Teil 2

Max Tabaschnik, Königstein

(Dieser Bericht erschien 1934 in Karlsbad.)[1]

 

Ich heiße Max  T a b a s c h n i k und wurde am 20. April 1893 in der Ukraine als russischer Jude geboren. Ich bin staatenlos und lebte ab 1910 - also seit meinem 16. Lebensjahr - ohne Unterbrechung in Deutschland. Meine Frau stammt aus Bayern, mein zehnjähriger Sohn ist deutschsprachig erzogen worden.

In Karlsruhe erlernte ich den Beruf eines Zahntechnikers. Während des Krieges war ich zunächst - als russischer Staatsangehöriger - etwa acht Wochen hindurch interniert, später durfte ich, unter dem Schutze der spanischen Regierung, unbehindert in Deutschland leben und arbeiten.

1919 ließ ich mir von der damaligen ukrainischen Gesandtschaft in München einen neuen Paß ausstellen, ohne zu ahnen, dass die russische Regierung diese "Wrangelpässe" scharf ablehnte. 1921 annullierte sie das Dokument, ich war von da an staatenlos, erhielt aber von den deutschen Behörden einen Personalausweis.

In den letzten Jahren übte ich meinen Beruf in der sächsischen Stadt Pirna, an der Elbe in der Nähe von Dresden aus. Pirna ist vorwiegend von Arbeitern bewohnt. Meine Praxis ging sehr gut, ich war zur Krankenkassenbehandlung zugelassen und bemühte mich, auch da zu helfen, wo die Armut eine Bezahlung meiner Dienste unmöglich machte. Noch heute besitze ich das Anerkennungsschreiben der Stadt Pirna vom 17. Juni 1931, in dem mir für diese Hilfe ausdrücklich gedankt wird. Lange Zeit habe ich ausgesteuerte Erwerbslose und andere Bedürftige umsonst behandelt, oft fünfzig und mehr in einem Monat.

Ich erwähne diese Tatsache nicht, um mich ihrer zu rühmen. Ich möchte nur dartun, dass ich trotz meiner Staatenlosigkeit kein schlechterer "Volksgenosse" war als andere.

Viele Kollegen sahen in mir freilich den unbequemen Konkurrenten. Ich hatte deswegen mit Schwierigkeiten zu kämpfen. Die gleichen Zahnärzte, die mich nach dem Umsturz als linksstehenden Aufwiegler und Spion denunzierten, hatten Monate vorher der überwiegend sozialistischen und demokratischen Stadtverwaltung meine angeblich nationalistischen Neigungen glaubhaft zu machen versucht. Als Staatenloser gegen solche Anfeindungen doppelt schutzlos, hielt ich mich in Wahrheit von politischer Betätigung fern. Allerdings hatte ich mich dem "Volksgesundheitsverband" und den "Arbeitersamaritern" - linksstehenden Vereinigungen - angeschlossen, wie ich überhaupt keinen Hehl daraus mache, dass ich mit der republikanischen und sozialistisch gesinnten Arbeiterschaft sympathisierte, mich ihr zugehörig fühlte. Ich hielt in diesen Kreisen Vorträge über Zahnpflege und bemühte mich, auf meinem Gebiet aufklärend zu wirken.

Was ich jetzt berichten werde, ist die reine Wahrheit. Meinen Weg vom Gefängnis ins Krankenhaus, vom Krankenhaus ins Gefängnis, vom Gefängnis ins Konzentrationslager Königstein und von da wieder ins Krankenhaus kann ich mit genauen Daten belegen. Zahlreiche amtliche Dokumente, Aufnahme- und Entlassungsscheine, Kostenrechnungen, Androhungen neuer Haft, sind in meinem Besitz, und ich bin bereit, sie jederzeit vorzulegen.

Für die Mißhandlungen, die mir im Lager Königstein zugefügt wurden, kann ich gegenwärtig keine Zeugen stellen, denn weder Mitgefangene, die sie mit ansahen, noch die wenigen menschlicher gesinnten SA Leute des Lagers, die sie mißbilligten, noch die Ärzte des Krankenhauses, die mich behandelten, dürfen es im heutigen Deutschland wagen, für die Wahrheit zu zeugen.

Vielleicht wird der Tag kommen, der ihnen die Zunge löst. Heute kann ich nur mit meinem Eide jede Angabe bekräftigen, die ich auf den folgenden Seiten niederschreiben werde, und die Narben an meinem Körper mögen diesen Eid stützen.

Eines möchte ich noch bekennen: Das Schicksal eines Staatenlosen ist in dieser Welt der widereinander streitenden Nationen hart, oft trostlos - in den Frühjahrstagen 1933 habe ich meine Staatenlosigkeit gesegnet. Wäre ich deutscher Jude gewesen, hätte das Nansenamt mir nicht seine Hilfe gewährt - ich wäre erschlagen worden wie ein Hund. Den deutschen Juden ist die Staatsangehörigkeit im gegenwärtigen Deutschland kein Schutz - sie ist ein Fluch!

 

Das "Dritte Reich" bricht an

Am 6.März 1933 - also einen Tag nach der Hitlerwahl - drangen zwei Polizeibeamte und ein braun uniformierter Hilfspolizist in meine Wohnung in Pirna ein, um Haussuchung zu halten. Sie durchwühlten alles, fanden aber nichts.

Ich ging meiner Arbeit nach, übte meine Praxis weiter aus, spürte aber bald, dass mir etwas drohte. Auf der Straße wurde ich als "tschechischer Hund" beschimpft. Wenn die braunen Umzüge an meinem Fenster vorüberfluteten, hoben sich geballte Fäuste, drangen Schimpfworte zu mir herauf. Ich konnte und wollte meine Arbeit nicht im Stich lassen, ich wartete ab.

An einem Sonnabend Abend, es war der 25. März, kehrte ich mit meiner Frau von einem Besuch in Dresden zurück. Schon auf dem Bahnhof erwarteten uns zwei Polizeibeamte und erklärten mich für verhaftet. Nach einigem Hin und Her waren sie bereit, mich zunächst in meine Wohnung zu begleiten. Meine Frau, die zwei schwere Operationen hinter sich hat, war hart am Zusammenbrechen, ich konnte sie nicht allein lassen. Zu Hause angekommen, telefonierte ich mit dem nationalsozialistischen Bürgermeister Scheufler und fragte nach dem Grunde meiner Verhaftung. In militärischem Schnauzton erfolgte die Antwort: "Sie sind angeschuldigt, Greuelmeldungen ins Ausland geschickt zu haben. Sie gehen augenblicklich mit, ich verbitte mir jede Widerrede!"

Die Fronfeste in Pirna ist ein altes Gefängnis aus dem 16. Jahrhundert, das seit vielen Jahren nicht mehr benützt wurde, da die Unterbringungsmöglichkeit den Gesundheitsvorschriften, die in der deutschen Republik auch für Gefangene galten, nicht entspricht. In dieser Fronfeste wurde ich zunächst gefangen gesetzt. Man nahm meine Fingerabdrücke und notierte meine Maße ganz genau, als sei ich ein längst gesuchter Schwerverbrecher.

Noch heute packt mich Schauder, wenn ich an die Fronfeste denke. Kahle, düstere Steinwände, an den Mauern die Eisenketten, mit denen vor Jahrhunderten die Gefangenen gefesselt wurden, dumpfe, feuchte, beklemmende Luft: das Dritte Reich wollte beweisen, dass die Tage des Mittelalters zurückgekehrt seien, die Zeiten des Gewissenszwanges und der Folter! Es gab keinen Hof, in dem die Gefangenen wenigstens für Stunden freier hätten atmen dürfen, es gab nur Steine, Gitter, Moder, Ketten und Strohsäcke!

Inzwischen hatte ich erfahren, dass ich mich als "Schutzhäftling" zu betrachten habe. Vor wem sollte ich, wer sollte vor mir "geschützt" werden? Ich begriff nicht recht, was vorging, alles schien mir wie ein Albtraum. Ich hatte zu lange unter den Rechtsbedingungen eines zivilisierten Staates gelebt, ich konnte mich nicht von heute auf morgen in einen Zustand des Faustrechts finden, der alle persönliche Sicherheit, jede menschliche Freiheit aufhob.

Mit drei Mitgefangenen teilte ich die Zelle. Ich war benommen, brütete vor mich hin. Plötzlich, als ich gerade unter Bewachung den Gang betrat, hörte ich die Worte: "Es gibt keine Besuchszeit hier!" Und darauf eine mir bekannte weibliche Stimme: "Aber ich will meinen Mann sehen!" - Meine Frau war gekommen.

Ich lief zu ihr, wir reichten uns beide Hände, wollten miteinander sprechen, aber der Oberwachtmeister Melletin,[2] ein Kerkerhüter, wie ihn das Dritte Reich brauchen kann, riß uns auseinander, mich warf er in die Zelle, meine Frau aber faßte er mit hartem Griff und stieß sie zur Tür hinaus.

Ich trat in Hungerstreik. Am Montag früh hatte ich hohes Fieber und wurde ins Krankenhaus gebracht. Nachdem mich ein Photograph der Dresdener Kriminalpolizei mehrfach photographiert hatte, kam ich in eine Krankenzelle mit doppelt vergitterten Fenstern. Acht Tage lang verweigerte ich die Nahrungsaufnahme, dann ließ ich mich durch meine Frau bewegen, etwas zu essen.

Ruhe hatte ich nicht. Ich musste immer aufs neue Befragungen über mich ergehen lassen, wo meine "Waffe versteckt sei." Ich besaß keine Waffe, hätte auch nicht verstanden, mit ihr umzugehen.

Am 13. April wurde ich wieder für haftfähig erklärt und zunächst auf der Polizeiwache vernommen. Auf dem Tisch lag ein Befragungsbogen mit dem dick unterstrichenen Vermerk: "Ostjude!" Ich sollte darüber Auskunft geben, wieviel Geld ich vom Ausland bekommen hätte. Es erging mir wie mit der Waffe - ich hatte nie Geld vom Ausland erhalten und beteuerte das, ohne jedoch Glauben zu finden. Der Vermerk auf dem Formular: "Ostjude!" hatte genügt, den vernehmenden Beamten von meiner Unglaubwürdigkeit zu überzeugen. Ich hatte aber zudem noch das Unglück, dass dieser Beamte - er hieß Dürbe[3] - persönliche Rache an mir übte.

 

In einem kleinen Ort wie Pirna kennt ja jeder den anderen. Lange vor dem Umsturz hatte ich Dürbe einmal mit "Heil Hitler!" grüßen hören und einen Bekannten gefragt: "Nanu, der ist wohl jetzt auch Nazi?" Diesen unbedeutenden Zwischenfall, den ich längst vergessen hatte, hielt Dürbe mir jetzt vor, und er fügte brüllend hinzu:

"Sie verfluchter Hund, wissen Sie, was Ihnen jetzt dafür passiert? Ich habe es jetzt in der Hand, Sie Ihr ganzes Leben lang in Polizeigewahrsam zu behalten. Sie kommen überhaupt nicht wieder raus! Merken Sie sich das!"

In der Fronfeste, wohin ich gebracht wurde, packte mich das Fieber erneut. Schon am anderen Tag kam ich wieder ins Krankenhaus, blieb da - wegen "Haftpsychose" - vierzehn Tage lang und wurde am 1.Mai abermals in die Fronfeste zurückgebracht. Diesmal beschloß ich auszuhalten. Das Hin und Her von der Fronfeste ins Krankenhaus, vom Krankenhaus in die Fronfeste konnte ja nicht endlos weitergehen.

Ich musste für jeden Tag des Aufenthalts im Krankenhaus - auch wenn ich keinen Bissen aß - sechs Mark bezahlen. Meine Praxis war zerstört, Frau und Kind mussten leben. Als ich in der Fronfeste wieder zusammenbrach, ließ ich mich nicht ins Krankenhaus schicken, obgleich der Arzt mir zuredete. Ich wartete ab, ob man mir endlich ein ordentliches Verfahren machen würde, damit ich meine Unschuld beweisen könnte. Aber mir stand Schlimmeres bevor.

Es kam ein Kriminalbeamter aus Dresden, und nach nunmehr sechswöchiger Haft erfuhr ich endlich, wessen man mich beschuldigte. Der Beamte erklärte mir, ich hätte Spionage zugunsten der Tschechoslowakei getrieben. Beweise: ich hätte niemals Schulden gemacht, sei immer anständig angezogen gewesen, sei öfter mit Frau und Kind ins Skigebiet gefahren, das hätte ich von den Einnahmen meiner Praxis nicht bestreiten können.

Ich bot Einsicht in meine Bücher an, die jährlich Einnahmen von 14 000 bis 16 000 Mark auswiesen; ich erklärte, dass ich weder Raucher noch Trinker sei und sehr zurückgezogen lebe; ich führte die Girokasse in Pirna als Leumundszeugen an, die mir einen laufenden Kredit von 1000 Mark eingeräumt hatte, aber ich fühlte schon während ich sprach, dass alles vergeblich sein würde. Man wollte nicht glauben - und man glaubte mir nicht.

 

Im Lager Königstein

Am 5. Mai eröffnete man mir und meinen Mitgefangenen in der Fronfeste, wir würden ins Lager Königstein überführt werden. Schon damals hatte das Wort "Konzentrationslager" einen bösen Klang. Gerüchte über grauenvolle Mißhandlungen, Morde, Folterungen kamen nicht zum Schweigen, einer flüsterte sie dem anderen zu. Wir sahen einander an, wir wußten nicht, was uns bevorstand. Wie Tiere wurden wir mit Püffen und Stößen in Automobile verladen, die kurz zuvor noch dem Konsumverein gehört hatten, aber von den deutschen Erneuerern nach dem Umsturz gestohlen worden waren. Aus dem Staatsgefängnis war gleichfalls ein Trupp von Häftlingen zu uns gestoßen, so dass wir etwa 40 Mann zählten. Vor der Tür standen die Frauen und Kinder, sahen, wie brutal wir behandelt wurden, weinten, wagten aber kein Abschiedswort.

Am Königsteiner Ufer der Elbe wurden wir von SA empfangen. "Stramm gestanden!" Neue SA Leute kamen, einzeln und in Gruppen. Sie verhöhnten und beschimpften uns und versetzten uns Fußtritte. Viele der Häftlinge, kräftige Arbeitergestalten, konnten sich kaum zurückhalten und waren drauf und dran, auf die jungen Burschen in Braun mit Fäusten dreinzuschlagen.

So standen wir lange, vor uns dicht an der Elbe das Lager, ein ehemaliges Naturfreundehaus, das wohl die meisten von uns aus freien Tagen kannten. Am Wochenende hatten wir uns dort zu Wanderungen vereint, waren singend, diskutierend, badend beieinander gewesen. Jetzt war das Heim, unser Heim, in weitem Umkreis von brauner SA abgesperrt, die Gewehre trug, als gelte es, einen feindlichen Sturmangriff abzuschlagen. Ein Stück von uns entfernt, öffnete sich ein Steinbruch.

Wir hörten, wie nach dem Sturmführer Delin gerufen wurde. Endlich kam er und musterte uns wie ein Viehhändler die zur Schau gestellten Tiere. Plötzlich sah er mich und fing an, wie elektrisiert umherzuspringen, dabei winkte er: "Komm mal her, komm mal her, du bist doch ein Jude!"

Ich trat zögernd aus der Reihe und sah in ein Paar böse funkelnde Augen. Mein Gott - wie gebärdete sich der Mann? War es ein Verrückter?

Ich kam nicht dazu, den Gedanken zu Ende zu denken. Ich fühlte mich plötzlich emporgezerrt. Einige SA Leute hatten mich auf Delins Geheiß ergriffen und schoben mich auf eine flache Lori ohne Seitenwände, wie sie in Steinbrüchen verwendet wird. Die Lori bekam einen Stoß und sauste auf den Geleisen dem Steinbruch zu.

"Da wirst Du umgearbeitet!" hörte ich es hinter mir brüllen, dann Geschrei und Gelächter.

Ich hielt mit Mühe das Gleichgewicht, ein Sturz in den Steinbruch hätte das Ende sein können. Kurz bevor der Wagen mit großer Wucht gegen eine Wand prallte, sprang ich ab. Nun wurde ich vom Truppführer Fuhrmann und zwei SA Leuten unter heftigen Schlägen gezwungen, die Lori im Laufschritt wieder bergan zu stoßen.

Danach wiederholte sich das Spiel. Zweifellos sollte ich abstürzen. Die Meldung hätte dann wie üblich gelautet: "Bei der Arbeit tödlich verunglückt" Ich stürzte nicht!

Ich zitterte noch atemlos vom Emporschieben der schweren Lori, als mir einige SA Leute meinen Koffer in die Hand drückten: "Reiß aus, reiß aus, du Hund! Geh auf Flucht, geh auf Flucht!" Ich blieb stehen. Die Meldungen "Auf der Flucht erschossen" waren schon damals nichts Seltenes und ich hatte davon gehört.

Die anderen Häftlinge waren inzwischen zur Vernehmung abgeführt worden, ich war mit meinen Peinigern allein. Jetzt stießen und schlugen sie mich, bis ich ein paar Schritte lief. Ich schrie ihnen zu, ich wolle nicht fliehen. Da riefen sie mich zurück.

Meine Kleider waren jetzt sehr beschmutzt, den SA Leuten erschienen sie aber offenbar noch zu gut. Sie zwangen mich, niederzufallen und mich im Staub umherzuwälzen, bis meine Sachen mit einer dicken grauen Schicht bedeckt waren. Dann wurde ich zu den anderen in das Haus gebracht. Unsere Taschen wurden durchsucht.

Bei mir fand man ein Familienbild, auf dem auch mein ältester, mit vierzehn Jahren verstorbener Sohn zu sehen war. Ein SA Mann fragte mich: "Ist das Deine Familie?" - "Ja!"

"So, also zwei Söhne hast Du?" Ich antwortete, der eine sei verstorben.

"Na, ist es denn schade um ihn? Um einen Judenjungen ist es niemals schade!..."

"Was, Du machst wohl ein dummes Gesicht? Du meinst wohl, das stimmt nicht? Um Dich wär's auch nicht schade, wenn Du krepierst! Jetzt sagst Du sofort nach, was ich Dir vorsage: "Es ist nicht schade, dass mein Junge tot ist, denn um einen Judenbub ist es niemals schade!"

Ich schwieg zuerst, wurde aber durch Drohungen gezwungen, die schändlichen Worte zu wiederholen. - Wir standen in einem Raum und warteten auf die Vernehmung; einer nach dem anderen wurde in das Vernehmungszimmer gerufen, aus dem ab und zu Schreie drangen. Viele, die herauskamen, wankten und trugen die Spuren von Mißhandlungen. Drei Stunden standen wir so, wartend, zitternd vor Wut, Erregung und Angst.

Ich wurde auch hier mehr als die anderen gequält, mit Füßen getreten, verhöhnt und beschimpft. "Isidor, Sahra, Knoblauch, Zwiebel!" - es nahm und nahm kein Ende. Ich fieberte und hielt mich mit Mühe aufrecht.

Als letzter wurde ich vernommen. Es ging besser ab, als ich dachte. Delin sah sich den Ausweis des Nansen-Amtes an und brüllte dann: Du bist auch so ein Völkerbundshund...Du stehst unter Völkerbundsschutz! Auch das noch! Na, wir werden Dich klein kriegen. Raus!"

Draußen auf dem Gang waren meine Leidensgefährten schon angetreten. Als ich hinzukam, verständigten sich einige SA Leute flüsternd, dann kam Delin dazu und gab einen Befehl. Plötzlich wurde mir ein Stück Speck in die Hand gedrückt: "Friß, Du Jude!"

Ich aß und die Braunen waren sichtlich enttäuscht, sie hatten auf eine Weigerung gewartet, um sie als Vorwand für neue Mißhandlungen zu benutzen.

Nun wurden alle Mitgefangenen in ihre Zimmer eingewiesen. Nur ich blieb zurück. "So, komm jetzt mit!" Zwei SA Leute und Delin führten mich die Treppe hinunter bis zu einer Kellertür und stießen mich hinein. Ich sah mich in einem dunklen, fensterlosen Raum, auf dem steinernen Fußboden lag etwas Stroh, ganz oben führte ein Guckloch nach der Treppe, ab und zu beobachteten mich von dorther neugierige Augen. Ein SA Mann schien mich dem andern zu zeigen.

Inzwischen mochte es Mittag sein. Ich wußte die Zeit nicht genau. Uhr und Geld waren mir gleich bei der Ankunft abgenommen worden. Eine halbe Stunde mochte ich im Keller gelegen haben, da holte man mich wieder heraus "zum Exerzieren". Die Mitgefangenen waren schon im Freien angetreten. Ich war nie Soldat, kannte die Kommandos nicht, war ziemlich hilflos. Delin und dessen Adjutant, Baron von Pose, schrien mich und auch die anderen im gröbsten Kasernenhofton an. Auf jeden, der einen Fehler beging, schlugen sie mit langen geflochtenen Lederpeitschen los.

Endlich kam das Kommando zum Einmarschieren. Aber mir galt es nicht, ich wurde zwei SA Leuten zur "Extraausbildung" übergeben.

Es blieb aber nicht bei zwei Schindern, fortwährend kamen neue hinzu, jeder gab andere Befehle, jeder beteiligte sich an den Beschimpfungen und Quälereien, "Vorwärts Marsch! Hinlegen! Aufstehen! Hinlegen!"

Dann musste ich mich auf einen hohen, schmalen Stein stellen, auf dem meine Füße kaum Platz fanden. "Rechtsum kehrt!" Ich verlor natürlich das Gleichgewicht und fiel. Schläge mit dem Gummiknüppel, zurück auf den Stein, Schläge über die Fußknöchel - so ging es fort, endlos, wie es mir schien.

Am Ende drückten mir die Quäler unter Hohngelächter eine "Freikarte nach Jerusalem" in die Hand. Hier ist der Text der Vorder- und Rückseite:

Wieder lag ich im Keller. Mein Herz klopfte zum Zerspringen. Dass mir Kellerasseln über die Hände liefen, spürte ich wohl, aber ich rührte mich nicht. Mich dürstete. Den Hunger spürte ich weniger, obgleich ich seit dem Morgen nichts gegessen hatte - von dem erwähnten Stück Speck abgesehen.

Etwa gegen 5 Uhr nachmittags wurde ich wieder hinauskommandiert. Ich musste mir einen Eimer und einen zerrissenen Sack holen und wurde dazu kommandiert, einen langen Gang zu scheuern. Wenn ich dabei war, ein Stück Boden zu trocknen, kamen gewöhnlich von rückwärts zwei SA Leute, gossen Wasser über meine Füße und über die eben getrockneten Stellen, so dass ich wieder von vorn beginnen musste. Das ging etwa vier Stunden hindurch.

Die Mitgefangenen marschierten von der Arbeit herein, gingen in den Waschraum, aßen - und ich scheuerte noch immer.

Die weitaus meisten Häftlinge kannten mich persönlich, viele waren bei mir in Behandlung gewesen. Manche wagten es, mir ein paar ermutigende Worte zuzuflüstern, andere wandten sich rasch ab, wenn sie mich sahen und ich merkte, dass sie die Tränen verbergen wollten.

Wenn es in meiner Lage überhaupt einen Trost gab, dann war es der: Menschen in der Nähe zu wissen, die den Sadismus dieser Schinder verabscheuten, die mir gern zur Hilfe gekommen wären, wenn sie gekonnt hätten.

Als der Gang endlich fertig gescheuert war, wurde ich zum Lagerführer Rossig gebracht. Ich musste vor der Tür warten. Delin kam, ich hatte bereits gelernt und stand stramm, er schlug mich mit aller Kraft ins Gesicht und befahl mir, mich zur Wand zu kehren.

Nach langer Zeit wurde ich zu Rossig hineingerufen, auch während der Unterredung mit ihm musste ich stramm stehen. Das junge Mädchen an der Schreibmaschine - warum sie 1/2 10 Uhr abends noch arbeitete, weiß ich nicht - bekam einen roten Kopf, als sie mich sah, es war eine frühere Patientin von mir.

Rossig: "Ich habe gehört, Du hast die 100 Mark, die Du bei Deiner Einlieferung bei Dir hattest, der SA geschenkt?"

Ich stand stramm und sagte ja - was hätte es mir genützt, nein zu sagen?

Rossig: "Da bist Du ja ein nobler Mann! Hast Du noch mehr Geld zu Hause?"

"Ungefähr 250 Mark."

"Kannst Du Dir das Geld nicht schicken lassen?"

"Meine Frau muss Miete bezahlen, sie muss mit dem Kind leben." -

"Ach was, wenn Du in Gefangenschaft bist, muss Deine Frau die Miete nicht bezahlen. Wie ist es denn mit den Außenständen?"

"Ja, ich habe Außenstände."

"Na also, die kann Deine Frau ja eintreiben!"

"Meine Frau hat sich nie um die Praxis gekümmert, ich muss das selbst tun."

Damit war das Gespräch beendet, aber ich musste weiter stramm stehen. Rossig saß breitschlächtig und zufrieden da, aß, trank, rauchte, drehte von Zeit zu Zeit das Radio an.

Um Mitternacht wollte er plötzlich meine Frau anrufen und ihr sagen, es gehe mir gut. Um diese Stunde waren seine Augen schon verschwommen, seine Zunge gehorchte schwer. Er ließ sich von mir überzeugen, dass meine Frau durch einen solchen Anruf sehr erschrecken würde und versprach mir in einer plötzlichen Aufwallung von Großmut, er werde sie bestimmt morgen früh anrufen und beruhigen.

Ich weiß bis heute nicht genau, was damals plötzlich in ihm vorging, ich weiß aber, dass er zu jener Art Trinkern gehört, die mitten in den brutalsten Handlungen plötzlich von Sentimentalität gepackt werden können, von einer Tränenseligkeit, die sie beinahe veranlaßt, ihrem Opfer, das sie eben noch peinigten, um den Hals zu fallen. Rossig war früher ein kleiner Gemeindebeamter, wurde wegen Unterschlagung aus dem Amte entlassen, war viele Jahre arbeitslos. Nun avancierte er plötzlich zu einem kleinen Herrgott, das Le-ben und Sterben von mehreren hundert Gefangenen war in seine Hände gegeben. Gegen 3/4 1 Uhr nachts wurde ich wieder in meinen Keller geführt. Ich fror ohne Decken jämmerlich, an Schlafen war nicht zu denken, alle Glieder zitterten vor Überanstrengung und Kälte.

Am zweiten Tag wurde ich um 5 Uhr früh angerufen: "Komm raus, Du Hund!" Ich musste zunächst eine halbe Stunde zwischen Kellertür und Wand in einer Ecke strammstehen.

Dann ging es wieder zu Rossig. "Also", empfing er mich, "die hundert Mark werden wir Dir nicht wegnehmen, aber wir brauchen für die Lokomotive, die die Lori zieht, Brennstoff. Den wirst Du bezahlen! Da, quittier mal 20 Mark ab!"

Ich unterschrieb. Aha! Inzwischen war also wohl eine Form gefunden worden, mir das Geld in kleineren Summen und gleichsam auf "legale" Art fortzunehmen.

Wahrscheinlich um mich zu entschädigen, rief Rossig nun wirklich meine Frau an und teilte ihr mit, es gehe mir gut, ich bekäme zu essen (in Wirklichkeit hatte ich noch immer nichts bekommen), ich ließe grüßen. Es war mir lieb, meine Frau etwas beruhigt zu wissen.

 

Zwangsarbeit, Hunger und Durst

Wieder wurde ich hinter die Kellertür geführt, wo ich von nun an noch sehr oft stand.

Dabei hörte ich, wie Gefangene, für die Besuch angesagt war, vorher genau instruiert wurden, wie sie sich zu benehmen hätten.

Vor allem wurde ihnen streng untersagt, ihren Verwandten - auch nur durch Mienenspiel - begreiflich zu machen, es gehe ihnen in Königstein schlecht. Wer gegen das Verbot handle, werde nicht nur selbst in Schutzhaft behalten - auch seine Frau würde verhaftet werden.

"Ihr seid Männer! Beißt die Zähne zusammen! Denkt, Ihr seid beim Militär!"

Diese ermunternden Worte klangen aus dem Mund der Peiniger widerlich und hohnvoll. Sie rieten ihren Opfern, die Qualen, die sie selbst ihnen zufügten, "mannhaft" zu ertragen.

Alle Gefangenen, die ich später im Hof sprechen konnte, versicherten mir, sie seien im Keller mit Ochsenziemern grauenvoll mißhandelt worden.

Auch an diesem zweiten Tag durfte ich mich nicht waschen, zu essen bekam ich auch nichts. Nur einen Napf voll dünner, brauner Brühe, die man Kaffee nannte, aber keinen Bissen Brot dazu. Nach diesem "Frühstück" musste ich Schubkarren, Rechen und Schaufel holen und wurde zum Steinbruch geführt, abseits von den andern bekam ich meinen Arbeitsplatz angewiesen.

 Neben mir stand ein SA Mann, der scharf aufpaßte, dass ich nicht einen Augenblick innehielt. Die Steine musste ich in gebückter Haltung zwischen den Füßen durchwerfen. Ehe der Karren voll war, erlaubte mir mein Aufseher nicht, den Rücken gerade zu biegen.

Die Sonne brannte an diesem Tag heiß. Durst stellte sich ein, Müdigkeit lähmte die Bewegungen. Die anderen Häftlinge marschierten mittags an mir vorbei zum Essen, - und sie kamen zurück. Ich bettelte um einen Schluck Wasser, aber der SA Mann, der den ersten abgelöst hatte, antwortete mit Fußtritten.

Einige Male wurde ich zum Exerzieren gerufen - wie sollte ich stramm marschieren und die Befehle ausführen, da ich doch vor Ermattung fast umfiel? Es hagelte Schläge.

Zurück in den Steinbruch, zurück an die qualvolle Arbeit - Stunden, Stunden, Stunden. Von früh sieben in glühender Hitze bis abends sieben Uhr ohne einen Bissen Brot, ohne einen Tropfen Wasser. Ob Galeerensträflinge je ärger geschunden worden sind?

Lange nachdem am Abend die andern eingerückt waren, durfte endlich auch ich die Schaufel fortlegen. Ich vermochte mich kaum noch aufzurichten, meine Augen brannten, als wäre Salz hineingestreut worden. Hunger spürte ich längst nicht mehr, nur Durst, entsetzlichen Durst!

Als ich wieder ins Haus kam - waschen durfte ich mich wieder nicht -, wurde ich sofort zu Rossig geführt. Der war gerade in sehr übler Stimmung: "Gestern waren Freunde von mir hier, die kannten Dich. Woher kennst Du denn so viele Leute?"

Ich wies auf meine Praxis als Dentist hin. Das macht ihn noch wütender. Was mochte in ihm vorgehen? Fiel ihm ein, dass er selbst es nie zu etwas gebracht hatte? Aber jetzt musste er sich doch für einen mächtigen Herrn halten - oder spürte er dunkel, dass seine Herrlichkeit vielleicht nicht lange dauern würde? Damals machte ich mir kaum Gedanken darüber, ich sah alles wie durch einen Nebel, tat mechanisch, was mir geheißen wurde und empfand eine grauenhafte Qual, sonst nichts.

"Marsch - runter in Deinen Keller, aber schnell!"

Kaum war ich unten angekommen, wurde ich wieder zu Rossig geholt: "Paß mal auf, mit Dir haben wir's noch nicht richtig gemacht, Dir müssen wir die Eier noch ganz anders schleifen! Hast Du schon Kniebeugen gemacht? Los! 150mal musst Du durchhalten!"

Achtzig Kniebeugen brachte ich halb betäubt zustande - dann brach ich zusammen.

Aber Rossig war noch nicht zufrieden. Er zwang mich, auf allen Vieren den Gang auf und ab zu kriechen. Der Adjutant lief hinter mir her: "Schneller! Schneller!" und schlug mich auf Kopf und Nacken.

Ich war dem Wahnsinn nahe, ich schrie, rang nach Luft und hörte nur immer wie von weitem das hämische "schneller, schneller, schneller!" des Adjutanten. Das mag so eine Stunde lang gegangen sein. Andere SA Leute hatten sich als Zuschauer eingefunden.

Endlich durfte ich einhalten. "Jetzt glaube ich, haben wir ihn soweit!" sagte Rossig. Darauf Delin, der auch hinzugekommen war: "Aber unsere Spucke hat er noch nicht aufgeleckt!" Alle spien aus!

Ich musste den Boden auflecken!

Sie lachten. Ich wußte nicht mehr, was ich tat, ich fürchtete mich nur wie ein Tier vor neuen Schlägen.

Dann zwangen sie mich, auf allen Vieren zum Pissoir zu kriechen und aus der Rinne zu trinken! - - -

Als die Lagerleitung sich an mir ausgetobt hatte, nahm mich die Mannschaft in Empfang. Es war also noch nicht genug der Quälerei. Man bracht mir ein Stück Brot, mit einer dicken Schicht Pfeffer und Salz bestreut, rohe Kartoffelstückchen und eine Flasche Wasser. Ich konnte dieses "Essen" nicht hinunterbringen, es war ja mehr Pfeffer und Salz als Brot. 15 bis 20 braun Uniformierte sahen zu, wie ich mich quälte.

Der Koch, ein grobschlächtiger Rohling, trat auf mich zu: "Guck mal meine Hände an ... ich hab Dir das Essen mit viel Mühe zurechtgemacht..." Da schlug er mich mit der Faust ins Gesicht.

"So jetzt weißt Du, was geschieht, wenn Du nicht frißt, Du Hund. Weißt Du überhaupt, was Du da ißt? Wie heißt denn das?"

"Brot, rohe Kartoffeln, Wasser", erwiderte ich.

Wieder Faustschläge und Fußtritte.

"Wie heißt das? Sag es nochmal!"

"Ja, was soll ich denn sagen?"

"Das ist Rumpsteak, das sind Apfelstückchen, das ist eine Flasche Bier."

Ich musste den Unsinn wiederholen. "Und das willst Du nicht essen, Du Lump?"

Ich quälte mich weiter, übergab mich, wurde unter Fußtritten gezwungen, "die Schweinerei wieder aufzulecken!"

Jetzt waren die SA Leute in heitere Stimmung gekommen. Sie befahlen mir, russische Lieder zu singen. Ich tat auch das und sang etwa so, wie man aus dem Fieber spricht. Sie tanzten nach meinen Liedern einen Kasatschok und versicherten mir, ich sänge wunderschön.

Wie sie sich da mit roten, lachenden Gesichtern um mich drehten - das war fast noch schlimmer, als ob sie mich schlügen. Das war Wahnwitz. Und mir fielen plötzlich ganz klar die Worte ein, die Rossig und Delin mehr als einmal zu mir gesprochen hatten: "Entweder Du kommst auf den Sonnenstein (die Irrenanstalt bei Pirna) oder Du kommst als Toter runter. Eins von beiden". Jetzt glaubte ich das selbst. Übrigens pflegte Delin noch hinzuzufügen: "Mit Dir machen wir es so, wie wir's schon bei einem gemacht haben, wir scharren Dich ein, zwei Steine drauf und lassen die Gefangenen drauf ausspucken."

Nach dem Tanz durchstöberten die SA Leute meinen Koffer. Sie fanden Zahncreme, Mundwasser und Hautcreme. Das mengten sie, schmierten es auf eine alte Semmel und zwangen mich, das widerliche Gemisch zu essen. Ich übergab mich wieder!

In dieser Nacht durfte ich mich nicht auf das Stroh legen, musste vielmehr bis zum Morgen hinter der Kellertür stramm stehen. Wenn ich zusammensackte, schlugen die SA Wachen, die neben mir standen, unbarmherzig auf mich ein. Ein Einziger von allen, die einander ablösten, hatte Mitleid, ein Zugführer. Er erlaubte mir, mich zu legen. Es mochte früh gegen 5 Uhr sein. Aber schon zehn Minuten später kamen andere Schinder, schlugen Lärm, bedrohten den Zugführer und rissen mich wieder empor. So stand ich bis 6.20 Uhr.

 

Für Juden gibt es keinen Sonntag

Der dritte Tag war ein Sonntag. Ein Polizeibeamter in grüner Uniform holte mich zu Rossig hinauf. Der empfing mich mit den Worten: "Weißt Du, dass Du heute früh erschossen wirst? Willst Du Deiner Frau noch was schreiben?"

Nein, ich wollte nichts schreiben, ich wollte nur endlich, endlich Ruhe haben. Der Gedanke an den Tod hatte keinen Schrecken für mich. Rossig und der Polizist, beide mit Gewehren und Revolvern bewaffnet, führten mich in ihrer Mitte zum Schießstand. Dort ließen sie einen Hagel der gröbsten, gemeinsten Schimpfworte auf mich los.

Zweimal schossen die Beiden über mich weg. Dann sagte Rossig: "Weißt Du, Du bist mir zu schmutzig zum Erschießen, hier hast Du einen Revolver, erschieß Dich selber!"

Ich nahm den Revolver, setzte ihn an die Schläfe, drückte ab. Er war nicht geladen. Unter Tritten und Stößen führten mich die zwei zurück. Ich war enttäuscht. So viel ich auch an Frau und Kind dachte - der Tod wäre mir in jenen Augenblicken eine Erlösung gewesen.

Fünfzehn Minuten stand ich etwa hinter der Kellertreppe, da hörte ich einen Ruf: "Holt den Tabaschnik rauf! Der soll in den Steinbruch! Für Juden gibt es keinen Sonntag."

Ich arbeitete bis zehn Uhr, dann wurde ich zum Exerzieren kommandiert. Diesmal mussten alle Gefangenen zusehen, wie ich gequält wurde. Ich musste mehrmals einen steilen, etwa zehn Meter hohen Hügel hinaufkriechen und im Laufschritt wieder herunterrennen. Ich weiß heute nicht mehr, wie ich das noch ertragen konnte. Ich hatte seit Freitag früh nichts gegessen, kaum etwas getrunken, war auf die grauenhafteste Art gequält worden, und in der letzten Nacht hatte ich nicht einmal schlafen dürfen.

Nach dem Exerzieren wurde ich in den Steinbruch zurückgeholt und brach nun wirklich zusammen. Zwei SA Männer packten mich an der Brust - sie zerrissen mir das Hemd dabei - und schleiften mich über den Erdboden, setzten mir ihre Stiefel so auf's Gesicht, dass der Sand in meine Augen rann und schlugen mich dann mit Peitschen über die Hände, bis das Blut spritzte. Der Schmerz riß mich aus der Betäubung, in die ich gefallen war.

Nun sollte ich große Steine, die sonst zwei bis drei Mann packen müssen, auf die Lori laden. Ich konnte es nicht. "Du faules Schwein, Du stellst Dich bloß so!" Sie schlugen auf mich ein, bis ich schrie. Jetzt kam der Führer der Schupo, die zur Überwachung in Königstein lag. "Warum schreist Du denn so?" - "Weil ich geschlagen werde."

Als Antwort schlug der große, starke Mensch mit auf mich los. "Wirst Du immer noch geschlagen?" - Erst als ich "Nein!" schrie, ließen sie von mir ab.

"Schupo" ist die ordentliche, die Schutzpolizei im Deutschen Reich!

In Begleitung von SA Leuten kamen zwei Gefangene in den Steinbruch marschiert. Die SA Leute meldeten, die beiden seien von allen Schutzhaftgefangenen geschickt worden, um mich zu verprügeln. "Los!" schrien die Braunen ... aber keiner der beiden rührte sich. Sie standen da, schwiegen, sahen mich nur an, und ich las in ihren Augen viel mehr, als sie mit Worten hätten sagen können. "Los!" Wir standen immer noch und sahen einander an.

"Abtreten!" der Befehl wurde ärgerlich gegeben. Die zwei wandten sich ab. Ich weiß nicht, was ihnen um dieser Weigerung willen geschehen ist.

Bis 1 Uhr wurde ich weiter im Steinbruch gequält.

Ich musste mich gegen die schweren, bergab rollenden Loris stemmen, um sie zu bremsen. Mutwillig stellten meine Aufseher die Weichen falsch, so dass ich oft mit dem beladenen Karren wieder bergauf musste.

Dann wurde ich in das Lager geführt. Wieder brachte mir der Koch ein Salz- und Pfefferbrot, das ich nicht essen konnte. Auch das Wasser brach ich wieder aus - ich war viel zu ermattet, um überhaupt noch etwas aufnehmen zu können.

Inzwischen hatte sich der Himmel umwölkt, bald ging ein schweres Gewitter nieder. Rossig gab Befehl: "Jetzt kommen die Judenhaare herunter!"

SA Leute schoren mich auf beiden Seiten kahl, kämmten das übrig gebliebene Mittelhaar mit einem schmutzigen Rutenbesen, flochten es und wanden eine Schleife darum. Mir war alles gleichgültig geworden.

Der Hexentanz war nicht zu Ende, den Schindern kamen neue Einfälle. Sie wanden mir um den Leib ein breites schwarzrotgoldenes Tuch, um den Arm eine gleichfarbige Binde, zerschnitten meinen Anzug an den Achseln, setzten Reichsbanner-Achselklappen ein und setzten mir dann eine Reichsbannermütze auf den geschorenen Kopf. Zugführer Ernst verbeugte sich höhnisch: "Hier verehre ich Dir Dein Ideal, die Mistgabel!" - und steckte mir die drei Pfeile, das Abzeichen der sozialdemokratischen Eisernen Front, an den Rock.

Es goß noch immer in Strömen, ich bekam einen alten Besen in die Hand, musste damit die Pfützen ausfegen. Das war den braunen Zuschauern nicht spaßig genug, sie brachten mir einen Blechlöffel, einen alten Marmeladeneimer und befahlen mir, das Pfützenwasser auszuschöpfen. Wenn der Eimer teilweise gefüllt war, schütteten sie mir das Wasser in den Kragen.

Plötzlich hörte ich Krachen über mir. Ich sah auf - die Fenster des Hauses wurden eines nach dem andern mit wütendem Griff zugeschlagen. Später erzählte mir ein SA Mann, weshalb: die Gefangenen, die zu mir heruntersehen konnten, hatten sich empört, hatten einmütig gegen die Mißhandlungen protestiert, die mir zugefügt wurden.

Ich selbst war nicht mehr zum leisesten Protest fähig. Auch als ich gezwungen wurde, in die Pfützen zu springen, mich darin zu wälzen, wehrte ich mich nicht. Rossig, Delin, die Adjutanten und viele SA Leute standen im Kreise um mich und schüttelten sich vor Lachen. Es dauerte ungefähr zwei Stunden. Am Ende verlangten sie von mir, ich sollte einen Regenwurm essen. Das tat ich nicht. Da zwangen sie mich, erst einen Wurm, dann einen schwarzen Käfer minutenlang im Mund zu behalten. Mir wurde nicht einmal mehr übel. Selbst das Gefühl des Ekels war in mir abgestorben.

Die SA war wieder bester Stimmung. Sie nahm mich in den Gang hinauf, ließ mich russische Lieder singen und tanzte dazu - ausgelassen lustig, als wären sie die harmlosesten Menschen der Welt. Dann stellten sie mich wieder hinter die Kellertür, wie man ein Spielzeug beiseite stellt, mit dem man gerade nichts anzufangen weiß.

Leider kam ihnen sehr bald ein neuer Einfall. Sie banden mir einen alten Sack um den Hals - die schwarzrotgoldenen Binden waren mir inzwischen abgenommen worden -, stülpten mir einen Marmeladeneimer über den Kopf, gaben mir einen Rutenbesen in die Hand und schleiften mich unter Fußtritten und Schlägen zur Wache der grünen Lagerpolizei. Dort sollte ich "Reinemachen".

Das Reinemachen bestand wieder nur in Quälereien. SA Leute und Polizisten stießen mich von einer Ecke in die andere, ließen mich mehrmals zum Fensterbrett hinaufspringen und schlugen jedesmal, wenn ich wieder zu Boden kam, auf mich ein, bis sie des Spaßes müde waren und mich hinter die Kellertür zurückschafften. Dort stand ich etwa bis 1/2 9 Uhr.

Jetzt holten sie mich in den Waschraum, ich taumelte wie ein Trunkener. Dort hatte die SA in zwei Reihen Aufstellung genommen. Sturmführer Delin hielt mir vor, ich sei einer deutschen Firma noch Geld schuldig, für jede Mark würde ich einen Peitschenhieb bekommen. Sie jagten mich wie einen Spießrutenläufer durch die Reihen und hieben mit ihren geflochtenen Lederpeitschen von allen Seiten auf mich ein. Ich schrie: "Das ist nicht wahr, ich habe keine Schulden, ich bin kein Betrüger..."

Als sie einen Augenblick von mir abließen, riß ich mich mit letzter Kraft zusammen und gab dem Sturmführer Delin eine Erklärung ab. Irgendein Lump in der Firma Zahndepot Timmel in Dresden hatte mich offenbar im Lager verleumdet. Tatsächlich kaufte ich bei der Firma Timmel seit zehn Jahren monatlich für 300 bis 400 Mark Arbeitsmaterial. Mir war ein laufender Kredit eingeräumt, den ich zu jener Zeit auch in Anspruch genommen hatte. Die Summe, die mir Delin nannte, stimmte auf den Pfennig. Die Schinder ließen sich überzeugen, dass ich kein Schuldenmacher sei, die Schläge hörten auf.

Im Schreibbüro. in das ich nun geholt wurde, stöberte SA wieder einmal meinen Koffer durch. Die Sachen, die ich mithatte, seien zu gut, wie ich zu solchen Wäschestücken käme. Als sie mich lang genug gehöhnt und angebrüllt hatten, fesselten sie mir die Hände mit Stricken, aber ich sprengte die Fesseln. Ich war nahe daran, tobsüchtig zu werden. Sie spürten das wohl, fesselten mich erneut, diesmal mit Riemen. Ich ließ mich, sobald ich wieder im Keller angekommen war, auf's Stroh fallen, hatte aber noch längst keine Ruhe.

Im Ort war Kirmes, viele SA Leute kamen betrunken zurück, und jeder Betrunkene fand sich zunächst in meinem Keller ein, trat mich mit Füßen oder - die Schuhe waren mir ausgezogen worden - kitzelte mich an den Fußsohlen.

In diesen Stunden faßte ich den Entschluss, mir das Leben zu nehmen, diese Qualen gingen über meine Kraft. Der Gedanke, Frau und Kind hilflos zurücklassen zu müssen, machte mir Pein, aber ich wollte, ich konnte nicht mehr leben. Wer weiß, welche Martern mir noch bevorstanden - es war besser, allem ein Ende zu machen.

Gegen Morgen, als ich allein war, gelang es mir, die Riemen an meinen Handgelenken zu lockern und eine Rasierklinge aus meinem Rock zu nehmen, die ich da versteckt hatte. Ich bracht mir drei tiefe Schnitte in den Oberarm bei - ich konnte die Hände nicht frei bewegen. Dann gelang es, die Pulsader am Handgelenk zu treffen. Das Blut schoß in starkem Strahl hervor.

Der eine Gedanke ließ mich nicht los: Wird die Welt erfahren, was geschehen ist? Dass ein Mensch, der nichts verbrochen hat, in Deutschland so gequält werden darf? Wird die Welt gegen diese Schande aufstehen?

Bals, zu bald, wie mir schien, tauchten SA Leute an der Türe auf, sie sahen in der Dunkelheit nicht, dass ich über und über voll Blut war, sie führten mich hinauf, befahlen mir, mich hinter die Tür zu stellen. Nach kurzer Zeit lief das Blut unter der Türspalte durch. Man entdeckte meine Verletzung. Sanitäter banden die Ader ab.

Eine Stunde später stand ich wieder im Steinbruch. Der Verband blutete durch, ein neuer wurde angelegt, ich durfte - mit einer Hand weiterarbeiten. Ich drohte umzusinken, riß mich immer wieder empor, um nicht geschlagen zu werden.

Als ich mittags hinter der Kellertür stand, brachte mir ein Zugführer zum ersten Male warmes Essen, er hatte es aus Mitleid für mich gestohlen. Kaum hatte ich ein paar Löffel gegessen, als Delins Adjutant, der Baron von Pose, dazu kam, mir den Napf aus den Händen riß, den Inhalt ausschüttete, und mich anschrie, als hätte ich ein furchtbares Verbrechen begangen.

Ich wurde wieder hinausgetrieben und arbeitete bis abends 7 Uhr  im Steinbruch. Es war mehr ein sinnloses Umhertorkeln als ein Arbeiten. Der Blutverlust hatte mir die letzte Kraft genommen.

Ein Versuch der SA Leute, sich abends nach dem Einrücken wieder mit mir zu "amüsieren", verlief kläglich. Das wie üblich gepfefferte und gesalzene Brot aß ich nicht, Beschimpfungen hörte ich kaum noch, selbst die Schläge spürte ich nur schwach, ich war in eine Art Dämmerzustand verfallen, der meine Schinder wahrscheinlich langweilte. Ich hatte noch immer nur den einen Wunsch: zu sterben.

Rossig ließ mich rufen: "Ich habe gehört, Du kannst so schön singen. Sing mal was!" Ich gehorchte, es mag grauenhaft geklungen haben. Rossig bekam eine seiner sentimentalen Anwandlungen: "Weißt Du was? Du bist eigentlich ein guter Kerl!" - Nachdenkliches Schweigen. "Aber mit Euch Hunden muss man ja so umgehen." Wieder eine Pause. - "Heute abend darfst Du zu mir raufkommen, Du kriegst ein Glas Bier."

Ich räumte Delins Zimmer auf. Während der Arbeit beschimpften mich Delin und von Pose ununterbrochen: "Judensau, Schweinehund, Isidor..."

Von Delin ging es zu Rossig, der saß mit seinem Adjutanten am Tisch. Es wurden drei Gläser gebracht. In zwei davon wurde Bier gegossen, das dritte blieb leer. Rossig: "Du musst uns wieder 20 Mark geben, das Öl ist zu Ende!"

Ich quittierte ab, stand stramm und schwieg.

Rossig: "In der Mütze vom Reichsbanner scheinst Du Dich sehr wohl zu fühlen. Ich werde Dir eine andere geben."

Er holte eine Rotfrontmütze herbei, die mir viel zu klein war. Ich stand stramm, schwieg, ich sah die beiden Männer Bier trinken, ich war von einem quälenden Durst befallen, wie er sich nach starkem Blutverlust einzustellen pflegt. "Würdest Du Dich freuen, ein Glas Bier zu trinken?" - "Jawohl!" Gelächter!

Ein Glas Wasser wäre mir genau so lieb gewesen - nur etwas Trinkbares wollte ich haben. Aber ich bekam nichts.

Erst nach Mitternacht wurde ich nach langem Strammstehen in meinen Keller gelassen. An Schlafen war kaum zu denken. Ich hatte mir zum ersten Male die blutbefleckten Kleider ausgezogen und lag, mit der Jacke zugedeckt, auf dem Stroh.

Ein SA Mann nach dem andern kam herein: "Guckt Euch den Kerl an! Einen Schlafanzug hat der an!" Und es hagelte Fußtritte.

Am Morgen des Montag das Übliche: Strammstehen hinter der Kellertür, nichts zu essen, nichts zu trinken, keine Erlaubnis zum Waschen, Abmarsch in den Steinbruch. Die Gefangenen waren noch nicht draußen, es musste also sehr früh am Morgen sein. Erst nach einiger Zeit marschierten sie singend in meiner Nähe vorbei. Ich sah, wie sie mir teilnehmende Blicke zuwarfen und heimlich die Fäuste ballten.

Ich arbeitete, die Sonne stach, ich fühlte meine Gliedmaßen nicht mehr. Delin und von Pose kamen - sie kontrollierten den Steinbruch täglich - und rollten von dem Abhang über mir Steine herunter. Ich musste stehen bleiben, durfte mich nicht rühren, die Steine fielen auf mich und brachten mir Verletzungen bei.

Diese Quälerei wurde nicht etwa im Zorn verübt - im Gegenteil, meine Peiniger waren an diesem Tage in besonders aufgeräumter Stimmung. Delin schickte mir später sogar zwei Scheiben Brot mit Honig heraus.

Menschen, die im Zorn Mißhandlungen begehen, kann ich noch verstehen, - aber vor diesem Gemisch von guter Laune, Blutrünstigkeit, Sentimentalität, tierischer Rohheit, kindlicher Fröhlichkeit und Quällust habe ich mich ratlos gefühlt. Das waren keine gesunden Menschen, - das waren Verrückte ohne Wärter, und ich war ihnen ohne Hoffnung ausgeliefert.

Plötzlich rückten alle höheren Führer mitsamt der SA an. Sie stellten sich im Halbkreis auf, befahlen mir, kleine Steine nach dem Graben zu werfen, schlugen mich währenddessen mit Peitschen.

Zugführer Ernst stellte sich vor mich hin: "Jetzt wirfst Du nach mir! Du musst mich treffen!"

"Herr Zugführer, ich weigere mich!"

"Dann bekommst Du Prügel!"

Ich warf an ihm vorbei, er wurde wütend: "Ich werde Dich so sehr prügeln, dass Du nicht mehr laufen kannst,Du Hund!"

Ich warf und der Stein streifte seinen Kopf. Da gab er sich zufrieden.

*

Steinbruch - Exerzierplatz - Steinbruch - Exerzierplatz, so ging der Tag hin. Abends bekam ich einen Topf Kaffee. Ich trank ihn in kleinen Schlucken und fühlte, wie meine Zunge sich nach und nach vom Gaumen löste und wie mich, nachdem der Durst geringer geworden war, die Müdigkeit mit doppelter Gewalt überfiel.

Rossig ließ mich wieder zu sich rufen und verlangte, dass ich ihm den Rest des Geldes überlassen sollte. Ich willigte natürlich ein. "Du hast doch noch eine Uhr bei uns in Verwahrung, das ist ein schönes Ding, schenkst Du mir die?"

Ich stand stramm: "Jawohl!"

Er behielt sie viele Wochen. Nach meiner Entlassung gab er sie eines Tages persönlich in meiner Wohnung ab. Vielleicht hatte er sich in der Trunkenheit mit seinem Diebstahl gebrüstet und war angehalten worden, die Beute wieder fahren zu lassen.

In dieser Nacht wurde ich zum ersten Mal in Ruhe gelassen. Ich schlief wie ein Toter.

Am anderen Morgen konnte ich meine Hände nicht mehr gebrauchen. Sie waren von den Steinen bis auf die Knochen zerfetzt. Bis gegen 10 Uhr stand ich hinter der Kellertür, starrte stumpf vor mich hin. Ich glaubte zu träumen, als ein SA Mann höflich zu mir sagte: "Bitte schön! Nimm Deinen Koffer und komm!"

Delin empfing mich mit den Worten: "Wir werden Dir den Rest der Haare herunterschneiden. Hast Du was dagegen?"

Ich hatte nichts dagegen, ich wußte nur nicht, ob man sich aufs neue über mich lustig machte - oder ob vielleicht mein Todesurteil endlich gefällt war. Die Haare wurden abrasiert. Dann durfte ich mich nach fünf Tagen zum ersten Male waschen.

Als ich fertig war, wurde ich zu Rossig geholt. Er war nicht allein, sein Bruder, ein Standartenführer aus Dresden, war bei ihm. Er galt für menschlicher als seine Kollegen.

"Wie siehst Du denn aus?" Er sah mich lange an. "Was ist Dir passiert?"

"Ich darf nichts erzählen!"

"Mein Bruder sagt mir, Du hast Dich schlecht geführt, wie ist denn das?"

Jetzt wollte ich doch zu sprechen beginnen, aber Lagerführer Rossig fuhr dazwischen: "Ich ziehe das zurück! Er hat sich gut geführt!"

Die beiden gingen, ich hörte von nebenan ein heftiges Gespräch, die Worte verstand ich nicht. Dann kamen sie zurück.

Der Standartenführer sagte mir: "Also, heut nachmittag besuchen Dich Deine Frau und Dein Kind. Bei Deiner Frau kannst Du Dich bedanken, wenn Du heute vielleicht noch entlassen wirst!"

Ich dachte mir, das Nansenamt sei den Herren wahrscheinlich unbequem geworden. Und in dieser Annahme ging ich nicht fehl.

Später blieb ich mit dem Lagerführer wieder allein. Rossig war wie verwandelt. "Ich sehe, dass Du ein verschwiegener Mensch bist!" Und er bot mir Zwieback und Schokolade an. Dann schärfte er mir ein, dass ich selbst meiner Frau nicht erzählen dürfe, was vorgefallen war. "Die Haare sind abrasiert - gut, im Lager war die Bartflechte! Deine Hand ist verbunden - Du hast Dich im Steinbruch verletzt! Deine Kleider sind schmutzig - das ist von der Arbeit...!" So ging es eine ganze Weile fort, ich erhielt eine regelrechte Instruktionsstunde. Am Ende wurde ich hinausgeführt.

*

"Tabaschnik!" Ich lief ins Zimmer, stand stramm. Meine Frau und mein Junge saßen ein Stück seitlich auf zwei Stühlen. Ich sah nicht zu ihnen hin, ich war daran gewöhnt worden, den Kopf weder nach rechts noch nach links zu wenden, meine Knie zitterten. Ich spürte aber deutlich, was geschah: meine Frau erkannte mich nicht - mein Kind erkannte mich nicht.

Als Rossig sagte: "Da steht er ja!" stürzten die Beiden auf mich zu, und auch mit meiner Fassung war es zu Ende. Der Junge fiel in einen heftigen Weinkrampf. Rossig, dem die Sache sichtlich unangenehm war, nahm ihn auf den Schoß und versuchte, ihn zu trösten. Meiner Frau gab er die Versicherung, ich würde am gleichen Tag noch ins Krankenhaus überführt werden, was auch geschah.

Als die Beiden gegangen waren, gab er mir von den 100 Mark, die ich bei der Einlieferung hatte, 50 zurück. "Ich gebe sie Dir nicht gern. Wozu brauchst Du sie denn?" - "Ich muss im Krankenhaus bezahlen!" - "Wird Deine Frau nach dem Geld fragen?" - "Ja" - "So..."

Er zögerte ein Weilchen, dann mag er sich an den Auftritt mit seinem Bruder erinnert haben. Ich bekam die 50 Mark, der Rest blieb gestohlen.

Rossig schärfte mir noch einmal ein, ich solle schweigen. "Wenn Du etwas erzählst, laß ich Dich holen, und dann kommst Du lebendig nicht wieder herunter!"

*

Am Nachmittag hatte ich Gelegenheit, auf dem Hof mit vielen Gefangenen zu sprechen. Sie erzählten übereinstimmend, auch sie seien mißhandelt worden. Im ganzen beherbergte das Lager etwa 200 Häftlinge.

Am Abend wurde ich ins Krankenhaus Pirna eingeliefert. Wieder sauber gewaschen in einem Bett zu liegen, war so erlösend, dass ich die Schmerzen zunächst kaum spürte, obgleich mein Körper furchtbar zugerichtet war.

Eines beunruhigte mich: ich lag wieder in der Zelle mit dem doppelt vergitterten Fenster. Also immer noch Häftling! Und lähmende Angst kroch in mir hoch - würden sie mich wieder in die Hölle Königstein holen? In Fieberträumen erlebte ich all die Schrecknisse des Lagers noch einmal.

Frau und Kind besuchten mich, sie waren aber nur die ersten Male allein. Dann wurde ihnen ein Polizist mitgegeben, so dass wir kein Wort ungestört sprechen konnten.

Als ich nach Tagen das erstemal auf dem Hofe auf und ab gehen durfte, begegneten mir Nationalsozialisten aus dem Ort, die ich kannte. Sie trugen auch an dem Krankenkittel ihre Hakenkreuzabzeichen. Als sie mich sahen, blieben die meisten von ihnen einen Augenblick lang wie erstarrt stehen, dann wurden sie rot und wandten die Köpfe ab. Was mag in ihnen vorgegangen sein? Wie ich zugerichtet war, sahen sie - wer es getan hatte, wußten sie, denn meine Einlieferung ins Lager hatte sich selbstverständlich in dem kleinen Ort rasch herumgesprochen. Schämten sie sich ihrer Parteifreunde? Schämten sie sich sogar ein wenig ihrer selbst? Ich weiß es nicht, ich weiß nur, dass sie, die mich bei meinem ersten Aufenthalt im Krankenhaus ständig gehänselt und gehöhnt hatten, jetzt kein Wort über die Lippen brachten und rasch weiter gingen, als sei ihnen ein Gespenst begegnet.

Am 17. Mai wurde ich nach Hause entlassen. Ich sah die Räume wieder, in denen ich jahrelang gelebt und gearbeitet hatte - und brach aufs neue zusammen. Lange noch lag ich krank.

*

Am Schluss noch einige Worte über das Schicksal des Konzentrationslagers Königstein. Es war ursprünglich als Übergangslager gedacht. Die Gefangenen, die sich in Hohnstein, dem nächstgelegenen großen Lager, gut geführt hatten, sollten noch einige Zeit in Königstein festgehalten und dann entlassen werden. Aber die erste Lagerverwaltung, die mit den Gefangenen einigermaßen menschlich umging, wurde sehr bald abgesetzt (der Leiter kam sogar in Schutzhaft), an ihre Stelle rückten Lagerverwalter Fuhrmann, Bienert und andere braune SA Führer. Nun begannen die Mißhandlungen. Die Austragung von Privatrachen gehörte zur Selbstverständlichkeit.

Traurige Berühmtheit im Ausland hat das Lager Königstein durch den Fall Gumpert erhalten, der sich unter der Ära Fuhrmann zutrug. Die Ärzte, die Gumperts Leichnam sezierten, taten der SA Leitung nicht den Gefallen, zu lügen. Sie stellten wahrheitsgemäß fest, dass der Mann erschlagen worden war (das alles ist ja von den Zeitungen außerhalb der deutschen Grenzen veröffentlicht worden).

In Pirna erzählte man später allgemein, der nationalsozialistische Untersuchungsausschuß ("Uschla") habe Fuhrmann aus der Partei ausschließen wollen. Er schien aber einflußreiche Gönner zu haben, denn er wurde nur ein wenig degradiert und hatte zur Zeit meiner Schutzhaft durchaus die alte Gelegenheit, Gefangene zu quälen. Jetzt bildet er SA aus und sorgt wahrscheinlich dafür, dass recht viele Rekruten ihm, dem Mörder, ähnlich werden.

Kurz nach meiner Entlassung aus Königstein wurde das Lager aufgelöst. Aber niemand möge sich täuschen: die Auflösung eines kleineren Lagers besagt gar nichts. Alle von mir geschilderten Schinder sind noch in Amt und Würden, von einem Zufall hängt es ab, in welchem Lager sie morgen auf Wehrlose losgelassen werden.

Solange es ein nationalsozialistisches Deutschland gibt, werden schuldlose Menschen gefoltert, in den Wahnsinn getrieben, ermordet werden.

Neue Haftandrohung und Flucht

Während der Wochen meiner Genesung lernte ich die neue "Ordnung" gründlich kennen. Die Polizisten gaben einander die Türklinke in die Hand. Einer wollte den Entlassungsschein sehen, - der nächste verkündete mir, ich hätte mich zweimal am Tage auf der Polizei zu melden, - der dritte erklärte mich für verhaftet (die Haft war nur vorübergehend aufgehoben worden), - der vierte hob den Befehl, mich zum Haftantritt zu melden, wieder auf, nachdem drei Ärzte meine Haftunfähigkeit bestätigt hatten. Der fünfte entband mich von der Pflicht, mich auf der Polizei zu melden und verkündete, er werde täglich zweimal in die Wohnung "kontrollieren kommen". Allen merkte man die Verlegenheit an, keiner wußte genau, was eigentlich los war.

Dass ich für jeden Tag Lagerhaft nachträglich zwei Mark bezahlen musste, erschien mir besonders toll.

Bei diesem Hin und Her und den täglichen Aufregungen machte meine Gesundung nur langsame Fortschritte. Eine Zeitlang musste ich mich wirklich zweimal täglich auf Stöcken ins Revier schleppen. Für den Weg, der sonst eine halbe Stunde dauerte, brauchte ich fünfviertel Stunden - also war ich an einem solchen Tag etwa fünf Stunden unterwegs. Zu Hause lag ich dann wieder im Fieber, in der Genesung um Tage zurückgeworfen.

Drei Ärzte konstatierten meine Haftunfähigkeit - das entband mich aber nicht vor weiteren Scherereien. Trotzdem meine Frau alle Aufregungen nach Möglichkeit von mir fernhielt und selbst das Schwerste trug, blieb noch genug Belastung für mich übrig.

*

Das Ende ist schnell erzählt. Sobald ich halbwegs neue Kraft gesammelt hatte, übte ich meine Privatpraxis weiter aus und hatte gut zu tun. Es kamen auffallend viele Deutschnationale zu mir. Einige versicherten sogar, sie hätten von meinem Schicksal gehört und seien davon erschüttert. Neidische Kollegen beobachteten aber scharf, was vorging, und ich zweifle nicht daran, dass sie es waren, die immer wieder auf meine Ausweisung drangen.

Am 11. August 1933 erhielt ich für mich und meine Familie statt der Interimsausweise reguläre Nansenpässe. Meine Frau hatte die Verbindung mit dem Nansenamt während der ganzen Zeit aufrecht erhalten und mir damit wahrscheinlich Leben und Freiheit gerettet. Ich glaube heute noch, dass ich nicht lebend aus dem Lager herausgekommen wäre, wenn ich die deutsche Staatsangehörigkeit besessen hätte. Die Inhaber von Nansenpässen stehen in jedem Lande unter dem Schutz des Nansenamtes. Nach einer internationalen Vereinbarung dürfen Nansenschützlinge nur ausgewiesen werden, wenn sie gegen die Strafgesetze verstoßen haben und von einem ordentlichen Gericht abgeurteilt worden sind.

Die Nansenpässe hatten wir nun - aber ein Einreisevisum in ein anderes Land war schwer zu bekommen. Wir versuchten alles - nichts gelang. Trotzdem mit dem 11. August - also mit dem Tage, da wir die Pässe erhielten - meine Schutzhaft endlich formell aufgehoben war, blieben wir weiter unter scharfer Überwachung.

Ich wurde am 7. September aufgefordert, Deutschland zu verlassen, konnte aber der Aufforderung nicht Folge leisten, da ich nicht wußte, welches Land mir die Einreise gestatten würde. Wir zögerten Monate hindurch, alles im Stich zu lassen und ins Ungewisse zu gehen, versuchten es immer erneut mit Eingaben an das Ministerium, an alle möglichen Ämter, nichts half.

Meine Ausweisung war verfügt von dem Pirnaer Bürgermeister Scheufler. Er ordnete meine Ausweisung an, ohne auch nur den Bescheid des Innenministeriums auf eine noch unerledigte Beschwerde abzuwarten.

Scheufler war vor dem Umsturz zweiter Bürgermeister und hielt es mit den Kommunisten, trotzdem er von den Bürgerlichen gewählt worden war. Damals nahm ihm, auf zahlreiche Beschwerden hin, der Gesamtrat des Pirnaer Stadtverordnetenkollegiums das Versprechen ab, das Trinken zu lassen und sich abstinent zu halten. Nach dem Sieg der Nationalsozialisten wurde Scheufler Bürgermeister. Er liegt seitdem nachts oft betrunken mit seinem Kneipbruder, dem Gauleiter[4] Sterzing, in Pirna auf der Straße, randaliert und ist in der ganzen Stadt verrufen, gehaßt und gefürchtet. Während seiner jetzigen Amtstätigkeit hat er auf Kosten der Stadtverwaltung nacheinander vier elegante Personenautos zuschanden gefahren.

Da ich mein Schicksal nicht allein von diesem Ehrenmann bestimmen lassen wollte, reiste ich eines Tages selbst ins Innenministerium nach Dresden. Das war im Februar 1934. Bereits am 10. September 1933 hatte das Nansenamt gegen meine Ausweisung Einspruch erhoben, ohne auch nur Antwort zu erhalten.

Im Ministerium führte Oberregierungsrat Dr. Lampert die Unterredung mit mir. Ich machte darauf aufmerksam, dass es nach den internationalen Vereinbarungen doch gar nicht zulässig sei, den Inhaber eines Nansenpasses ohne Grund auszuweisen.

Dr, Lampert: "Was wollen Sie denn als Ausländer in Deutschland? Sie nehmen nur Deutschen das Brot weg!"

Ich: "40 Millionen Deutsche leben im Ausland, viele von ihnen sind staatenlos. Wenn die nun alle aus den Ländern ausgewiesen würden, die ihnen heute Asyl gewähren?"

Jetzt wurde dem Herrn die Sache sichtlich unbehaglich. Vielleicht besann er sich darauf, dass in meinem Fall ein internationales Abkommen verletzt worden war. Er sah mich scharf an und schloß das Gespräch mit den Worten: "Für mich hat sich die Sache überhaupt erledigt. Gehen Sie zu Herrn Oberregierungsrat Dr, Grunewald!"

Grunewald versprach mir, sich meines Falles "anzunehmen", aber ich habe später von seiner Hilfe nichts gemerkt.

*

Endlich Ende März 1934 wurde die Lage unhaltbar. Mir war ein neuer Haftbefehl zugestellt worden, am 10. April sollte ich mich zum Haftantritt melden.

Am 29. März entschlossen wir uns zur Flucht. Auf Umwegen erreichten wir die tschechoslowakische Grenze.

Wir sind ohne Mittel und staatenlos, wir werden versuchen, uns irgendwo auf der Welt wieder eine Heimat zu schaffen.

Die Zukunftsaussichten sind trüb - dennoch sind wir froh, ein Land verlassen zu haben, in dem die Menschenrechte zertreten sind, in dem Sadisten und Verrückte sich an unschuldigen Gefangenen austoben dürfen.


Ilse Fischer, geb. Engler: Mein kleines, unwichtiges Leben

Autorisierter Auszug aus einem Lebensbericht, geschrieben für ihre Töchter.

Was ich empfand, als ich mein Geburtshaus in Pirna an der Elbe, Albertstraße 1b, 1973 wieder besuchte, kann ich kaum in Worte fassen. Wie war es nur möglich, dass meine Eltern in diese enge Kleinstadt bei Dresden verschlagen wurden? Welche Beweggründe, welche Not hatten sie veranlaßt, in diese ihrer Mentalität so völlig fremde Gegend zu ziehen? Sie waren Teil einer Art Völkerwanderung, die viele Juden aus dem Osten zu Beginn des Jahrhunderts erfaßt hatte, und so wurde ich eben zufällig in diesem Pirna geboren. Es hätten auch unzählige Orte irgendwo in der Welt sein können.

Ich sehe meinen Vater vor mir. Er ist meine jüngste Kindheitserinnerung: ständig schwarz gekleidet, mit Hut und weißem Bart. Nie erschien er mir jung. Die kurze Zeit, in welcher ich ihn erlebte, war er krank, ein Asthmatiker im fortgeschrittensten Stadium. Er versuchte, mir das Alef-Bes[5] beizubringen, die einzigen Versuche in meiner Kindheit, mich ins religiöse Judentum einzuführen.  Er war ein sehr frommer Mann und paßte in seine Umgebung wie ein Eremit in eine hektische Umwelt. Er war kaum fähig, mit den elementarsten Anforderungen fertig zu werden, eine Familie, wenn auch noch so bescheiden, zu ernähren. Und dann sah ich ihn bleich und tot in seinem Bett, das er zuletzt kaum noch verlassen konnte. Damals konnte ich den Tod noch nicht begreifen; es war irgendetwas Fremdes, Unheimliches, Angst Einflößendes. Ein Leben, welches sich fast nur auf der Schattenseite befand, war verlöscht.

Meine Mutter

Sie war eine einfache Frau und stammte aus einer dörflichen Gegend. Nie war sie der deutschen Sprache mächtig, aber ich empfinde sie in meiner Erinnerung klüger als alle noch so intelligenten und studierten Menschen; denn ihre Herzenswärme überstrahlte ihren Mangel an elementarstem Wissen. Sie war für mich Wärme, Schutz, Halt und alles Positive, was es im Leben nur geben kann. Sie ist immer in mir, und ihr Wort, ich sei in einer Glückshaube geboren, gibt mir fast immer Zuversicht, Hoffnung und Optimismus, dass es irgendwie gut gehen muss.

Meine Schwestern

Anna: Die kluge, die Verhaltene, die so etwas wie Vater-Mutter-Stellvertretende. Mit trockenem Humor, der oft Gescheite, Bescheidene auszeichnet. Sie war nicht hübsch, aber wer näheren Kontakt mit ihr hatte, sah Schönes in ihr. Anna und ihre Ehe: Man kann sich kaum etwas Gegensätzlicheres vorstellen als ihren Mann Hersch und sie, aber auch in jeder Beziehung. Er sah gut aus und war auch auf seine optimistische Art gut. Sie kamen beide aus völlig verschiedenen Richtungen. Sie, in Deutschland aufgewachsen, klug, intelligent, geistig vielseitig interessiert. Er, aus Kolomya in der Bukowina, einfach, gutmütig, Schneider - aus einer Anatevka-Atmosphäre.[6] Einen Sohn hatten sie, Joachim, geboren am 19.03.1935. Alle kamen sie um im Zuge einer sogenannten Aussiedlungsaktion.

Marie: Die überaus Gutmütige, Fleißige, Saubere und - so Leichtsinnige. Allen wollte sie geben. Sie wollte geben, was sie nicht hatte, also nahm sie es von der Mama und teilweise auch von mir, wenn sie gesammeltes Milchgeld bei mir witterte. Sie nahm es, um mit dem Geld im Café Astoria Kuchen und Eis zu kaufen. Kurz vor Hitlers Machtübernahme tauchte sie als "Freidenkerin" unter und nahm in Kötzschenbroda die Stelle einer Serviererin an. Sie arbeitete, verdiente gut und gab wieder alles für andere aus. Als ich nach Lemberg ging, war sie noch unverheiratet. Spät und kurz währte ihre Ehe mit einem  Konfektionär aus Frankfurt a.d.Oder namens Köln. 1941 wurden sie, ihr Mann, dessen Schwester und Schwager ins Warschauer Ghetto evakuiert, wo sie alle ein paar Monate später am Fleckfieber zugrunde gingen. Sie liebte mich, sie pflegte mich, aber zur Erziehung trug Anna den größten Teil bei. Vor ihr hatte ich Respekt; wenn sie mich akzeptierte und lobte, war ich stolz.

So wuchs ich auf: in Armut und trotz des frühen Verlustes meines Vaters in familiärer Wärme.

Ich habe leider keine heimatlichen Gefühle; wohl bedingt dadurch, dass uns die Jahrtausende der Verfolgung im Blut liegen und wir uns nur dort heimisch fühlen können, wo man Antisemitismus nicht einmal wittert.

Im März 1933 bekam ich den Abschluss der Mittleren Reife. Es war auch der äußerste Zeitpunkt, denn etwas später hätte ich sicher die Schule verlassen müssen. Die Toleranz der Lehrer war bei der Überzahl so gut wie null; es waren fast alle kleinstädtisch-bürokratische Typen, die zum Nazismus tendierten, außer Dr. Dietze und Frl. Scheibe.

Als Sechzehnjährige begann ich in der Villa Lack-Heß, Postweg, als Hausmädchen, da jüdische Familien laut Gesetz nur Christinnen über 45 Jahre beschäftigen durften. Es war keine schlechte, aber eine unpersönliche Atmosphäre, und ich kam zum ersten Mal mit für meine Begriffe großem Luxus in Berührung. Die Einrichtung dieser Villa war für die damalige Zeit kostbar, nicht neureich, sie strahlte einen fast geschichtlichen Reichtum aus. Frau Heß war eine vornehme, kultivierte Frau, und ihre beiden Töchter wurden völlig unsnobistisch erzogen. Aber wenn ich in unsere gemütliche Wohnung zu meiner Mutter eilen konnte, kam ich in die Wärme und Geborgenheit, dorthin, wo ich meinen schwindenden Möglichkeiten, meiner geplanten und erstrebten Zukunft nachweinen konnte. Das machtlose, ja geradezu trauernde Verständnis meiner Mutter half mir immer wieder, den Hausmädchenposten vorerst weiter auszuführen.

Dann kam die zweite Stelle: Glaubers in Dresden-Wiesenau. Er, ein feiner gütiger Mensch, Direktor der Kodak-Werke. Sie, eine exzentrische, hysterische, eitle Person, die ihrem Mann das Leben zur Hölle machte, die sogar neidisch auf meinen Stolz war, einen Stolz der Armen, sich unterdrückt Fühlenden. Ich verweigerte die Annahme von Trinkgeld von Gästen, denen ich in die Mäntel half. Sie stellte mich bewußt auf die Stufe der Arbeiten-Müssenden, was für sie so etwas wie asozial war. Nachdem mich meine Mutter dort besuchte und mich noch spät abends am Waschtrog stehend angetroffen hatte, nahm sie mich kurzerhand nach Hause, und das kärgliche Brot empfand ich wie einen Leckerbissen.

Die dritte Stelle: bei Artur Pick in der Rosenstraße in Dresden. Als Feinkostgeschäft klang das etwas großspurig. Denn ich verkaufte dort Kartoffeln aus Säcken und Heringe aus großen Fässern. Damals, 1934, herrschte ein harter kontinentaler Winter. Ich war ein dünnes, unterernährtes Mädchen. Mir platzten vom Frost die Finger auf. Die Fersen bekamen starke Frostbeulen, so dass ich nur in übergroßen Hausschuhen gehen konnte. Aber ich will nicht nur die negativen Seiten beschreiben. Ich aß so ziemlich erstmalig alles, was ich wollte, ohne irgendeine Beschränkung. Ich durfte täglich reichhaltige Lebensmittel mit heim nehmen. Meine Mutter kam jedesmal hektisch mit Zeitungspapier angelaufen, welches sie auf den Fisch legte, denn sie wußte, sobald ich die Wohnung betrat, dass ich nichtkoschere, trefene[7] Dinge mitbrachte. Sie konnte es aber nicht übers Herz bringen, mir den nahrhaften Genuß zu verwehren - ein großer EntSchluss, da sie einer seit Generationen streng religiösen Familie entstammte. Aber ich sorgte auch für sie, indem ich ihr für sie verwertbare Lebensmittel brachte. Artur Pick war ein seriöser, bürgerlicher, sehr korrekter deutscher Jude, der die Lebensmittelbranche von Grund auf gelernt hatte. Er stammte aus Ratibor/Oberschlesien, wuchs in Breslau auf und bestand in meiner Erinnerung vorwiegend aus Fleiß. Nach Dresden kam er versetzungshalber in die EHAPE (KEPA). Von dort machte er sich trotz Nazizeit selbständig, und zwar mit Erfolg. Das Geschäft in der Rosenstraße lag in der Nähe eines Prostituiertenviertels, dessen Bewohner nachweislich, weil selbst verfemt und verfolgt, gutmütige, großzügige und soweit möglich tolerante Kunden waren. Der Hauswirt: Ein homosexueller Kohlenhändler, der keine Spur von Böswilligkeit besaß, der mich durch seinen, wohl veranlagungsbedingten, chronischen Stimmbruch stets zum Lachen brachte, was er aber nie übel nahm. Als mich Artur im März 1934 fragte, ob ich seine Frau werden wolle, überraschte es mich sehr, da ich vorher nie irgendwelches Interesse seinerseits in dieser Richtung verspürte. Völlig aufgescheucht und verwirrt besprach ich diese Frage mit meiner Mutter. Ich kann und will es nicht Berechnung nennen, dass ich mein Jawort gab. Ausschlaggebend war die totale Misere, in welcher wir uns befanden; und die einzige Möglichkeit für alle jüdischen Jugendlichen, der völligen Ausweglosigkeit zu entrinnen war, auf Hachsharah[8] nach Israel zu gehen. Letzteres wollte ich keinesfalls, nur um meine Mutter nicht verlassen zu müssen. Also verlobte ich mich an meinem Geburtstag 1934, mit siebzehn Jahren. Mein Leben veränderte sich vorerst nicht. Einige Monate später entschloß Artur sich, zurück nach Breslau zu gehen, um dort in der Gartenstraße ein Feinkostgeschäft zu eröffnen. In der Zwischenzeit blieb ich daheim und befand mich öfters in Dresden. Einmal war ich in Breslau und besuchte auch seine Schwester in Ratibor. Nicht lange danach bemühte sich Artur für uns beide um Einreise nach Südafrika. Vorher wollte er heiraten. Als ich wiederum vor die Alternative gestellt wurde, meine arme Mama zu verlassen, weigerte ich mich auszuwandern.

Es kam Rosh-Hashana[9] 1936 (Oktober). Meine Mutter rüstete und bereitete sich vor, für ein paar Tage mit mir nach Dresden zu fahren, um wie jedes Jahr in der Sporergasse zu beten. Auch wohnten wir wie immer bei der Familie Schwarz in der Wettiner Straße. Herr Schwarz war einer der besten Freunde meines Vaters, und auch wie er chassidisch[10] fromm. Wie bei der jüdischen Jugend üblich, standen wir meisten vor dem Betraum - und da traf ich Arno Altbach wieder.

Ich hatte ihn im Königscafé in Gegenwart von Artur kennengelernt. Ich schreibe den Namen Altbach absichtlich, da er mir besser gefällt als Fischer. Letzteren Namen musste Arnos Vater annehmen, weil fast alle Juden vom Osten nur durch Chuppa[11] getraut waren und die Behörden so geschlossene Ehen als ungültig erklärten. Also war Arnos Vater sozusagen unehelich und musste den Mädchennamen seiner Mutter annehmen.

Arno: Als er sich mit mir verlobte, sagte man in Dresden in unseren Kreisen: Sie hat git gedawenet (Sie hat gut gebetet). Wir heirateten standesamtlich am 15.7.1937, die Chuppe wurde am 25.7.37 im jüdischen Restaurant bei Herrmann gestellt. Kantor Hofmann traute uns nach jüdischem Ritus.

Arno und sein Bruder führten zu dieser Zeit in der Großen Brüdergasse noch einen lukrativen Zigaretten-Großhandel. Ich half mit und war auch täglich mit im Geschäft. Trotz der Boykottmaßnahmen erreichte Arno noch die drittgrößte Umsatzquote. 1938 verkaufte er den Großhandel an Melcher, Bad Schandau. Das Geld wurde auf Sperrkonto konfisziert.

Unsere Odyssee

Es kam der 27. Oktober 1938: Ein Chaos, ein Desaster, ein Unglück; es gibt kein Wort dafür, um das Geschehene zu beschreiben. Ich wurde abgeholt und kam zusammen mit den Schwiegereltern in einen Schulsaal in der Blumenstraße. Von dort wurden wir in Viehwaggons verfrachtet. Es gelang mir vorher noch, in Pirna bei Dr. Jakob anzurufen, um meine Mama zu verständigen. Bis zur letzten Minute meines Lebens sehe ich von den Waggons aus meine Mutter an der Bahnsteigsperre stehen.

Einem etwas menschlich angehauchten Beamten habe ich es zu verdanken, dass ich nochmals in die Arme meiner Mutter eilen konnte. Ich glaube, es bedarf keiner Worte, um die Abschiedsmomente zu erklären.

Arno befand sich zu dieser Zeit in Lemberg bei Verwandten. Wir wurden bei Beuthen über die Grenze getrieben. Die Polen jedoch wollten uns nicht und schickten uns wie Vieh zurück. Die Deutschen empfingen uns mit Schreckschüssen. Wir befanden uns auf Niemandsland und meinten mit Sicherheit, unsere Stunden wären gezählt. Dann kamen wir doch auf polnischen Boden. Wir wurden von polnischen Juden, die schon von dem Vertreibungsunglück erfahren hatten, mit Essen und Trinken gelabt und erfrischt. Auf einmal stand Arno vor uns. Er war von Lemberg herbeigeeilt, um uns zu finden. Noch heute und immer werde ich das Gefühl nicht vergessen, welches ich bei seinem Anblick empfand. Er war die personifizierte Sicherheit, Güte, Liebe, die Rettung, und so ist es eigentlich in etwa immer geblieben. In der folgenden und in der Kriegszeit war diese seine Ausstrahlung die Rettung, nicht nur für mich, auch für mehrere Menschen, die mit ihm Kontakt hatten.

Von der Grenze aus fuhren wir mit den Schwiegereltern nach Lemberg. Arno und ich wurden von Onkel Simon und Tante Dora aufgenommen, die Schwiegereltern von Phillip und Jenny. Wenn wir in unserem dumpfen Schmerz überhaupt etwas fühlten, so war es die echt menschliche Wärme der Verwandten. Sie taten das Möglichste für uns, und wir hatten noch Glück, im Gegensatz zu den vielen anderen, bei der Familie untergekommen zu sein. Ich fuhr besuchsweise zu Anna nach Kolomya, wohin auch meine Mutter aus Pirna evakuiert war. Wieder erlebte ich die geradezu klaffenden Gegensätze von Anna und Hersch; inmitten dieser Atmosphäre lebte Bubi (Joachim) sein winziges kurzes Leben.

Als am 1. September 1939 der schrecklichste aller Kriege ausbrach, wurde schon in der ersten Stunde Arno das Leben geschenkt, weil er den Bruchteil einer Minute die Kreuzung von der Grödeska zur Kashdeleinska (Wohnung der Eltern) überquerte, bevor die erste Bombe krachte, die schon sehr viele Opfer forderte.

Das Chaos dauerte an, bis kurz darauf aufgrund des russisch-deutschen Nichtangriffspaktes den Russen das Gebiet bis zum Bug überlassen wurde. Also war vorerst für uns der Krieg beendet. Arno und der Schwiegervater suchten sich sofort eine Arbeit, und fleißig, wie beide waren, ernährten wir uns alle ganz gut. Ich wollte aufs Konservatorium. Meine Stimme war damals sehr gut, sodass ich eine Freistelle bekam. Aber es scheiterte an meinen fehlenden Sprachkenntnissen. Man legte damals auch mehr Wert auf politische und konstitutionelle Kenntnisse als auf das Talent. Das war also mein letzter Versuch, ins musische Fach zu kommen. Wir lebten damals  monoton, aber zufrieden; wir waren ja alle zusammen. Ein sehr guter Freund war uns Arnos Cousin Bondi, Phillips und Jennys Sohn, ein strahlend liebenswerter, guter Mensch mit allerhand schauspielerischen Flausen im Kopf. Nicht vergessen kann ich die Verwandten, die ich nur kurz skizzieren will: Phillip, sehr ansehnlich, sehr gütig, der uns oft unbemerkt Taschengeld zuschob, um uns nicht zu beschämen. Jenny, die Gütige, Kraftvolle, eine frühere Schönheit. Simon, auch gut, aber äußerlich nicht sehr bemerkbar; Dora, seine Frau, auf die er sehr stolz war - er strahlte nur, wenn er sie ansah! Die drei Töchter: Sara, Andra, Genia - sehr gut veranlagte Mädchen. Luscha, Jennys Nichte: ich sehe sie am Webstuhl stehend, magenkrank, fleißig, zäh, mich bewundernd, ganz gleich, was ich tat. So lebten wir noch ruhig, nicht ahnend, was uns an Schrecklichem erwartete.

Wir empfanden es allerdings alles andere als positiv, unter russischer Herrschaft zu leben. Hätten wir aber in die Zukunft sehen können, wäre es uns paradiesisch erschienen.

22. Juni 1941

Der Nichtangriffspakt wurde von den Deutschen gebrochen. Arno machte in der Kartonnagenfabrik, wo er arbeitete, bis spät nachts Überstunden; ich verging fast vor Unruhe, als die Panzer vor unserer Wohnung vorüberdröhnten. Endlich kam Arno, und immer, wenn er bei mir war, schwand meine Angst. Die Deutschen besetzten das vorher von den Russen okkupierte Gebiet. Uns beherrschten Uniformen, Hakenkreuze, SS, SD, Angst und Schrecken, Sonderkommandos, Todeskommandos, Armbinden mit dem Davidstern, Kontributionserlasse: das bedeutete Hergabe sämtlicher Wertgegenstände, Aussiedlungsaktionen, das hieß, Vernichtungsaktionen.

Unter diesen Schreckensumständen wurde am 20. August 1941 Renate geboren. Ein sehr humaner deutscher Offizier, der im gleichen Hause Quartier bezogen hatte, brachte mich ins Krankenhaus. Unter den menschlich und hygienisch unmöglichsten Umständen kam das Kind zur Welt; damals ein Glück, dass es ein Mädchen war, denn selbst unter bedrohlichen Situationen hätten wir einen Sohn beschneiden lassen. Das Judentum hat sich durch Jahrtausende seine unerschütterliche Tradition erhalten. Unfaßbar, wer dieses Gesetz bricht!

Nun weiter zu Renate. Es war ein süßes hellblondes Kind. Wir hängten ihr ein kleines Schild um, worauf ihr Geburtsdatum, Name und Herkunft standen, denn wir lebten in stündlicher Angst, auseinandergerissen zu werden.

Vielleicht, so dachten wir, würde sich eine menschliche Seele des kleinen unschuldigen Würmchens annehmen. Wir hatten einen Schutzengel. Arno arbeitete bei der Luftwaffe und erwarb sich die Sympathie des Hauptmanns Geistert. Er holte Renate und mich anläßlich einer Massenzusammentreibung und Vernichtungsaktion in die Kaserne und versteckte uns. Ich musste Renate oft den Mund zuhalten, damit ihre kindlichen Laute uns nicht verrieten.

Oktober/November 1942

Wegen immer stärkerer Gefährdung mussten wir aus Lemberg weg. Renate übergaben wir an Hella Tita, eine Polin, die sie dann weiter dem katholischen Felicianerorden anvertraute. Das Kind wurde getauft und gerettet. Nie, bis zum jüngsten Tag, werde ich den Abschied vergessen, und immer sehe ich Arnos guten Vater vor mir, der sich verzweifelt wünschte, nochmals Renate sehen zu können. Aus Renate wurde Renia Tarsonska. Zu dieser Zeit war meine Mutter schon ins Massengrab gewandert, Herrsch verschleppt, und von Anna erhielt ich die letzte Nachricht, dass sie mit ihrem fiebrigen Kind aus der Wohnung vertrieben wurde. Auch Mariechen ging mit ihrem Mann und Verwandten im Warschauer Ghetto an Flecktyphus zugrunde.

Nachdem wir Renate nochmals, letztmalig vor unserer Flucht gesehen hatten - unvergeßlich ist unsere damalige seelische Erschütterung - begann unsere erneute, ganz andere Odyssee. Wir besorgten uns gefälschte volksdeutsche Papiere, d.h. Arno tat es. Den deutsch klingenden Namen, den wir glücklicherweise hatten, behielten wir. Nur Geburtsorte und Herkunft wurden verändert. Herr Geistert gab uns ein Schreiben an seinen Freund mit, einen Hauptmann oder Major, der ca. 500 km vor Stalingrad stationiert war und bat ihn, uns weiter zu helfen.

Mit einer Kolonne Lastwagen, die Nachschubmaterial aller Art für die Front geladen hatten, ging die waghalsigste und todesumwittertste Fahrt unseres Lebens los. Die Fahrer kannten Geistert, deshalb nahmen sie uns mit. Wenn Wehrmachtsstreifen kamen, versteckten sie uns. Sie gaben uns Essen und trugen sogar unsere in Eimern getätigten menschlichen Bedürfnisse hinaus. Wenn ich dies niederschreibe, meine ich, alle diese Erlebnisse trugen sich in einem früheren Leben zu, nicht in diesem! Es ist heute nicht zu fassen und zu glauben, dass wir in unserer Not Menschen für uns hatten, die uns halfen.

So kamen wir im Oktober 1942 nach Dnjepropetrowsk, unserer ersten Station. Der Dnjepr ist ein breiter Strom. In Winniza und Kiew waren wir von Partisanen umgeben, die uns jede Minute hätten töten können. Wir mussten den Laster verlassen - und waren verlassen. Aber Arno wollte unbedingt zu dem Freund von Geistert, der Hilfe wegen, aber bis dorthin war es noch weit. Per Anhalter ging es weiter nach Stalino. Wir tarnten uns als Volksdeutsche, die zu einer bestimmten Einheit wollten. Unterkunft fanden wir bei einer Prostituierten, die wahrscheinlich, den Fotos an den Wänden nach, eine Jüdin war. Ich schlief mit Arno auf einer schmalen Pritsche. Einmal kam die Wehrmachtsstreife. Sie beleuchteten uns mit einer grellen Lampe und meinten: "Laß ihnen das Vergnügen." So entgingen wir wieder einmal der tödlichen Gefahr, der Enttarnung.

Weiter ging es nach Rostov, um zu dem Freund von Geistert zu gelangen, von dem wir die rettende Hilfe erwarteten. In Rostov gelangten wir zur Don-Brücke, die zentimeterweise bewacht und abgesichert war.

Arno fuhr mit einem Laster als Hilfswilliger über die "Todesbrücke". Als er am anderen Ufer ankam, und Geisterts Freund suchte, war der nicht anwesend, Heimaturlaub oder Ähnliches. Ich wartete auf Arnos Rückkehr wie eine Sterbende, die sich an einen Strohhalm klammert. Wer ein Atheist ist, fängt an, an Gott zu glauben. Solch ein Wunder war Arnos Wiederkommen zu mir. Ich saß in einer Bauernkate, deren Bewohner mir gekochte Mäuse zum Essen anboten, so groß war der riesige Hunger. Arno kam, die Gefahren, die er durchstand, sind nicht zu beschreiben.

Wir fuhren gemeinsam nach Nishnednjeprowsk, und dort blieben wir. Die vielen Gefahren, bis wir dahin gelangten, will ich nicht mehr beschreiben, unter anderem: Ich wollte mir die Haare herausreißen und vom Laster springen. Im Alter von 25 Jahren war ich dem Wahnsinn nahe! Nur Arno hat mich immer wieder gerettet.

Organisation Todt

Dort fanden wir beide Arbeit - als Hilfswillige (Volksdeutsche), ich in der Zahlmeisterei, Arno als eine Art Hausmeister, der überall einsprang. Wir lebten eine Zeit ziemlich ruhig und wiegten uns in einem gewissen Gefühl der Sicherheit - bis der Obergruppenführer Rottmann die "Todesbühne" betrat. Er witterte mit dem 6., fast schon 7. Sinn, dass mit uns irgendwas nicht stimmte. Es war der hellhörige Sinn des Super-Antisemiten. Eines Tages rief er Arno und verlangte von ihm und mir den "arischen Nachweis". Nur ein Gott stand Arno zur Seite. Er antwortete unerschrocken und kaltblütig: "Geben Sie mir einen Marschbefehl, damit ich in meine Heimatstadt (fingiert: Thom bei Danzig) reisen kann, um die Unterlagen zu beschaffen."

Diese Ruhe irritierte Rottmann. Ich bekam Panik und wollte unbedingt mit. Arno meinte mit Recht, dass ich damit den Verdacht nur anheizen würde. Arno wollte nach Odessa, um eine vorläufige Bleibe für uns zu schaffen. Er meinte, wenn ich ohne Gefahr nachkommen könnte, sollte ich es tun; wenn nicht, würde er mich holen. Meine diesbezüglichen Bemühungen waren hektisch, angstvoll, und somit fiel ich auf. Als ich quasi schon auf den gepackten Koffern saß, kamen Bertemann und Rönnebeck in meine Bauernkate . Da ich sah, dass ich verloren war, half mir nur das Eine, nämlich die volle Wahrheit zu sagen. Diese beiden überzeugten Nazis hatten noch einige Funken Menschlichkeit in ihren Herzen und ihrer Seele! Sie taten das Einzige, was sie in der Lage waren zu tun: sie schwiegen, sie verrieten mich nicht. Also blieb ich und hoffte, ähnlich wie in Rostov, auf meinen Arno.

Er kam: Eines Nachts klopfte es an mein Fenster. Er hatte einen Bauern mit Pferd und Schlitten ergattert, um mich in einer verschneiten Winternacht zu holen. Wir fuhren bis zur nächsten Bahnstation, Grigoreskin (18 km), übernachteten in einem Waggon, in steter Angst vor Häschern. Am Morgen zottelte der Bummelzug ca. 40 km bis zu einer Hauptstraße, von dort fuhren wir per Anhalter nach Odessa.

Odessa

Arno hatte schon eine Unterkunft vorbereitet. Wir mussten  schnellstens bei einer sich zurückziehenden Einheit arbeitsmäßig unterkommen. Es ging um Leben und Tod, denn wir lebten wie Freiwild. Arno fand ziemlich schnell Arbeit bei einem Lazarett, welches sich ins Hinterland nach Ismaila (Bessarabien) zurückzog.

Ich indessen fand nichts, und ich war der Verzweiflung nahe, denn Arnos Einheit fuhr in einigen Stunden ab. Niemals werde ich vergessen, wie ich in panischer Angst zu Arno eilte, in der Annahme, er wäre schon weg und hätte mich in dem Inferno allein gelassen. Er muss wohl meine drohende Verzweiflung gemerkt haben, dass er sich sogar von mir gefährdet sah. Er sagte in etwa: "Ilse, gehe nochmals los und suche, suche, suche! Ich bin noch da!" Er hätte mich bestimmt nicht allein gelassen.

Da, ein Wunder in letzter Minute geschah: Ein Frontlazarett, in einer Schule untergebracht, suchte dringend eine Schreibhilfe (Zahlmeisterei). Sie fragten mich nicht, wieso ich so gut Deutsch könnte, sie fragten gar nichts, nur da bleiben sollte ich. Ich lief strahlend zu Arno, der in der nächsten Minute "beruhigt" abfahren konnte. Ich sehe es noch heute vor mir: Es war eine Art Fiakerkutsche mit zwei Pferden, die ihn zu seiner neuen Einheit brachte. Ich sah ihm nach, bis er meinen Blicken entschwand, völlig ungewiß, ob wir uns jemals wiedersehen würden.

Ich begann meine neue Tätigkeit im "Feldlazarett 17", 30 km hinter der Front, mit dem Chefarzt Dr. Dörffler. Dieses Lazarett versorgte zuerst die Verwundeten. Blutjunge Männer, fast noch Kinder, lagen mit abgeschossenen Armen und Beinen und sonstigen Verletzungen in den Gängen. Ich stolperte fast über sie. Sie baten stöhnend um Wasser. Ich tat damals, was in meiner Kraft lag. Ich musste den Sold auszahlen, den ich an die Betten der Verwundeten brachte. Die sahen damals eine Art Engel in mir. Wenn ich den Krankensaal betrat, winkten mir einige mit lachendem Gesicht und ihren schon amputierten Armstümpfen zu.

Die Russen stießen immer weiter vor und trieben Keile in die deutschen Einheiten. Auch unser Lazarett floh mit den "Sankern" (Lazarettwagen). Der Umsicht Dr. Dörfflers hatten wir es zu verdanken, dass wir uns fern der Rückzugsstraße zurückzogen, quer durch Wälder und Partisanengebiete, bis nach Reni, auch in Bessarabien, ca. 40 km von Arno entfernt. Dort befanden wir uns länger. Landschaftlich war es ein sehr schönes Gebiet, und wir schwammen in der Donau. Wir erlebten den 20. Juli 1944 dort, und ich bemerkte mit Genugtuung, dass ein großer Teil der Offiziere bedauerte, dass das Attentat auf Hitler mißlungen war.

Mit Arno konnte ich nicht in Verbindung treten, weil wir uns nicht wagten, über die Feldpost zu schreiben. Wir waren also heimlich nicht so weit voneinander entfernt, und doch war jeder wie auf einem anderen Stern. Nach einigen Wochen einer gewissen Ruhe ging der Rückzug weiter bis nach Dej in Siebenbürgen. Dort zeltete unser Lazarett auf einer großen Wiese. Dort begann für mich die Endphase meiner Odyssee, und es wurde die gefährlichste Phase. So kurz vor Kriegsende lief ich Gefahr, es doch nicht zu überleben: Der Chefarzt beschloß nun, da er die völlige Niederlage kommen sah, alle Hilfswilligen abzugeben, um die Personenzahl zu reduzieren. Wir sollten in das Dulag (Durchgangslager) kommen, um von dort nach Deutschland geschickt zu werden. Letzteres bedeutete für mich das Ende, denn dort hätte ich mich nicht mehr tarnen können.

Oberfeldwebel Schneider rettete mich, indem er mich mit anderen Hi-Wi's[12] zwar ablieferte (listenmäßig, wie Ware), mich aber nach dem Registrieren unbemerkt wieder mit hinausnahm. Da ich nicht mehr ins Lazarettlager zurück konnte, lief ich völlig verloren durch die kleine Stadt und ging wahllos in Geschäfte und Häuser, wo ich jüdische Namen las (z.B. Katz, Kohn usw.).

Niemand war da, denn sie wurden doch alle von den Ungarn und Deutschen evakuiert, in KZ's und zu Zwangsarbeiten. Schließlich las ich vor einer Tür einen ungarischen Namen, Dr. Tibór, oder so ähnlich. Da ich nichts mehr zu verlieren hatte, klingelte ich, und eine sehr junge, sehr freundliche Frau ließ mich in die Wohnung. Ich musste sehr weinen. Sie rief ihren Mann, der deutsch sprach. Sie bewirtete mich, und wenn es einen Schutzengel gibt, leitete er mich dorthin, zu diesen Menschen im wahrsten Sinne des Wortes.

Ich erzählte meine Geschichte vom Zeitpunkt unserer Flucht aus Lemberg und der Abgabe Renates. Dr. Tibór sprach einige Worte mit seiner Frau ungarisch, darauf ging er mit mir in ein Hotel "Ungaria", dessen Besitzer sein Freund war. Letzterer sprach kein Wort deutsch; ich sagte, ich wäre Polin, da er ja auch nicht polnisch konnte. Zu sagen, ich wäre Volksdeutsche, war zu gefährlich. Er gab mir Arbeit in der Küche, ich hatte also vorläufig Unterkunft und Nahrung. Der Hotelier war ein gütiger, feiner Mensch. Irgendwie hatten sie bei meinem Lazarett in Erfahrung gebracht, dass Herr Schneider mir zur Flucht verholfen hatte. Ich konnte mich mit ihm in Verbindung setzen, um ihm zu sagen, dass ich untergekommen war. Er stand in den nächsten Tagen mit abgerissenen Schulterklappen vor mir; er hatte Glück, nicht vor ein Kriegsgericht gekommen zu sein; er wurde aber strafversetzt.

Als die Russen immer mehr vorstießen, brachte mich der Hotelier, dessen Name mir entfallen ist, bei seiner Schwägerin, deren Mann an der Front war, und bei seiner Mutter unter. Ich hatte also so etwas wie ein Heim, denn diese Menschen nahmen mich familiär auf.

Der Tag war da! Die Russen rollten mit Panzern in das Städtchen Dej. Ich glaubte, die Stunde der Befreiung hätte nun endgültig für mich geschlagen. Ich sah mich schon mit Arno und Renate vereint, wieder eine glückliche Familie, aber es kam ganz anders!

Ich rannte freudestrahlend auf die Straße und erzählte dem erstbesten Russen, den ich traf, kurz und aufgeregt die Geschichte meiner Tarnung und mein Überlebensglück. Er hörte mich stumm an, ohne eine Miene zu verziehen, und er sagte, ich solle "nach Hause" gehen. Einige Stunden später kamen zwei Russen vom NKWD, um mich festzunehmen. Sie durchsuchten meine paar Habseligkeiten und fanden einige Fotos von Soldaten des Feldlazaretts und mir.

Ich wurde mit deutschen Gefangenen in einen kleinen Raum gepreßt und wartete ca. eine Woche, bis man mich zur Vernehmung rief. Ich wurde von einem schrecklichen Scheinwerfer geblendet, der mich fast blind machte und bezweckte, mein Gegenüber nicht zu sehen. Es war grausam und unheimlich, dieses Verhör! Seine Fragen trafen mich wie Keulenschläge. Ich wurde einfach zur Spionin abgestempelt. Auf meine Einwände, dass ich nie spioniert hätte, sondern ich mir mit Hilfe der falschen Papiere nur das Leben retten wollte, gab er mir zur Antwort: Ich hätte eher sterben oder versuchen sollen, mich zu den Partisanen durchzuschlagen. Es wurde beschlossen, mich zur Zwangsarbeit im Domberg (Ural) zu schicken.

Inzwischen hatten sich in Dej wieder ein paar Juden eingefunden, die sich zu einer kleinen Gemeinschaft zusammenschlossen. Meine ungarischen Beschützer gingen zu ihnen, um von mir und meinem Schicksal zu erzählen. Einer oder zwei der zurückgekommenen Juden gingen zu den Russen, um meine Freiheit zu erwirken. Sie wiesen darauf hin, erst meine Angaben nachzuprüfen, bevor sie mich deportierten. Dies geschah.

Die Auskunft in Lemberg bestätigte meine Aussage und bewies die Wahrheit. Nun wurde mir nahegelegt, in der russischen Kommandantur zu arbeiten, und zwar als "Dolmetscherin" für deutsche Gefangene. Die Armen, hoffentlich habe ich ihnen mit meinem fehler- und stümperhaftem Russisch nicht geschadet. Ich versuchte das Möglichste, um die Angaben der Gefangenen so positiv es nur ging zu übersetzen und fügte einiges von mir hinzu. Es waren "arme Schweine"!

Die Kommandantur ging in die Tschechei; ich sollte mit. Auf meine inständige Bitte, mich gehen zu lassen, um mein Kind und meinen Mann zu suchen, gab man mir zur Antwort: "Anderer Mann, anderes Kind"! Ich suchte Hilfe bei meinen jüdischen Freunden. Einer davon, Dr. Büro, war Chefarzt des Krankenhauses. Er schlug mir vor, den Blinddarm herausnehmen zu lassen, um ins Krankenhaus zu kommen. Auch das ließ ich über mich ergehen. In der Zeit meines Krankenhausaufenthaltes zogen die Russen nach Prag - ohne mich. Nun konnte ich mich intensiv der Nachforschung nach Renate und Arno widmen.

Meine engsten Freunde waren Rechtsanwalt Dr. Rosenthal und Niklós Judovits. Niklós fuhr mit mir los. Er sollte Mutter und Geschwister suchen. Wir fuhren auf Trittbrettern und Dächern überfüllter Eisenbahnwaggons in Richtung Polen. Der Name des Städtchens ist mir entfallen. Ich entsinne mich schemenhaft: Wir übernachteten in einer evakuierten Wohnung. Da wir unsere wenigen Habseligkeiten, Geld usw. hüten mussten, stellten wir uns täglich mit den zurückkommenden KZ-Häftlingen in die Reihe, um etwas Suppe zu bekommen. Wir nahmen Verbindung mit Eisenbahnarbeitern auf, die auf die polnische Seite fuhren und gaben einem die Adresse von Hella Tita in Lemberg, um zu erfahren, wo Renate ist.

Wir gaben einen großen Teil unserer geringen Habe her. Eines Tages kam ein Eisenbahner und gab uns Auskunft über Renates Verbleib: Felicianerinnen-Orden, der sich nach Otwock bei Lublin abgesetzt hatte.

Jetzt begann die Endphase der dramatischen Odyssee: Das Finden Renates und Arnos.

Niklós und ich fuhren nach Lublin. Eine Adresse zur Übernachtung gab man uns. Das Folgende muss ich etwas ausführlicher schildern. Der Wirt fragte mich, weshalb ich hier wäre. Ich zeigte ihm ein Foto, welches wir vor der Weggabe Renates und unserer Flucht aus Lemberg gemacht hatten. Er sah Arno und rief in etwa: "Oi, oi dus ist Fischek" und rannte schon los.

Arno war schon ca. 6 Monate in Lublin, trieb irgendwelchen Handel und Wandel mit hundert Dingen und gab sein Geld an Scharlatane und Luftexistenzen, die Renate suchen sollten. Dabei war das Kind 30 km vor seiner Nase. Der Wirt kam aufgeregt und enttäuscht zurück. Arno war vor paar Tagen in Richtung Krakau gefahren mit irgendwelchen Freunden, um von dort nach Dresden weiterzureisen. Ich war wie eine Ertrinkende, so kurz vor dem Ziel und fast ohne Geld und Arno schon so nahe und schon wieder entglitten. Da kam Moniek, ein Freund Arnos, gerade aus Krakau, wo er noch mit Arno zusammen gewesen war. Sofort fuhr er mit dem nächsten Zug zurück, um ihn zu holen.

Ich fuhr inzwischen mit einer Polin zwecks Verständigung nach Otwock, um endlich Renate in meine Arme nehmen zu können. Wir kamen morgens um 6 Uhr dort an, ein wunderschöner Ort im Wald. Es war Pfingsten, die Sonne schien durch die Zweige der Bäume, und die Vögel jubilierten, so als wollten sie mir sagen, dass ich schon in der nächsten Minute mein Kind sehen sollte.

Das Wiedersehen war dramatisch, und dürftige Worte sagen nicht einen Teil dessen, was nun kam. Wir kamen zu dem Schwestern-Orden. Eine Bezugsschwester Renates, in welcher sie so etwas wie ihre Mutter sah, holte das Kind. Es schaute mich aus übergroßen blauen Augen an, ernst und fragend, und die erste Frage war: a gdej jest tatusz (wo ist Vater)? Ein Kamm, den ich ihr gab, war wohl die erste Kostbarkeit in ihrem Leben. Sie betete, selbstverständlich polnisch, das Vaterunser und bekreuzigte sich oft. Die Trennung von ihrer kroloiva Jadwiga fiel ihr sehr schwer und hat ihr bestimmt einen seelischen Schock versetzt. Auf einmal hatte sie Eltern, die ihr fremd waren und mit denen sie nicht sprechen konnte.

Als ich mit ihr in Lublin eintraf, kam ca. eine Stunde später Arno. Die vielen Menschen in dem Raum betrachteten das Ganze wie ein Schauspiel. Wir sahen uns nur an und konnten gar nichts sagen. Mit uns Renate, für die wir völlig Fremde waren.

Was später alles kam und wie sich unser Leben abspielte, ist nicht beschreibenswert.


Esra Jurmann, Dresden - Riga - Stutthof

 

Ich bin am 20. Mai 1929 zu Dresden geboren, und als Hitler zur Macht kam, hatte ich natürlich als 4-jähriger Junge keine Ahnung von den einschneidenden Änderungen für die Juden Deutschlands. Zum ersten Male kam mir dieses zum Bewußtsein, als der Tempel in Dresden in Brand gesetzt wurde und u.a. auch mein Vater verhaftet und nach Buchenwald geschickt wurde. Ende Juli 1939 ging mein Vater nach England. Meine Mutter, mein älterer Bruder und auch ich erwarteten, unsere Einreisegenehmigung in wenigen Wochen später zu erhalten. Da brach der Krieg aus.

Bis Januar 1942 lebten wir in Dresden unter täglich neuen Beschränkungen, die ich im allgemeinen als bekannt voraussetze. Der 18. Januar 1942 brachte die entscheidende Wendung in unserem Leben, und davon will ich nachstehend berichten. Es fing damit an, dass viele Juden an diesem Tage einen Zettel folgenden Inhalts erhielten: "Sie, ...., sind zu dem am 20. Januar 1942 abgehenden Evakuierungstransport vorgesehen und haben die Erlaubnis, zu jeder Zeit einzukaufen. Wir weisen ausdrücklichst auf das Gesetz vom 15. Okt. 1941 hin, wonach der Verkauf oder das Weggeben von jüdischem Eigentum unter strengster Strafe untersagt ist." Diejenigen Juden, die in den Zeiss-Ikon-Werken, Wehrbetrieb genannt, arbeiteten, mussten bleiben, denn man brauchte sie für dringende Kriegsarbeiten. Es war uns erlaubt, Proviant für vier Tage mitzunehmen. Am 20. Januar, 6 Uhr früh, gehen wir zum Bahnhof Dresden-Neustadt zu unserem Sammelplatz. Dort bekommen wir den ersten Vorgeschmack von dem, was uns bevorsteht.

Es wird seitens der Gestapo und SS geschrieen, geschlagen usw., und wir sind anfangs fassungslos über diese Brutalitäten. So etwa ging es den ganzen Tag zu. Da kam z.B. der Befehl, einen Saal zu räumen und in den anderen Saal zu gehen. Sofort setzte ein Schlagen der SS ein, um diesen Befehl auszuführen. Mütter verlieren ihre Kinder im Gedränge. Die Kinder weinen, doch keiner kümmert sich um sie. Mütter suchen verzweifelt nach ihren Kindern. Endlich, gegen 6 Uhr abends, werden wir unter Schlägen der SS in alte ausrangierte Eisenbahnwagen hineingepreßt. Alle in den Zeiss-Ikon-Werken arbeitenden Juden haben für diesen Tag frei bekommen, um uns beim Gepäcktragen behilflich zu sein. Gegen 9 Uhr abends setzt sich der Zug in Bewegung, und die Fahrt ins Unbekannte beginnt. Wir halten öfters auf freier Strecke, und der Zug hält erst um Mitternacht auf der ersten Station. Wir lesen auf dem Schild Görlitz. Dort werden weitere Wagen unserem Zug angehängt, und wie wir später erfuhren, sind diese Wagen mit Juden aus Leipzig besetzt. Trotz Enge und übergroßer Hitze gelingt es mir, jetzt etwas zu schlafen, und als ich am Morgen erwache, fahren wir durchs Riesengebirge. Draußen heftiger Schneefall. Stationsschilder Hirschberg, Deutsch-Eylau usw. fliegen an uns vorüber. Die Luft im Wagen ist jetzt unerträglich. Als jedoch im nächsten Wagen ein Fenster geöffnet wird, wird die Heizung sofort abgestellt. Bald ist es eisig kalt in unserem Wagen, und wir leiden besonders unter Durst. An einer Station versucht der Transportleiter der Leipziger Juden, Wasser für die Kinder zu holen. Er wird unter Schlägen von der SS gezwungen, sich völlig nackt auszuziehen und sich im Schnee zu wälzen. Er wurde später von den anderen Mitreisenden durchs Fenster in den Wagen hineingezogen. Wie wir später erfuhren, ereignete sich während der Reise ein anderer Zwischenfall.

Ein SS-Mann kommt in einen Wagen und erkundigt sich, ob alles in Ordnung sei. Als Leute meinten, es sei kalt, wollte er sofort wissen, wer das geäußert hätte. Als er keine Antwort erhielt, drohte er, alle im Wagen anwesenden Personen zu erschießen, wenn die Betreffenden sich nicht sofort melden würden. Schließlich meldeten sich zwei, ein Junge von ungefähr 14 Jahren und ein Mann von ungefähr 60 Jahren. Sofort schlägt die SS auf sie ein. Man zwingt die beiden, auf das Wagendach zu klettern, und während der Zug zu fahren anfing, dort hin und her zu laufen. Nach einer Stunde dürfen sie wieder in den Wagen. Dies geschah auf unserer Reise durch Litauen, und draußen herrschten über 30 Grad Kälte.

Endlich, am 4. Tag unserer Reise, wird eine größere Stadt sichtbar. Wir fahren über einen großen Fluß und halten nach kurzer Zeit auf einer kleineren Station: Skirotava. Alles muss nun aussteigen und sich in Reihen formieren. Es wird uns gnädigst erlaubt, das Gepäck auf dem Bahnhof zu lassen, es sollte später "nachgeschickt" werden. Meine Mutter beschließt wohlweislich, das Gepäck nicht aus der Hand zu geben. Alte Leute und kleine Kinder werden in Autos weggefahren. Wir müssen marschieren auf einer uns endlos erscheinenden Straße, die "Lattales Jela". Jela heißt Straße, und es ist mein erstes Wort, welches ich in Lettisch lerne. Der Durst quält uns, und wir Kinder fangen an, Schnee zu essen. Später kommen uns Leute mit Schlitten entgegen. Zu uns kommt ein Mädchen und fragt uns, ob sie unsere Rucksäcke auf ihrem Schlitten befördern darf. Das Mädchen kommt aus Hannover, und jetzt erfahren wir zum ersten Mal, dass wir uns in der Nähe von Riga befinden und in ein Ghetto gebracht werden sollen, welches in einer Vorstadt Rigas gelegen ist. Nach einem Marsch von etwa 16 km erreichen wir gegen 6 Uhr abends das Ghetto, einen mit 2 Reihen Stacheldraht umzäunten Stadtteil Rigas.

Die erste Nacht im Ghetto verbrachten wir mit 10 Personen in einem kleinen Zimmer. Am nächsten Morgen wurden uns sogenannte Wohnungen zugewiesen. Wir bekamen ein Zimmer nebst Küche. Außer meiner Mutter, meinem Bruder und mir mussten wir dieses Zimmer mit 4 anderen Personen teilen. Die Küche stand auch für die Bewohner des nächsten Zimmers zur Verfügung, sodass auf einem schlechten Herd für ungefähr 13 Personen gekocht werden musste. Letzteres war kein großes Problem, denn meistens gab es nichts zu kochen, außerdem fehlte es uns an Heizmaterial. Unsere täglichen Rationen bestanden aus einer kleinen Rübe, 220 Gramm "Brot", gebacken aus Kartoffelschalen, welches sauer schmeckte und feucht und schwarz wie der Fußboden war. Ferner gab es einmal in der Woche 10 Gramm Margarine und 100 Gramm Grütze. Das war alles. Bei unserer Ankunft im Ghetto fielen uns sofort Blutspuren auf den Straßen auf. Die Wohnungen wiesen zahlreiche Einschußstellen auf. Wir fanden in ihnen blutige Schuhe, Mützen usw., die wenigen Möbel waren durcheinandergeworfen, und ein einziges Chaos war vorherrschend. Wir erfuhren, dass kurze Zeit vor unserer Ankunft die SS von den ca. 40000 Rigaer Juden ca. 36000 umgebracht hatte. Von überlebenden lettischen Juden erfuhren wir später folgendes.

Als die Deutschen in Riga einmarschierten, begannen sie sofort mit Aktionen gegen die Juden, worin sie von der lettischen Bevölkerung unterstützt wurden. So verrieten die Letten der SS, wo Juden wohnten, weil sie dafür bezahlt wurden. Gewöhnlich ging dann die SS zu den Juden ins Haus, mißhandelte die Bewohner, nahmen mit, was ihnen gefiel und brachten die Juden ins Gefängnis.

Bald darauf kam der Befehl, dass alle Juden auf dem Rücken wie auch auf der Brust den Judenstern zu tragen und in ein Ghetto zu übersiedeln hätten. Damals war das Ghetto noch nicht eingezäunt. Es existierte noch das "Zidu Kommiteja Riga", das jüdische Komitee von Riga. Den Juden war es erlaubt, die Stadt Riga zu betreten, und sie mussten zu einer bestimmten Zeit am Abend zurück sein. Doch war es für die Juden im allgemeinen gefährlich, sich in der Stadt blicken zu lassen. Häufig wurden sie überfallen, überfahren und auch erschossen. Man behandelte sie wie Freiwild, seitens der Deutschen wie auch seitens der einheimischen Bevölkerung. Als alle Juden im Ghetto wohnten, kam eines Tages eine Kompanie SS, umzingelte das Ghetto, und alle Frauen und Kinder wurden auf Lastautos weggefahren. Es verblieben außer den Männern nur Frauen und Kinder der jüdischen Polizei und des jüdischen Ältesten-Rates. Diese Aktion begann Anfang Dezember 1941 und dauerte 2 volle Tage. Dann, bei einer anderen Aktion, wurden Männer weggebracht. Ein Junge, der dabei war, erzählte mir folgendes darüber (sein Name ist Chaim Magaram): Es wurde ein Befehl herausgegeben, dass alle Männer anzutreten hätten. Sodann suchten die SS-Leute vorwiegend ältere Leute aus, die auf Lastautos weggefahren wurden. Ein anderer 17-jähriger Junge namens Samuel Kocz erzählte mir folgendes: Als er eines Tages mit einer Arbeitskolonne durch die Stadt zurückmarschierte, kam ihnen ein SS-Auto entgegengefahren und forderte die Kolonne auf, einzusteigen. Sie wurden in einen Wald gefahren, dort erhielten sie Schaufeln und erhielten den Befehl, eine Grube auszuheben. Samuel bekam es mit der Angst zu tun und gab dem sie bewachenden lettischen SS-Posten seine Uhr und goldenen Ring, worauf dieser ihn weglaufen ließ. Er wurde jedoch auf der Flucht von anderen Posten gesehen und sofort beschossen.

Er verbarg sich in einem Strohhaufen. Die SS suchten nach ihm und stachen mit dem Bajonett in den Strohhaufen hinein, und er erhielt einen Stich durch die Hand. Als der Junge sich sicher fühlte, ging er zu Fuß zur Stadt, die er gegen 12 Uhr nachts erreichte. Da niemand in Riga nach 9 Uhr abends auf der Straße angetroffen werden durfte, wurde er alsbald von der Polizei verhaftet und ins Rigaer Zentralgefängnis gebracht. Der Junge hatte irgendwie Glück. Er stellte sich krank und wurde einige Tage später ins Ghetto zurückgeschickt. Von der betreffenden Arbeitskolonne und deren Verbleib hat man nie wieder etwas gehört. Am 7. und 8. Dezember 1941 wurden dann die restlichen Frauen und Kinder und mit ihnen weitere ältere Männer weggeholt. Dann wurde ein kleiner Teil des Ghettos eingezäunt. Eines Tages kam der Befehl, dass alle Insassen des nicht eingezäunten Teils (genannt das große Ghetto) in das kleine Ghetto umzusiedeln hätten. Der Befehl kam am Morgen, und bis zum Abend sollten alle übergesiedelt sein. Wer nach Ablauf dieser Frist im großen Ghetto angetroffen wird, wird erschossen. Die Männer begannen mit der Übersiedlung. Auf dem Wege von einem Ghetto ins andere wurden sie von der SS aufgelauert und beschossen. Bald war die Straße mit Leichen und Verwundeten bedeckt. Die SS veranstaltete ein wahres Schlachtfest. Die Straße war mit Blut bedeckt. Als die Nacht hereinbrach, wurde die Aktion gestoppt. Die erschossenen Juden wurden auf dem jüdischen Friedhof beerdigt. Auf diese Weise schaffte man Platz für die aus Deutschland zu erwartenden Juden. Am 15. Dezember 1941 traf dann auch der erste Transport aus Köln ein. Wie bereits vorher erwähnt, konnten wir bei unserer Ankunft einige Wochen später immer noch die Blutspuren auf der Straße sehen. Später wurde dann ein Entwesungskommando geschaffen, in dem auch Juden arbeiteten.

Diese hatten die Aufgabe, die blutigen Kleider zu waschen und zu desinfizieren, und mancher fand unter den blutbefleckten Sachen die seiner Angehörigen. Ein Gerücht wurde verbreitet, wonach alle Frauen und Kinder und ältere Männer in ein anderes Lager, Duenamünde, verbracht worden seien (Duenamünde ist ein anderer Vorort von Riga). Doch sehr bald stellte sich heraus, dass in besagtem Ort sich überhaupt kein Lager befände. Von lettischen Bauern und lettischen SS-Chauffeuren erfuhr man, dass alle diese Juden umgebracht worden seien, und zwar fanden ihre Erschießungen im Bickernick Wald, von den Deutschen Hochwald genannt, statt, wo sich eine Anzahl frisch aufgeworfener Gräber befanden. In ganz Lettland befanden sich am Anfang außer dem Rigaer Ghetto noch Ghettos in Libau und Duenaburg, doch wurden diese bald aufgelöst und die Insassen ins Rigaer Ghetto gebracht. Besonders schlimm hauste die SS im Linath Hazedek Hospital. Die Frauen wurden erschlagen, die Säuglinge bei den Beinen gepackt und die Köpfe an die Wand geschleudert, Kinder wurden in die Luft geworfen und dann erschossen. Dieses alles spielte sich vor unserer Ankunft ab, wo wir am 24. Januar 1942 eintrafen.

Über die Zuteilung der Lebensmittelrationen habe ich bereits berichtet, und wir waren natürlich stets hungrig. Wir begannen daher die schlimmsten Abfälle zu essen. Mein Bruder wurde krank, er bekam Lungenspitzenkatarrh. Die Lage verschlechterte sich zusehends, und von den Leuten, die mit uns im Zimmer wohnten, waren drei Personen bereits gestorben. Ich wandte mich des öfteren an das Wohnviertel der Juden aus Köln. Viele von denen arbeiteten in der Stadt und hatten daher Gelegenheit, Lebensmittel zu ergattern. Von ihnen erhielt ich des öfteren etwas zu essen.

Sobald ein Auto mit Rüben abgeladen wurde, lief ich hin, um unter der Gefahr, von der SS jämmerlich verprügelt zu werden, Rüben zu ergattern. Eine andere Sache hielt uns dauernd in Schrecken. In der Nähe von Riga war ein Dorf namens Salaspils, zu deutsch etwa Salzstadt. Dort war ein großes Arbeitslager, wohin man auch viele Männer aus dem Ghetto schickte. In diesem Lager starben täglich bis zu 30 Menschen. Dorthin kam zuweilen der Polizeiführer von Riga, ein gewisser Dr. Lange, und jedesmal erschoß er Leute. Sah er z.B. einen Arbeiter ein wenig ausruhen, so schoß er ihn gleich nieder. Dort herrschte sehr schlimm die Ruhr, auch starben viele an Erfrierungen. Im allgemeinen hielten die Frauen besser durch als die Männer; sie konnten besser den Hunger ertragen.

Nachdem wir die ersten Wochen im Ghetto mit Haus- und Hofarbeiten verbracht hatten, wurde eine Schule eingerichtet. Jede Gruppe hatte eine solche, und mit jeder Gruppe war auch mindestens ein Lehrer mitgekommen. Wir hatten in unserer Gruppe zwei Lehrer: Herrn Hoexter aus Dresden und Frau Rothenberg aus Leipzig. Der Schuldirektor war ein Herr Nussbaum aus Düsseldorf, der auch gleichzeitig im Ältestenrat der Düsseldorfer Gruppe war. Wir lernten Rechnen, Weltkunde, Hebräisch und die gewöhnlichen Fächer, die man in einer Volksschule lernt. Leider war dieser Schulbesuch nicht regelmäßig, denn sobald Schnee fiel, mussten wir Schnee schaufeln. Oder wir mussten in das unbewohnte Ghetto gehen, um dort Holz zu holen. Es war uns komischerweise erlaubt, Möbel zu Kleinholz zu zerhacken, dagegen war es verboten, Klobenholz mitzunehmen. Alles Holz kam in die Holzverteilungsstelle der Gruppe, von wo aus es an die einzelnen Gruppenmitglieder verteilt werden sollte. Wenn wir von diesen Arbeiten zurückkamen, bekamen wir Kinder manchesmal einen Teller Suppe und hier und da etwas Brot.

Später lernten wir auch in der Schule englisch. Im Juli 1942 (etwas verspätet) wurde ich Bar-Mizwah[13], und ich ging einige Male in der Woche zum Schuldirektor Nussbaum, um vorbereitet zu werden. Gottesdienst gab es im Ghetto nicht. Die Männer hatten keine Zeit, weil sie viel arbeiten mussten. Nur für uns Kinder gab es eine Zeit lang Kindergottesdienst. Im übrigen durfte man bis zum 14. Lebensjahr die Schule besuchen, dann wurde man gezwungen, auf Arbeit zu gehen. Nachdem ich mit einem anderen Jungen gemeinsam Bar-Mizwah wurde, hatten wir jeden Morgen in der Schule einen Gottesdienst. Wir erhielten Teffilin[14] und mussten diese jeden Morgen legen. Nur an Hohen Festtagen fand abends ein Gottesdienst statt. Unsere Lehrer fungierten als Vorbeter. Es wurden auch gelegentlich Theateraufführungen im Ghetto veranstaltet, und ich wohnte einer Jeremias - Vorstellung bei. Gemeinsam mit einigen anderen Jungen richteten wir uns ein chemisches Versuchslaboratorium ein. Hier wurden wir von Erwachsenen unterstützt, die in einer chemischen Fabrik in Riga arbeiteten und uns Chemikalien usw. mitbrachten und uns in Chemie und Physik unterrichteten. Ich selbst hatte mir auch eine kleine Werkstatt eingerichtet, wo ich bastelte und auch von Erwachsenen unterwiesen wurde.

Als es etwas wärmer wurde, ging meine Mutter eines Tages mit zur Arbeit, und wie groß war unsere Freude, als sie am Abend mit einem halben Brot zurückkehrte, welches sie gegen einen Rock eingetauscht hatte. Am nächsten Tag tauschte meine Mutter Kleidungsstücke gegen Kartoffeln ein. Diese Tauschgeschäfte während der Arbeit waren sehr gefährlich.

Die SS-Posten achteten streng darauf, dass keine Tauschgeschäfte gemacht wurden. Überhaupt war alles schwer und mit großem Risiko verbunden, und leider muss ich jetzt einige Dinge erwähnen, die mich zur Zeit, als ich davon erfuhr, tief erschütterten. Wollte man z.B. einem Arbeitskommando zugeteilt werden, wo man evl. Gelegenheit zum Tausch geschaffen hatte, musste man zumindest den Mann, der den Arbeitseinsatz unter sich hatte, schmieren.

Die Verwaltung des Ghettos war folgendermaßen eingeteilt: Der Oberste Kommandant über das Ghetto war ein SS-Obersturmführer Krause. Dann kamen einige ihm unterstellte SS-Leute. Diesen SS-Leuten unterstanden der Älteste des Ghettos, ein Herr Max Leiser aus Köln, dann kamen die Männer, die die Arbeitseinteilung und Lebensmittelausgabe unter sich hatten. Jede Gruppe hatte einen Ältestenrat, einen Arbeitseinsatz-, einen Proviantmeister und mehrere Polizisten. Für das Ghetto gab es die sogenannte Lagerpolizei, nur aus Juden bestehend. Ferner hatte jede Gruppe einen Obmann. Diese jüdischen Obmänner und Polizisten nannte man die "Prominenz". Sehr oft mussten sie entsprechend geschmiert werden, um etwas zu erreichen. Einige dieser Herren benahmen sich leider höchst unkorrekt, die Notlage anderer in gemeinster Weise ausnutzend. Es gab sogar einzelne, die Juden an die SS verrieten.

Eines Tages kam ein Soldat und suchte Frauen zur Arbeit. Meine Mutter ging mit und arbeitete beim H.V.M. (Heeres-Verpflegungs-Magazin). Dort war eine Kolonnenführerin, die ebenfalls geschmiert werden musste, um das Privileg zu haben, dort arbeiten zu dürfen. Im Ghetto wurden fortwährend neue Verbote erlassen. So kam z.B. ein Befehl, dass alles Geld, Gold, Silber, Uhren, Füllfederhalter usw. abgegeben werden mussten. Wer im Besitz dieser Gegenstände erwischt wurde, wurde mit dem Tod durch Erhängen bestraft.

Jeden Tag konnte man am schwarzen Brett Anzeigen etwa folgenden Inhalts lesen: Wegen Tauschhandels oder Diebstahls aus Heeresgut oder verbotenen Besitzes von Geld usw. wurden mit dem Tode bestraft: die Namen folgten.

Ich erinnere mich noch gut, dass wegen Fluchtversuchs aus dem Lager Salaspils Heinz Kreidl aus Dresden erhängt wurde. Jeder Tag brachte Angst und Schrecken. Musste ich doch stets gewärtig sein, dass meine Mutter mal beim Tauschhandel erwischt wird. Andererseits verdanke ich mein Leben nur diesem Tauschhandel, den meine Mutter betrieb. Andernfalls wären wir glatt verhungert.

Das früher erwähnte Arbeitslager Salaspils wurde mit der Zeit langsam aufgelöst, und die noch überlebenden Männer kamen ins Ghetto zurück. Sie sahen wie wandelnde Skelette aus, und obwohl ihnen strengstens verboten war, etwas über die Art ihrer Tätigkeit im Lager zu erzählen, so sickerte es doch durch, dass diese Leute die Aufgabe hatten, die Leichen der von der SS Ermordeten zu verbrennen. Es kam vor, dass ankommende Transporte von der Station aus direkt ins Vernichtungslager kamen, und ich entsinne mich genau, dass ein Transport aus Berlin nie das Ghetto erreichte. Die Juden, die die Leichen zu verbrennen hatten, waren einem besonderen Kommando unterstellt, dem Kommando Krause I (benannt nach dem Kommandanten des Ghettos). Als die Juden aus dem Lager Salaspils ins Ghetto überführt wurden, wurde das Lager mit Russen und lettischen Antinazis besetzt.

Als ich im Mai 1943 14 Jahre alt wurde, hatte ich die Schule zu verlassen und musste mit auf die Arbeit gehen, d.h. ich wurde einer Arbeitskolonne zugeteilt und musste mit dieser täglich nach Riga marschieren, um dort beim Ein- und Ausladen von Gütern zu helfen.

Dann kam eines Tages der Befehl heraus, wonach alle Bewohner des Ghettos zu politischen Gefangenen erklärt wurden und in Konzentrationslager zu überführen wären. Es begann damit, dass täglich vor dem Ausrücken der Arbeitskolonnen die SS erschien, Leute aussuchte und zur Arbeitseinsatzzentrale brachte.

Nachdem das Protektions- und Schmierwesen immer größeren Umfang annahm, wurde die Verwaltung des Ghettos zentralisiert, d.h. die kleine "Prominenz" wurde abgebaut. Die Kleider wurden nicht mehr durch Gruppen-Kleiderkammern verteilt, sondern durch eine Zentralkleiderkammer. Der Ältestenrat der Gruppe Kassel hatte jetzt auch andere Gruppen zu betreuen. Der Arbeitseinsatz und die Lebensmittelverteilung wurden ebenfalls zentralisiert. Wenn man z.B. nicht einen guten Freund im Zentralarbeitseinsatz hatte und ihn nicht genügend mit Brot, Butter usw. schmieren konnte, so konnte man bei der nächsten Aussortierung durch die SS weggeholt und ins KZ gesteckt werden.

Bevor diese Aktion begann, geschah folgendes: Eines Tages wurde die gesamte Polizei des lettischen Lagers, etwa 40 an der Zahl zum Appell beordert. Diese Polizisten waren meistens junge Leute aus der Intelligenz und meistens glühende Zionisten. Nachdem man sie zwei Stunden warten ließ, erschienen Autos mit bewaffneter SS, und die Polizisten wurden zu einem nahen Platz geführt. Nachdem sie dort wieder eine Stunde warteten, erschien der Kommandant des Ghettos und verlas ein Todesurteil. Doch kaum fing er an, das Todesurteil zu verlesen, als unter den Polizisten eine Panik ausbrach, und sie liefen auseinander in wilder Angst. Die SS eröffnete sofort das Feuer, und bis auf 2, denen es gelang zu entkommen (später wurden sie aufgegriffen und umgebracht) wurden alle erschossen.

Als die Schüsse im Ghetto gehört wurden, wurden die Bewohner in Panik versetzt, glaubten sie doch, dass die SS alle Bewohner umbringen würde, und manche Frauen versuchten. sich aus den Fenstern zu stürzen, um nicht ansehen zu müssen, wie ihre Kinder umgebracht würden. Um die Ruhe wiederherzustellen, erließ die Kommandantur sofort eine Bekanntmachung etwa folgenden Inhalts:

"Seit einiger Zeit kam es immer wieder vor, dass Ghettoinsassen des Lettenteils flüchteten. Diesen Leuten wurde durch den jüdischen Ordnungsdienst geholfen. Sie wurden von ihnen mit Waffen und Geld versorgt. Die Leute des Ordnungsdienstes des Lettenteils wurden heute standrechtlich erschossen. Der neue Ordnungsdienst für den Lettenteil wird vom deutschen Ghetto gestellt. Zum Leiter des gesamten Ghetto-Ordnungsdienstes bestimme ich den Juden Friedrich Israel Frankenberg. Zum Leiter der Polizei des deutschen Ghettos bestimme ich den Juden Rudolf Israel Haar und zum Leiter der Polizei des Lettenteils bestimme ich den Juden Herbert Israel Perl.

gez. Krause, Obersturmführer

Kommandant des Ghettos Riga"

Kurz darauf verhaftete die SS einen lettischen Juden, der denunziert worden war, und durch Folterungen zermürbt, gestand er, wo die Waffen verborgen waren. Zum Glück waren diese Waffen in einem leerstehenden Haus in einem hinter dem Herd gegrabenen Schacht verborgen. Es folgten Massenverhaftungen. Die Verhafteten wurden in das Zentralgefängnis nach Riga gebracht, und man weiß nicht, was mit ihnen geschah.

Ein lettisch-jüdischer Polizist, der während der Erschießung seiner Kameraden im Lazarett war, sprang bei der Nachricht von der Ermordung seiner Kameraden aus dem Bett, lief durch das Ghetto zum "Prager Tor" und rief: "Wenn meine Kameraden tot sind, will ich auch nicht mehr leben." Ein SS-Mann schoß ihn nieder. Am "Prager Tor", der Grenze zwischen dem lettischen und dem deutschen Ghetto, standen jetzt zwei Polizisten Wache, um darauf zu achten, dass niemand aus dem deutschen Teil in das lettische Ghetto ging und umgekehrt. Doch für ein Paar Zigaretten konnte man passieren, obzwar das stets mit Gefahr verbunden war. Auch ich schlich mich manches Mal in das lettische Ghetto. Wußte ich doch, dass die Lettischen durch ihre Beziehungen zur Rigaer Bevölkerung des öfteren mit Lebensmitteln versorgt wurden. Die lettischen Juden gaben mir auch stets gut zu essen, und im Umgang mit ihnen lernte ich perfekt jiddisch sprechen.

Jeden Tag wurden nun Juden aus dem Ghetto ins KZ gebracht. Wir wußten, was dies bedeutete und lebten daher in ständiger Angst davor, auch ausgesucht zu werden. Nur Leute, die kriegswichtige Arbeiten verrichteten, konnten im Ghetto bleiben. Zu diesen kriegswichtigen Arbeiten gehörte u.a. auch eine Näherei, in welcher SS- und Wehrmachtsuniformen ausgebessert und hergestellt wurden. Meine Mutter beschloß nun, in diesen Betrieb zu kommen. Zwar war dort keine Gelegenheit, Tauschgeschäfte zu machen, aber lieber hungern als ins KZ kommen und von uns Kindern getrennt zu werden. Besonders gefährdet war mein älterer Bruder, der damals im 17. Lebensjahr war. Schließlich, mit großer Mühe und Schmiergeldern, gelang es meiner Mutter, meinen Bruder und sich selbst in diesem Nähbetrieb unterzubringen, und ich kam, ebenfalls durch Schmiergelder unterstützt, in die Gärtnerei.

Doch eines Tages kam der Befehl, wonach der Nähbertieb nach Riga transferiert wurde. Hierdurch verloren meine Mutter und mein Bruder ihre Arbeitsstelle, und am 31. Oktober 1943, am Geburtstage meines Bruders, hatten wir alle um 6 Uhr früh anzutreten. Wir warteten bis 12 Uhr mittags und wurden dann in Lastautos in das KZ Strasdenhof, einem anderen Vorort Rigas -Jugla genannt -gelegen, gebracht.

Als wir die Dünamünder Straße entlangfuhren, die Straße, die das Ghetto abtrennte, waren wir alle traurig gestimmt. Wohl verließen wir einen Ort, der uns fast jeden Tag neue Schrecken und Angst einjagte. Allein, wir wußten genau, dass wir einem noch schlimmeren Ziel entgegenfuhren.

 

Ich bin jetzt 6 Monate in England, und vor einem Jahr wurde ich von der Roten Armee aus dem KZ befreit. Meine Mutter ist verschollen, und von meinem älteren Bruder, der am Leben sein soll, habe ich bisher nichts gehört. Immer wieder wandern meine Gedanken zurück in diese scheußliche Vergangenheit. Im Geiste sehe ich die vielen Menschen, die ich kannte und die durch Selbstmord endeten, weil sie dieses Leben nicht mehr ertragen konnten. Ich gedenke der 10 Frauen, die erschossen wurden, weil sie Mäntel entwendet hatten, um sie gegen Lebensmittel für ihre Kinder einzutauschen. Nie werde ich den Anblick der hinterbliebenen kleinen Kinder vergessen, die wie irrsinnig im Ghetto herumliefen und nach ihren Müttern schrien.

Auch werde ich nicht vergessen, wie einst ein Jude, den Strick um den Hals, am Galgen zum Kommandanten rief: "Du kommst auch noch dran!" Und doch, alle diese Erlebnisse sind nichts an Schrecklichkeit, gemessen und zu vergleichen mit jenen, die ich vom November 1943 an bis zu meiner Befreiung in den verschiedensten KZs hatte. Doch darüber will ich ein ander Mal berichten.

Hier bricht der Bericht ab.

Die Niederschrift über das Ghetto Riga müßte etwa, wie mir Herr Jurmann bestätigte, im April/Mai 1946 erfolgt sein.

Über seinen weiteren Weg bis zu seiner Befreiung schrieb mir Herr Jurmann das Folgende.

"Am 31.10.1943 verließen meine Mutter, mein Bruder Manfred und ich das Rigaer Ghetto. Wir waren Teil einer Gruppe jüdischer Ghettoinsassen, die in ein "Kasernierungslager" gebracht wurden. So lautete die offizielle Bezeichnung. Tatsächlich gingen wir in ein Außenlager des Konzentrationslagers Kaiserwald. Das Ghetto wurde aufgelöst, und die Ghettobewohner wurden in verschiedene Lager überführt. Wir wurden von Ghettoinsassen zu Häftlingen. Jetzt wohnten wir in Massenschlafsälen, unsere Betten waren die dreistöckigen "Kojen", wir traten zu Morgen- und Abendappell an, bei jedem Wetter, und der Appell dauerte so lange, wie es die Willkür des Kommandanten gebot. Die Rationen waren zwei Kellen heißes Wasser, Suppe genannt, mittags und abends eine Scheibe Brot, ungefähr 2 - 3 cm dick, eine Kelle "Kaffee" und alle drei Tage ungefähr 30 g Pferdetalg.

Hungerödeme, geschwollene Beine und Füße, Furunkulose und dann die barmherzige Lungenentzündung oder Ruhr, die den Tod herbeiführte, waren die Folgen dieser Ernährung. Rettung war, an mehr Proviant heranzukommen. Wieder halfen hier die Außenkommandos.

Meine Mutter war eine geschickte Näherin und machte aus Wehrmachtsuniformstoffen Hausschuhe. Die gingen mit einer Mitgefangenen aus dem Lager und wurden gegen Lebensmittel eingetauscht. Darauf stand Todesstrafe.

Wir arbeiteten in den "Generalkommissar"- Werkstätten. Unser Lager war eine Nähgarnmanufaktur gewesen, zu Friedenszeiten. Jetzt war das zweistöckige Gebäude unsere Unterkunft, und ein anderer Gebäudeteil war die Fabrik, wo die Wehrmachtsuniformen ausgebessert wurden. Das war unsere Arbeit. Ich wurde einem Nähmaschinenmechaniker zugeteilt, der mich anlernen sollte.

Zwischendurch gab es Aussuchungen und "Aktionen". Ältere Menschen und Kinder wurden ausgesucht und weggebracht. Sie liegen, soweit ihre sterblichen Reste vom Kommando "Hochwald" oder "Stützpunkt" vor dem Rückzug der deutschen Truppen aus Lettland nicht verbrannt wurden, in den Massengräbern in der Umgebung von Riga. Meine Mutter ging auf einen solchen Transport im August 1944.

Die Russen rückten stetig näher. Im September wurde unser Lager geräumt, und wir wurden auf ein Schiff verladen, das uns nach Danzig brachte. Dort war das KL Stutthof. Dort kamen wir hin. Stutthof war ein großes Lager nach dem Einheitsmuster von Buchenwald gebaut, wie ich nach dem Krieg feststellen konnte, als ich Buchenwald im Zusammenhang mit meiner Dolmetscher-Tätigkeit besuchte.

Da waren die Unterkünfte, Block genannt. Da waren auch Gaskammer und Krematorium. Verpflegung war wie bereits beschrieben. Schikanen waren üblich. Wir durften z.B. tagsüber nicht die Baracken betreten. Wir waren in unserer eher dürftigen Sträflingskleidung, jenen gestreiften Pyjamas, die seitdem zeitweise sogar modisch geworden sind, draußen bei Wind und Wetter. Zusammen mit der Verköstigung war damit allein dafür gesorgt, dass wir stetig weniger wurden.

Von Stutthof, wo wir bestimmt keine Überlebenschance gehabt hätten, wurden mein Bruder und ich am 31.10.1944 in das Außenlager Burggraben, auch bei Danzig gebracht. Wir gingen von dort täglich auf Arbeit in die Schichauwerft, die später unter dem Namen Lenin-Werft berühmt wurde. Dort sollten wir Unterseeboote bauen.

Die Russische Armee rückte wieder näher. Am 2.Februar 1945 ging ein großer Teil unseres Lagers auf den Rückzug, zu Fuß, in Richtung Deutschland. Von dem Transport, der einige Hunderte Menschen betrug, haben sechs überlebt. So ein Augenzeuge später. Mein Bruder, der auch dabei war, ist seitdem verschollen.

Ich selbst musste im Lager zurückbleiben. Um den 23.3.1945, gegen Abend, wurden wir von der Roten Armee befreit. Ich wurde in einem russischen Lazarett gesund gepflegt.

Zu Fuß, per Güter- und Personenzug und Armee-Lkw wanderte ich durch das zerfetzte Deutschland bis nach Belgien. Unter anderem kam ich mit einem Lkw auch in Pillnitz an und ging von dort zu Fuß nach Dresden. Ich hielt mich dort nur einige Stunden auf. Ich wollte weg, heraus aus Deutschland. In Belgien war das Leben fast wie zu Friedenszeiten normal. Belgien nahm mich sehr gastlich auf. Es hatte die Besetzung und den Krieg erlebt und hatte schon vor dem Krieg jüdische Flüchtlinge aufgenommen. Ich blicke auf die Zeit meines Aufenthalts dort mit Liebe und Dankbarkeit zurück.

Leider kann ich das von meinem "Vaterland" nicht sagen, obwohl es auch dort, unter anderem in Pirna, Menschen gab, deren Verhalten dazu beitrug, dass ich in späteren Jahren die Geschehnisse im Dritten Reich abgestuft betrachten konnte.

Im August 1945 konnte ich nach England gehen, mit einem britischen Kriegsschiff. Auch in England fand ich gute Aufnahme. Ich wurde Dolmetscher und besuchte, was in der Zwischenzeit die DDR geworden war, das erste Mal, als fast 50 Jahre vergangen waren. Es hing mit meiner Arbeit zusammen.

Ein Jahr später besuchte ich privat Dresden und Pirna. Ich ging vom Marktplatz kommend die Schloßstraße hinauf, Richtung Obere Burgstraße, in der ich als Kind gewohnt hatte. Ich erwartete das Restaurant und Bierlokal "Max Kern" zu sehen. Ich hatte jahrelang das Bild davon vor Augen gehabt, wie so viele Straßen und Gebäude der Stadt und freute mich darauf, es wieder zu sehen. Aber dort, wo es gestanden hatte, war nur noch eine Lücke in der verfallenen Häuserflucht."

(Brief vom 1.2.1994)

 

3.Teil Anhang

Juden in der AHM Pirna

 

Ort

1861

1867

1871

1875

1880

1885

1890

1895

1900

1905

1910

1925

Pirna

3

2

10

11

32

37

45

24

41

25

38

22

Dohna

 

 

 

5

 

 

 

1

 

 

 

 

Hohnstein

 

 

 

 

 

 

 

1

 

 

 

 

Königstein

 

 

2

2

1

1

5

1

1

 

 

 

Neustadt

 

 

 

 

 

3

8

2

2

 

3

 

Schandau

 

 

3

4

1

5

8

5

4

3

3

 

Sebnitz

 

 

2

 

 

12

23

12

14

14

22

 

Stolpen

 

 

 

2

 

 

 

 

 

 

 

 

Wehlen

 

 

 

 

 

 

 

 

1

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Altendorf

 

 

 

 

1

 

 

 

 

 

 

 

Birkwitz

 

 

 

 

 

 

 

1

1

 

 

 

Copitz

 

 

 

 

 

 

 

 

 

1

 

 

Dittersbach

 

 

 

 

 

 

 

 

 

1

 

 

Gommern

 

 

 

 

 

1

 

 

 

 

 

 

Großsedlitz

 

 

 

1

 

 

 

 

 

 

 

 

Heidenau

 

 

 

 

 

 

 

 

5

3

1

 

Hütten

 

 

 

 

 

 

 

2

 

 

 

 

Klein-Zschachw.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

7

 

Krippen

 

 

 

 

1

 

 

 

 

 

 

 

Mügeln

 

 

 

 

 

 

 

 

1

4

1

 

Mühlbach

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

2

 

Oberhelmsdorf

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

3

 

Porschendorf

 

 

 

 

 

2

 

2

3

 

 

 

Rosenthal

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

2

 

Schöna

 

 

 

 

 

 

 

 

 

7

6

 

Landesanstalt

Sonnenstein

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

2

 

AHM gesamt

3

2

17

27

36

61

89

53

75

63

87

64

[15]

 

Nach der Volkszählung 1933

 

Juden in

männlich

weiblich

gesamt

Stadt Pirna

12

11

23

a.O.d.AHM Pirna

12

16

28

         dar.Heidenau

3

4

7

         Sebnitz

6

6

12

AHM Pirna gesamt

 

 

51

[16]

 

Juden in Pirna 1939 (Zählung Mai 1939)

 

Mit 4 jüdischen Großelternteilen:                                   2

Mit 2 jüdischen Großelternteilen:                                   4

Mit einem jüdischen Großelternteil:                               6

[17]

 

Juden in Pirna, geordnet nach Zeitpunkt des Zuzugs

1.      Rose, E.

Kaufmann

Schuhgasse 132

1876-1906

2.      Prinz, H.

Kaufmann

Markt 59/60

1878-1890

3.      Freund, S.

Schneidermeister

Badergasse167

1878-1885

4.      Goldschmidt,M.

Kaufmann

Schloßstr. 44

1879-1893

5.      Goldschmidt,A.

Rentier

Schloßstr. 43, 45

1880-1894

6.      Cohn, I.

Kaufmann

Dohnasche Str.9

1884-1939

7.      Ikenberg, M.

Weißwarengeschäft

Dohnasche Str. 96

1886-1894

8.      Rosam, D.

Rentner

Albertstr. 86

1887-1894

9.      Guhrauer, S.

Privata

Schloßstr.44

1888-1893

10.    Görtz, S.

Kaufmann

Dohnasche Str. 85

1889-1902

11.    Weiß, A.

Schneider

Markt 133

1891-1892

12.    Rosenthal,F.

Geschäftsvertreter

Dohnasche Str. 96

1891-1892

13.    Rohr, E.

Kaufmann

Dohnasche Str. 88

1893-1894

14.    Kaminsky, A.

Kaufmann

Dohnasche Str.

1893-1935

15.    Hirsch, G.

Kaufmann

Dohnasche Str. 88

1894-1901

16.    Löwenthal, A.

Kaufmann

Dohnasche Str. 96

1894-1898

17.    Heß, G.

Fabrikbesitzer

Postweg 49/64

1895-1939

18.    Byk, G.

Kaufmann

Gartenstr. 445 C (Brd.Kat.)

1896-1901

19.    Hamburger,

Commis

Gartenstr. 448

1896-1900

20.    Linz, J.

Kaufmann

Breite Str. 22/23

1898-1933

21.    Neumann, M.

Kaufmann

Gartenstr. 447

1900-1901

22.    Herzfeld, B.

Kaufmann

Schuhgasse 132

1900-1906

23.    Haller, I.

Kaufmann (b. Linz)

Bahnhofstr. 1

1903-1908

24.    Phillpsthal, R.

Geschäftsführer

Dohnasche Str.  2

1905-1908

25.    Scharf, M.

Kaufmann

Schuhgasse 16

1906-1919

26.    Engler, J.

Trödelhändler

Albertstr. 1b

1906-1939

27.    Zimmering, A.

Uhrmacher

Langestr. 16

1908-1915

28.    Rath, S.

Kaufmann

Schössergasse 1

1910-1911

29.    Freymann, B.

Geschäftsführer

Dohnasche Str.2

1914-1939

30.    Arif, S.

Justizbeamter

Reitbahnstr. 10/11

1918-1919

31.    Weinberg, A.

Gerber

Plangasse 11

1919-1921

32.    Tschaczkowski,P.

Reisender

Schuhgasse 7 u.9

1919-1932

33.    Fernbach,

Revisor

Bergstr.26/Reichsstr.14

1922-1936

34.    Zloczower,

Schuhhaus

Nied.-Burg-Str.3

1925-1929

35.    Weiner, B.

Kaufmann,

Schössergasse 11

1926-1938

36.    Jurmann, W.

Kaufmann

Ob.-Burgstr. 6

1926-1939

37.    Neustadt, L.

Kaufmann

Breite Str. 9b

1928-1933

38.    Noack, E.

Arbeiter

P.-C.,Hauptstr. 26

1927-1939

39.    Tabaschnik, M.

Dentist

Weststr. 32

1929-1933

40.    Gorstein,

Kaufmann

Schössergasse 11 / 6

1930-1932

41.    Tannchen, E.

Schuhhaus

Breite Str. 9b

1933-1938

42.    Kohn, E.

Geschäftsführer

Weststr.

1934-1935


 Verstoß gegen das Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre vom

15. September 1935“

Vor dem hiesigen Schöffengericht hatte sich der heute 63 Jahre alte Jude Willi Fichtmann aus Pötzscha zu verantworten. Ihm wurde zur Last gelegt, als Jude entgegen den Bestimmungen des oben angezogenen Gesetzes eine arische Hausgehilfin unter 45 Jahren beschäftigt zu haben (es handelt sich um ein 15jähriges Mädchen), ferner soll er am 30. Januar diesen Jahres aus dem Fenster seiner Wohnung die Fahne des Reiches gehißt haben. Der Angeklagte gab an, dass er wohl von jüdischen Eltern abstamme, dass er aber als Junge zum christlichen Glauben übergetreten und getauft sei. Das angezogene Gesetz sei ihm zwar bekannt, aber er habe sich nicht im einzelnen damit befaßt; im übrigen betrachte er sich aus oben angeführten Gründen nicht mehr als Jude. Das Gericht wies diese Einwände zurück und verurteilte ihn wegen des einen Falles (Beschäftigung einer arischen Angestellten unter 45 Jahren) zu 7 Monaten Gefängnis, wegen der Hissung der Fahne des Reiches erfolgte Freisprechung, da ihm nicht nachgewiesen werden konnte, dass er die Hissung selbst vorgenommen hat. Wenn der Angeklagte behaupte, die Gesetzesbestimmungen nicht genau gelesen zu haben, so sei dem entgegenzuhalten, dass die Bestimmungen kurz sind und auch bez. Klarheit keine Zweifel aufkommen lassen. Der andere Einwand, er falle nicht unter die Bestimmungen, nichtarisch zu sein, sei rechtsirrig. Ausschlaggebend sei die Abstammung, nicht aber das Glaubensbekenntnis oder andere Gesichtspunkte. Bei der Strafzumessung spreche schwerwiegend der Umstand, dass er das Mädchen weiterbeschäftigt habe, als schon Anzeige erstattet war und es auch bis heute beschäftigt habe; das sei als eine Dreistigkeit zu bezeichnen. Wenn er mit 7 Monaten Gefängnis davonkomme, dann verdanke er das dem Umstand, dass er Kriegsteilnehmer sei und sich bisher einwandfrei geführt habe.“[18]

 


Quellen und Literatur

Aktenübersicht zu Juden in Pirna

B III-XXVI, 183, (Polizeiakten): NR. 231, 551, 553, 581, 598, 634, 677, 1098, 1162, 1450, 1535, 1637, 2585, 2587, 3701.

B II-XII, 132, Namensverzeichnis f.d. Gewerbeanmelderegister 1885-1927

B II-XXII, 130, Gewerbe-Anmeldungen 1885-1899

B II-XXII, 131, Gewerbe-Anmeldungen 1900-1908

B III-XVI, 190, Jüdischer Religionsunterricht 1907-22

B III-XVI, 191, Judenschulen 1933-44

B III-XXII, 11, Gewerbeabmeldungen 1938

B III-XXII, 60, Unlauterer Wettbewerb, insbes. Ausverkaufswesen

B III-XXII, 61, Ausverkaufswesen, Anzeigen und Verzeichnisse

B III-XXII, 854/1, Gewerbe-Anmeldungen 1908-1913

B III-XXII, 855, Gewerbe-Anmeldungen 1909-1921

B III-XXII, 856, Gewerbe-Anmeldungen 1922-27

B III-XXII, 857, Gewerbeanmeldungen 1928-39

B III-XXII, 859, Gewerbeabmeldungen 1928-46

B III-XXII, 52/53, Handelsgenehmigungen 1933-39

B III-XXII, 05, Gewerbeanmeldungen 1904-27

B III-XXII, 862/863, Namensverz. zum Gewerbeanmeldereg. ab 1928

B III-XXII, 867, Namensverzeichnis f. d. Gewerbeanmelderegister

B III-XXII, 698, Gewerbebetrieb von Gustav Heß, Chemische Fabrik

B III-II, 586, Politische und Naturereignisse, Miß- und Notstände, Unglücksfälle 1932-40

B III-XXII, 38, Trödlergewerbe 1920

B III-XXII, 48/49 Überschüsse aus den Versteigerungen der Pfandleihgeschäfte

B III-XXII, 315 Genehmigung zur Besorgung fremder Rechtsangelegenh.

B III-XXII, 333/334 Trödlergewerbe

B III-XXII, 451/452, Ausübg.d.Heilkunde durch Nichtapprobierte

B III-XXII, 551, Adolf Kaminsky

B III-XXVI, 182, Ausnahmezustand 1932-1934

B IV, 1387 - Verordnungen der Landesverwaltung vom 1.1.46 - 15.4.46

B IV, 1028 - Namensänderung, Namensfeststellung 1935 - 1948

B IV, 1586 - Opfer des Faschismus.

Ephoralarchiv Pirna, 40. Pirna, St. Marien, Akte 4396, Miscellanea Bd.1, 1660-1742, Bl. 34a-41b.

Adreßbücher von 1887 bis 1939

Einwohnerregister bis 1922

Rats Protocol der Stadt Pirna. De Anno 1706 biß Decembr. 1730, S.78.

Rats Protocoll 1744 - 1752, S. 387, 967.

Bestand PDS, S 016, KZ-Lager Zatzschke. S 017, KZ-Massengrab Friedhof.

Reichsgesetze:

Vierte Verordnung des Reichspräsidenten zur Sicherung von Wirtschaft und Finanzen und zum Schutze des inneren Friedens. Vom 8.Dezember 1931. Siehe Kapitel III: Reichsfluchtsteuer und sonstige Maßnahmen gegen die Kapital- und Steuerflucht. RGBl. I, 1931, S.731 ff, und RGbL. I, 1934, S. 392f.

Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre. Vom 15.September 1935. RGBl. I, S.1146f und S. 1334-1336 (Erste Verordnung zur Ausführung des Gesetzes...).

Erste Verordnung zum Reichsbürgergesetz. RGBl. I, 1935, S.1333.

Verordnung gegen die Unterstützung der Tarnung jüdischer Gewerbebetriebe. RGBl. I, 1938, S.404.

Verordnung über Anmeldung des Vermögens von Juden. Vom 26.4.1938. RGBl. I, 1938, S.414.

Dritte Verordnung zum Reichsbürgergesetz. RGBl. I, 1938, S.627.

Dritte Bekanntmachung über den Kennkartenzwang. Vom 22.Juli 1938. RGBl. I, 1038, S.922.

Verordnung über eine Sühneleistung der Juden deutscher Staatsangehörigkeit. Vom 12. November 1938. RGBl. I, S.1579.

Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem Wirtschaftsleben. Vom 12. November 1938. RGBl. I, 1938, S. 1580.

Verordnung zur Wiederherstellung des Straßenbildes bei jüdischen Gewerbebetrieben. RGBl. I, 1938, S.1581.

 

 

Literatur:

Aly, Götz/ Heim, Susanne, Vordenker der Vernichtung. Frankfurt am Main 1993.

Buchenwald. Mahnung und Verpflichtung. Berlin 1960.

Das war Buchenwald. Ein Tatsachenbericht. Leipzig 1946.

Diamant, Adolf, Chronik der Juden in Dresden. Darmstadt 1973.

Engelmann, Bernt, Deutschland ohne Juden. Eine Bilanz. Berlin 1988.

Eschwege,(H) Kennzeichen J. Bilder, Dokumente, Berichte zur Geschichte der Verbrechen des Hitlerfaschismus an den deutschen Juden 1933 - 1945. Berlin 1977.

Eschwege, Geschichte der Juden im Territorium der ehemaligen DDR, Teil 2. Manuskript "Hatiqua".

Faschismus-Getto-Massenmord, Dokumentation über Ausrottung und Widerstand der Juden in Polen während des zweiten Weltkrieges, herausgegeben vom Jüdischen Historischen Institut Warschau. Berlin 1960.

Felix, Günther, Scheinlegalität und Rechtsbeugung - Finanzverwaltung, Steuergerichtsbarkeit und Judenverfolgung im „Dritten Reich“. In: Steuer und Studium, Heft 5/9195, S.202.

Fricke,D. (Hrsg.), Lexikon zur Parteiengeschichte. Die bürgerlichen und kleinbürgerlichen Parteien und Verbände in Deutschland (1789-1945), Leipzig. 1983-1986, 4 Bde.

Geschichte der Verbrechen des Hitlerfaschismus an den deutschen

Juden 1933 - 1945. Berlin 1966.

Gesetz- und Verordnungsblatt für das Königreich Sachsen, 15. Stück vom Jahre 1838, Nr. 64 Gesetz wegen einiger Modificationen in den bürgerlichen Verhältnissen der Juden, vom 16. August 1838.

Goldhagen, Daniel Jonah, Hitlers willige Vollstrecker. Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust. Berlin 1996.

Groehler, Olaf/Keßler, Mario, Die SED-Politik, der Antifaschismus und die Juden in der SBZ und der frühen DDR. Berlin 1995.

Heymann, St., Marxismus uns Rassenfrage. Berlin 1948.

Hilberg, Raul, Die Vernichtung der europäischen Juden. Frankf./M.1990.

Hirsch, R./Schuder, R., Der gelbe Fleck. Berlin 1988.

Hofmann, Dr. Reinhold, Handel und Gewerbe der Stadt Pirna in alter Zeit. Manuskript-Abschrift im Stadtarchiv Pirna, E II, 59a. Vgl. auch "Pirnaer Anzeiger" vom 13.1.1906.

Juden in Leipzig. Eine Dokumentation zur Ausstellung anläßlich des 50. Jahrestages der faschistischen Pogromnacht, Herausgeber: Rat des Bezirks Leipzig, Abteilung Kultur. Leipzig 1988.

Juden in Sachsen, ihr Leben und Leiden. Herausgeber: Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Dresden e.V.. Leipzig 1994.

Kahn, S., Antisemitismus uns Rassenhetze. Berlin 1948.

Klee, Ernst, Krankenmord und Judenvernichtung. Über Nazi-Euthanasie, Sonnenstein und sein Personal. In: Nationalsozialistische Euthanasie-Verbrechen in Sachsen, Dresden, Pirna 1993

Klemperer, Victor, LTI, Notizbuch eines Philologen. Berlin 1949.

Klemperer, Victor, Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten. Tagebücher 1933-1945. Berlin 1995.

Klodzinski Stanislaw, Die „Aktion 14f13“. Der Transport von 575 Häftlingen von Auschwitz in das „Sanatorium Dresden“. In: Götz Aly, Aktion T4, Berlin 1989, S.136-146.

Költzsch, Fritz, Kursachsen und die Juden in der Zeit Brühls.

Engelsdorf b. Leipzig, 1928.

Konzentrationslager. Ein Appell an das Gewissen der Welt. Ein Buch der Greuel. Die Opfer klagen an. Dachau - Brandenburg - Papenburg - Königstein - Lichtenburg - Colditz - Sachsenburg - Moringen - Hohnstein - Reichenbach - Sonnenburg. Karlsbad 1934.

Kraus, Ota/ Kulka, Erich, Die Todesfabrik. Berlin 1958,

Meiche, Alfred, Historisch-Topogragraphische Beschreibung der Amtshauptmannschaft Pirna. Dresden 1927.

Pätzold,Kurt/Runge, Irene, Pogromnacht 1938. Berlin 1988.

Pätzold, K., Faschismus, Rassenwahn, Judenverfolgung. Eine Studie zur politischen Strategie und Taktik des faschistischen deutschen Imperialismus (1933-1835). Berlin 1975.

Pätzold, K., (Hrsg.), Verfolgung, Vertreibung, Vernichtung. Dokumente des faschistischen Antisemitismus 1933 bis 1942. Leipzig 1983.

Pehle, Walter H. (H.), Der Judenpogrom 1938. Frankf./M. 1990.

Richter, Dr. Otto, Verfassungsgeschichte der Stadt Dresden. Dresden 1885.

Stein, Harry, Juden in Buchenwald. Gedenkstätte Buchenwald 1992.

Zweig, Arnold, Bilanz der deutschen Judenheit. Leipzig 1991.

Reichsgesetzblätter

 

Weitere Quellen:

Briefe von Esra Jurmann, London, Heinz Joachim Freymann, Hannover, Ilse Fischer, geb. Engler, Hannover, Ursula Wellemin, geb. Heß, Pinner, England, Eva Laurence, geb. Kohn, Sydney, Australien.

Ferner: Auskünfte in Aussprachen nach Vorträgen und in Gesprächen (Aufzeichnungen und Gesprächsprotokolle beim Verfasser).

 

 

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[1] Vgl. Anmerkung 145!

[2] Richtig: Max Mellentin, Polizei-Hauptwachtmeister.

[3] Richtig: Kurt Türpe, Polizei-Hauptwachtmeister.

                B III-II, 501: Türpe, Hauptwachtmeister, wurde Sommer 1933 Reitlehrer bei der Standarte 177 der SA (stand im Widerspruch zu den Anordnungen). Wohnhaft Weststraße 15. Aber: Sturmbannführer Sandmann ab 1.10.1933 als Polizeibeamter angestellt. 1934 (März) ist Türpe Reiter-Sturmführer im Range eines Obertruppführers der SA. 1936 Pg. Und Führer der Reiterstandarte Ostsachsens. Nov. 1936 Anfrage des Kreisleiters Gerischer zu Türpe wegen Verschuldung - Trinkschulden (es geht um Ernennung zum Standartenführer). 26.3.1936 aus Polizeidienst ausgeschieden - hauptamtlich zu SA. Im Juni wendet sich Türpe erneut um Wiedereinstellung als Wohlfahrtspolizist, da Reiterstandarten nicht hauptamtlich besetzt werden. Brunner wimmelt ab. Juli - Türpe als Polizist nach Wilsdruff überstellt.

[4] Gemeint ist wohl der NS-Kreisleiter Sterzing.

[5] Alef-Bes: Das hebräische Alphabet.

[6] Anatevka-Atmosphäre: die Lebensweise im jüdischen „Schtedtl“ Osteuropas, wie sie Scholem Alejchem in „Die Geschichten Tewjes, des Milchhändlers“ beschrieb; dort auch der Ortsname Anatewka.

[7] Trefenes oder trejfes Fleisch: Fleisch, das nicht unter Beachtung aller rituellen Vorschriften behandelt wurde, darf nicht gegessen werden (Gegensatz zu koscher).

[8] Hachsharah: „Ertüchtigung“, modern-hebräische Bezeichnung für eine landwirtschaftliche bzw. handwerkliche Ausbildung künftiger Palästina-Pioniere.

[9] Rosh-Hashana: Neujahr, im Herbst.

[10] Chassidisch: von Chassidismus, einer religiösen Bewegung in Osteuropa seit dem 18.Jh.

[11] Chuppa oder Chuppe: Traubaldachin; Chuppe stellen = Hochzeit machen.

[12] Hi-Wi: „Hilfswillige“ nannten die Nazis die zu Diensten für die Deutschen in Polizei und anderen Organisationen im Hinterland bereiten Angehörigen aus besetzten Ländern.

[13] Bar-Mizwah: der Dreizehnjährige, der zur vollen Beobachtung des Religionsgesetzes verpflichtet ist.

[14] Tefillin (Gebetsriemen): Torah-Denkzeichen; während des Gebets an Kopf und linkem Arm zu befestigen.

[15] Zeitschrift des Sächsischen Statistischen Büros, siehe Ergebnisse der Volkszählungen!

[16] Z.d.S.St.LA., 80./81.Jg.1934/35, S.18-19.

[17] Übermittelt durch Dr.Hartstock, Dresden.

[18] PA, 14.5.1936, S.2.