Kritische Bemerkungen zu
Peter Brunner, „Pirna im Zweiten Weltkrieg".
Pirna 2005. Herausgeber: Redaktions- und Verlagsgesellschaft Freital-Pirna mbH.
Im vorliegenden Buch ist wirklich Neues zu erfahren:
Von Klaus Müller über das Kunstseidenwerk Fr. Küttner im Zweiten Weltkrieg, durch Götz Bergander über die Luftangriffe auf Pirna auf der Grundlage umfangreichen Quellenmaterials. Erweitert werden die Informationen über Kriegsgefangenenlager in Pirna und über andere Bereiche des Alltagslebens im Kriege. In einigen Schlusskapiteln wird ein Blick auf die letzten Kriegstage und die ersten Nachkriegswochen geworfen.
Ist jede Kenntnis und Einsicht erweiternde Publikation zur Heimatgeschichte auch zu begrüßen, gerade zur Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts, so bereitet die hier vorliegende Buchveröffentlichung doch einige Bedenken, auf die ich im Folgenden eingehen will.
Über weite Strecken folgt die Darstellung persönlichen Erinnerungen. Deren Träger stammen fast alle aus dem gleichen sozialen Umfeld (HJ-Gymnasiasten-Generation). Kein Gedanke wird darauf verwendet, dass zur gleichen Zeit andere Gleichaltrige ganz anders dachten und handelten.
Nun ist das mit Erinnerungen so eine Sache. „Nämlich die, dass sich die Erinnerung vor der Wahrheit verlaufen kann, um entweder in die Abwege der Verteufelung oder die Irrwege der Vergoldung zu geraten. Oder den bekannten Dritten Weg sucht, der alle bedienen will und keinem nützt und so allen und der Sache schadet." Das habe ich bei Eberhard Esche, Wer sich grün macht, den fressen die Ziegen, Berlin 2005, auf S. 153 gefunden, und weil es mir für den hier zu behandelnden Gegenstand bezeichnend erschien, zitiere ich es.
„Nichts ist trügerischer als die eigene Erfahrung", sagte mal ein namhafter Historiker. Besteht sie doch meist aus bruchstückhaft aufbewahrter, stark selektierter und über die Jahre vielfach abgewandelter, oft emotional aufgeladener Erinnerung, während anderes verdrängt und abgeblockt wird. Werden Erinnerungen durch andere abgerufen, dann folgt man meist deren Fragestellung oder Erwartung. Handelt es sich beim ins Bewusstsein Zurückgerufenen um Ereignisse, die mehr als 50 oder gar 60 Jahre zurückliegen, fällt die Rekonstruktion von Ereignisabläufen schwer, wenn sie nicht gar unmöglich ist. Erlebtes vermischt sich mit Gehörtem zu einem Bild. Was und wie „damals" gedacht wurde, ist inzwischen mehrfach in wandelnden Zeiten überlagert und verwandelt worden. Das alles fordert von jedem über Geschichte Schreibenden, ein Mindestmaß an quellenkritischen Bedenken. Was von den aufgenommenen Erinnerungen Befragter nahm der Autor in seine Darstellung auf, was ließ er unberücksichtigt. Nach welchen Kriterien selektierte er Erinnerungen und Tagebuchworte?
Ist es nicht so, dass beim heute in den Medien oft geübten Gebrauch, Geschichte an „Zeitzeugen"-Erinnerung abzuhandeln, Ereigniszusammenhänge, politische, wirtschaftliche und soziale Strukturen und Vorgänge, aus denen etwas zu verstehen und zu lernen wäre, auf der Strecke bleiben? Schlimmer: Heute dient solcherart Vorgehen geschichtspolitischen Zwecken, von denen einer ist, von den Opfern der Deutschen auf die Deutschen als Opfer umzuschwenken. Verbunden ist das mit Verweisen auf die „Verbrechen des Stalinismus" in Gestalt der „Roten Armee" (an die Westalliierten traut man sich dann doch nicht ganz so heran). „Befreiung" wird in Anführungsstriche gesetzt, womit in direktem Geschichtsrevisionismus hinter jene Erkenntnis zurückgegangen wird, die den damaligen Bundespräsidenten v. Weizsäcker 1985 endlich veranlaßte, auch von der Befreiung des deutschen Volkes zu sprechen.
Das stünde nicht hier, wenn die Veröffentlichung dazu nicht vielfach Anlaß böte.
Im Vorwort wird angekündigt, dass die Darstellung über die bislang erschienenen Einzelveröffentlichungen hinaus eine Gesamtsicht anstrebe und über jene Abhandlungen hinausgehen wolle, die „teilweise geprägt vom Zeitgeist der ersten Nachkriegsjahre und auch fokussiert auf sozialistische Interpretationsschwerpunkte" gewesen wären. Was war der Zeitgeist der ersten Nachkriegsjahre? Was lenkte in die Irre, wenn man sich auf „sozialistische Interpretationsschwerpunkte" einließ? Dagegen ist einzuwenden, dass auch in diesem Buch der Anspruch auf eine Gesamtdarstellung nicht erfüllt wird und wir eine vom gegenwärtigen „Zeitgeist" geprägte Sicht vorfinden, die mehrfach erheblich gegen das angeblich beherzigte Gebot der Sachlichkeit verstößt. Der Verfasser benennt seine geschichtspolitische Position zwar nicht eindeutig, sie ist aber unschwer erkennbar. Goethe hat eben doch recht: „In jeder Geschichte, selbst einer diplomatisch vorgetragenen, sieht man immer die Nation, die Partey durchscheinen, wozu der Schreibende gehörte. Wie anders klingen die Mitteilungen der Franzosen über englische Geschichte als die der Engländer."
Der einleitende Beitrag über „Händel, Fehden, Kriegsgeschrei – Kriegsnöte in und um Pirna" ist als eigenständige Arbeit gerechtfertigt. Im Zusammenhang mit dem verbrecherischen Krieg des deutschen Faschismus aber erscheint dessen Krieg als einer in einer Kette, nicht aber als singuläres Verbrechen, das erstmals in der Geschichte ein internationales Kriegsverbrechertribunal rechtfertigte! Diese Art der Behandlung des Zweiten Weltkrieges als Krieg wie andere auch relativiert Geschichte. Dann kommt man auch zu solchen Formulierungen, dass am Ende der „Verlierer bezahlen muß". Hat denn dieser „Verlierer" den Krieg nicht ausgelöst und mit barbarischen Mitteln geführt?
War der Zweite Weltkrieg wirklich „nur" ein Krieg von vielen, von denen die Region um Pirna heimgesucht wurde, wie es im Epilog heißt? War das wirklich ein ganz gewöhnlicher Krieg, wie hier der Anschein erweckt wird? Wie ist es dann zu erklären, dass sich gegen die faschistische Welteroberungs-, Vernichtungs- und Ausplünderungspolitik alle unterjochten und gefährdeten Völker zur Wehr setzten und sich miteinander verbanden, um diesen Faschismus bis zur völligen bedingungslosen Kapitulation zu bekämpfen? – Ist es nicht so, dass wir gut und glimpflich davongekommen sind, angesichts der unübersehbaren Verwüstungen und Verbrechen von Wehrmacht SS, Einsatzgruppen und Besatzungsbehörden, angerichtet vor allem im Osten?
Bei manchem verwendeten Begriff glaubt man, im falschen Film zu sein: Kriegsgefangene der „Feindmächte"; das steht nicht einmal in Anführungszeichen! Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge wurden nach Pirna „gespült" – wie Spülicht?! Usw. Die Handlungen der sowjetischen Besatzungsmacht werden in denunziatorischer Weise schon in der entsprechenden Kapitelüberschrift auf „Plünderungen – Demontagen – Reparationen – Requisitionen – Enteignungen" reduziert. Offenbar suchte der Verfasser geradezu nach Zeitzeugenaussagen zu diesen Bereichen. Die Tätigkeit der Sowjetischen Kreiskommandantur bestand aber in anderem, worüber Aufschluß zu gewinnen gewesen wäre, hätte man sich der Mühe unterzogen. Bedient werden sollte aber das unhistorische Konstrukt von den „zwei Diktaturen", die einander abgelöst hätten.
Demontagen und Reparationen werden als harte Einschnitte in das Wirtschaftsleben und als schwere Schläge gegen die Existenzgrundlagen der Deutschen gesehen. Nicht mal angedeutet wird, was denn die deutsche Wehrmacht in besetzten Ländern, gerade in der Sowjetunion angerichtet hatte. Erinnert sei: Die Sowjetunion stand 1418 Tage und Nächte im Krieg gegen den deutschen Faschismus. Über 11 Millionen sowjetische Soldaten und über 13 Millionen Zivilpersonen wurden getötet. 1710 Städte und ca. 70.000 Dörfer wurden zu „verbrannter Erde" gemacht, 31.800 Industriebetriebe, rund 13.000 Brücken und 65.000 km Eisenbahnnetz waren zerstört worden. Wohin sie auch beim Vormarsch kamen, sahen sowjetische Soldaten verwüstetes Land, zerstörte Wohnstätten, ermordete Mitbürger; fast alle beklagten den Tod Angehöriger. Das Erlebnis befreiter Konzentrationslager brannte sich ihnen ein. Wie schlug sich das in ihrem Denken und Fühlen nieder?
Wir finden eine geradezu idyllische Beschreibung der Schulsituation in der OS für Jungen. Ist dabei bedacht worden, dass bis auf drei Lehrer, die nicht genannt werden, alle genannten der NSDAP angehörten? Deswegen müssen sie noch nicht verbohrte Nazis gewesen sein, aber sie betonten mit ihrem „Bonbon" ihre Zugehörigkeit.
Wenn schon ein Blick auf die Zeit unmittelbar nach dem Kriege geworfen wird, dann wäre doch nachzufragen gewesen, wie die Aufrechterhaltung des Lebens der Einwohner gewährleistet wurde und durch wen? Statt dessen finden wir abwertende Äußerungen gegen jene Kräfte, die nach dem 8. Mai in Pirna das Ruder übernahmen. Sie hätten sich angebiedert und versucht, andere zu indoktrinieren, vernehmen wir. Als ob nicht die umfassendste Umerziehung eines ganzen Volkes angestanden hätte! Die alten „Eliten" hatten doch wahrlich gründlich abgewirtschaftet! Wer anders als die durch den Faschismus am unerbittlichsten Verfolgten war denn in dieser Zeit als glaubwürdige alternative Kraft gefragt? Da wird nun aufgezählt, wie viele leitende Leute im FDGB der SED angehörten und wie viele Polizei- und Kriminalbeamte. Über die Leistungen jener Antifaschisten, die sofort nach dem 8. Mai Verantwortung übernahmen, sich in die Sielen legten und die Karre aus dem Dreck holten, wird kein Wort verloren. Sie erlebten vielerlei Widerstände, Anfeindungen (die Nazis lösten sich nicht am 8. Mai in Luft auf - wie Hitler auch nicht als Außerirdischer nach Deutschland kam!), standen im Kampf mit vielen Widerwärtigkeiten, auch mit eigenem Unvermögen. Zu fragen wäre auch nach der Entnazifizierung mit ihrer Notwendigkeit, ihrem Befund und ihren Fragwürdigkeiten, nach der Rechtfertigung von Bodenreform und Industrieenteignungen.
Vertreibungssschicksale werden abgehandelt. Jedes von ihnen ist zu beklagen. Bleiben aber Ursachen und Zusammenhänge ausgeblendet, gerät man leicht ins Selbstmitleid und sucht die Urheber am falschen Platze. Das ist die heute leider verbreitete Darstellung zum Thema, die voll dem „Zeitgeist" entspricht. Die Deutschen als Opfer. Kaum einer fragt da nach den Empfindungen und dem Schicksal der jahrelang unter deutscher Herrschaft gedemütigten, ausgebeuteten, versklavten und von den Nazis als „Untermenschen" entwürdigten Menschen Osteuropas. Kaum einer stellt aufgestauten Haß in Rechnung. Die „Charta der deutschen Heimatvertriebenen" von 1950 befand sogar, es sei eine großzügige Geste, ihnen zu verzeihen statt sich bei ihnen zu entschuldigen.
Kaum einen Verweis auf den Widerstandskampf von Pirnaern findet man in dem Buch. Die Bemerkung, es habe nur in vier Fällen Nachrichten über die Hinrichtung von Pirnaern gegeben, findet man lediglich als eine Randbemerkung im Abschnitt über Kriegsalltag, Zeitungswesen und Polizeiakten. Verweise auf relativ ausführliche vorliegende Darstellungen fehlen. Aus den Polizeiakten zu schließen, die Pirnaer Polizei hätte sich bei der Verfolgung von Widerstand zurückgehalten, erscheint naiv; die Akten widerspiegeln nur die „Bagatellfälle", und die waren schon schlimm genug. Die ernsteren gingen gleich an die Gestapo und wurden nicht in Pirna verhandelt. Die lange Liste der Umgebrachten findet sich unter opfer des faschismus (Kreis Pirna), die der Verfolgten ist noch nicht abgeschlossen.
Auf die Auflistung aller Ungereimtheiten und Fehler (das „P" für polnische Zivilarbeiter wurde nicht 1942, sondern am 8.3.1940 eingeführt; Warthegau war nicht identisch mit Provinz Posen; beim Gelsenberg-Programm handelt es sich wahrscheinlich um den „Geilenberg-Stab") soll hier aus Raumgründen nicht eingegangen sein. Es gäbe noch vieles anzumerken.
Auch nach diesem Buch wird an der Rekonstruktion der Kriegsereignisse in unserem Gebiet zu arbeiten sein. Die Quellen sind in der Tat dürftig, aber noch lange nicht ausgeschöpft. Der Erkenntniszuwachs aus der Faschismus- und Weltkriegsforschung hält unvermindert an und muß der Verarbeitung regionaler Vorgänge zugrunde liegen.
20.06.2005