„Zündstoff in Buchstaben“[1]

 

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Die Ausstellung über frühe KZ in Sachsen 1933-1934/37 war im Februar März 2008 in der Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein zu sehen.

Das lässt mich erneut auf die 2007 in der lokalen Presse geführte Auseinandersetzung zur Vergangenheit der Burg Hohnstein zurückkommen.

Bürgermeister Lasch und die Mehrheit des Hohnsteiner Stadtrates setzten sich über alle Einwände hinweg.

Ich schrieb damals in einem Leserbrief an die „Sächsische Zeitung“, den diese am 1.2.2007 mit zwei anderen Leserbriefen veröffentlichte:

Was da dem Hohnsteiner Bürgermeister mit nachträglicher Zustimmung des Ortschaftsrates zum 27.1.2007, dem Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, einfiel, reiht sich ein in den häufig praktizierten Versuch einer Gleichsetzung des mörderischen faschistischen Systems mit der DDR. Dabei wird an diesem Beispiel in aller Deutlichkeit offenbar, von welcher Geschichtsblindheit manche Lokalpolitiker beherrscht sind, die sich geradezu übereifrig mit Verbeugungen vor dem „Geßlerhut“ der Totalitarismusdoktrin hervortun.

Miteinander Unvereinbares nebeneinander zu stellen (tatsächliche Haft- und Mordstätte eines Nazi-KZ und geplantes DDR-Internierungslager) ohne es im jeweiligen historischen Kontext zu sehen, zeugt hier geradezu von Infamie.

Was unternahm eigentlich der Hohnsteiner Bürgermeister und der Ortschaftsrat, damit in der Jugendburg Hohnstein, die 1995 abgeräumte Dokumentation über die Naziverbrechen dort zwischen März 1933 und Mitte August 1934 überarbeitet und wesentlich ergänzt wieder der Öffentlichkeit zugänglich wird? Es wäre auch durchaus angebracht, den Wechselwirkungen zwischen Lager und Hohnsteiner Einwohnern nachzugehen. Bekannt ist der aufrechte und mutige Protest Pfarrer Schumanns gegen die Quälerei an Häftlingen. Seine Kirchenoberen ließen ihn im Stich, er wurde strafversetzt. Hat sich die Hohnsteiner Gemeinde dem nachhaltig widersetzt?

Hier einige Sätze aus einem Besuchsbericht im Lager, erschienen am 2. Januar 1934 im „Freiheitskampf“, der regionalen Nazizeitung:

„Die Verpflegung brachte das Gespräch auf den Verbrauch von Nahrungsmitteln; er bringt den Gewerbetreibenden und Geschäftsleuten einen schönen Verdienst. Alle Nahrungsmittel werden, soweit wie möglich, der Heimat entnommen. Es wird also für Absatz, sowohl in der Landwirtschaft, als auch im Handel und Gewerbe gesorgt… Die Brote werden von Bäckermeistern aus Hohnstein und Rathewalde beliefert…Bei den Wegebauten, Umbau der Wartenbergstraße, Anlage eines Granitsteinbruches zur Gewinnung von Schotter usw. haben Privatfirmen ihre Kraftwagen kostenlos zur Verfügung gestellt, wie auch ihre Feldküchen, aus denen die Außenarbeiter gespeist werden.“

Es gab eben nicht nur Schinder und Geschundene, sondern auch Profiteure!

Einige Worte zum „Internierungslager“, das es ja nie gegeben hat. Bei Kriegsausbruch im September 1939 verfiel der Pirnaer Dentist und Jude, Max Tabaschnik, dem Hohnsteiner Nebenlager Königstein-Halbestadt und durch Emigration nach England den Nazis glücklich entkommen, der Internierung, die ihn schließlich in ein Lager nach Indien brachte. Die Französische Regierung verfügte zu gleicher Zeit die Internierung der Kommunisten im Lande, die sich dann als starke Kraft in der Resistance erwiesen.

Der Bundestag verabschiedete 1967/68 die Notstandsverfassung und Notstandsgesetze, die auch Internierung in Lagern einschlossen. Natürlich sind alle Maßnahmen auf Grund solcher Gesetze, die zur Abwehr von Staatsbedrohung in Zeiten akuter äußerer und innerer Gefährdung dienen sollen, der Geheimhaltung unterworfen. Nur die DDR-Akten sind scheunentorweit offen.

Letzte Frage: Ob die Verantwortlichen in Hohnstein wenigstens nachträglich der Scham fähig sind, bereuen und den „Stein des Anstoßes“ aus dem Weg räumen?

Damals hatte ich den am Denkmal vor der Burg gesetzten dreikantigen Denkpfahl noch nicht gesehen. Hier ist er:

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                                                                             Abgesehen vom fragwürdigen Inhalt erscheint als Hauptmotiv denkbar, die Initiatoren hätten sich selbst ein Denkmal setzen wollen, findet sich doch sonst nirgendwo im öffentlichen Raum eine in eine Metallplatte geprägte quasi nachholende „Bautafel“, wie sie Firmen sonst bei laufenden Bauvorhaben installieren.

Zur sachlichen Richtigstellung im Text (rechte Seite) wäre zu bemerken, dass Landgraf keine Gedenkstätte, sondern eine Sandsteinstele schuf. Nicht die SED, sondern die Staatsorgane der DDR planten ein „Isolierungslager“ auf der Burg Hohnstein und auch nicht für „Andersdenkende“, sondern für jene Personen, „von denen…mit Wahrscheinlichkeit im Verteidigungszustand eine akute Gefährdung der staatlichen Sicherheit und Ordnung ausgehen kann oder die solche Handlungen dulden und unterstützen.“[2]

Ähnliche Sicherheitsmaßnahmen fanden sich während des „Kalten Krieges“, der eigentlich seit 1991 beendet sein sollte, in Gesetzen und Verordnungen aller Staaten der NATO und des Warschauer Vertrages für den Mobilisierungs-, Verteidigungs- oder Kriegsfall.

In Internierungslager kamen während des 2. Weltkrieges Japaner und Deutzsche in den USA, in der Sowjetunion deportierte man Deutsche nach Sibirien und Kasachstan.

 

Wo noch errichtete man für solcherart Vorgegangenes oder Vorgesehenes Denksteine?

 

Am Hohnsteiner „Dreikant“ ist erkennbar, dass der Kalte Krieg zumindest gegen eine seiner beiden Seiten immer noch weitergeführt wird.

 

Die Hohnsteiner hätten gut daran getan, die Stele zum Gedenken an die tatsächlichen Opfer des Faschismus zu restaurieren und sich für die Wiedereröffnung der Gedenkausstellung in der Burg einzusetzen.

 

Februar/März 2008

 

 

[1] Überschrift eines Beitrages zur Diskussion um einen Gedenkstein an der Burg Hohnstein, Sächsische Schweiz, Sächsische Zeitung vom 27.1.2007.

[2] „Grundsätze zur Vorbereitung und Durchführung der Isolierung sowie der Gewährleistung der inneren und äußeren Sicherheit der Isolierungsobjekte…“ Ministerium für Staatssicherheit, 14.11.1983. Nach: Carina Baganz, Erziehung zur „Volksgemeinschaft“? Die frühen Konzentrationslager i Sachsen 1933-34/37. Berlin 2005, S. 313ff.