Einige Gedanken zu heutigen „Opferdenkmalen“
„…wie bewahrt man die nächste Generation davor, sich für ein Nichts abschießen zu lassen?“ Kurt Tucholsky, Gesammelte Werke in 10 Bänden. Reinbeck bei Hamburg 1995 Band 10, S. 65
„Da es keinen Staat gibt, für den es zu sterben lohnt, und erst recht nicht keine Prestigefrage dieser größenwahnsinnigen Zweckverbände, so muß Symbol für Symbol, Äußerlichkeit für Äußerlichkeit, Denkmal für Denkmal umkämpft, erobert, niedergelegt werden. Es steht kein pazifistisches Kriegerdenkmal, die einzige Art, der für einen Dreck hingemordeten Opfer zu gedenken – es gibt nur trübe Anreißereien, das Beispiel der trunken gemachten und Helden genannten Zwangsmitglieder des betreffenden Vereins zu befolgen….
Jedes Gedenken der Gefallenen, also Ermordeten, ohne die klare Ableugnung der Kriegsidee ist eine sittliche Schande und ein Verbrechen an der nächsten Generation.“
Ebenda, Bd. 5, S. 337-342, Über wirkungsvollen Pazifismus:
„Um eine Wiederholung zu vermeiden, gilt es also, den sittlichen Unterbau einer unsittlichen Idee zu zerstören. Dieser Unterbau heißt: Es ist süß und ehrenvoll fürs Vaterland zu sterben.“ Ebenda, Band 4, S. 293-296, Wofür?
Es ist wahr: Zu Zeiten der DDR war es nicht möglich, Denkmäler für die im Kriege umgekommenen Soldaten zu errichten. Und das aus guten Gründen.
Warum gibt es in der Bundesrepublik seit jeher eine andere Praxis und eine besondere Bundesvereinigung für Kriegsgräberfürsorge, die sich auch für entsprechende Krieger- oder Gefallenendenkmäler einsetzt. Warum wurde der von den Nazis eingeführte Heldengedenktag als Totengedenktag weitergeführt?
Weil man einige Wahrheiten partout nicht akzeptierte:
-Das faschistische Deutschland hat sich des Krieges als Verbrechen an vielen Völkern schuldig gemacht.
- Die deutsche Wehrmacht war an zahllosen Kriegsverbrechen direkt beteiligt.
- Sie schuf durch die Besetzung europäischer Länder die Voraussetzungen für den Völkermord an den Juden, für die Massenmorde an Angehörigen slawischer Völker, sie war zuständig für die Verbrechen an Kriegsgefangenen – und sie war keine anonyme Größe, sondern bestand aus verantwortlichen Offizieren, an Besatzung, Niederhaltung, Ausplünderung der Bevölkerung beteiligten Mannschaften, die oftmals auch direkt an völkerrechtswidrigen Exekutionen von Juden, Partisanen, Geiseln oder einfach widersetzlichen Menschen beteiligt waren.
- Nicht akzeptiert wurden auch das Potsdamer Abkommen der Alliierten und die Urteile des Internationalen Kriegsverbrechertribunals in Nürnberg.
- Schließlich: Mit der Wiederbewaffnung der Bundesrepublik einher ging die Rehabilitierung der Führung der Wehrmacht. Maßgeblichen Führungskräften der faschistischen Wehrmacht wurden der Aufbau und die innere Gestaltung der Bundeswehr übertragen.
Damit verbunden war das Anknüpfen an militärische Traditionen der deutschen Vorgängerstaaten einschließlich des Faschismus, zum Ausdruck gekommen in Traditionserlassen und Kasernennamen.
Zahlreiche militärische Traditionsverbände einschließlich der Ritterkreuzträger und der SS waren nicht nur in ihre Taten verherrlichenden Büchern, Memoiren, Landserheften, Filmen, sondern auch in öffentlichen Treffen und Aufmärschen präsent.
So war die Bundeswehr an allen Totengedenktagen dieser Verbände vertreten und legte dort ihre Kränze nieder.
Das entsprach im Ganzen dem Verständnis der Bundesrepublik als Rechtsnachfolger des „Dritten Reiches“. Abgesehen von einigen nachweislich großen Verbrechern blieben die alten „Eliten“ in Wirtschaft, Staatsapparat, Wissenschaft und Kultur ja im Wesentlichen unangetastet in ihren Positionen.
Nun gibt es die Frage, wie mit den im Zweiten Weltkrieg Gefallenen umzugehen wäre. Hier versagt das Täter-Opfer-Raster, hier ist, wenn man zu gerechten Wertungen kommen will, doch genaueres Hinsehen und bedachtes Abwägen angebracht.
Wahr ist: Sie gingen in einen verbrecherischen Krieg, zu dessen Handlangern sie missbraucht wurden.
Aber schon die Frage, wie sie in ihn hineingingen, stößt uns auf Unterschiede: Gingen sie begeistert, freiwillig, gezogen, aber doch loyal, widerstrebend und widerwillig, gezwungen und nachlässig in „Pflichterfüllung“, widerständig oder gar fahnenfluchtbereit. Die Motive, Einstellungen und Haltungen der einzelnen Soldaten wichen sehr voneinander ab.
Wie verhielten sie sich in eroberten fremden Ländern? Als Herrenmenschen, als Angehörige der Siegermacht, denen alles erlaubt war, bewahrten sie sich ethische Maßstäbe aus Elternhaus, Schule, Kirche und anderen Gemeinschaften, hatten sie Mitgefühl für die Unterworfenen, halfen ihnen gar, wenn sie konnten, beteiligten sie sich an der ungeheuerlichen Ausplünderung (Brecht: Und was bekam des Soldaten Weib…aus…)?
Welchen Verhaltenswandel gab es in Abhängigkeit von Raum (Ost-, West- oder Südfront), Zeit und militärischer Lage (Vormarsch, Schlacht/Gefecht, Stellungskampf, Rückzug)?
Für die meisten wird wohl gelten können, dass sie die politischen, militärischen und moralischen Bedingungen und Zusammenhänge ihres Soldatseins in der faschistischen Wehrmacht nicht überschauen konnten. Sie unterlagen dem Gruppendruck der militärischen Kameradschaft, folgten dem Komißspruch „Schnauze halten und weiterdienen“, wussten um Risiken der Befehlsverweigerung und kannten den Straftatbestand der „Wehrkraftzersetzung“, kannten die Rigorosität von Feldgendarmerie und SS. Aber es gab auch die fanatisierten Nazi-Herrenmenschen nicht nur in den SS-Einheiten, sondern auch in allen Wehrmachtsteilen – Alt- und Neunazis, Angehörige des Funktionärskorps der SA, der SS, der HJ und anderer NS-Verbände. Im Hinterland der Fronten machte sich die Besatzungsbürokratie in weit gefächerten Unterjochungs- und Ausplünderungsbehörden breit.
Wie dachten die einzelnen Gefallenen nach oft Jahren der Kriegsteilnahme über ihr mörderisches Tun, wie die Kriegsgefangenen, die in großer Zahl die Gefangenschaft nicht überstanden über die Ursachen ihrer Gefangenschaft?
Mit welchen Worten gaben die Angehörigen der zu Tode gekommenen Soldaten das der Öffentlichkeit kund? „Gefallen für Führer, Volk und Vaterland“, „in stolzer Trauer“ oder „Tief getroffen hat uns der Tod unseres an der Ostfront gefallenen Sohnes…“?
So viele Fragen. Kann man sie unter dem Motto, der Tod mache alle gleich, einfach beiseite tun?
Es sind nach Motiven, Einstellungen, Verhalten und Verantwortung sehr unterschiedliche Menschen, die da im Krieg zu Tode kamen.
Immerhin ist es schon ein gewisser Fortschritt, wenn heute nicht mehr von Heldengedenken und Heldengedenktag die Rede ist.
Zu befürchten ist aber, dass all diese gegenwärtigen Bemühungen in den neuen Bundesländern um „Opfergedenken“ für deutschen Kriegseinsatz außerhalb eines kaum denkbaren Verteidigungsfalles und zur Rechtfertigung von Kriegseinsätzen außerhalb deutscher Grenzen herhalten soll.
Darüber hinaus ordnet sich dies Bemühen ein in den fortschreitenden Geschichtsrevisionismus, das Umschreiben und Verfälschen einer verheerenden imperialistisch-faschistischen Vergangenheit, die durch zwei Weltkriege dauerhaft belastet ist.
Es ist schamlos, dazu das weiterwirkende Leid und die Erinnerungen von Nachkommen der Toten zu missbrauchen.
Unter Opfern verstehen aber die Initiatoren gegenwärtiger Denkmale schlechthin alle zwischen 1933 und 1945 und an Kriegsfolgen zu Tode Gekommenen (Flucht, Aussiedlung, Vertreibung, Kriegsgefangenschaft, Internierung).
Und hier wird das Ganze fragwürdig. Die Opfer des Faschismus (Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschafter, Pazifisten, Zeugen Jehovas, aufrechte Gläubige, bürgerliche Nazigegner, in der so genannten „Euthanasie“-Aktion Ermordete, standrechtlich erschossene Soldaten…) unter dem gleichen Denkmal mit Soldaten, SS-Angehörigen, durch Selbstmord in den Maitagen 1945 aus der Verantwortung geschiedenen Hitlertreuen, in Internierung umgekommenen Nazi-Aktivisten und an Verbrechen mancherlei Art Beteiligten?
Da ist doch mindestens örtliche Einsichtnahme in Archivunterlagen und Sterberegister angesagt und eine Befragung möglichst vieler noch lebender Zeitzeugen.
Wenn man denn schon ein Denkmal für nötig hält, sollte man auf den Opferbegriff verzichten und es bewenden lassen bei der einfachen Aussage:
„Den Toten zum Gedenken, den Lebenden zur Mahnung“.