweitstärksten Fraktion zu nehmen, wurde für das Amt
S. 80:
des zweiten Vorstehers wieder ein Nazi gewählt, da Adler bereits erklärt hatte, seine Fraktion wolle den Nationalsozialisten Gelegenheit geben, die allgemein herrschende Not zu bannen.[24]
S. 91:
7. Zu den Vorgängen in Königstein nach der Errichtung der offenen faschistischen Diktatur
7.1. Die Zeit der Vorbereitung der Reichstagswahlen durch die NSDAP – eine Periode antikommunistischer Hetze und blutigen Terrors
S. 92
Auch die Königsteiner Nationalsozialisten suchten vor der Wahl einen Anlaß, die Kommunisten zu Verbrechern zu stempeln und zu verfolgen. Wenig erfinderisch inszenierten sie am Abend des 3. März 1933 einen Brand in den alten, hochversicherten Scheunen- und Stallgebäuden des Bauern Friedrich Max Willkommen im Ortsteil Halbestadt. Sie verbreiteten die Lüge, die Kommunisten Walter Novy und Helmut Schmalz seien in voller Kleidung über die Elbe geschwommen, um den Brand zu legen.
S. 93:
Versuchten die Nazis, beim Brand des Reichstagsgebäudes der Kommunistischen Partei ein Interesse an der Zerstörung der parlamentarischen Demokratie vorzuwerfen, zu deren Symbolen das Reichstagsgebäude zählte, so war die politische Motivierung eines Scheunen- und Stallbrandes wesentlich schwieriger. Aber darüber zerbrachen sich die hiesigen Nazis bestimmt nicht die Köpfe, als sie am 5. März im „Königsteiner Anzeiger“ folgendes Inserat veröffentlichten:
„Verbrecherhände schwingen die Brandfackel auch schon in Königstein!
Der Reichstag ging in Flammen auf, Kommunisten legten ihn in Trümmer. Die Sozialdemokraten bereiteten diesen grauenvollen Anschlag mit vor. An vielen Stellen des Reiches brandschatzten und mordeten dieselben Verbrecherhände.
Der Brand in Halbestadt gestern beleuchtet grell diesen Weg, der ins Grauen und Verderben führt!
Deutsche Männer und Frauen! Erkennt diese ungeheure Gefahr, die Eurem Eigentum und Leben droht!
Du ehrlicher deutscher Arbeiter! Du glaubst noch, den unseligen marxistischen Klassenkampf- und Brudermordparolen der KPD und SPD nachzulaufen. Besinne Dich endlich, endlich! Morgen entscheidet Ihr, ob Deutschland eine Trümmerstätte bolschewistisch-marxistischer Verwüstung werden soll, oder ob der Wiederaufstieg aus 14-jährigem sozialdemokratisch –beherrschten Vernichtungswahnsinn beginnen soll!
Wollt Ihr die Wiederherstellung eines Reiches der Ehre, der nationalen Freiheit und der sozialen Gerechtigkeit für jeden Volksgenossen, dann gebt morgen Eure Stimme dem Mann, der in kurzer Zeit seiner Kanzlerschaft schon bewiesen hat, daß er hart und gerecht zugreift!
WÄHLT HITLER AUF LISTE 1!“[25]
S. 94:
Der Brand war für die Faschisten auf Bestellung gelegt worden, denn um 20 Uhr 20 wurde er bemerkt und eine Stunde später begann eine Wahlversammlung der NSDAP im „Deutschen Haus“, in der Kreisleiter Sterzing Parallelen zwischen dem Reichstagsbrand und dem Königsteiner Scheunenbrand zog und die KPD diffamierte.
Bald sprach sich im Ort herum, daß sich die beiden angeblichen Brandstifter Novy und Schmalz bei Ausbruch des Brandes in ihren Wohnungen aufgehalten hatten und von der Feuerwehr zum Löschen des Brandes mit herangezogen worden waren. Unter dem Protest der antifaschistischen Gemeindevertreter mußten Walter Novy und Helmut Schmalz wieder aus dem Amtsgefängnis entlassen werden.
...
Auch in Königstein trafen sich Kommunisten, Sozialdemokraten und Parteilose zu gemeinsamen antifaschistischen Aktionen. Während am 4. Februar etwa 100 Mitglieder und Anhänger der Kommunistischen Partei allein gegen die faschistische Diktatur demonstrierten, trafen sich am 7. Februar etwa 500 Antifaschisten, um gemeinsam in einer der mächtigsten Demonstrationen, die unsere kleine Stadt in dieser Zeit sah, ihren Protest gegen Hitlers Machtergreifung zu bekunden. An der Spitze des langen Zuges marschierten Kommunisten. Gegen den Einwand der Sozialdemokraten stimmten sie die „Internationale“ an. Wuchtig erklang
S. 96:
das revolutionäre Kampflied in die Bahnhofstraße hinein, und bald sangen auch die Sozialdemokraten mit. Am 19. Februar stellten sich nochmals etwa 120 Antifaschisten, um einen Protestmarsch nach Pirna zu unternehmen. Drei Tage später wurden im Freistaat Sachsen alle Versammlungen und Aufmärsche der KPD unter freiem Himmel verboten. Am 23. Februar fand die letzte große Versammlung der Königsteiner Antifaschisten im „Deutschen Haus“ statt. Die Reichstagsabgeordnete Tony Sender (SPD) sprach zur Wahlvorbereitung. Anschließend emigrierte sie in die Tschechoslowakei.
7.2. Die Errichtung des Konzentrationslagers in Königstein-Halbestadt
Sofort nach der Reichstagswahl setzte eine neue Verhaftungswelle ein. Am 6. März rückten 20 Mann Hilfspolizei unter Leitung des Sturmführers Herbert Rosig in Königstein ein, die zusammen mit der städtischen Polizei Mitglieder der KPD, unter ihnen wieder Walter Novy, die Führer des hiesigen Reichsbanners Rämisch und Lörich und den Orts-
S.97:
gruppenleiter der SPD Schuster verhafteten.[26] Das Reichsbannerlager im Naturfreundehaus, der sogenannten Nufag (Nähmaschinen- und Fahrrad-AG), wurde aufgelöst und zu einem der ersten provisorischen Konzentrationslager in Deutschland ausgebaut, zu einer Zweigstelle des berüchtigten KZ Hohnstein. Sturmführer Rosig, inzwischen zum Polizeidezernenten von Königstein ernannt, kämmte bald die Stadt und die Umgebung nach politischen Gegnern durch. Die Einwohner Königsteins konnten tagtäglich den Anmarsch von Häftlingen beobachten. Etwa 200 politische Gefangene befanden sich in Halbestadt. Zwei von ihnen schildern die brutale Behandlung der Häftlinge durch Rosigs Schläger. Walter Novy schreibt:
„...Hier im Lager Nufag hauste und wütete schon der SA-Sturm Königstein unter Führung der Sturmführer Hanke und Rehn. Mit Knüppeln und Gewehrkolben wurde hier die sogenannte >Umschulung< eröffnet....Besuche durfte ich keine empfangen, weder einen Anwalt noch einen Vertreter des Konsulats Dresden. Ich war tschechoslowakischer Staatsbürger und man hatte meine Verhaftung dem Konsulat wohlweislich nicht gemeldet, da man von dort aus eine Befreiung fürchtete. ...Im Lager Halbestadt wurden wir geschlagen. ...Stundenlanges Stillstehen, Verhöre mit Erpressungen und Geständnissen durch Schläge und Drohungen des Erschießens, Schaufeln von Gräbern, das waren die Methoden der Sadisten, um die Gefangenen zum Sprechen zu bringen...“
Ausführlich erzähle der Arbeiter Max Krebs von dem Empfang, der ihm im Lager in Halbestadt zuteil wurde.[27]
...
Ein Redakteur des „Königsteiner Anzeigers“ wurde eingeladen, das Lager zu besichtigen und dazu angehalten, ein Loblied auf die Sauberkeit, die „sinnvolle“ Tageseinteilung, den kameradschaftlichen Geist, der angeblich zwischen SA und Häftlingen herrsche und andere erdichtete Annehmlichkeiten anzustimmen. Dem aufmerksamen Leser mußten aber folgende Zeilen zu denken geben:
„... Aus sicherheitspolizeilichen Gründen ist das Lager durch eine Stacheldrahtumzäunung rings abgeschlossen und der Zutritt fremden Personen streng untersagt worden.... Im Steinbruchgelände hat man durch Auffüllen der Unebenheiten einen Schießstand, der noch auf 150 Meter verlängert werden soll, sowie eine Hindernisbahn angelegt, die der sportlichen Ertüchtigung der SA sowie der Gefangenen dienen.
Aus sicherheitspolizeilichen Gründen mußten die beiden in der unmittelbaren Nähe des Lagers befindlichen Grund-
S. 99:
stücke, in denen die Familien Protze und Bräuer wohnten, geräumt werden...“[28]
7.3. Erste Maßnahmen zur sogenannten Gleichschaltung
S. 100:
...
Die Königsteiner Faschisten benannten eine Straße nach dem Reichsstatthalter von Sachsen in Killingerstraße um.
...
Nun konnte sich die Firma Hugo Hoesch erlauben, 24 fortschrittliche Arbeiter zu entlassen und die gleiche Anzahl SA-Männer einzustellen, ohne auf Widerspruch zu stoßen.[29]
S. 101:
Die für die Manipulierung der öffentlichen Meinung in Königstein Hauptverantwortlichen, zu denen auch die Redakteure des „Königsteiner Anzeigers“, die Lehrer und der Pfarrer, der Bürgermeister Hilger, der Arzt Dr. Zentner, der Apotheker Kratzert, viele Bankangestellte, Geschäftsleute, Fabrik- und Hotelbesitzer, Schiffseigner und die leitenden Angestellten der Firma Hoesch zählen, bekannten sich begeistert zur faschistischen Diktatur.
Ergebnisse der Reichstags-, Reichpräsidenten-, Landtags-
und Stadtverordnetenwahlen in Königstein (1928 - 1933)
in Prozent
R.T
L.T.
LT.
R.T.
R.pr.
R.pr.
R.T.
R.T.
S.v.
R.T.(i)
20.5.
12.5.
22.6.
14.9.
13.3.
10.4.
31.7.
6.11.
14.11
5.3.
1928
1929
1930
1930
1932
1932
1932
1932
1932
1933
KPD
12,4
13,2
12,5
10,5
13,8
10,8
14.3
14,8
12.5
12,7
SPD
34,2
31,2
30,5
31,3
24,5
25,7
28,4
26,6
DDP
4,9
4,0
3,9
6,5
1,9
1,8
0,8
Zentr
0.9
0,7
0,9
1,5
0,7
0,5
DVP
14,6
16,2
11,6
5,9
3,5
4,1
1,8
Sonst. P.
7,2
7,1
9,7
6,4
40,0
41,4
2.7
2,5
19.9
1,9
DNVP
10,1
8,6
5,9
4,4
5,1
4,1
5,5
7,6
NSDAP
1,5
3,1
13,1
26,9
40,8
47,8
48,2
44,8
39,2.
49,1
W.p.
15,0
15,9
13,6
8,3
0,3
1,1
Wahlbet.
91
82
79
88,5
93,5
96
90
87
84
94
R.T. = Reichstagswahl
R.pr. = Reichspräsidentenwahl
L.T. = Landtagowahl
S.r. = Stadtverordnetenwahl
W.p. = Wirtschaftspartei
DDP - ab 1930 Deutsche Staatspartei
Nach : „Königsteiner Anzeiger“, Jahrgänge 64 — 69 1928 — 1933
S. 114:
Naziterror:
Erste Darstellung des „Königsteiner Anzeigers“ vom 17.7.1932 (Nr. 112)
„Zu tätlichen Auseinandersetzungen zwischen einem Reichsbannermann aus Hütten und einem hiesigen SA-Mann, bei welchen der SA-Mann von dem Reichsbannerangehörigen durch mehrere Stiche in das linke Bein verletzt wurde, kam es in der vergangenen Nacht. Der SA-Mann war an der Steinernen Brücke von dem Reichsbannerangehörigen angerempelt worden. Als sich der SA-Mann dies verbat, erhielt er einen Schlag ins Gesicht. Vorerst konnten dann weitere Tätlichkeiten durch die Polizei verhindert werden. Später trafen die Parteien wieder an der Kirchhofsmauer zusammen. Hier kam es erneut zum Wortwechsel, in dessen Verlauf der Reichsbannerangehörige nochmals tätlich wurde. Nunmehr setzte sich auch der SA-Mann zur Wehr, beide kamen hierbei auf den Boden zu liegen. Im Liegen hat dann der Reichsbannerangehörige dem SA-Mann mit einem größeren Taschenmesser die Stiche ins Bein beigebracht. Die Stiche sind mit aller Wucht durch die Ledergamaschen hindurch geführt worden. Der SA-Mann, der sich in Begleitung mehrerer Kameraden befand, wurde auf der Polizeiwache verbunden und mittels Krankentrage von seinen Kameraden nach seiner Wohnung in Halbestadt gebracht. Die anderen sechs SA-Leute haben sich besonnenerweise an dem Vorfall nicht beteiligt.“
Stellungnahme des Reichsbanners, („KA“, Nr. 113 v. 19.7.1932):
„Zu den tätlichen Auseinandersetzungen zwischen einem Reichsbannermann aus Hütten und einem hiesigen SA-Mann wird uns von seiten des Reichsbanners folgende Darstellung übermittelt, die wir ohne Verantwortlichkeit wiedergeben, da uns kein amtlicher Polizeibericht vorliegt und die Schuldfrage erst durch die Staatsanwaltschaft geklärt werden muß.
„Als in der Nacht vom Freitag zum Sonnabend der Reichsbannermann Hartner mit dem Arbeiter Hartlich vom Bahnhof nach Hause gehen wollte, mußte er an einer Gruppe von 7 Nazis vorüber. Der Nationalsozialist Wagner bückte sich knapp vor dem Kameraden und so, daß er ihn unbedingt stoßen mußte. Das wurde als Anrempelung betrachtet. Es begann eine wilde Anpöbelung. Dem Reichsbannermann wurde zugerufen von Wagner: Hartner, Du Hund, Du bist lange schon reif! Da der Kamerad in Begleitung des Arbeiters Hartlich den Heimweg fortsetzte, wurden dieselben weiter verfolgt. Am Schreiberberg stießen beide Parteien auf den Wachtmeister Ryssel. In dem nun folgenden Wortwechsel erhielt Hartner von hinten einen kräftigen Schlag auf den Rücken und erwiderte denselben natürlich in gleicher Weise. Durch energisches Eingreifen des Polizeiwachtmeisters konnte eine größere Schlägerei verhütet werden. Kamerad Hartner wurde nun vom Arbeiter Hartlich nach Hause begleitet. An der Wohnung Hartners wurden sie erneut überfallen und mit harten Gegenständen über Rücken und Kopf geschlagen. Um einen polizeilichen Schutz zu erhalten, gingen beide zur Wache. Jedoch wurden sie unterwegs wiederum durch Vorstellen eines Beines als Grund zu erneutem Überfall auf Hartner und zu weiteren Streitigkeiten provoziert. Nur hatte man sich diesmal in der Person geirrt und Hartlich den Fuß gestellt, dieser entschuldigte sich und griff vermittelnd ein. Die Nationalsozialisten erwiderten: Mit Dir, Hartlich, haben wir nichts, nur mit dem Hartner. Hartlich wurde nun von einigen Nazis gehalten und die übrigen stürzten sich auf Hartner. Am Boden liegend mußte er Schläge über sich ergehen lassen. In Notwehr hat Hartner mit dem Taschenmesser gestochen und plötzlich ließen sie von ihrem Opfer ab. – Von Stichen kann keine Rede sein, wenn man am Boden liegt und etliche obenauf! – Unter großer Mühe wurde Hartner, denn auch er hatte Verletzungen am Kopf – klaffende Wunde am Kinn – zur Polizeiwache gebracht. Daselbst wurde er nicht verbunden und begab sich in ärztliche Behandlung zu Dr. Zentner. Das Gericht wird die weitere Aufklärung des Falles durchführen.“
Bericht von Max Krebs über die Behandlung der Häftlinge im Konzentrationslager in
Königstein-Halbestadt
Prossen, den 3.2.1947
„Ich wurde in Heidenau verhaftet und ins Rathaus gebracht. Es erfolgte nach zwei Stunden die Überführung durch Auto nach Königstein. Dort angekommen war es das erste, daß Truppführer Fuhrmann sowie Ernst sagten: “Das Schwein habt ihr in unserem Wagen geholt? Ihr müßt eigentlich gleich selbst mit eingesperrt werden!“
Ich mußte mich gleich mit dem Gesicht zur Wand stellen. Nach kurzer Zeit erschien Fuhrmann wieder und gab mir einen Tritt, daß ich mit dem Kopf an die Wand schlug, und sagte: „Nun dreh dich um, du Schwein"!“ Es erfolgten nun die Schläge ins Gesicht....
Gegen 9 Uhr wurde ich von Fuhrmann und Ernst zur Vernehmung geholt. Es faßte mich der eine links, der andere rechts. Am Tisch saß ein Polizist. Sie fragten, was ich alles verbrochen hätte und wo sich Waffen befänden. Ich verneinte alles und erwiderte, daß ich mir keiner Schuld bewußt sei. Nun schlugen sie mich mit Gummiknüppeln derart, daß ich bewußtlos zusammenbrach. Danach sperrten sie mich in einen kleinen Raum unter der Treppe. Darin mußte ich auf dem Zementfußboden mit erhobenen Händen knien, obwohl mir alles schmerzte und Blut durch Urin und Nase kam. Die Posten sagten andauernd, ich würde nicht mehr lange leben. Ich war bald am Ende meiner Kräfte. Sie holten mich dann endlich heraus und befahlen mir, gegenüber den Mitgefangenen auszusagen, daß ich die Treppe heruntergefallen sei.
Nach meiner Entlassung bin ich, lt. ärztlichem Gutachten noch zwei Jahre krank gewesen.“
Entlassung fortschrittlicher Arbeiter der Firma Hugo Hoesch
Betriebsrat der Fa. Hugo Hoesch Königst./E., den 21.7.1933
Königstein/Elbe
An das Arbeitsamt Pirna/E.
Betr.: Entlassungen wegen staatsfeindlicher Einstellung in der Firma Hugo Hoesch
Unter Bezugnahme auf Ihre an die Firma Hugo Hoesch gerichtete Karte vom 18. d. Mts., sowie auf das gestern mit Ihnen geführte Telefongespräch teilen wir Ihnen mit, daß bei der Firma Hoesch 24 Arbeiter und Arbeiterinnen, die als staatsfeindlich bekannt sind, im Einvernehmen mit der Direktion zur Entlassung kamen. Die Veranlassung zu dieser Maßnahme geht aus der beiliegenden Durchschrift eines Anhangs hervor. Es würde selbstverständlicherweise zu weit führen, an Hand von Unterlagen die Beweisführung der Staatsfeindlichkeit all der Entlassenen einzeln anzugeben. Der Betriebsrat der Fa. Hugo Hoesch hat nach eingehenden Beratungen und Prüfungen die unten aufgeführten Arbeitnehmer zur Entlassung vorgeschlagen. An Stelle der Entlassenen wurde die gleiche Anzahl SA-Leute eingestellt.
Der Betriebsrat der Fa. Hugo Hoesch
(gez) Willy Goldammer
1. Vorsitzender
Ergänzungen: Jensch
Reichstagswahl am 29.(20.?).5.1928
PA, 22.5.1928, S.1-7.
Partei
AHM Pirna
Pirna
Heidenau
SPD
30742
4864
3403
DNVP
7948
2383
602
Zentrum
756
311
93
DVP
8291
1953
701
KPD
15633
4013
2925
DDP
4262
1077
411
Wirtschaftspartei
8811
1243
775
NSDAP
861
144
61
Bauernpartei
194
18
4
ASPD
1249
425
126
Christl.-Soz. VD
133
32
9
Landvolk
6997
91
39
andere
Mehr als 10 NSDAP-Stimmen in Orten:
Berggießhübel (7), Dohna (8), Gottleuba (15), Hohnstein (34), Königstein (44), Neustadt (67), Bad Schandau (78), Sebnitz (14), Stadt Wehlen (24), Hermsdorf (23), Krippen (26), Langburkersdorf (19), Polenz (12), Rathen (13), Reichstein (15), Wendischfähre (10), Zschachwitz (18).
Aus örtlicher Presse (PA = "Pirnaer Anzeiger")
PA 7.7.29, S.2: Arbeitslosigkeit: Zum alljährlichen Tiefstand: Während in letzten Jahren Rückgang auf 1400 im Bezirk zu verzeichnen, diesmal bei 4500. Davon auf Pirnaer Bezirk 2000, Königstein 775, Heidenau 1200, Stolpen 250, Bergg. 275.
PA 19.11.29, S.2: Ergebnisse der Stadtverordnetenwahlen. KPD/SPD-Mehrheit in Berggießhübel, Dohna, Königstein, Polenz.
PA, 26.10.30, S.2: Schwebebahnprojekt von Königstein zur Festung und von dort zum Lilienstein. Alles „Vorerörterung“. Königsteiner Stadtrat dafür.
PA, 24.1.32, S.7: - Wieder mehrere NS-Vers.-Berichte. Darunter Cunnersdorf b.Königstein, wo Ortsgruppe gebildet mit OGL Wollrad. Dabei Richter u. Unterbezirksleiter Beck.
PA, 20.2.32, S. 7: 17.2. im Lindenhof Bad Schandau Vers d. Ortsgruppen des Alldeutschen Verbandes Bad Schandau und Königstein zur „Schicksalswende?“ Ablehnung der Wiederwahl Hindenburgs, für „völkischen Staat“, gegen das Weimarer System, für „nationalen“ Kandidaten.
Chronik zur Geschichte des antifaschistischen Widerstandes auf dem Territorium der ehemaligen Amtshauptmannschaft Pirna, Pirna1983., S.18: 10.3.: Die SA erklärt das aus Arbeitergroschen finanzierte Wanderheim des Touristenvereins Naturfreunde in Königstein-Halbestadt, in dem sich ein Arbeitsdienstlager des Reichsbanners befindet, zum Schutzhaftlager. Der Leiter des Arbeitsdienstlagers, der sozialdemokratische Reichsbannerfunktionär Heinrich Reißmann aus Postelwitz wird der erste Häftling der SA.
10.-15.3.: Die Leitung der Hoesch-AG entläßt 24 Arbeiter des Betriebs in Hütten wegen ihrer kommunistischen Einstellung.
PA, 4.4.33, S.2: Königstein: Unter Sturmführer Rosig zahlreiche Haussuchungen vorgenommen: eine Menge Schriftmaterial verbotener Organisationen, Ausrüstungsstücke, Munition und Waffen zutage gefördert. "Nach umfangreichen Erörterungen und Verhören" in der Nacht zum Sonnabend (1.4.) in Waldstück in Festungsnähe ein kommunistisches Waffenlager ausgehoben: mehrere neue, vollkommen schußfertige Gewehre, Revolver und einige hundert Schuß Munition sowie Seitengewehre. Umfangreiche Haussuchungen auf Grund von Geständnissen zahlreicher komm. Funktionäre, bes. in Struppen, im Gange.
PA,17.9.33, S.2: Schutzhaftlager Königstein-Halbestadt aufgelöst.
PA,25.11.33, S.2: Pfarrer Leichte aus Königstein mit Vortrag "Christen an die Front" in Dohma (Veranstaltung der "Deutschen Christen").
PA, 25.3.34, S.2/3: Hebeschmaus der alten Pfarre in Königstein: In unteren Räumen: die Geschäftsräume der NSDAP. Pfarrer Leichte: "...soll die enge Verbundenheit zwischen Kirche und Partei zum Ausdruck bringen."
PA, 5.6.34, S.2: Einweihung des Braunen Hauses zu Königstein in der Alten Pfarre.
PA, 6.8.35, S.2: Königstein: Fünfjähriges Bestehen der NSDAP-Ortsgruppe. Am 31.7.1930 durch "zwölf junge Leute" gegründet. OL Beck, Bgmstr. König, Propagandaleiter Klahre.
PA, 24.9.37, S.4: Deutsche Christen: Anzeige: 26.9., 9 Uhr: Gottesfeier in Stadtkirche Königstein. Predigt: Landesbischof Coch. Danach 10.30 Uhr Kreistagung.
PA,15./16.1.38,S.4: Deutsche Christen laden zu Gottesfeiern die Einwohner der Gemeinden und deren Nachbar-orte herzlich ein in die Stadtkirchen von Hohnstein, Lutherkirche Heidenau, Berggießhübel, Stolpen, Königstein, Pirna.
PA, 4.2.38, S.4: Übersicht über Gottesfeiern der Deutschen Christen im Kreis (Kirchen-Nachrichten). Dabei: Komm. Superintendent Leichte, Königstein.
PA, 30.5.38, S.2: Pfarrer Leichte, Königstein, in die 1. Pfarrstelle der Marienkirche gewählt. Geb. 1893.
„Für die nationale Bewegung setzte er sich schon lange vor der Machtergreifung ideell und matreriell ein, im Jahre 1933 meldete er sich als Parteimitglied an. Als Amtswalter arbeitet er aktiv in der NSV. Pfarrer Leichte führt seit dem Herbst 1937 kommissarisch die Superintendentur.“
PA, 14.10.38, S.2: SA-Obersturmbannführer Hanke, geb. 1911 in Königstein, SA und NSDAP seit 1929, als Bürgermeister von Stuppen eingewiesen.
PA, 10.11.38, S.2: Prof. Der Theologie Dr. Wolf Meyer-Erlach, Jena, Rektor der Schiller-Universität Jena, spricht in den nachfolgenden Gottesfeiern über „Wende des Glaubens“ und in den Nachversammlungen über das Thema „Luther und die Juden“. Königstein am 11.11., Heidenau am 12.11., Pirna am 13.11. Kirchgemeinde, Leichte. Die Nachversammlung in Pirna findet im Feldschlößchen statt.
PA, 23.5.39, S.5: - Kulturabend der SA in Königstein. Sturm 4/177, Sturmhauptführer Rehn.
Pirnaer Kirchenblatt, Oktober 1933, S.17:
Volksmission:
„Auch in unserer Gemeinde sollen in der Woche vom 9. Oktober an im Saal des >Weißen Rosses< abends 8 Uhr fünf Volksmissionsvorträge gehalten werden...
9.10. Pfarrer D. Klemm, Gott in der Geschichte
10.10. Pfarrer Zweynert-Papstdorf, Religion nicht Privatsache, sondern Volkssache
11.10. Pfarrer Meier-Sebnitz, Von der Volksgemeinschaft zur Volkskirche
12.10. Pfarrer Börner-Ottendorf, Christentum und Hakenkreuz
13.10., Pfarrer Leichte-Königstein, Christus und das neue Deutschland.
Kirchenblatt für Sachsen, Juni 1938, S. 71: Wiederbesetzung der 1. Pfarrstelle: Durch Landeskirchenamt Pfarrer Leichte, Königstein, eingesetzt. 1893 geboren, 1927 2. Pfarrer in Königstein, 1932 1. Pfarrer dort. „Für die nationalsozialistische Bewegung setzte er sich schon lange vor der Machtergreifung ideell und materiell ein, im Januar 1933 meldete er sich als Parteimitglied an, als Amtswalter arbeitet er aktiv mit in der NSV. Pfarrer Leichte führt seit Herbst 1937 kommissarisch die Superintendentur.“
Reichstagswahlergebnisse in Königstein 1928 – 1933 (Zusammenstellung nach Pirnaer Anzeiger: Jensch)
SPD
KPD
NSDAP
DNVP
DVP
DDP**
Wirtschaftsp.*
Zentrum
20.4.1928
769
32
44
226
226
91
14.9.1930
803
267
688
112
151
167
212
24
31.7.1932
703
411
1382
118
102
55
17
43
6.11.1932
605
349
1046
129
98
42
27
15
5.3.1933
712
339
1313
204
49
21
12
* = Wirtschaftspartei bzw. Reichspartei des gewerblichen Mittelstandes
** = ab 1930, nach Zusammenschluß mit dem Jungdeutschen Orden: Staatspartei.
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[1] Zur Biographie der Besitzer der Königsteiner Papierfabrik: Hugo Hoesch nahm auch im Kreise der deutschen Industriellen eine beachtliche Stellung ein. Er war Vorsitzender des Aufsichtsrates der Vereinigten Strohstof-Fabriken in Coswig bei Dresden, gehörte dem Aufsichtsrat der Dresdner Bank und der Hasseröder Papierfabrik an, war im Vorstand des Vereins Deutscher Papierfabrikanten und Vorsitzender des Vereins Sächsischer Papierfabrikanten.
In der Gemeinde Hütten betätigte sich Hugo Hoesch 38 Jahre lang als Gemeindevorstand. Er gehörte dem Bezirkstag, dem Ausschuß der Verkehrsinteressenten bei der ständigen Tarifkommission und seit 1907 auch der ersten Ständekammer Sachsens an. Der sächsische König verlieh ihm nach einem Gelage, das anläßlich einer Jagd in den Königsteiner Wäldern stattgefunden hatte, im Jahre 1912 den erblichen Adel.
Hugo Hoesch war mit der Tochter eines Papierfabrikanten, Mathilde von Schoeller, verheiratet. Sie starb 1913. Der als Erbe der Fabrik vorgesehene Sohn Dr. Alfred Hoesch war schon 1908 in Neapel auf der Hochzeitsreise gestorben. Er hatte eine verarmte sächsische Adlige, Josepha von Carlowitz, geheiratet. Das Erbe traten nun nach dem Tode der Eltern und des ältesten Bruders die drei Geschwister Hoesch an, die sich aber kaum in Königstein sehen ließen.
Leopold Gustav Alexander von Hoesch, 1881 geboren, trat nach dem juristischen Staatsexamen 1907 in die Diplomatenlaufbahn ein. Er war in Peking, Paris, Madrid, London, Sofia und Konstantinopel im Auswärtigen Amt tätig, wurde 1921 Botschaftsrat in Paris, 1923 deutscher Geschäftsträger und 1924 Botschafter, zuerst in Frankreich, später in Großbritannien.
Masrianne Adele Pauline von Hoesch, 1883 geboren, hatte den Aachener Tuchfabrikanten Hans von Gülpen geheiratet und Adele Ella Maria von Hoesch, 1889 geboren, lebte in den dreißiger Jahren ebenfalls imm Westen Deutschlands.
[2] Vgl. „Königsteiner Anzeiger“, im folgenden als „K.A.“ bezeichnet, Jg. 68, Nr. 9 v. 15.1.1932, S.2 und ebd., Jg. 67, Nr. 183 v. 20.11.1931, S.2.
[3] Vgl. ebd., Jg. 66, Nr. 46 v. 31.3.1930, S.2.
[4] Ebd., a.a.O., Nr. 96 v. 20.6.1930, S.2.
[5] Vgl. Anhang Nr. 3.
[6] Vgl. Anhang Nr. 2.
[7] Vgl. Anhang Nr. 3.
[8] Vgl. „K.A.“, Jg. 68, Nr. 10 v. 17.1.1932, S.2.
[9] Vgl. ebd. a.a.O., Nr. 18 v. 31.1.1932, S.2 und Nr. 42 v. 13.3.1932, S.2.
[10] Vgl. ebd., a.a.O., Nr. 18 v. 31.1.1932, S.2.
[11] Vgl. Peschel, E., Die Abrüstungsfrage, in: ebd. a.a.O., Nr. 38 v. 6.3.1932, S.9.
[12] Vgl. Anhang Nr.3.
[13] Vgl. „K.A.“, Jg. 68, Nr. 56 v. 8.4.1932, S.2.
[14] Vgl. ebd., Nr. 59, v. 13.4.1932, S.3.
[15] Vgl. ebd. Nr. 68 v. 29.4.1932, S.2.
[16] Vgl. ebd., Nr. 72 v. 5.5.1932, S.2.
[17] Vgl. ebd., Nr. 143 v. 9.9.1932, S.2.
[18] Vgl. ebd., Nr. 101 v. 28.6.1932, S.3.
[19] Vgl. ebd., Jg. 68, Nr. 178 v. 11.11.1932.
[20] Ebd. Nr. 202 v. 23.12.1932, S.2.
[21] Ebenda.
[22] Ebd., Jg. 69, Nr. 1 v. 1.1.1933, S.2.
[23] Ebd. , Nr. 18 v. 31.1.1933, S.3.
[24] Ebd., Nr. 4 v. 6.1.1933, S.2.
[25] Ebd., Nr. 37 v. 5.3.1933, S.4.
[26] Vgl. ebd. Jg. 69, Nr. 41 v. 12.3.1933, S.2.
[27] Vgl. Anhang Nr. 10.
[28] „K.A.“, Jg. 69, Nr. 67 v. 28.4.1933, S.2.
[29] S. Anhang Nr. 14.