Wie die Sozialdemokratie den Pirnaer Wahlkreis eroberte

(Ein Arbeitsmaterial)

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1. Grundlinien der wirtschaftlich-sozialen Entwicklung

·         Lang anhaltende Konjunkturperiode zwischen 1895 und 1914, nur unterbrochen durch zwei kurze Krisen

·         In wesentlichen Produktionssektoren 1.-3. Platz unter den Industriestaaten

·         Vorstoß Deutschlands auf die internationalen Märkte

·         Urbanisierung zwingt zur Nahrungsmitteleinfuhr in immer größerem Umfange – Schutzzölle

·         Anstieg der Nominal- und Realeinkommen – bei stärkerer Differenzierung bei den Löhnen

·         Entwicklung zu bescheidenem Wohlstand – bes. in Familien qualifizierterer Arbeiter

sie haben bald mehr zu verlieren als ihre Ketten!

·         1892: Revidierte Gesindeordnung!

Volksschule (Goetheschule): Bei einer Rundfrage anno domini 1911 kam zum Vorschein, daß von 800 befragten Kindern der Schule nur 325, d. h. 40,6 Prozent, das Glück eines eigenen Bettes genossen. Zu zweien schliefen 415 Kinder, 53 zu dreien, dreimal vier und einmal fünf in einem Bett. Drei Schüler hatten überhaupt kein Bett.

 

2. Aufstieg der sozialdemokratischen Partei und sozial-kultureller Organisationen der Arbeiterbewegung

19.2.1888 - Gründung des Volksbildungsvereins

15.4.1891 - Volksbildungsverein für Pirna und Umgegend

19.2.1893 - Sozialdemokratischer Arbeiterverein für Pirna und Umgegend

12.8.1893 - Konsumverein gegründet

19.5.1894 - Sozialdemokratischer Verein für Pirna und Umgegend

1894 Die ersten weiblichen Mitglieder in SPD (Tabakarbeiterinnen):

Charlotte Schulz, Minna Michel, Wilhelmine Jenk, Klara Eichhorn.

5.1.1895 - Sozialdemokratischer Verein für den 8. sächsischen Reichstagswahlkreis

Zweigvereine d. SPD:

1892 Copitz

Lohmen - mitgeteilt in Vers. am 19.11.92.

Dohna: 26.8.93.

Heidenau: 1897.

Konsum:

1865 in Sebnitz

1884 in Mügeln

1893 in Pirna.

1894 in Königstein

1904 in Neustadt

schlossen sich später dem Dresdner "Vorwärts" an, der größte und leistungsfähigste KG in Sachsen war.

 

Gewerkschaftskartell 1895

 

Lokalfrage: Carolabad: 1893 großer Saal

1901: Volkshauskauf, 1903: Saalbau.

 

Presse

"Sächsische Arbeiterzeitung" erschien seit Ende 1889 in Dresden und stand zunächst unter dem Einfluß der scheinradikalen Opposition der "Jungen", seit 1.9.1890 Tageszeitung, zeitweilig Sprachrohr der deutschen Linken.

Umwandlung in "Dresdner Volkszeitung" am 1.5.1908.

Verbreitungsgebiet: Dresden und Umgebung.

Auflage: 1898: 12 000; 1913: 50 000.

Seit April 1908 für Pirna Kopfblatt unter dem Titel "Volkszeitung"

für Reichstagswahlkreis Sachsen 8, Auflage: 1913: 8 000.

Ferner mit zentristischem Charakter in Pirna: "Volksfreund".

Q.: Fricke, Handbuch...,1987, 593,599,642.

Mitgliederbewegung der SPD in der AHM Pirna

1874

20

1875

18

1892

143

1893

138

1894

212

1901

910

1902

775

1903

1209

1904

1152

1905

1482

1906

1560

1907

2491

1908

2940

1909

3119

1910

3359

1911

4256

1912

5356

1913

5882

1914

6301

1874-1894: Eigene Zählung nach Unterlagen des Stadtarchivs Pirna. Ab 1901: Mitgliederbewegung in der SPD Sachsens1901-1914 in: Dieter Fricke, Handbuch zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Bd.1, S.314. Berlin 1987.

 Dez. 1892 - Turnriege erwähnt

1903: Radfahrerdemonstration zum 1. Mai - auch bei Wahlen: "Rote Kavallerie".

 Juli 1892 - Sängerklub besteht

1898 Theateraufführung 1.5. Ernst Preczang, „Töchter der Arbeit“

Gesangvereine

 

1879 gründeten die Pirnaer Tabakarbeiter ein Gesangsquartett unter dem Namen „Eintracht Pirna“. Aus diesem Quartett wurde 1881 ein Doppelqartett und später Sängerclub; die Leitung hatte Chormeister Petzold aus Dresden. Trotz aller Legalität hatte der Club harte Kämpfe zu bestehen, hinzu kamen Raumschwierigkeiten. Aber der Zusammenhalt wurde stärker, und nach Aufhebung des Sozialistengesetzes 1890 bildete er sich zum Arbeitergesangsverein „Eintracht“ um. Trotzdem trat der Sängerclub (1.Mai 1892) noch für sich auf.

1891 gründeten die Steinmetzen ebenfalls einen Gesangverein unter den Namen „Echo“ Pirna. Die Leitung übernahm Hermann Frick aus Pirna. Da beide Vereine gleiche Interessen verfolgten und außerdem noch in demselben Lokal untergebracht waren, wurden 1896 beide Vereine zusammengelegt unter dem Namen Arbeitergesangverein „Echo“ Pirna. Die Leitung hatte Musikdirektor Karl Stieler aus Heidenau..

Durch die spontane Entwicklung der Industrie in Pirnaer Kreise schossen die Arbeitergesangvereine wie Pilze aus der Erde, z.B. in Heidenau, Zschachwitz, Luga, Niedersedlitz, Zehista, Neundorf, Lohmen und an anderen Orten. Der Bezirksleiter von Pirna hatte über 40 Arbeitergesangvereine zu betreuen. Schlecht sah es in der Chorleiterfrage aus.

Am 7. 2. 1904 wurde der Arbeitersängerbund Pirna und Umgegend gegründet. Er umfaßte zu dieser Zeit 5 Vereine mit 190 aktiven und 81 passiven Mitgliedern. Der junge Bund schloß sich der Liedergemeinschaft an.

1905 wurde eine Konferenz der Arbeitersängerbünde Sachsens in Chemnitz einberufen mit der Tagesordnung :

Zusammenschluß sämtlicher sächsischer Arbeitersängervereinigungen zu einem Gesamtbund.

Auch der Arbeitersängerbund Pirna war vertreten.

Im Mai 1 906 trat die Konferenz wieder zusammen und der Entwurf Statut für die Freie Vereinigung der Arbeiter-Sängerbünde Sachsens“ wurde angenommen. eine Oktoberkonferenz sollte den endgültigen Beschluß fassen.

Die „Freie Vogtländische Vereinigung“ sowie die Arbeitersängerbünde Pirna und Umgegend und. Leipzig und Umgegend erklärten sich schriftlich gegen jede teilweise Vereinigung, weil die Gründung eines D A S sich als notwendig erwiesen habe. Auch die Delegierten lehnten nun die Teilnahme an einer Verschmelzung ab.

Erst nach der Gründung des D A S kam es in Sachsen zur erstrebten Einheitlichkeit. Der „Arbeitersängerbund Pirna und Umgegend“ ist dem Gau Dresden des D A S einverleibt worden.

   

Bedeutende Funktionäre der Arbeiterbewegung in Pirna

3.12.1893 – Clara Zetkin : Die Frauen des Proletariats und der Militarismus ca. 1200!

4.10.1895 – Bebel zur Landtagswahl in Pirna ca. 2000!

17.9.1899 – Bebel in Heidenau, Wilhelm Liebknecht im Carolabad

1.9.1900 – Ledebour  Transvaalkrieg und Chinawirren

13.9.1900 – Louise Zietz Die Frau – nicht Haussklavin, sondern Kampfgenossin

1906 – Hermann Duncker – Zehn Jahre Dreiklassenwahlrecht in Sachsen

Gradnauer, Sindermann u.a.

 

3. Inhalte

3.1. Antimilitarismus

Gegen Heeres- und Flottenvorlagen

Fleißner 1907: Der Militarismus und der Hochverratsprozeß gegen Karl Liebknecht – Resolution!

3.2. Wahlrechtskämpfe

Wahlrechtsdemonstrationen

Das Dreiklassenwahlrecht – seit 27.3.1896 in Kraft

dargestellt am Beispiel der Landtagswahlen in der Amtshauptmannschaft Pirna.

 

Wahlkreis

Zivilbevölkerung

Wahlbezirke /Wahlmänner

 

1895

1900

 

4.st.

37031

40680

44 / 65

5.st.

28659

29507

37 / 61

11.ll.

36832

38184

45 / 70

12.ll.

52242

65759

82 / 120

 

 

 

Zahl der Urwähler

Wahlbeteiligung in

 

Von 100 Urwählern

gehörten zur Abt.

Wahlkreis

ges.

Abt. I

Abt. II

Abt. III

in%

Abt. I

Abt. II

Abt. III

4. st. 99

6409

160

1083

5166

17,31

2,50

16,90

80,60

5. st. 01

5368

173

800

4395

18,19

3,22

14,90

81,88

11.ll. 97

7041

284

1038

5719

19,12

4,03

14,74

81,23

12.ll. 97

10788

440

1921

8427

16,41

4,08

17,81

78,11

 

29606

1057

4842

23707

17,76

3,46

16,09

80,46

 

Durchschnittliche Zahl der Urwähler pro Wahlmann

Wahlkr

Gesamtdurchschnitt

Abt. I

Abt. II

Abt. III

4. st.

87,79

6,40

47,09

206,64

5. st.

97,60

9,61

42,11

244,17

11.ll.

100,59

12,35

43,25

248,65

12.ll.

89,90

11,00

48,03

210,68

 

 

Reichstagswahl 12.1.1912

Stadt Pirna

Dr.Böhme (Kons.)                    641

Dr.Schneider (Nat.Lib)           1279

Rühle (SPD)                             1487

 Landtagswahlen von 1909

Neues Wahlgesetz, durch das das bislang geltende Dreiklassenwahlrecht durch ein modifiziertes Vierklassenwahlrecht ersetzt wurde.

Die Wahl der Abgeordneten erfolgte nunmehr direkt.

Danach erhielten die Wähler in Abhängigkeit von Einkommen und/oder Grundbesitz 1,2,3 oder 4 Stimmen.

 

 

Die vornbezeichnete Stimmenzahl (Sp.1) haben auch ohne daß die allg.Best. (Sp.2) zutreffen, wahlberechtigte Personen, die

Zahl der Stimmen

Wahlberechtigte Personen mit Einkommen von

aus öff. Amt od. priv. dauernder Anstellg. ein Einkommen haben von

Gewerbekammer wählen und aus eig. Betrieb Eink. haben von

aus wiss. od. künstl. Tätigkeit Eink. haben von

1

unter 1600 M

 

 

 

2

üb. 1600-2200 M

über 1400 M

üb. 1400 M

 

3

üb. 2200-2800 M

üb. 1900 M

üb. 1900 M

üb. 1900 M

4

üb. 2800 M

üb. 2500 M

üb. 2500 M

üb. 2500 M

 

 

Die vornbezeichnete Stimmenzahl haben wahlber. Pers., die als Eigentümer oder Nutzungsberechtigte im Kgr. Sachsen Grundbesitz haben

 

Grundbesitzer mit Flächen

Stimmenzahl

mit Steuereinheiten

u. gleichz. Einkommen

in Land u. Forst

Gärtnerei/ Weinbau

1

 

 

 

 

2

üb. 100-150 M

üb. 1250 M

2-4 ha

üb. 1/2-1 ha

3

üb. 150-200 M

üb.1600 M

4-8 ha

üb 1-2 ha

4

üb. 200 M

üb 2200 M

üb. 8 ha

üb. 2 ha

   

3.3. Crimmitschau und russische Revolution

Mehrere Solidaritätsveranstaltungen für die streikenden Crimmitschauer Textilarbeiter

1905: Rußland, seine inneren und äußeren Kämpfe und was lernen wir daraus?

3.4. Auseinandersetzung zwischen revolutionären und reformistisch-revisionistischen Tendenzen

1902 Parteitagsberichterstattung: Streit zwischen Kautsky und Bernstein sei Streit von Akademikern und Angelegenheit persönlicher Einbildung; könne der Partei nicht schaden. Fräßdorf als RT-Kandidat angekündigt.

1907 – In Gewerkschaftsvers.: Für Kolonien, wenn Arbeiter was davon hätten, wie in England und Frankreich. Wahlergebnisse müßten  dahin verstanden werden, daß man nun auch Mittelständler gewinnen sollte. Neue Töne: Keine Zerwürfnisse wie bei Dresdner Parteitag.

Fräßdorf rät zum 1. Mai zur Vorsicht. Unternehmer hätten sich organisiert: Gefahr von Aussperrungen.

Undeutsch, Heidenau: Gegen „gewundenes Auftreten von Fräßdorf“. Dessen Mandat für den Kongreß der Internationale in Stuttgart wird zurückgezogen.

1910/11: Verfahren bei Auswahl des Reichstagskandidaten. Rühle: Unser Kampf um die Macht.

Gegen Schwarz, Kimmich.

3.5. Gemeindewahlprogramme

Wahlaufruf zur Stadtverordnetenwahl 1894

Minimalprogramm:

1. Aufhebung der Steuerstufen bis zu 600 M und progressive Heranziehung der großen Einkommen. Steuerfreiheit für niedrige Einkommen.

2. Übernahme öffentlicher Betriebe durch die Stadt.

3. Abschaffung aller Aufwendungen aus städtischen Mitteln zu religiösen, parteipolitischen und privaten Zwecken.

4. Abschaffung der Wohnungsmeldegelder.

(träfe besonders die Ärmeren, die durch soziale Verhältnisse öfter gezwungen, die Wohnung zu wechseln).

5. Abschaffung des Submissionswesens bei Vergebung öffentlicher Arbeiten, Ausschluß der städtischen Vertreter bei Lieferungen an die Stadt, Ausführung der Arbeiten durch die Stadt selbst unter Leitung fachtechnischer Personen.

6. Verbesserung der wirtschaftlichen Lage der vom Rath beschäftigten Arbeiter in Bezug auf Arbeitszeit und Löhnung.

7. Errichtung eines Gewerbegerichtes nach den Bestimmungen des Reichsgesetzes; Errichtung eines städtischen Arbeitsnachweises und einer Arbeitsstatistik.

8. Genaue Kontrolle über gesundheitsschädliche Wohnungen und Arbeitsräume.

(Hinweise auf die Hinterhäuser der inneren Stadt).

9. Einheitliche Volksschule, Unentgeltlichkeit des Unterrichts und der Lehrmittel.

10. Errichtung von Schulkantinen; Einrichtung und Besserung von Kinderbewahranstalten.

11. Unentgeltliche öffentliche Bäder zu allen Jahreszeiten.

"Der Reiche baut sich ein Bad ins eigene Haus, geht im Sommer in irgend einen Badeort, während der arme Teufel höchstens im Sommer einmal in die Elbe baden gehen kann."

12. Unentgeltliche Totenbestattung.

(Jetzt: 80-100 M für ein einfaches Begräbnis)

13. Aufhebung der Par. 40 und 41 der revidierten Städteordnung und Einführung des allgemeinen, direkten und gleichen Wahlrechts für alle städtischen Wahlen.

 Wahl am 15.11. von 10-15 Uhr im Rathaus.

Verleger: Sozialdemokratischer Verein Pirna und Umgegend.

Druck: Müller und Tanneberger, Pirna-Copitz.

Quelle: StA Pirna, F IV,2.

1900 – Bildung einer Gemeindevertreter-Organisation. Initiator Schöne-Lohmen.

1908 mit Riegel, (Gastwirt Volkshaus), Süß (Arbeitersekretär) und Preller (Lagerhalter) erste sozialdemokratische Stadtverordnete in Pirna.

 

4. Konservative Gegenkräfte in Pirna – Antisemiten, Konservative, Alldeutscher Verband

1890 – Reichstreuer Verein (Konservative) unter Haensel.

1893 – Antisemit Lotze von Reichstreuem Verein unterstützt!

1899 Reichstreuer Verein aufgelöst – Unterstützung für Antisemiten Lotze.

1897, 19.11. – Gründung eines evang. Arbeitervereins (180 Mitgl.)

1901 – Ortsgruppe des Alldeutschen Verbandes, bald Ortsgruppen in Königstein, Schandau, Heidenau

Mitgliederwerbung: Beitrittsaufforderungen an Honoratioren verschiedener höherer Stände wirken gleichsam als moralischer Druck auf diese. Führen zu Entschuldigungen wegen Nichtbeitritts aus Überlastungsgründen usw.

Königsteiner OG durch E. Münch, Fabrikdirektor der Papierfabrik Hoesch initiiert.

Beitrittserklärung Kommerzienrat Haensel.

1905 Wiederbegründung eines Konservativen Vereins

 

Bemerkenswertes zur Reichstagswahl 1907:

Alldeutsche überall dabei: Produzieren in Massen Flugschriften. Geben wahltaktische Empfehlungen: Konservativen Kandidaten (mit verfänglichen Fragen) nicht belästigen, Debatteredner mit Material ausstatten, in sozialdemokratischen Versammlungen Material verteilen, nicht als Alldeutsche auftreten, Organisation von Schlepperdiensten – dazu diverse Schreiben.

 Streng vertrauliches Rundschreiben vom 28.1.1907 (Vors. Dr. Felix Hänsch):

(In verschlossenem Umschlag weiterzugeben)

An die Vorstandsmitglieder

„Am Kaiseressen im Schwarzen Adler (27.1.) hat der Unterzeichnete Gelegenheit genommen, mit den Herren Graf Rex, Justizrat Dr. Spieß, Dr. Wulkow, Dr. Kraner über die Begründung eines dauernden nationalen Wahlausschusses eingehend zu verhandeln. Die Ergebnisse dieser Besprechungen sind folgende:

1.        Es soll am Sonntag, dem 17. Februar nachmittags 5 Uhr im Schwarzen Adler eine Vorbesprechung über die zu schaffende Organisation abgehalten werden.

2.        In dieser Vorbesprechung sollen vorerst im Prinzip Vertreter der wichtigsten Parteirichtungen des 8. sächsischen Wahlkreises hinzugezogen werden.

3.        Als solche sind folgende Herren auf die Einladungsliste gesetzt worden:

A.V.: Dr. Hänsch, Buchhändler Diederich,

Konservative: Graf Rex, Justizrat Dr. Spieß, Oberarzt Dr. Reichelt,

Nationalliberale: Dr. Wulkow, Bankier Ketscher,

Freisinn: Müller-Pirna, Kaufmann, Stadtrat Haupt, zugl. Mittelstandsvereinigung,

Bund der Landwirte: Fischer, Erblehngutsbesitzer Rathewalde.

Sonstige Mitglieder:

Amtshauptmann v. Nostiz-Drzewiecki

Oberjustizrat Wezel

Fabrikbesitzer Hirsch

Schuldirektor Dr. Kraner

Privatus Müller, Schandau.

Unterstrichene sind Mitglieder des Alldeutschen Verbandes.

4.        Als Vorsitzender ist Herr Justizrat Dr. Spieß vorgeschlagen worden.

5.        Die Einladung zu dieser Vorbesprechung ist dem unterzeichneten Vorsitzenden des A.V. übertragen worden.

6.        Dem Unterzeichneten wird auch die Verhandlungsleitung in dieser Vorbesprechung überlassen werden.

7.        Als Folge einer im Schwan vom Unterzeichneten gehaltenen Ansprache ist für diese Organisation ein Grundstock von 133 M gesammelt und Herrn Thamerus übergeben worden.

Der Unterzeichnete ladet nun die Vorstandsmitglieder und den Werbeausschuß ein zu einer Vorstandssitzung am Montag, dem 11. Februar ab 8 ½ Uhr im Ratskeller, I. Etage, mit der Tagesordnung:

1.        Organisation eines dauernden nationalen Wahlausschusses

2.        Stellungnahme zu den oben angegebenen Verhandlungen

3.        Verschiedenes (u.a. Vorbereitung der Jahreshauptversammlung).

Für die Punkte 1 und 2 der Tagesordnung bitte ich die Herren vom Vorstand, die dargestellten Verhandlungen genau zu prüfen und mit ihren Vorstellungen zu kommen. Im einzelnen bitte ich folgende Punkte, die die Organmisation betreffen, im Auge zu behalten:

1.        Ausdehnung der Organisation auf den Wahlkreis

2.        Anstellung eines dauernden Sekretärs

3.        Finanzausschuß bzw. Beschaffung von Geldern

4.        Rednerschule

5.        Oberleitung

6.        Engerer bzw. Arbeitsausschuß (Personenfrage)

7.        Weiterer Ausschuß (Personenfrage)

8.        Etwaige Verteilung bestimmter Arbeitsgebiete auf einzelne Gruppen, wie etwa den Alld. Verband?

9.        Stellungnahme zu dem in Zukunft möglichen Falle zweier ordnungsparteilicher Kandidaten usw. usw.

10.     Name: Verein?

Im übrigen die Mitteilung noch, daß unsere OG die Zahl von 149 Mitgliedern erreicht hat.

Mit deutschem(!) Gruß

Dr. Felix Häntsch, 1. Vorsitzender“

Rednerschule richtete in Dresden der „Reichsverband gegen die Sozialdemokratie“ ein. Aufforderung zur Teilnahme an A.V. Pirna.

 

 

5. Die Reichstagswahlen von 1903, 1907 und 1912 – Fräßdorf und Rühle

                                                                                                                                                                                          

Reichstagswahlen 1871 – 1912 in der AHM Pirna

Jahr

D-K

DRP

Fr.

SPD

Z

AS

1871

 

 

6575

157

 

 

1874

 

 

7749

1596

 

 

1877

3647

 

6050

715

 

 

1878

4016

 

4123

694

 

 

E.W.

3241

 

7983

-

 

 

1881

4543

 

6522

562

 

 

1884

5925

 

3882

2227

 

 

E.W.

6992

 

9346

-

 

 

1887

 

11920

5847

1711

 

 

1890

 

9411

7169

3922

 

 

E.W.

 

10809

10599

 

 

 

1893

1139

 

3939

7989

 

7805

E.W.

 

 

 

9728

 

12429

1898

 

 

652

10007

 

11118

1899

 

 

1825

11571

 

10692

E.W.

 

 

 

12607

 

13309

1903

 

 

1399

15905

110

9566

1907

 

 

67

14397

103

16235

 

 

 

 

 

1912

Bgl. Part.:15791

17101

 

 

D-K = Deutsch-Konservative; DRP = Deutsche Reichspartei; Fr. = Freisinnige; SPD = Sozialdemokratische Partei; Z = Zentrum; AS = Antisemiten.

Gewählt: 1871-1887: Eisoldt; 1887-1893: Schreck; 1893-1903: Lotze; 1903-1907: Fräßdorf; 1912-1918: Rühle

 

Fräßdorf, Carl Julius (1857—1932)

  Als Sohn eines Töpfermeisters in Neuzelle (Kreis Guben) am 26.05.1857 geboren, besuchte er dort 1863—1871 die Volksschule und absolvierte bis 1874 eine Töpferlehre. Nach der Ableistung des Militärdienstes 1877—1880 arbeitete er als Töpfergeselle und Ofensetzer. 1875 trat er in den ,,Allgemeinen Deutschen Töpferverein“ in Lübeck ein. Schon ein Jahr später avancierte er hier zum Schriftführer des Verbandes. Dieses Engagement brachte ihm wiederholte Maßregelungen und Gefängnisstrafen ein.

Bei Gründung des ,,Fachvereins der Töpfer und Berufsgenossen“ in Dresden am 01.11.1883 wurde Fräßdorf dessen erster Vorsitzender. 1884 vollzog er seinen Eintritt in die SPD, für die er am 1. Mai 1890 in Dresden-Loschwitz seine politische Jungfernrede hielt. Daraufhin wurde er bald zum SPD-Kreisvorsitzenden und Agitationsleiter in Dresden-Neustadt gewählt. 1892 stellte ihn die Partei erstmalig als Reichstagskandidat in Pirna auf. 1895 wurde er Vorsitzender der ,,Allgemeinen Ortskrankenkasse Dresden“, ab 1903 Vorsitzender des „Hauptverbandes Deutscher Ortskrankenkassen“ und Vorsitzender des ,,Verbandes sächsischer Ortskrankenkassen“. Er war Begründer der Ruhegehaltskasse für die Angestellten bei Krankenkassen. Dem Schiedsgericht für Arbeiterversicherung in Dresden und dem Reichsversicherungsamt gehörte er über viele Jahre als Beisitzer bzw. Mitglied an. Weiterhin bekleidete Fräßdorf den Aufsichtsratsvorsitz des Konsumvereins ,,Vorwärts“ in Dresden (1902—1927). Von Juni 1903 —Januar 1907 vertrat er den 8. sächsischen Wahikreis (Pirna) im Deutschen Reichstag und war von 1895—1901 bzw. von 1909 an Mitglied des Sächsischen Landtages und dessen 1. und 2. Vizepräsident. Im Zeitraum 01.—13.11.1918 gehörte Fräßdorf mit Heldt als sozialdemokratischer Staatsminister der letzten königlich-sächsischen Regierung an.

Nach Beginn der Novemberrevolution 1918/19 zeitweise Führungsmitglied des Dresdner Arbeiter- und Soldatenrats (ab 27.11.1918 1. Vorsitzender des gewählten ASR von Groß-Dresden), bis 1922 Mitglied des Sächsischen Landtages. Auf dem Dresdner Landesparteitag der sächsischen Mehrheitssozialdemokratie vom 14.—16.09.1919 forderte der einflußreiche MSPD-Führer eine Koalitionsregierung mit der DDP, unterlag aber dem erstarkten linken Flügel um Castan und Fellisch, die ihrerseits einer Anbindung an die USPD den Vorzug gaben. Da nachfolgende Koalitionsverhandlungen mit der USPD scheiterten, konnten Fräßdorf, Sindermann und Gradnauer dennoch eine MSPD-DDP-Regierung durchsetzen. Als Höhepunkt seiner langjährigen parlamentarischen Laufbahn kann die Übernahme der Präsidentschaft des Sächsischen Landtages von 1919—1922 gelten. Danach arbeitete Fräßdorf vorrangig im Krankenkassen- und Versicherungswesen (seit 01.10.1919 fungierte er als Vorsitzender der Landesversicherungsanstalt Sachsen). Die 1923 zum Durchbruch gelangte linkssozialistische Richtung in der sächsischen SPD konnte der Landtagspräsident a. D. persönlich nicht nachvollziehen; er erklärte sich stattdessen mit den sogenannten 23ern solidarisch und wurde im Sommer 1926 Mitglied der ASPS. Am 26.03.1932 verstarb der bedeutende Dresdner Sozialdemokrat an den Folgen eines schweren Blasenleidens.

(Schmeitzner/Rudloff)

 

Otto Rühle (1874-1943)

Ausführliche Biographie: Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung -Biographisches Lexikon, Berlin 1970, S.387-388.

1890-96 Ausbildung als Volksschullehrer am Oederaner Seminar

Publikationen:

1904 "Das sächsische Volksschulwesen"

Die Volksschule wie sie ist

Die Volksschule, wie sie sein sollte.

1904 Arbeit und Erziehung

1906 Kinderelend

1911 Das proletarische Kind

1912 Grundfragen der Erziehung

1933 Emigration nach Prag

1936 Erziehungsberater der Regierung Mexikos

1943 verstorben

"Geschichte der Erziehung", 9. Aufl. 1969, S.451-452.

Rühle, Karl Heinrich Otto Geb. 23. Okt. 1874 Groß-Voigtsberg (bei Freiberg, Sachsen); gest. 24. Juni 1943 in Mexiko.

Sohn eines Eisenbahnbeamten; Besuch der Volksschule in Gröditz (bei Riesa); 1889—1895 Studium am Lehrerseminar in Oschatz; 1895/1896 Hauslehrer; 1896 Lehrer in Oederan (bei Chemnitz).

R. trat 1896 der Sozialdemokratischen Partei bei und wirkte als Redakteur an sozialdemokratischen Zeitungen in Breslau, Chemnitz, Forst (Lausitz), Harburg, Pirna, Zeitz und Zwickau sowie bis 1913 als sozialdemokratischer Wanderredner. R. veröffentlichte pädagogische und schulpolitische Schriften. 1903 und 1911—1913 nahm er an den Parteitagen der deutschen Sozialdemokratie teil. 1912—1918 gehörte R. dem Reichstag an. Während des ersten Weltkrieges trat R., der schon vor dem Krieg zu den Linken in der deutschen Sozialdemokratie gehörte, konsequent gegen die Aggressionspolitik des deutschen Imperialismus und gegen den Sozialchauvinismus der rechten sozialdemokratischen Führer auf. Im Reichstag stimmte er 1915/1916 gemeinsam mit K. Liebknecht gegen die Kriegskredite. R. nahm an der Reichskonferenz führender linker Sozialdemokraten in der Wohnung —> W. Piecks (5. März 1915) und an der Reichskonferenz der Gruppe ,,Internationale“ in Berlin (1. Jan. 1916) teil. In manchen Fragen stimmte R. mit der Spartakusgruppe überein, er vertrat jedoch auch anarcho-syndikalistische Auffassungen. Er wurde Führer der Dresdner Linksradikalen. In einer Reichstagsrede am 25. Okt. 1918 verlangte R. die Absetzung und Bestrafung Wilhelms II. und rief die Arbeiterklasse zur Revolution und zum Kampf für den Sozialismus auf.

Am 9. Nov. 1918 wurde R. Vorsitzender des Revolutionären Arbeiter- und Soldatenrats und am 10. Nov. 1918 Mitvorsitzender des Vereinigten Revolutionären Arbeiter- und Soldatenrats von Groß-Dresden, den er auf Grund sektiererischer Auffassungen am 16. Nov. 1918 mit seinen Anhängern wieder verließ. Als Delegierter der Internationalen Kommunisten Deutschlands, der früheren Linksradikalen, sprach sich R. auf dem Gründungsparreitag der KPD gegen die Beteiligung der Kommunisten an den Wahlen zur Nationalversammlung aus. 1919 war er zusammen mit —> H. Laufenberg und —> F. Wolffheim Führer der linkssektiererisehen, anarcho-syndikalistischen Kräfte in der KPD, die die Arbeit in den bürgerlichen Parlamenten und den reformistisch geführten Gewerkschaften ablehnten und für die Bildung einer politisch-gewerkschaftlichen Einheitsorganisation eintraten. Auf dem 2. Parteitag der KPD 1919 wurden R. u. a. von den weiteren Verhandlungen ausgeschlossen, da sie gegen die ,,Leitsätze über kommunistische Grundsätze und Taktik“ gestimmt hatten. Der 3. Parteitag 1920 schloß R. aus der KPD aus, weil er die Leitsätze weiterhin nicht anerkannte. 1920 gehörte er zeitweilig der von Vertretern des Anarchosyndikalismus gebildeten Kommuni- stischen Arbeiterpartei Deutschlands an. R. spielte fortan in der Arbeiterbewegung keine Rolle mehr. Er schrieb Arbeiten zu historischen Problemen. 1933 emigrierte R. nach Prag und von dort 1936 nach Mexiko. Er war hier eine Zeitlang Berater des mexikanischen Unterrichtsministeriums.

H. Naumann, (Biographisches Lexikon – Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, S. 387/388).

 

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