Chronik 1938

  2.1.      Eine Großkundgebung mit Filmvorführung veranstaltete am Sonntagvormittag die Ortsgruppe Pirna-West der NSDAP. Nach dem Lied „Wir sind die Wächter“, von einem SA-Singechor vorgetragen, und dem Gedicht „Dein Erbgut hast du von deinen Vätern“, vorgetragen von einem Hitlerjungen, sprach SA-Sturmführer Tschäpe einleitende Worte, und dann sah man den Film „Opfer der Vergangenheit“. Es waren erschütternde Bilder mit begleitenden Worten, in denen man das Elend sah, das sich in den Anstalten für Geisteskranke abspielte. Während erbgesunde Familien oft in kümmerlichen Wohnungen, in engen Wohnvierteln ihr Dasein fristen, hat man die rettungslos dahinsiechenden schuldlosen Opfer der Erbkrankheit in die schönste Umgebung gebracht, die sie nicht einmal wahrnehmen. Ungeheure Summen müssen aufgebracht werden, um die unglücklichen Opfer zu erhalten, während man mit dem Gelde erbgesunde Familien in viel wertvollerem Maße unterstützen könnte. Bürgermeister Hohlmann-Struppen ging dann in einem Vortrage auf die rassenpolitische Gesetzgebung ein und zeigte, wie wertvoll die Bestimmungen hinsichtlich des Erbgesundheitsnachweises sich für unser deutsches Volk auswirken müssen und auch auswirken werden. In einem weiteren Film wurde gezeigt, wie ein gesundes Volk die Hände regt, wie gesunde Menschen am Werke sind, all das zu vollbringen und zu schaffen, was wir in den letzten Jahren miterlebten, ein scharfer Gegensatz zwischen dem gesunden Menschen und den unglücklichen Opfern, die man im ersten Film sah. Man muß die nationalsozialistische Gesetzgebung rückhaltlos anerkennen, sich von manchen hemmenden Gedanken freimachen und immer den Grundsatz vertreten, daß das Gesunde stark und das Starke gesund erhalten werden muß. Mit dem Gruß an den Führer fand die Kundgebung nach einem Schlußwort des Sturmführers Tschäpe ihren Abschluß.“ Pirnaer Anzeiger, 7.1.1938, S.2.  

5. 1.     Erlaß des Gesetzes über die Änderung von Familien- und Vornamen: Verbot der Namensänderung von „Nichtariern“.  

13.1.        „Über Judennamen bestimmen die Richtlinien, daß Anträgen deutschblütiger Personen, die jüdische Namen führen, auf Änderung dieser Namen stattgegeben wird. Welche Namen als jüdische Anzusehen sind, bestimmt sich nach der Auffassung der Allgemeinheit. Anträge von Juden und Mischlingen, ihren Namen zu ändern, wird grundsätzlich nicht stattgegeben, weil durch die Änderung des Namens die Abstammung des Namensträgers verschleiert würde.“ PA, 13.1., S.11: Kommentar zum Reichsgesetz über die Änderung von Familiennamen, dabei Abschnitt über Judennamen.  

15.1.    Deutsche Christen laden zu Gottesfeiern die Einwohner der Gemeinden und deren Nachbarorte herzlich ein in die

Stadtkirchen von Hohnstein, Lutherkirche Heidenau, Berggießhübel, Stolpen, Königstein, Pirna. PA,15./16.1.,S.4.

21.1.    Ratsherrenberatung in Pirna. Bericht des OB Dr.Brunner. 1937 - 134 neue Wohnungen gebaut, 60 noch in Bau. HJ-Heim an der Reichsstraße mit über 20 Räumen errichtet. PA,22./23.1.,S.7.  

4.2.      Großkundgebung des Bundes Deutscher Osten - Vortrag „Volkstumskampf an der deutschen Ostgrenze“. PA, 4.2., S.2.  

15.2.    NSDAP-Kreistagung in Königstein. Volkstumskampf betont. Leiter des Kreisamtes für Rassenpolitik Pg. Schumann und Kreisleiter Elsner leiten die ideologische Aktion zur „sudetendeutschen Frage“ ein. PA, 15.2., S.2.  

17.2.    Dr. Brunner im Ratsherrenabend: 1928 hatte Pirna 1 228 Angestellte und 11 464 Arbeiter in den Betrieben der Stadt. 10 Betriebe in der Krise stillgelegt, dadurch 7000 Arbeiter brotlos. Etwa 5270 Arbeitslose wurden Unterstützungsempfänger. Jetzt zählt Pirna rund 10.000 Beschäftigte. Entvölkerung unseres Grenzgebiets: 1937 wanderten allein aus Pirna 750 Facharbeiter in andere Gaue des Reiches ab., und auch die Zahl der Sterbefälle überstieg im selben Jahr die der Geburten.. Die Schulden der Stadt von 9,5 Mill. Auf 8,7 Mill reduziert.

Neugestaltungspläne: Aufträge für Schlachthofbau vergeben. Plan für Gebäude der NSDAP-KL, NSV, Kreisbauernschaft, städtisches Betriebsamt - an Reitbahnstraße/Brodkorbweg (den begradigen!) - Scheunenabriß, Bebauungsplan.

Klosterkirche soll Fest- und Feierhalle werden. Kapitelsaal als Ahnen- und Sippenhalle in Verfügung der NSDAP. PA, 18.2., S.2.

1.3.      Mitteilung, daß nur die Partei berechtigt sei, den arischen Charakter eines Geschäfts zu prüfen und festzustellen. Nur die von der Gauverwaltung der DAF, Hauptstelle Handwerk und Handel herausgegebenen Schilder „arisch“ sind zugelassen. PA, 1.3., S.2.  

4.3.      „Völkerfrieden oder Judendiktatur?“ „Nach der im Herbst vorigen Jahres durchgeführten, den ganzen Sachsengau erfassenden Großaktion „Ein Volk bricht Ketten“ wird unser Gau vom 4. bis 19. März abermals im Zeichen einer gewaltigen Aufklärungswelle stehen. In diesen Tagen werden in allen Teilen Sachsens unter dem Leitwort „Völkerfrieden oder Judendiktatur“ insgesamt 1350 Versammlungen veranstaltet.“ PA, 17.2., S.2; S.9: Übersicht über Kundgebungen und Redner zu „Völkerfrieden oder Judendiktatur“ am 5.3. Siehe auch PA, 26./27.2., S.2.  

5.3.      Kreisleiter-Einweisung Elsners durch Mutschmann am 5.3. und Verabschiedung Gerischers.

Mutschmann wird zum o. g. Thema als Redner in der Tanne auftreten. PA, 4.3., S.2. PA, 7.3., S.9: Bericht über Kundgebung in Pirna. Mutschmann „betont, daß derjenige, der heute noch beim Juden kaufe, sich von der Volksgemeinschaft ausschließt und daß er mit der Veröffentlichung seines Namens rechnen müsse.“

8.3.      Mit Schlachthofbau begonnen. PA, 10.3., S.2.  

11.3.        Propagandamarsch und Kundgebung in Pirna anläßlich der Besetzung Österreichs. Straßen geflaggt, auch fast alle Privathäuser, Buntfeuer auf dem Lilienstein um Mitternacht. PA, 12./13.3., S.2.  

12./13.3.          Einmarsch deutscher Truppen in Österreich, das von Hitlerdeutschland okkupiert wird.  

15.3.    Erwerbslosigkeit in der AHM:

 

Jan. 1938

Februar 1938

Jan. 1937

Febr. 1937

Wohlfahrtserwerbslose

1405

1291

 

 

Hauptunterst.-Empf.

3418

2801

 

 

Gesamt

4823

4092

7311

6979

Besonders ungünstig Sebnitz (3.Stelle im Reich) und Neustadt. PA, 16.3., S.2.  

22.3.    Verdunkelungsübung von abends 6 - 11 Uhr; große Fortschritte registriert. PA,Silv./Neuj. 38/39,S.13.  

24.3.    Im Amtshof, der alten Stätte von NS-Treffen, Begegnung der „Alten Garde“ des Kreises mit KL Elsner.

März:     SA-Gepäckmärsche, Verdunkelungsübung, Kolonialbundsveranstaltungen, DAF, KdF. PA, 24.3., S.2.

31.3.    In Pirna noch Arbeitslosen- und Krisenunterstützungsempfänger: 548, Wohlfahrtserwerbslose: 793. B III-XXI, 26, Statistische Erhebungen 1931-1947, Bl.183.  

7.4.      Auf Mutschmanns Veranlassung ist die Gebietsbezeichnung „Sächsische Schweiz“ in „Sächsisches Felsengebirge“ umgewandelt worden. Zur „Beseitigung fremdländischer Vergleichswerbung“. PA, 7.4., S.2.  

10.4.    Ergebnisse zur Volksabstimmung über den „Anschluß Österreichs“:

 

AHM Pirna

Stadt Pirna

Heidenau

Stimmliste

114 608

22 762

12 195

Stimmscheine

5 452

667

246

Stimmberechtigte

120 060

23 429

12 441

abgegebene St.

119 850

23 346

12 426

Ja - Stimmen

117 063

22 900

12 126

Nein - Stimmen

2 141

401

277

ungültig

646

45

23

PA, 11.4., S.1 und 9:

S.2: Kirchenkanzlei der DEK fordert alle Landeskirchen zu Dank-Glockenläuten am 11.4. zwischen 20 und 20.15 Uhr auf und zu Dankgottesdiensten am Dienstag, dem 12.4.

„An alle Christen der Tat im Kirchenkreis Pirna! Die uralte Sehnsucht des deutschen Volkes ist erfüllt. Großdeutschland ist erstanden. Damit hat der Führer eine gottgewollte und gottgesegnete Tat vollbracht. Wir alle danken dem Herrgott für dieses wunderbare Geschehen. Wir alle danken unserem Führer, daß er durch sein entschlossenes Handeln die Einigung unseres Volkes vollzogen hat. Wir alle erweisen unsere Dankbarkeit am 10. April mit einem freudigen Ja! Zu Großdeutschland und seinem Führer!

Die Superintendentur Pirna. I.A.: Leichte, kommissarischer Superintendent.“

PA, 9./10.4., S.4.

20.4.    Auf Anordnung des Landeskirchenamtes  ist durch alle Amtsträger Eid abzulegen: „Ich schwöre, ich werde dem Führer des

deutschen Reiches und Volkes Adolf Hitler treu und gehorsam sein, die Gesetze beachten und meine Amtspflicht gewissenhaft erfüllen, so wahr mir Gott helfe.“ PA, 21.4., S.2.

15.5.    In Pirna und anderen Orten beginnt die Ausgabe der Volksgasmasken (VM 37). „Wenn die Blockwalter der NSV in die Haushalte kommen, dann zögere niemand, die VM 37 zu bestellen. Sie gehört in jeden Haushalt.“ Sippenforschung. Arbeitsgemeinschaft gebildet zwischen sippenkundlicher Abteilung des Reichsnährstandes, dem Rassepolitischen Amt der NSDAP und dem NS-Lehrerbund. Es beginnt die „Verkartung und Weiterverarbeitung unserer Kirchenbücher.“ Formulare beim Reichsnährstand zu haben. Dazu Lehrgänge veranstaltet; einer davon in Zwiesel b. Berggießhübel. PA, 15.5., S.2.  

30.5.    Pfarrer Leichte, Königstein, in die 1. Pfarrstelle der Marienkirche gewählt. Geb. 1893.

„Für die nationale Bewegung setzte er sich schon lange vor der Machtergreifung ideell und materiell ein, im Jahre 1933 meldete er sich als Parteimitglied an. Als Amtswalter arbeitet er aktiv in der NSV. Pfarrer Leichte führt seit dem Herbst 1937 kommissarisch die Superintendentur.“ PA, 30.5., S.2.

Am 26.6. wird Superintendent Leichte in der Stadtkirche durch Landesbischof Coch in sein Amt eingewiesen. PA, 24.6., S.3.

10.6.        Das Reichsluftfahrtministerium hat für weitere Orte Zuweisung von Volksgasmasken angeordnet, darunter Pirna, Berggießhübel, Bad Gottleuba, Dohna, Heidenau, Königstein, Bielatal und Rosenthal. Der Vertrieb wird in nächsten Tagen einsetzen. PA, 10.6., S.2.  

10.6.    Wohlfahrtserwerbslose im Bezirk der AHM: nur noch 363 gegenüber Höchststand 1932/33 von 10 914. PA, 11./12.6., S.2.  

14.6.    Mitteldeutsche Kolonialschau in Heidenau, dann vom 22.-29.6. in Pirna, in der Turnhalle der Mädchenschule. Kaiser als Kreisverbandsleiter des Reichskolonialbundes für Pirna: Bedingungslose Rückgabe der deutschen Kolonien gefordert. PA, 14.6., S.2.  

PA, 22.6., S.2: „Arisch. Es wir nochmals darauf hingewiesen, daß nur das rote Transparentschild ´Arisch´ mit dem Hakenkreuz und dem Stempel der Gaudienststelle Handwerk und Handel für die Kennzeichnung aller einwandfrei arischen Geschäfte maßgebend ist. Alle anderen Kennzeichnungsschilder, wie „Deutsches Geschäft“, „Christliches Fachgeschäft“ oder „Rein  arisches Geschäft“ sind verboten und sofort zu entfernen.“  

24.6.    In den Ruhestand tritt in der kath. Kirchgemeinde Pfarrer de Lasalle. Sein Nachfolger: Dr. Benno Scholze aus Leipzig-Markranstädt. PA, 24.6., S.3 und PA, 9./10.7., S.3.  

6. 7.     Erlaß des Gesetzes zur Änderung der Gewerbeordnung: Verbot für „Nichtarier“, Auskunfteien und Bewachungsbetriebe, Maklergeschäfte, Heiratsvermittlungen, Hausverwaltungen, Fremdenführerunternehmen und Wandergewerbebetriebe zu führen.  

11. 7.   Erlaß des Reichsministers des Innern über das Verbot des Aufenthalts von .Juden in Kurorten.  

13.7.        Mitteilung über das neue Reichsgesetz zur Änderung der Gewerbeordnung. Danach sind Juden und jüdischen Unternehmungen von jeglicher Art des Wandergewerbes und vom Beruf des Handelsvertreters ausgeschlossen. PA, 13.7., S.2.  

29.7.    Regierungsrat Dr. S. Müller als kommissarischer Amtshauptmann eingesetzt. PA, 29.7., S.2.  

18. 8.   Runderlaß des Reichsministers des Innern: Richtlinien über die Führung der Zwangsvornamen und Anweisung an die Polizei, der Gestapo die Anmeldung der Zwangsvornamen im einzelnen mitzuteilen.  

23.8.    Die Höhere Mädchenschule als Städtische Oberschule für Mädchen Pirna meldet. Fast restlose Eingliederung in die HJ. Die Schule hat damit das Recht, die HJ-Fahne zu hissen. PA, 23.8., S.2.  

24.8.    An der Butterversorgung ändert sich nichts. Die Kleinverteiler erhalten höchstens 85% der Menge an Butter, die im November 1936 bzw. Dezember 1937 ausgegeben wurde. PA, 24.8., S.2.

„Für Juden nur jüdische Vornamen. Juden mit deutschen Vornamen setzen Israel bzw. Sara zu.“ Zusatznamen bis 1.1.1939 anzunehmen und bis 31.1. schriftlich Anzeige zu erstatten bei jenen Standesämtern, die Geburt oder Heirat beurkundet haben. Namensregister ist aufgeführt für jüdische Vornamen. Deutsche dürfen keine jüdischen oder ausländischen Vornamen erhalten. PA, 24.8., S. 6.

28.8.        Die Siedlung, die hinter den Kasernen an der Rottwerndorfer Straße entstanden ist, wird am 28.8. auf den Namen „Hermann-Göring-Stadt“ geweiht werden. PA, 2.8., S.2, S. 9.

Bericht über Einweihung der Hermann-Göring-Siedlung: 1935 - 261; dann - 165; 243 Wohnungen errichtet (Bauabschnitte). 239 Grundstücke mit 669 Wohnungen und 2345 Einwohnern. PA, 29.8., S.9/10.  

30.8.    Goldgeld wird nur noch bis 30.August zum vollen Wert von Postanstalten angenommen. Es besteht Ablieferungspflicht. PA, 20./21.8., S.2.  

1.9.      Aus Staatlicher Oberschule für Jungen und städtischem Realgymnasium sind 2 völlig gleichartige Oberschulen für Jungen entstanden. Künftig nur noch Anmeldungen für Staatliche Oberschule für Jungen. PA, 27./28.8., S.2.  

5.9.      Reichsparteitag der NSDAP. Der Kreis Pirna stellt zum Nürnberger Parteitag „350 Politische Leiter und 50 Parteigenossen in Zivil“. „Die SA und SS stellen gegen 170 Mann. Ebenso werden 90 Frauen, 50 Hitlerjungen und 10 Deutsche Mädel neben Mitgliedern der DAF in Nürnberg vertreten sein.“ PA, 25.8., S.2.  

10.9.        Die Zahl der sudetendeutschen Flüchtlinge nimmt im Kreis zu. PA, 10.9., S.2.  

19.9.        Sudetendeutsche Kundgebung in der Tanne. PA, 20.9., S.2.  

27.9.    „Nahezu 14 000 sudetendeutsche Flüchtlinge durchfluten den Kreis Pirna.“ Jugendliche Flüchtlinge werden durch HJ erfaßt. PA, 27.9., S.2.  

28.9.        Protestkundgebung auf dem Marktplatz heute abend 8 Uhr. PA, 28.9., S.2.  

29.9.        Münchener Abkommen, das die Besetzung und Annexion des „Sudetengebiets“ durch Deutschland besiegelt.  

1.10.    Einmarsch deutscher Truppen in das „Sudetenland“ das in Etappen bis zum 10.10. besetzt wird.  

5.10.        Verordnung über Kennkarten in Kraft; als „allgemeiner polizeilicher Inlandsausweis“ kann er erworben werden. Zwang besteht nicht. Zwang zur Beschaffung jedoch für Männer bei Eintritt ins Wehrpflichtalter, für kleinen Grenzverkehr und Auslandsverkehr und für Juden. PA, 5.10., S.2.  

7.10.    Richtfest für die 110m hohe Esse bei Küttner. PA, 8./9.10., S.2.  

14.10.    Sitzung der Kreisausschüsse Pirna und Sebnitz der Industrie- und Handelskammer Dresden am 14.10.38 in Bad Schandau. Gegenstand: Wirtschaftliche Probleme und Möglichkeiten nach Anschluß des Sudetenlandes. B III-II, 585, Bl. 99ff.  

14. 10. Besprechung bei H. Göring über die „Arisierung der Wirtschaft“ mit allen Mitteln, über die Errichtung von Ghettos in Großstädten und die Aufstellung jüdischer Arbeitskolonnen sowie über die Einweisung von Juden in Ghettos.  

20.10.  Wieder Truppenrückkehr der hiesigen Garnison aus Sudetengebiet. PA, 20.10., S.2.  

20.10.  Beratung der Ratsherren: Brunner verweist auf neue territoriale und wirtschaftliche Situation Pirnas nach Anschluß des Sudetenlandes: Wirtschaftlicher Aufschwung vorausgesagt, Anschluß ans Autobahnnetz, Speicherbeckenbau bei Pirna werden nicht aufgegeben. Verbindungsaufnahme mit Bodenbach.

Gelungen sei seit 1937 die „restlose Beseitigung der Arbeitslosigkeit aller voll einsatzfähigen Arbeitskräfte.“ Es erhalten noch 516 (856) Wohlfahrtserwerbslose Fürsorgeunterstützung. Diese wären aber nicht mehr voll einsatzfähig. Dazu noch 227 Kleinrentner und 362 sonstige hilfsbedürftige Unterstützungsempfänger. Gesamtzahl der Unterstützungsempfänger somit 1729.

Gebaut werden sollen: 16-klassige Volksschule in der Hermann-Görig-Siedlung; dringend erforderlich sei Erweiterung des Krankenhauses, auch neues HJ-Heim und ein Kinderheim. Kosten etwa 1,5 Mill., die aber nicht verfügbar. PA, 21.10., S.9.

28.10.  Ausweisung von 15 000 bis 17 000 Juden polnischer Staatsangehörigkeit, Zwangstransporte an die deutsch-polnische Grenze.  

7.11.    Ein junger polnischer Jude namens Grynszpan erschießt in Paris den deutschen Legationssekretär E. v. Rath. PA, 8.11., S.1.

Heidenau: „In arischem Besitz. Das Kaufhaus Reiner, das seit einigen Tagen geschlossen war, hat den Besitzer gewechselt und wird unter neuer Firma weitergeführt. Die Empörung im deutschen Volke über die neue jüdische Verbrechertat in Paris läßt diesen Wechsel besonders begrüßenswert erscheinen.“ Ebenda, S.3.  

9.-11.   Organisierter Pogrom in Deutschland (Kristallnacht): Ermordung von 91 Menschen, Verhaftung von ungefähr 30000 Juden und Verschleppung in die KZ Buchenwald, Dachau und Sachsenhausen, Zerstörung der Synagogen, Demolierung von rund 7000 Geschäften, Inbrandsteckung zahlreicher Gebäude.  

10.11.  In Pirna und anderen Städten des Kreises kommt es wie überall im Deutschen Reich zu Pogromhandlungen gegen jüdische Geschäfte und Bürger. (Vgl. Jensch, Juden in Pirna).  

10.11.  Goebbels gibt bekannt: „Die berechtigte und verständliche Empörung des deutschen Volkes über den feigen jüdischen Meuchelmord an einem deutschen Diplomaten in Paris hat sich in der vergangenen Nacht in umfangreichem Maße Luft verschafft. In zahlreichen Städten und Orten des Reiches wurden Vergeltungsaktionen gegen jüdische Gebäude und Geschäfte vorgenommen. Es ergeht nunmehr an die gesamte Bevölkerung die strenge Aufforderung, von allen weiteren Demonstrationen und Aktionen gegen das Judentum, gleichgültig welcher Art, sofort abzusehen. Die endgültige Antwort auf das jüdische Attentat in Paris wird auf dem Wege der Gesetzgebung bzw. Der Verordnung dem Judentum erteilt werden.“ PA, 11.11., S.1.

S.2: Kurzer Bericht über Pogrom in Pirna. Kundgebung mit Müller am Nachmittag des 10.11. auf dem Marktplatz.

10.11. Prof. Der Theologie Dr. Wolf Meyer-Erlach, Jena, Rektor der Schiller-Universität Jena, spricht in Gottesfeiern über „Wende des Glaubens“ und in den Nachversammlungen über das Thema „Luther und die Juden“. Königstein am 11.11., Heidenau am 12.11., Pirna am 13.11. Kirchgemeinde, Leichte. Die Nachversammlung in Pirna findet im Feldschlößchen statt. PA, 10.11., S.2.  

11.11.    „Gesetzliches Verbot des Waffenbesitzes der Juden“. In schweren Fällen Zuchthaus bis zu 5 Jahren. PA, 12./13.11., S.2.  

14.11.    Veröffentlichung der „Sühnemaßnahmen“: Verordnung über die Sühneleistung (1 Mrd. Reichsmark); Ausschaltung aus dem deutschen Wirtschaftsleben; Wiederherstellung des Straßenbildes. Göring. Keine Juden mehr an deutschen Hochschulen. PA, 14.11., S.1.  

14.11.  Öffentliche Kundgebung in Pirna-Copitz am 14.11. Ortsgruppenleiter Peukert eröffnete sie und begrüßte als Redner den Leiter des sächsischen Volksbildungsministeriums "Pg." Göpfert. Weil, was er ausführte und der P.A. wiedergab, so charakteristisch für die Pogromstimmung und den überschäumenden Judenhaß ist, sollen die wesentlichen Passagen des Redeberichts hier wiedergegeben werden. Göpfert  erklärte: "Wir haben in der Welt nur einen Feind, und das ist der Jude.  Mit seiner Haßpropaganda hat uns der Jude unsere Anständigkeit gedankt; man erfand Greuelmärchen; man versuchte uns wirtschaftlich zu ruinieren, und mit den letzten Schüssen wollte er nicht nur die Person, sondern das deutsche Volk treffen. Darauf habe das deutsche Volk auch entsprechend geantwortet. Es kann nur eine einzige Antwort geben: 'Raus mit den Juden aus Deutschland!' Und wenn man ihn raushaben will, muß man ihm seine Geschäfte zumachen. Die Verordnung des Generalfeldmarschalls Göring als Beauftragter für den Vierjahresplan habe nun gründlich dafür gesorgt. Man muß aber auch dafür Sorge tragen, daß der Jude niemals wieder zurückkommt; man müsse deshalb unsere Jugend wachhalten. Der Redner wandte sich dann gegen die, die immer noch Mitleid mit den Juden und kein Verständnis für die Maßnahmen der Regierung haben. Es muß Sorge dafür getragen werden, daß ein Deutscher nie wieder mit einem Juden zusammenkommt. Der Jude hat uns kritische Zeiten bereitet." So weit dieser Auszug. PA, 15./16.11., S.3.

S.5: Verordnung über die restlose Entfernung der Juden aus deutschen Schulen.

24.11.    Kreisleiter Elsner ergriff in Versammlung der NSDAP-Ortsgruppe Heidenau „das Wort zu einer scharfen Abrechnung mit dem Judentum und seinen heimlichen Freunden sowie denjenigen, die die deutsche Einheit angreifen.“... „Schluß mit der Gutmütigkeit gegen dieses Parasitenvolk, das Deutschland schon einmal ins Unglück gestoßen hat.“ Mitleidige „sollen sich nicht aufregen über Maßnahmen, die zum Schutze des deutschen Volkes notwendig sind.“ ...“Schon Luther hat gegen ´Juden und ihre Lügen´ gestritten.“... „Wenn in Deutschland jemand nur ein Wort für die Juden übrig hat, dann ist er kein Deutscher.“ PA, 24.11., S.3.  

30.11.  Neuer Oberstudiendirektor der Staatlichen Oberschule für Jungen: Dr. Ullrich aus Glauchau. Der Kreisverband des Reichskolonialbundes hat 22 Ortsverbände mit rund 4500 Mitgliedern. Kreisverbandsleiter Pg.Kaiser, Stellvertreter: Pg. Höppner. PA, 30.11., S.2.

 

30.11.  Bezirksausschußberatung der AHM: - Folgerungen aus Sudetenlandanschluß ans Reich für den Kreis Pirna: Straßenbau Schmilka-Herrnskretschen-Tetschen. - Erörterungen über Linienführung der Reichsautobahn im Pirnaer Raum. - Rückgang der Wohlfahrtserwerbslosen: Okt. 37: - 912; Okt. 38 - 244. PA, 1.12., S.2.  

1.12.        Neue Heeresgliederung: 15 Wehrkreise - 18 Armeekorps, die in 6 Gruppenkommandos zusammengefaßt. Wehrkreis IV (Generalkommando IV. Armeekorps Dresden). Dazu gehören: die 4.Div. (Reichenberg), die 14.Div. (Leipzig), die 24.Div. (Chemnitz). Kommandierender General: Gen.d.Inf. v.Schwedler. Heeres-Gruppenkommando 3 in Dresden: Gen.d.Inf. Blaskowitz. PA, 2.12., S.6.  

3.12.        Nächster Vortragsabend der Volksbildungsstätte gemeinsam mit Pirnaer Geschichtsverein zur Sippenforschung, „jener Frage, die heute im Mittelpunkt der Volksforschung steht und höchste politische Bedeutung gefunden hat.“ PA, 3./4.12., S.3.  

6.12.        „Beschleunigte Entjudung der deutschen Wirtschaft“ - neueste Verordnungen des Reichswirtschaftsministers mitgeteilt und erläutert. PA, 6.12., S.5.  

9.12.        Mitteilung über Beteiligung der SA-Standarte 177 am Einmarsch ins Sudetenland: „Auf einsamen Waldwegen nach Tissa“. PA, 9.12., S.9.  

3.12.        Arbeitstagung der SA-Standarte 177 in Pirna. Führer der Standarte 177; Sturmbannführer Mittag. Dank des SA-Obergruppenführers Schepmann an die Standarte für „großartige Leistungen bei Aufstellung, Ausbildung und Einsatz  des Freikorps Konrad Henlein sowie bei der Einrichtung der SA-Gruppe Sudeten.“ PA, 12.12., S.2.  

14.12.    Einweihung des neuen Schlachthofs in Pirna. PA, 14.12., S.9 und PA, 15.12., S.9.  

23.12.  Dienst im Luftschutz ist Pflicht. Eine hiesige Einwohnerin wegen Verweigerung des Dienstes zur Verantwortung gezogen. Hatte sich als Luftschutzwart geweigert, Merkblätter in Häuser zu verteilen. Amtsgericht Pirna verurteilte sie zu einer Geldstrafe. PA, 23.12., S.2.

S.3: Superintendent Leichte zu Weihnachtsfeier im Krankenhaus. Zum Schluß seiner Ausführungen wies es „auf den Führer hin, dessen Charakter und Wesen vom Licht erfüllt ist, und der betonte, daß wir gewillt seien, mit dem Führer den Weg des Lichtes zu gehen.“

   

Adreßbuch 1938

Vereine, S. 26 f.

Reichskolonialbund, Ortsverband Pirna, OV-Leiter: Ernst Feldtrapp

VDA - Volksbund f.d. Deutschtum im Ausland. Gruppenleiter: Oberstudiendirektor Utech (Gruppe Pirna). Bezirk Pirna: Bezirksleiter Bezirksschulrat Löbel.

NSDAP: Kreiswirtschaftsberater Emil Meienhofer, Heidenau, Heinrichstraße 17.

SA, Standarte 177, Sturmbann II und III,  Albertstr. 9.

SS-Sturm 4/46, Reitbahnstraße 3.

Hitlerjugend, Königsteiner Str. 17.

NSDAP-Kreisleitung, Breite Str. 21.

Kreisbauernführer Kurt Schumann, Zatzschke.

 

Zurück zur Chronik Faschismus

Zurück zu Texte