Als die Nazis die Macht übernahmen

Da brach das Unheil über die mindestens zwölf jüdischen Familien herein, die zu dieser Zeit in Pirna lebten oder tätig waren.

Was sie zu erwarten hatten, konnte sich damals wohl so recht niemand vorstellen. Außer Englers besaßen alle die deutsche Staatsangehörigkeit und fühlten sich dem deutschen Volk zugehörig. Einige hatten im ersten Weltkrieg ihren Kopf hingehalten, waren verwundet und ausgezeichnet worden. Dennoch war wohl allen der dunkel-dumpfe, aggressive Antisemitismus bereits in vollem Umfange gegenwärtig, mit dem die Nazibewegung aufwartete.

Der Dentist Max Tabaschnik ist das erste Opfer unter den Juden Pirnas. Die große Haussuchungs- und Verhaftungswelle nach Reichstagsbrand am 28. 2.1933 und Reichstagswahl am 5.3.1933 erfasst ihn, wie viele andere Kommunisten und Sozialdemokraten. Nach einer Hausdurchsuchung am 6. März, die nichts Verdächtiges zutage fördert, wird er am Abend des 25. März verhaftet und in die Fronfeste in der Schmiedestraße eingeliefert.

Der "Schutzhaft" in diesem feucht-muffigen mittelalterlichen Verlies folgt die Einlieferung in das von der SA-Standarte 177 Pirna eingerichtete KZ Königstein-Halbestadt. Furchtbar gequält, zusammengeschlagen, tagelang ohne Essen und Trinken, geschunden bei schwerster Steinbruchsarbeit, am Schlafen gehindert, fortwährend beschimpft und verhöhnt, ist er schließlich nach kurzer Zeit mit seinen physischen und psychischen Kräften am Ende. Er muss ins Krankenhaus nach Pirna eingewiesen werden. Dort und auch nach seiner Entlassung steht er ständig unter Polizeikontrolle, bis es ihm schließlich gelingt, mit seiner Familie unter Zurücklassung all seiner Habe bei Rehefeld über die Grenze zu entkommen.

Über den Rundfunksender Prag berichtet er als einer der ersten Augenzeugen über das, was er durchmachen musste. Ein genauer Bericht von ihm erscheint 1934 in Karlsbad als Teil einer Schrift über die Konzentrationslager in Deutschland.[1]                Schutzhaftlager der SA-Standarte 177 in Königstein-Halbestadt:

 Aufseher und Häftlinge am Steinbruch

Ein Copitzer Gastwirt denunziert am 15.3.1933 Ernst Noack beim SA-Sturm 177 als "gefährlichen Kommunisten", der Flugschriften unter dem Titel "Sachsenpost" verteilt.

Am 17.3. folgt darauf eine Haussuchung, die kommunistische Zeitungen und Broschüren zutage fördert. Am 26.3. wird er verhaftet und gelangt über die Fronfeste Pirna ins KZ Hohnstein.[2] Vier Wochen hält man ihn dort fest. Was einem Kommunisten, der gleichzeitig noch Jude war, in Hohnstein widerfuhr, kann man nur ahnen.

Ernst Noack gehört zu den wenigen Pirnaern, die sich dem faschistischen Regime weder andienen noch sich ihm widerstandslos fügen wollten. Trotz der Hohnsteiner KZ-Erfahrung ist er am Versuch beteiligt, gemeinsam mit anderen organisierten Widerstand fortzuführen.

Am 16. Dezember 1933 schlägt die Gestapo zu: 19 KPD-Mitglieder aus Pirna und Umgebung werden wegen illegaler Fortführung der KPD verhaftet, unter ihnen auch Ernst Noack. Über sie fällt das Oberlandesgericht in Dresden am 6. September 1934 seinen Spruch: Ernst Noack wird wegen "gemeinschaftlicher Neubildung von Parteien in Tateinheit mit gemeinschaftlicher Vorbereitung zum Hochverrat...rechtskräftig zu einem Jahr Gefängnis verurteilt".

Die Strafe verbüßt er bis zum 23.Januar 1935. Dann ist er wieder arbeitslos, lebt mit seiner Frau von wöchentlich 10,30 RM Kriegerfürsorge und monatlicher Militärrente von 20,40 RM, bis er Anfang 1937 in der Porschendorfer Pappenfabrik Fürstenberg, einem jüdischen Unternehmen, eine Anstellung findet.[3]

 

Es kommt der 1. April 1933, an dem der erste reichsweite Boykott stabsmäßig inszeniert wird, und zwar innerhalb weniger Stunden. Streichers Anordnung dazu ergeht am 29. März. Danach sind sofort in jeder NSDAP-Ortsgruppe und -Gliederung Aktionskomitees zur "praktischen, planmäßigen Durchführung des Boykotts jüdischer Geschäfte, jüdischer Waren, Ärzte, Rechtsanwälte usw." zu bilden.

Festgelegt wird: "Der Boykott setzt schlagartig Samstag, den 1. April, Punkt 10 Uhr vormittags ein." Zehntausende Massenversammlungen haben stattzufinden. In exakter Reihenfolge zu tragende Losungen werden übermittelt.[4]

Das funktioniert auch alles in Pirna, wie gewollt.[5]

Im "Pirnaer Anzeiger" vom 1.4.1933 ruft die NSDAP Pirna für den Abend des 1.4., 20 Uhr, im "Weißen Roß" zu einer "Großen Protest-Kundgebung" auf. Der NSDAP-Kreisleiter Sterzing ist mit einer Rede angekündigt zum Thema: "Der Jud' ist unser Unglück - der kommende Abwehrkampf".

Am 2.4.33 erfahren wir aus dem "Pirnaer Anzeiger", der Boykott jüdischer Geschäfte habe auch in Pirna "schlagartig" eingesetzt. "Ungeheure Menschenmassen durchfluteten die Straßen", blieben vor jüdischen Geschäften stehen, von denen einige, entgegen ergangener Anweisung, geschlossen hatten."

Ilse Engler schreibt über ihre Mutter;

"Ihre Tapferkeit am 1. April 1933, am Anfang des praktizierten Boykotts der jüdischen Geschäfte, ist mir unvergeßlich. Unerschrocken wischte sie die Schmierereien der SA-Leute ab, trotz angedrohter Schläge."[6]

Auch Heidenau wird erfasst: Zwei Geschäfte auf der Bismarck- und Bahnhofstraße werden boykottiert; das erste gehörte Hermann Weiner, das zweite war das Kaufhaus von Maximilian Reiner[7].

Die Pirnaer Stadtverordnetenversammlung beschließt am 1.6.1933, es den städtischen Beamten, Angestellten und Arbeitern zur Pflicht zu machen, nicht in jüdischen Geschäften und im Konsumverein einzukaufen.[8]

Am 28. Juni 1933 gibt Leopold Neustadt sein Schuhgeschäft in der Breiten Straße auf, aber Erna Hammerstein, die nach ihrer Verehelichung am 15.8.1933 Tannchen heißt und in die Gartenstraße nach Pirna zieht, übernimmt es. Für Leopold Neustadt war der Boykott das Signal, sich aus Pirna zurückzuziehen. Erna Tannchen hielt bis zum bitteren Ende 1938 durch.[9]

Solche Boykottmaßnahmen wiederholen sich in den Folgejahren.

Darüber schreibt Esra Jurmann:

"Ich habe einen miterlebt. Der SA-Mann vor unserem Geschäft war, so schien es mir, nicht mit ganzem Herzen dabei. Er murmelte 'jüdisches Geschäft', wenn jemand hereinkommen wollte. Aber am selben Tag war Jahrmarkt. Die jüdischen Stände waren auf Anordnung alle in der Töpfergasse konzentriert. Es waren wohl drei Stände. Über der Straße hing ein großer Plakatstreifen: 'Deutsche, kauft nicht bei Juden', stand drauf. Ich half meiner Mutter, als sie den jüdischen Standinhabern heißen Kaffee brachte. Eine Frau weinte. Später kamen SA oder HJ und demolierten die Stände."[10]

Die Boykott-Aktion vom 1. April 1933 bildet den Auftakt für eine ganze Reihe antijüdischer Verordnungen, Erlasse und Gesetze, die die berufliche Tätigkeit jüdischer Beamter, Rechtsanwälte, Ärzte und Hochschullehrer einschränkten und schließlich ganz unterbanden. Das Gesetz über die Nichtzulassung von Juden als Steuerberater vom 2.6.1933 betraf auch Ernst Fernbach.

Als Geschäftsführer des "EHAPE" kam um die Jahreswende 1933/34 Eugen Kohn mit Frau und Tochter nach Pirna. Sie bezogen eine Wohnung in der Weststraße. Eugen Kohn entstammte einer wohlhabenden Familie aus dem Schlesischen, nahm als Kriegsfreiwilliger am ersten Weltkrieg teil und verlor das ihm vererbte ansehnliche Vermögen durch die Inflation, weil er es nicht, wie ihm von Banken geraten wurde, in den USA als einem Land anlegen wollte, gegen das er vier Jahre lang gekämpft hatte. Kommentar seiner Tochter: "So patriotisch waren wir damals!" Er trat in die Firma Leonhard Tietz ein und übernahm Anfang 1934 deren Filiale in Pirna - in einer Zeit, da seit fast einem Jahr die nazistische Judenverfolgung immer neue Formen annahm. Dennoch richtete sich die neu zugezogene Familie relativ rasch ein. Eugen Kohn war ein umgänglicher Mensch, hatte bald Kontakt zu anderen und knüpfte Verbindungen zu in Pirna wohnenden Juden; so fand z. B. jüdischer Religionsunterricht für die Kinder auch anderer Familien, den eine Frau Dr. Stein aus Dresden erteilte, 1934/35 in der Kohnschen Wohnung statt.

Dennoch geriet Eugen Kohn sehr bald in die Mühlen der Repressionsorgane und zwar wegen einer Namensangelegenheit. Da es in der großen Firma Tietz mehrere höhere Angestellte mit dem Namen Kohn gab, half man sich zu ihrer Unterscheidung mit nach Bindestrich angehängtem Zweitnamen.

 So hieß eben Eugen Kohn: Kohn-Konrad. Das brachte ihm Anfang 1935 eine Anzeige wegen versuchter Verschleierung seiner "nichtarischen" Identität ein. Zwar endete die Gerichtsverhandlung im Juni 1935 mit einem Freispruch, sein Dresdner Rechtsanwalt riet ihm aber dringend, weil er nun mal ins Blickfeld der Gestapo geraten war und weitere Verfolgungsmaßnahmen zu befürchten standen, Deutschland so bald als möglich zu verlassen.

Und nun folgt eine der zahlreichen Varianten einer jüdischen Auswanderung. In aller Heimlichkeit verkaufte die Familie ihre wesentliche Habe, packte, was übrig blieb, in Kisten und Koffer und ging am 10. Oktober 1935 nach Berlin "auf Reisen". Vorher hatte Eugen Kohn mehrfach Hartgeld zum Umtausch in Devisen nach Prag gebracht. Dorthin begab sich die Familie von Berlin aus. Kohn bemühte sich um Visa für Südafrika. Dafür aber waren pro Erwachsenen 100 Pfd. Sterling und für jedes Kind 75 aufzubringen. So viel stand nicht zur Verfügung. Also zog Eugen Kohn allein los, verdiente als Elektriker in Südafrika das notwendige Geld, um seine Familie nachzuholen. Im Januar 1937 waren dann alle wieder vereint und endgültig in Sicherheit.

In Südafrika arbeitete Eugen Kohn weiter als Elektriker, während sich seine Frau als gelernte Hutmacherin betätigte. Daraus erwuchs schließlich eine eigene Hutfabrik, die der Ehemann mit viel kaufmännischem Geschick stabilisieren und ausweiten konnte. Sie bestand bis 1960.[11]

Am 17. August 1935 verfügt die Gestapo, eine zentrale "Judenkartei" anzulegen und vierteljährlich zu ergänzen. Die weitere Verfolgung setzte also möglichst lückenlose Erfassung voraus, die so einfach gar nicht war. Viele waren nicht mehr "Glaubensjuden", empfanden sich selbst uneingeschränkt als Deutsche. Es gab eine unüberschaubare Zahl von "Mischehen" und das über mehrere Generationen hinweg. Wer galt also überhaupt als Jude und war in diese Kartei aufzunehmen?

Das Reichsbürgergesetz und das Blutschutzgesetz vom 15. September 1935 schufen den Rahmen für die antisemitische "Rassenpolitik" der Folgezeit. Sie boten eine Fülle von Handhaben für Eingriffe ins familiäre Leben, wie z.B. das Verbot von Eheschließungen zwischen "Ariern" und "Nichtariern", für "Rassenschande"-Verfahren, aber auch  Berufsverbote für Juden im gesamten öffentlichen Dienst und in freien Berufen. Alle diese Maßnahmen entwürdigten, demütigten die Juden, grenzten sie aus der Gesellschaft aus.[12]

Dem Nürnberger Parteitag der NSDAP war im Sommer 1935 durch eine intensive antijüdische Propaganda der Boden bereitet worden.

Ihren Widerschein finden wir auch im "Pirnaer Anzeiger", der eine Reihe entsprechender Nachrichten bringt und von mehreren Veranstaltungen berichtet. Hier nur einige Beispiele.

So äußerte sich der NSDAP-Kreisleiter Gerischer in einer Kreistagung der NS-Frauenschaften,

"der Kampf gegen das Judentum sei eine politische Notwendigkeit und müsse so geführt werden, dass jüdischer Einfluß und jüdisches Blut organisch aus dem Volkskörper verdrängt werden."[13]

Der Gebietsausschuss für die Sächsische Schweiz, ihr Fremdenverkehrsverband, teilte mit:

"In unserer herrlichen Sächsischen Schweiz ist kein Platz für Juden. Ihr Besuch ist uns unerwünscht; ihr Geld macht uns nicht glücklich; ihr Auftreten beleidigt uns. Wir sind davon überzeugt, dass es im Gebiet der Sächsischen Schweiz kein Hotel oder Gasthaus gibt, das als Gastgeber für Juden auftritt.

Um so freundlicher und herzlicher begrüßen wir jedoch unsere Gäste aus dem Ausland, die keine Juden sind...

Der Gebietsausschuß...wird in Zukunft den Zeitungen im Reich, in deren Verlagen Juden beschäftigt sind, keine Aufträge für Werbeinserate mehr erteilen."[14]

Wer wagte es noch nach solcher forschen öffentlichen Verlautbarung, Juden zu beherbergen? Wie war Juden zumute, wenn sie sich dennoch in der Sächsischen Schweiz erholen wollten?

Der "Pirnaer Anzeiger" informierte auch über eine Arbeitstagung der kirchlichen Superintendenten am 6.September 1935, wonach "den Hauptgegenstand bildete die Vornahme von kirchlichen Amtshandlungen an Judenstämmlingen unter voller Würdigung des Auftrags der Kirche unter dem neuen Rassebewußtsein im deutschen Volke."[15]

Am 11.9.1935 wurden die Leser vom Erlaß des Reichsministers Rust über die "Rassentrennung auf den öffentlichen Schulen" in Kenntnis gesetzt. Der kündigte eine in allen Schulen durchzuführende Erhebung über die Rassenzugehörigkeit an, als Vorbereitung für die Einrichtung von Judenschulen in allen Orten mit mehr als 20 jüdischen Schülern. Als Begründung konnte man lesen:

"Der rassenfremde, jüdische Schüler bildet in der Klassengemeinschaft der arischen Schüler und Lehrer einen Fremdkörper. Sein Dasein erweist sich als ein außerordentliches Hindernis im deutschbewußten nationalsozialistischen Unterricht und macht die notwendige, in der Rasse begründete Übereinstimmung zwischen Lehrer, Schüler und Lehrstoff unmöglich."[16]

Die Ergebnisse der Erhebung in den Pirnaer Schulen rechtfertigten nicht die Einrichtung einer besonderen Judenschule, denn es gab 1936 nur ein jüdisches Mädchen in der Höheren Mädchenschule, eins in der Mädchen- (Goetheschule) und zwei Knaben in der Knabenschule (heute Schiller-Gymnasium), daneben noch je ein "Mischlings"-Kind im Realgymnasium, in der Höheren Mädchenschule, in der Knaben- und in der Mädchenschule. Am Realgymnasium wurden nur "Mischlinge" (Sprachgebrauch nach den Nürnberger Gesetzen) verzeichnet, und zwar 1935 noch 4, 1936 noch 2, 1937 nur noch einer.[17]

Die jüdischen Schulkinder Pirnas nahmen also weiter am Unterricht in ihren bisherigen Klassen teil - aber unter welchen Bedingungen? Eine Betroffene berichtete, dass sie fortan wie eine Aussätzige allein in der letzten Reihe saß. Von Sportfesten an der Höheren Mädchenschule waren die Schülerinnen Fernbach, Freymann und Heß ausgeschlossen.[18]

Die Nürnberger Gesetze definierten, wer als Jude oder "Mischling" 1. und 2. Grades zu gelten hatte.

Wie "Mischlinge" betroffen waren, erfahren wir von den Geschwistern Freymann. Für Heinz Joachim, der das Pirnaer Realgymnasium 1938 mit dem Abitur verließ, ist ein Studium von vornherein aussichtslos. Er nimmt eine kaufmännische Lehre in Dresden auf. Nach ihrem Abschluss wird er 1940 zum Wehrdienst eingezogen, aber im Sommer 1941 entlassen - mit dem Wehrpassvermerk „n. z. v.“(nicht zu verwenden). Er findet Arbeit in einem Betrieb in Coswig, dessen Inhaber kein Nazi war. Dort musste er nicht mit „Heil Hitler“ grüßen und war bei politischen Pflichtveranstaltungen im Betrieb jeweils mit „dringenden Aufträgen“ nach Dresden versehen. Während dieser Zeit bleibt er der Haupternährer der Familie. Im Herbst 1944 trifft ihn die Einweisung in ein Zwangsarbeitslager nach Osterode am Harz. Dort schuftet er mit KZ-Häftlingen, Juden und sowjetischen Kriegsgefangenen: Stollen treiben sie in den Berg - für zu verlagernde Kriegsproduktion. Im April 1945 erlebt er dort die Befreiung.

Für Marion Freymann fand sich nach Abgang von der Höheren Mädchenschule unter großen Schwierigkeiten  eine Ausbildungsmöglichkeit in einer privaten Dresdner Handelsschule.[19]

An einem anderen Fall werden auch einige Schritte deutlich, durch die die Maßnahmen gegen „Mischlinge“ verschärft wurden.

Am 7.5.1935 zeigt der Polizeihauptwachtmeister Hüllmann beim Oberbürgermeister, Politische Abteilung, an, er habe erfahren, dass der Kunsthändler Alexander P., in der Gartenstraße wohnhaft, jüdischer Abstammung sei. Er habe deshalb "P., der die Reichs- und die Hakenkreuzfahne (am 1.Mai) gehisst hatte", aufgefordert, "die beiden Flaggen einzuziehen und künftig das Flaggen zu unterlassen."[20]

Für P. ist das ein Schock. P. war der unehelich geborene Sohn einer jüdischen Mutter, der von der Ehefrau seines Vaters nach dessen Tod adoptiert wurde - ein wahrlich nicht alltäglicher Fall. P. wendet sich an den Stadtrat und erklärt, dass ihm seine "mosaische Abstammung" vollkommen unbekannt sei. Er wäre evangelisch-lutherisch getauft, konfirmiert und auch so erzogen worden. Er begreift also nicht, dass der faschistische Staat nicht nach religiösen, sondern nach "rassischen" Kriterien Menschen sortiert. Er will den ihm zugegangenen Bescheid anfechten und wendet sich an höchste Stellen. Es ergibt sich ein langwieriger Schriftwechsel, in dessen Verlauf über die Jahre 1935 bis 1939 sich die antisemitische Gesetzgebung weiter ausprägt.

Aus der Abteilung des Dr. Globke beim Reichs- und Preußischen Minister des Inneren kommt der Bescheid, dass es nach den vorliegenden Unterlagen zweifelhaft wäre, ob P. Jude oder Mischling 1.Grades sei. Er könne sich an die "Reichsstelle für Sippenforschung" wenden, um das aufzuklären. "Sollte die Prüfung ergeben, dass der Gesuchsteller Mischling 1.Grades ist, dann wäre sein Gewerbebetrieb nicht als jüdisch anzusehen."

Die daraufhin bemühte Reichsstelle verschafft P. Erleichterung: Da er ihr zufolge "als Mischling mit zwei jüdischen Großeltern gilt", bittet P., ihn "von der Liste der nichtarischen Gewerbebetriebe zu streichen, da die Mischlinge wirtschaftlich wie Arier behandelt würden, jedenfalls aber nicht als Juden bezeichnet werden dürfen." P. bittet um Mitteilung, ob er nun berechtigt sei, die Hakenkreuzflagge zu hissen. Das darf er anscheinend, nachdem er den Ariernachweis für seine Ehefrau bis zu deren Urgroßeltern erbrachte und eine Nachfrage bei der NSDAP-Kreisleitung Nachteiliges auch nicht ergab. Darüber sind 18 Monate vergangen!

Die eigentlichen Schwierigkeiten stehen P. aber da noch bevor.

Am 5.8.1939 teilt ihm der Präsident der Reichskammer für bildende Künste mit:

"Nach dem Ergebnis meiner Überprüfung der in Ihren Eigenschaften und Verhältnissen begründeten Tatsachen besitzen Sie nicht die erforderliche Zuverlässigkeit, an der Förderung deutscher Kultur in Verantwortung gegenüber Volk und Reich mitzuwirken. Die notwendigen Voraussetzungen für eine Mitgliedschaft zur Reichskammer der bildenden Künste oder für eine Befreiung gemäß § 9 der ersten Verordnung zur Durchführung des Reichskulturkammergesetzes vom 1.11.33 (RGBL. I, S.797) sind daher nicht gegeben.

Aufgrund des §.10 a.a.O. schließe ich Sie aus der Reichskammer der bildenden Kunst aus und untersage Ihnen, sich bei der Erzeugung, der Verbreitung, der Wiedergabe, dem Absatz oder der Vermittlung des Absatzes von Kulturgut im Sinne der anliegenden Begriffsbestimmung zu betätigen."

P. wird aufgefordert, sein Mitgliedsbuch umgehend zurückzusenden. Er erhält also regelrechtes Berufsverbot. Zur Abwicklung seines Geschäfts räumt man ihm eine Frist von 8 Wochen ein; der Vollzug wird am 5.10.1939 bestätigt.

P. wendet sich bis zum Sommer 1940 mehrfach an den "Minister für Volksaufklärung und Propaganda", der aber seine Gesuche stets ablehnt.[21]

Während 1935/36 die Geschäfte von "Mischlingen" noch als "arisch" galten, fallen sie 1939 unter das inzwischen verfügte Verbot für jüdische Gewerbebetriebe.

Eine durch Akten belegte Episode aus unserer Stadt mag die durch die offizielle Politik der faschistischen Reichsführung geförderte denunziatorische Bereitschaft wachsender Teile der Bevölkerung in Verbindung mit amtlicher Willkür örtlicher Größen veranschaulichen.

Am 12.12.1935 bringt R. S., den Geschäftsführer einer Buchbinderei in der Dohnaschen Straße, ein für ihn unerhörter Vorfall in Rage, der ihn unverzüglich zum Hörer greifen und die Polizei verständigen lässt. Das geschieht um 14 Uhr.

Er berichtet, dass soeben ein jüdischer Kaufmann bei ihm Ware angeboten, dabei die Partei beleidigt und eilig den Laden verlassen habe. Der Polizeiwachtmeister Sandmann begibt sich unverzüglich in die Spur und stellt tatsächlich gegen 16 Uhr auf dem Pirnaer Bahnhof den reisenden Postkartengroßhändler Mendel Wolfgang Rosenblatt. Der wird sofort "vorläufig festgenommen", verhört und ist geständig. Mendel Rosenblatt, wohnhaft in Dresden, besitzt die polnische Staatsbürgerschaft. Seine Papiere (Aufenthaltserlaubnis) sind in Ordnung.

Über den Vorgang, der die Festnahme auslöste, erfahren wir:

Rosenblatt betrat das Geschäft und bot seine Ware (Ansichtspostkarten) an. S. fragte ihn, ob er es mit einem "arischen" Unternehmen zu tun habe. Daraufhin erwiderte Rosenblatt, dass es "nicht ganz arisch" sei. S: Er kaufe grundsätzlich nicht bei Juden. Darauf R.: "Ach, das ist doch schon längst veraltet". - War er wirklich der Meinung, der SA-Boykott vom 1.4.33 wäre eine einmalige Aktion gewesen? Jedenfalls erklärte er S., dass er überall viel verkaufe. Im übrigen wolle er sein Geschäft auflösen und betreibe deshalb Ausverkauf. Da belehrte ihn S: "Da sind Sie noch zu keinem richtigen Nationalsozialisten gekommen!".

Und jetzt folgt eine Erwiderung, die S. als Beleidigung der NSDAP versteht. R. verlässt den Laden mit den Worten: "Äh, Ihr werdet Euch schon noch die Hörner einrennen."

Der ganze Vorgang kommt unverzüglich auf den Tisch von Oberbürgermeister Dr. Brunner, der ja gleichzeitig die Polizeigewalt in Pirna ausübt. Er stellt Schutzhaftantrag und übergibt den Fall an die Gestapo in Dresden.

Die reagiert bereits am 13.12. Sie entscheidet, Rosenblatt sei eine Woche nach Festnahme zu entlassen, ohne dass er vorher davon Kenntnis erhalte. Sie will sich also mit dieser Sache wegen ihrer ganz offensichtlichen Geringfügigkeit nicht weiter befassen. Eine Woche der Unsicherheit und Ängste sollen genügen. Dr. Brunner teilt dann auch dem Polizeipräsidium in Dresden mit, dass Rosenblatt am 19.12. aus dem Amtsgerichtsgefängnis in Pirna entlassen wird. Er bittet dennoch, "wegen eventueller Reichsverweisung die erforderlichen Schritte von dort zu unternehmen".

Der am 19.12.35, 13 Uhr, entlassene Mendel Rosenblatt muss noch eine Erklärung unterschreiben, in der er sich verpflichtet, sich "stets loyal gegenüber der neuen Regierung" zu verhalten und nicht "gegen den nationalsozialistischen Staat" zu arbeiten. Er muss bestätigen, in Hinblick auf seine Behandlung keine Klagen zu haben. Meldepflicht bei der Polizei in Dresden wird ihm auferlegt.[22]

Spätestens im Herbst 1938 wird Mendel Rosenblatt, wie alle "Ostjuden", die nicht der deutschen Staatsbürgerschaft teilhaftig waren, nach Polen abgeschoben worden sein, und wenn ihm nicht vorher die Ausreise in ein außereuropäisches Land gelang, wird sich sein Lebensweg in den Ghettos und Vernichtungslagern des Ostens verlieren.

Diese Episode verrät etwas über die Atmosphäre, in der jüdisches Leben nun verlief.

Die Führung der evangelischen Landeskirche Sachsens trug das Ihre zur Ausbreitung des Antisemitismus bei. An ihrer Spitze stand der am 10.12.1933 in sein Amt als Landesbischof eingewiesene ehemalige Freiberger Pfarrer Coch, der in einem vorstellenden Beitrag im "Pirnaer Anzeiger" als "einer der Vorkämpfer der nationalen Bewegung" gepriesen wird.[23]

Auch am 10.12.1933 verabschiedet die Sächsische evangelisch-lutherische Landessynode 28 Thesen, die dem Nazigesetz über „Die Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ folgen. Hier wesentliche Auszüge:

"3. Die Volkskirche bekennt sich zu Blut und Rasse, weil das Volk eine Bluts- und Wesensgemeinschaft ist. Mitglied der Volkskirche kann daher nur sein, wer nach dem Rechte des Staates Volksgenosse ist. Amtsträger der Volkskirche kann nur sein, wer nach dem Rechte des Staates Beamter sein kann (sogenannter Arierparagraph).

4. Volkskirche bedeutet nicht Ausschluss von Christen anderer Rasse von Wort und Sakrament und von der großen christlichen Glaubensgemeinschaft. Der Christ anderer Rasse ist nicht ein Christ minderen Ranges, sondern ein Christ anderer Art. So macht die Volkskirche Ernst damit, dass die christliche Kirche noch nicht in der Vollendung göttlicher Ewigkeit lebt, sondern an die Ordnung gebunden ist, die Gott diesem Leben gegeben hat.

5. Weil die deutsche Volkskirche die Rasse als Schöpfung Gottes achtet, erkennt sie die Forderung, die Rasse rein und gesund zu erhalten, als Gottes Gebot. Sie empfindet die Ehe zwischen Angehörigen verschiedener Rasse als Verstoß gegen Gottes Willen..."[24]

Welchen Einfluss übten derartige Verkündigungen auf die Gläubigen in Pirna aus?

Wie mögen alle diese Vorgänge auf Juden gewirkt haben?

Sachlich lässt sich für Pirna das Folgende feststellen:

Am 8.September 1933 zeigt das Amtsgericht Pirna an: "Isidor Cohn ist aus der Firma ausgeschieden. Frl. Gertrud Borrmann in Pirna ist Inhaberin. Die Firma lautet künftig Gertrud Borrmann." Diese Gertrud Borrmann, evangelisch, heiratet kurz darauf Alfred Cohn, der zum katholischen Glauben konvertiert war. Die Geschäftsübergabe an die "arische" Schwiegertochter wendet die Schwierigkeiten jedoch nicht ab. Am 15. Mai 1934 gibt Gertrud Cohn auf. Alfred Cohn versucht es als Handelsreisender.[25]

Am 5. März 1935 ist Adolf Kaminsky plötzlich verstorben.[26] Frau Kaminsky gibt das Geschäft auf und verzieht zu ihrer Tochter nach Berlin.[27]

Im Frühjahr 1936 wird der Warenhauskonzern Messow und Waldschmidt, damit auch seine Filiale in der Pirnaer Dohnaschen Straße 52, "arisiert", und der Geschäftsführer Bruno Freymann verliert seine Anstellung. Er versucht, sich mit der Fabrikation von Turn- und Sporthosen wirtschaftlich über Wasser zu halten. Das gelingt mehr schlecht als recht - wegen der immer schwieriger werdenden Verhältnisse für jüdische Geschäftsleute. Nach dem Novemberpogrom 1938 wird ihm die Gewerbeerlaubnis ganz entzogen.[28]

Auch das "EHAPE" wird "arisiert". Per 14.4.1937 lautet der neue Firmenname "Rheinische Kaufhalle AG".[29] Die alte Bezeichnung bewahrt sich aber im Sprachgebrauch der Pirnaer. Auch nach dem Kriege hält sich das Unternehmen noch bis zum Mai 1952 als "Kaufhalle GmbH Hans Egolf".

Eine Schulfreundin von Ilse Engler, Pfandleihgeschäft in der Albertstraße 1b (Dr. Wilhelm-Külz-Str.), berichtet, dass sie des öfteren mit Ilse im Geschäft war; Ilse spielte auf einem beliehenen Klavier und sang - sie hatte eine ausgezeichnete Stimme. Nie jedoch habe sie in diesem Geschäft Kundschaft erlebt.[30]

So zeitigten Boykottmaßnahmen und voranschreitende antisemitische Politik die beabsichtigte Wirkung: Juden durch ein System öffentlicher Diffamierung, der wirtschaftlichen Verdrängung zu isolieren und sie ihrer Existenzgrundlagen zu berauben. Es bedarf ja keiner Phantasie, sich auszumalen, wie es mit Umsätzen und Einkünften bei Jurmanns, Weiners, Englers und anderen weiterging, die noch bis 1938 durchhielten. Wer bei Juden einkaufte, machte sich doch mindestens mangelnder "nationaler Gesinnung" verdächtig.

  Nachdem im Herbst 1937 eine sachsenweite antijüdische Kampagne unter dem Motto „Ein Volk bricht seine Ketten“ zur Indoktrination des Judenhasses veranstaltet worden war, wird zwischen dem 4. und 19. März 1938 eine neue Welle von 1350 Versammlungen in Sachsen „unter dem Leitwort ´Völkerfrieden oder Judendiktatur?´“ in Bewegung gesetzt. Im Kreis Pirna finden dazu insgesamt 60 Großkundgebungen mit Propagandarednern der NSDAP statt. In den Tannensälen spricht der Nazigauleiter Mutschmann persönlich. Er betont unter anderem, „dass derjenige, der heute noch beim Juden kaufe, sich von der Volksgemeinschaft ausschließt und dass er mit der Veröffentlichung seines Namens rechnen müsse.“[31]

In einer weiteren Phase der Judenverfolgung wurde der Raubzug gegen die jüdischen Vermögen eingeleitet und in Gang gesetzt. Ihre Ausschaltung aus dem gesamten Wirtschaftsleben sollte die Verfemten und Verfolgten unter Auswanderungsdruck setzen und ihre Vermögenswerte für die Göringsche Rüstungswirtschaft verfügbar machen. Dazu dienten die im April 1938 erlassenen Verordnungen über die Anmeldung aller jüdischen Vermögenswerte über 5000 Mark und gegen die "Tarnung" jüdischer Betriebe.[32]

Im Juni wurde verfügt, alle jüdischen Gewerbebetriebe zu registrieren und zu kennzeichnen. Der Juli brachte das Aufenthaltsverbot für Juden in Kurorten. In Bad Schandau war dem schon vorgegriffen worden.

Seit Herbst 1935 wurden dort keine jüdischen Ausflugs- und Kurgäste mehr aufgenommen, und im April 1938 wartet Bad Schandau mit einer neuen Meldung auf:

„Bad Schandau ist judenfrei! Bürgermeister Baumann hat auf Veranlassung des Kreisleiters eine Polizeiverordnung erlassen, die jedem Juden in Zukunft den Aufenthalt in dem schönen Kurort unmöglich macht. Damit erfüllt sich der langgehegte Wunsch nicht nur der Einwohnerschaft, sondern auch der vielen Kurgäste und Besucher Bad Schandaus, dieses Kleinod des Sächsischen Felsengebirges endlich judenfrei zu sehen. Die für alle Kurorte und Sommerfrischen des Sächsischen Felsengebirges beispielhafte Polizeiverordnung des Bürgermeisters von Bad Schandau hat folgenden Wortlaut:“

„Polizeiverordnung über den Aufenthalt von Juden.

Im Einvernehmen mit der Kurverwaltung und den Kneippkurbetrieben von Bad Schandau G.m.b.H. wird folgendes verfügt:

1. Juden dürfen in Bad Schandau nicht aufgenommen werden, da keine Privathäuser, Gaststätten und Fremdenheime vorhanden sind, in denen sich nur deutschblütige weibliche Personen über 45 Jahre aufhalten.

2. Juden ist verboten: a) der Aufenthalt in Kurhäusern, b) der Aufenthalt in Kuranlagen, c) der Aufenthalt an und auf dem Tennisplatz, d) die Benutzung der Liegewiesen, e) der Aufenthalt im Elbbade, f) die Benutzung der Eisenquelle, g) die Benutzung aller Veranstaltungen der Kurverwaltung.

3. Die Bestimmungen treten sofort in Kraft. Zuwiderhandlungen werden mit Geldstrafe bis zu 150 RM oder entsprechender Haft bestraft.“[33]

Am 17. August folgt die Einführung der Zwangsvornamen "Sara" und "Israel" ab 1.1.1939. Sie müssen bei den zuständigen Standesämtern fristgemäß beantragt werden. Auch jene Standesämter sind in Kenntnis zu setzen, bei denen einst die Geburt des Betreffenden registriert worden war. 

Schließlich wird Mitte Oktober in einer Besprechung bei Göring die gesamte "Arisierung der Wirtschaft" im einzelnen beraten und angeschoben, auch die Isolierung der Juden in Ghettos. Das erstere zeitigt sofort konkrete Wirkung.

In einem Schreiben des Kreiswirtschafts-Beauftragten der NSDAP-Kreisleitung Pirna vom 17.Oktober 1938 wird  "Abraham Jurmann, Textilwaren, Pirna", aufgefordert, bis zum 25. Oktober eingehend mitzuteilen, welche Schritte er "unternommen (habe), um die Überführung (seines)  Geschäfts in arische Hände zu vollziehen".

Der Stand etwaiger Verhandlungen ist "genauestens zu definieren", wie es da heißt. Es wird auf strenge Preiskontrolle bei der "Arisierung" verwiesen. Die letzte Entscheidung läge bei der Kreishauptmannschaft und bei der Gauleitung der NSDAP.[34] Hier haben wir den Beleg für die bereits vor dem Novemberpogrom eingeleitete völlige Ausschaltung der Juden aus dem Wirtschaftsleben.

 

Der Judenpogrom vom November 1938 in Pirna

Vom 27. zum 28. Oktober 1938 weisen die Nazis in einer Nacht- und Nebel-Aktion etwa 17 000 Juden polnischer Staatsangehörigkeit über die polnische Grenze aus Deutschland aus. Das Sächsische Innenministerium meldet an den Reichsführer SS und Chef der Deutschen Polizei im Reichsministerium des Inneren am 1.11.38 den Vollzug:

Es "...sind in der Nacht vom 27. zum 28.10.38 alle in Sachsen ansässigen polnischen Staatsangehörigen in Abschiebehaft genommen. Sie sind im Verlaufe des Donnerstags in 6 Sonderzügen, davon 1 von Dresden, nach Beuthen transportiert worden".

Aus Dresden wurden 724, aus Sachsen insgesamt 2804 vertrieben, ihre Wohnungen versiegelt, die Schlüssel in polizeilichen Gewahrsam genommen.[35]

Polen weigert sich, sie aufzunehmen. Es kommt zu erschütternden Szenen im Grenzbereich.

Betroffen davon wird Ilse Engler, inzwischen in Dresden mit Arno Fischer, "Ostjude" aus Polen, verheiratet. Sie erlebt die Austreibung so:

"Ein Chaos, ein Desaster, ein Unglück - es gibt kein Wort dafür, um das Geschehen zu beschreiben. Ich wurde abgeholt und kam mit den Schwiegereltern in einen Schulsaal in der Blumenstraße; von dort wurden wir in Viehwaggons verladen. Es gelang mir vorher noch, in Pirna bei Dr. Jakob anzurufen, um meine Mama zu verständigen. Bis zur letzten Minute meines Lebens sehe ich von den Waggons aus meine Mutter an der Bahnsteigsperre stehen. Einem etwas menschlich angehauchten Beamten habe ich es zu verdanken, dass ich nochmals in die Arme meiner Mutter eilen konnte.

Arno befand sich zu dieser Zeit in Lemberg bei Verwandten. Wir wurden bei Beuthen über die Grenze getrieben. Die Polen jedoch wollten uns nicht und schickten uns wie Vieh zurück. Die Deutschen empfingen uns mit Schreckschüssen; wir befanden uns auf Niemandsland und meinten mit Sicherheit, unsere Stunden wären gezählt...

Dann kamen wir doch auf polnischen Boden, wir wurden von polnischen Juden, die schon von dem Vertreibungsunglück erfahren hatten, mit Essen und Trinken gelabt und erfrischt."

Auch ihr Ehemann eilt herzu und kann sie schließlich nach Lemberg mitnehmen.[36]

Die Nachrichten über die Leiden der Vertriebenen gehen durch die Weltpresse. Diese Ereignisse bilden für Herszel Grynszpan, dessen Angehörige gleichfalls betroffen waren, das Motiv für sein Attentat vom 7. November auf den deutschen Botschaftsangehörigen vom Rath in Paris.

In der Nacht vom 9. zum 10. November brach der daraufhin von Goebbels inszenierte "spontane Volkszorn" überall aus.

In diesen Tagen wurden in Deutschland rund 7000 Geschäfte demoliert und geplündert, die meisten Synagogen verwüstet und verbrannt, etwa 30 000 Juden verhaftet, in KZ verschleppt und den jüdischen Bürgern eine Abgabe in Höhe von einer Milliarde Reichsmark abgepresst.[37] Die Tat eines Einzelnen wurde sofort als Angriff der gesamten Judenheit auf die Deutschen schlechthin deklariert. "Volkszorn" und "Sühnemaßnahmen" wären so verständliche und unumgängliche Folgen. Dabei kam der Pogrom, wie die voraufgegangenen Maßnahmen der Naziführung zeigen, nicht aus heiterem Himmel.

In Pirna geschieht das durch nachts mobilisierte SA-Horden in den frühen Morgenstunden des 10. November.

Esra Jurmann schreibt:

"Ich ging am 10. November 1938, nachdem ich der Schule verwiesen wurde, in das Geschäft meines Vaters. Am Morgen, als ich in die Schule kam, bekam ich 'Blicke', neugierig, interessiert, anders als sonst. Als Herr Gulemann, der Klassenlehrer, mich nach Hause schickte, wußte ich, dass etwas Außerordentliches geschehen war.

Was, wußte ich nicht.

Ich überhörte ein Geflüster, irgendetwas mit 'der Laden'. Meine 'Beurlaubung' war einfach, dass Herr Gulemann mir sagte, ich könne nach Hause gehen und mir einen Brief für meinen Vater mitgab.

Als ich die Schloßstraße hinunterging, sah ich, außer einer Menschenmenge bei unserem Geschäft, nichts. Als ich dann über den Markt ging und näher am Laden war, sah ich die zertrümmerten Scheiben. Meine Eltern waren im Geschäft. Die Menschen gafften und sagten nichts. Man erkannte mich und machte mir Platz, damit ich durchkam. Mein Vater war die Ruhe selbst. Er schickte mich zu Taggesell, dem Fleischer nebenan und gab mir Geld, damit ich dort nach Herzenslust Wiener Würstchen verspeisen konnte. Damit war ich aus dem Weg. Am Abend fuhr ich mit Weiners, vom Geschäft gegenüber, nach Dresden. Das Weinersche Geschäft war auch zerstört."[38]

Ursula Wellemin, geb. Heß, teilt mit:

"Es wurde uns gesagt, dass... sich ein Pöbel an dem Pirnaer Markt versammelte und dass die Versammelten von Reden gegen uns angespornt wurden. Diese Menge von Leuten bestand hauptsächlich aus einem Kontingent von SA. Diese kamen aus der Stadt Wehlen, wo wir ganz unbekannt waren (d.h. sie wurden aus Wehlen geschickt). Später an dem Tag (nachdem mein Vater abgeholt worden war) stürmte der Pöbel - mehrere Hundert - unser Haus, Postweg 64, nachdem sie Ziegelsteine durch das Fenster geworfen hatten.

Sie machten viel Schaden (Flügel, Bilder), schütteten Tinte auf Bettücher etc.

Wir versteckten uns auf der Treppe, die in den Keller und zu den Büros führte und schlossen die Tür zu der Halle im Haus zu (die man nicht gut von der Halle aus sah). Es wurde nicht versucht, die Büros zu stürmen...

Wir flüchteten durch das Büro und den Garten in eine Taxe, die uns nach Dresden zu unserer Großmutter fuhr."[39]

Der "Pirnaer Anzeiger" meldete dazu am Freitag, dem 11.11.:

"In Pirna machte sich der Zorn gegen die Mordjuden ebenfalls in verschiedenen Aktionen Luft. Unter anderem wurden die Scheiben jüdischer Geschäfte zertrümmert und einige Juden in Schutzhaft genommen. Am Donnerstag fand auf dem Markt eine Kundgebung statt, in der Pg. Hugo Müller scharfe Worte gegen die Juden richtete. Im Anschluss daran zog man vor jüdische Kaufhäuser."

Neben den Konfektionsgeschäften von Jurmann und Weiner waren noch das "Ehape" und das Schuhkaufhaus "Neustadt" in der Breiten Straße betroffen. Die damals schon außerhalb Pirnas wohnhafte Inhaberin dieses Kaufhauses, Frau Tannchen, wandte sich an den Oberbürgermeister Dr. Brunner um Hilfe, aber die Behörden hatten sich aus den Vorgängen herauszuhalten. Polizisten nahmen in den Morgenstunden des 10. zwei tatbeteiligte SA-Leute in Unkenntnis dieser Weisung fest, mussten sie aber bald freilassen.[40]

Weil sie annahmen, dass auch ein Konfektionsgeschäft in der Breiten Straße ein jüdisches Unternehmen sei, zerschlugen SA-Leute dort ebenfalls die Schaufensterscheiben und warfen Teppiche und andere Waren auf die Straße. Beteiligte bedienten sich dabei. Es entstand, wie bei den jüdischen Geschäften, erheblicher Schaden. Es kostete dem Besitzer einige Mühe, den Irrtum auszuräumen.[41]

Obwohl die Naziführung für den 10. November das Ende des "spontanen Volkszorns" verfügte, gab es Ausläufer des Pogroms in Gestalt öffentlicher antisemitischer Handlungen auch noch an nachfolgenden Tagen. So berichtet der "Pirnaer Anzeiger" vom 15./16.11. von einer öffentlichen Kundgebung in Pirna-Copitz am 14.11. Ortsgruppenleiter Peukert eröffnete sie und begrüßte als Redner den Leiter des sächsischen Volksbildungsministeriums, "Pg." Göpfert. Weil, was er ausführte und der "Pirnaer Anzeiger" wiedergab, so charakteristisch für die Pogromstimmung und den überschäumenden Judenhass ist, sollen die wesentlichen Passagen des Redeberichts hier wiedergegeben werden. Göpfert  erklärte:

"Wir haben in der Welt nur einen Feind, und das ist der Jude.  Mit seiner Haßpropaganda hat uns der Jude unsere Anständigkeit gedankt; man erfand Greuelmärchen; man versuchte uns wirtschaftlich zu ruinieren, und mit den letzten Schüssen wollte er nicht nur die Person, sondern das deutsche Volk treffen. Darauf habe das deutsche Volk auch entsprechend geantwortet. Es kann nur eine einzige Antwort geben: 'Raus mit den Juden aus Deutschland!' Und wenn man ihn raushaben will, muss man ihm seine Geschäfte zumachen.

Die Verordnung des Generalfeldmarschalls Göring als Beauftragter für den Vierjahresplan habe nun gründlich dafür gesorgt. Man muss aber auch dafür Sorge tragen, dass der Jude niemals wieder zurückkommt; man müsse deshalb unsere Jugend wachhalten. Der Redner wandte sich dann gegen die, die immer noch Mitleid mit den Juden und kein Verständnis für die Maßnahmen der Regierung haben. Es muss Sorge dafür getragen werden, dass ein Deutscher nie wieder mit einem Juden zusammenkommt."

So weit dieser Auszug.

In den Morgenstunden des 10.11. wurde der Fabrikbesitzer Manfred Heß verhaftet, am gleichen Tage Bruno Freymann[42], tags darauf auch der Kaufmann Wolf Jurmann, Obere Burgstraße 6, Alfred Cohn, Schuhgasse 9, und der Arbeiter Ernst Noack, der Hohnstein und eine einjährige Gefängnisstrafe hinter sich hatte. Pirnaer Polizisten brachten sie nach Dresden. Am 12. November überführte man sie, bis auf Freymann, nach Buchenwald.

Was sie dort bei der Ankunft erlebten, ist in folgender Schilderung überliefert:

"Zum 9. November 1938 wurden durch die sogenannte Rath-Aktion über 12 000 jüdische Häftlinge ins Lager eingeliefert. Bei ihrem Einmarsch stand die SS, mit Knüppeln und Peitschen bewaffnet, an der Straße von Weimar Spalier, so dass nur ganz wenige unverletzt das Lager erreichten.

Die von blutigen Gepäck- und Kleidungsstücken bedeckte Straße, auf der zahlreiche Verwundete lagen, glich einem Schlachtfeld... Siebzig jüdische Häftlinge wurden infolge der furchtbaren Quälereien wahnsinnig. Man warf sie vorläufig in einen Holzverschlag. Von dort wurden sie nach einiger Zeit gruppenweise in den Bunker überführt und von SS-Oberscharführer Sommer erschlagen."[43]

Nach diesem Empfangsschock mussten sie vorerst auf dem Appellplatz stehen, weil die für die Juden dieser Aktion bestimmten Baracken noch nicht fertig waren. In aller Hast wurden notdürftig fünf Schuppen zurechtgezimmert, in denen man je 2000 hineinpferchte. So entstand ein besonders eingezäuntes spezielles Judenlager. Wie diese "Unterkünfte" gefertigt wurden und ausgestattet waren, vermittelt der Bericht eines Betroffenen:

"In unbeschreiblichem Tempo mussten diese aufgestellt werden. Obwohl wir an Unmenschliches gewöhnt waren, wollten wir zuerst nicht glauben, dass sie zur Unterbringung von Menschen vorgesehen waren. Zunächst errichteten wir Wände, rammten Pfosten ein, die mit Brettern verschalt wurden. Es gab weder Fenster noch Türen. Nur in der Mitte war ein nach jeder Seite offener Durchgang, ähnlich einer Remise, in der Waren gelagert oder höchstens Tiere für kurze Zeit hätten untergebracht werden können. Dann begann der Ausbau, und damit wurde auch die Ungeheuerlichkeit sichtbar:

In diesen Baracken sollten Menschen eingepfercht werden. Im Innern wurden wiederum Pfosten aufgestellt und diese mit Latten verbunden. In Abständen von 60 bis 70 Zentimeter übereinander spannten wir Maschendraht. Das wurden die Lagerstätten für die Häftlinge. Nur kriechend konnte ein Mensch auf diese Lagerstätte gelangen. Das war besonders qualvoll, weil nur schmale Gänge zwischen den Reihen der sogenannten Schlafstätten den Zugang ermöglichten. Es gab in diesen Baracken weder Fenster noch andere Lüftungsmöglichkeiten. Es gab weder eine Waschgelegenheit noch die Möglichkeit, Kleider unterzubringen. Die dünnen Bretterwände boten kaum Schutz vor Witterungsunbilden. Bei warmem Wetter war es drückend heiß, bei Frost unerträglich kalt, weil keine Möglichkeit bestand, diese 'Räume' zu heizen."[44]

Im Sonderlager ermangelte es jeglicher hygienischer Bedingungen. Pro Häftling stand im gesamten Lagerbereich pro Tag 1/4 l Wasser zur Verfügung. Massenhafte Durchfallerkrankungen, bei eintretendem Frost im Dezember Erfrierungen, schließlich sogar Paratyphusfälle selbst bei der SS zerrütteten die Gesundheit vieler und ließen die Zahl der Todesfälle im Sonderlager bis zum 9.12. auf 163 ansteigen. Erst danach veranlaßte die Furcht vor Epidemien die SS, unumgängliche hygienische und medizinische Vorkehrungen zu treffen.

Hilfe wurde den ins Sonderlager Eingelieferten nur durch politische Häftlinge zuteil, für die medizinische Betreuung sorgten Ärzte und Helfer aus den eigenen Reihen.

Ständiger unberechenbarer Terror durch die SS, stundenlanges Stehen und Sitzen auf dem Appellplatz, "Freiübungen" und vielgestaltige Schikanen, Hunger und Wassermangel prägten die Tage im Sonderlager.

Der Zweck dieser Lagerhaft enthüllt sich durch jene Ankündigung, die schon in den ersten Lagertagen über Lautsprecher erging:

"Alle Judenvögel herhören! Erstens: Ihr bleibt solange hier, bis ihr eure Geschäfte, Fabriken und Häuser verkauft habt und beweisen könnt, dass ihr schleunigst auswandern werdet. Zweitens: Durch eure Schuld ist dem deutschen Volk großer Schaden entstanden. Ihr seid verantwortlich für die Zerstörungen in den deutschen Städten. Deshalb wird angeordnet: Die Versicherungsbeiträge für eure Wohnungen und Geschäfte erhaltet nicht ihr, sondern das deutsche Volk.[45] Drittens: Eure Frechheit muss bestraft werden. Deshalb wird den Juden in Deutschland eine Konventionalbuße auferlegt. Sie beträgt eine Milliarde Reichsmark."[46]

Geld und Wertsachen mussten abgeliefert werden. Die SS, von der Lagerführung bis zur Bewachungsmannschaft, bereicherte sich maßlos. Auch dafür musste sich der Lagerkommandant Karl Koch später in einem Korruptionsverfahren verantworten.

Schon 10 Tage nach der "Rath-Aktion" begannen die Entlassungen, vorzugsweise jener, die sich zum "Verkauf" ihres Eigentums und zur Ausreise aus Deutschland verpflichteten und das auch nachweisen konnten. Wer entlassen wurde, musste über die Vorgänge im Lager zu schweigen geloben und erklären, dass ihm weder Geld noch Wertgegenstände abgenommen worden waren.

Am 1. Januar 1939 betrug die Zahl der Inhaftierten nur noch 1605, Anfang Februar war es geräumt und wurde dann abgerissen.[47]

Den jüdischen Kaufleuten wurde aufgetragen, die an ihren Geschäften entstandenen Schäden auf eigene Kosten unverzüglich zu beheben. Gipfel der Infamie: Noch am 2. Dezember schrieb der Pirnaer Oberbürgermeister Dr. Brunner an "Wolf Jurmann, zur Zeit Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar": 

Am 22.11.ergriff der Kreisleiter Elsner in einer Versammlung der NSDAP-Ortsgruppe Heidenau „das Wort zu einer scharfen Abrechnung mit dem Judentum und seinen heimlichen Freunden sowie denjenigen, die die deutsche Einheit angreifen.“ „   Schluss mit der Gutmütigkeit gegen dieses Parasitenvolk, das Deutschland schon einmal ins Unglück gestoßen hat“, forderte er. Mitleidige „sollen sich nicht aufregen über Maßnahmen, die zum Schutze des deutschen Volkes notwendig sind.“ ...“Schon Luther hat gegen ‘Juden und ihre Lügen’ gestritten.“... „Wenn in Deutschland jemand nur ein Wort für die Juden übrig hat, dann ist er kein Deutscher.“[49]

Der hier beschworenen „deutschen Einheit“ waren sich die braunen Herrscher anscheinend doch nicht so gewiss. Der Verweis auf Mitleidige deutet immerhin an, dass sich die Pogromtäter der, wenn auch stillschweigenden, Missbilligung eines Teils der Bevölkerung bewußt waren.

  Nach Juden geforscht wird auch in der Anstalt Sonnenstein.

Auf die Anfrage des Pirnaer Oberbürgermeisters benennt die Anstaltsleitung drei jüdische Patienten, davon zwei deutscher und einer englischer Staatsangehörigkeit.[50] Die Erkundigung nach den Vermögensverhältnissen ergibt, dass für Otto S. und Kurt P., die beiden Deutschen, da sie kein Vermögen haben, die Kosten vom Landesfürsorgeverband getragen werden.

Für Arno A. und Otto S. wären noch keine Vormünder bestellt, "weil es sich um Juden handle, die niemand vertreten wolle." Für Otto S., dessen Anwesenheit in der Anstalt noch bis zum Sommer verbürgt ist, verpflichtet man schließlich Heinrich Israel Jordan aus Dresden. Dem wird sofort bedeutet, er habe für S. die notwendige Namensergänzung "Israel" zu beantragen. Otto S. wurde "am 27.8.1939 nach Arnsdorf zur Abmeldung gebracht."[51] Das weitere Schicksal dieser drei liegt im Dunkeln. Wurden auch sie 1940/41 wieder in ihre einstige Anstalt, Vernichtungsstätte im Euthanasie-Programm, auf ihren letzten Weg gebracht?

Am 10. November werden die letzten jüdischen Schüler aus den Pirnaer Schulen verwiesen.[52]

Den theologischen Begleittext zum Novemberpogrom liefert in Pirna der Superintendent der evangelischen Kirche Leichte, der über die Presse zu Veranstaltungen aufruft. Eingeladen hat er den Prof. der Theologie Dr. Wolf Meyer-Erlach, Jena, Rektor der Schiller-Universität. In „Gottesfeiern“ der „Markgemeinde Pirna der >Deutschen Christen< (Nationalkirchliche Einung)“ spricht der über „Wende des Glaubens“ und in den Nachversammlungen über das Thema „Luther und die Juden“; und zwar in Königstein am 11.11., Heidenau am 12.11., und in Pirna am 13.11. Die Nachversammlung in Pirna findet im Feldschlößchen statt.[53]

Wir gehen sicher nicht fehl in der Annahme, dass er weniger Luthers Schrift von 1523, "Dass Christus ein geborener Jude sei", in den Mittelpunkt seiner Auslassungen stellte, sondern vielmehr jene üble, in geradezu Pogromempfehlungen mündende von 1543: "Von den Juden und ihren Lügen". Dort erteilt Luther solch schockierende Ratschläge, die Synagogen und Schulen der Juden anzubrennen, ihre Häuser zu zerstören, ihnen die Freizügigkeit zu nehmen, gleichfalls alle Barschaft, Silber und Gold und sie aus dem Lande zu treiben.[54]

Im Januar 1939 ist Meyer-Erlach wiederum zur Stelle. Nachdem er bereits am 6.1. in Bad Schandau und am 7.1. in der Christusgemeinde in Heidenau aufgetreten war, spricht er am Abend des 8.1. in der Pirnaer Marienkirche zum Thema "Luther und die Juden".[55]

Am 27.2.1939 erfolgt per Gesetz des Landeskirchenrats der Ausschluss von Juden aus der Evangelischen Kirche Sachsens.[56]

Im Herbst 1941 verfügt die Kirchenleitung Sachsens, an den Kirchen Tafeln mit der Aufschrift anzubringen: "Trägern des Judensterns ist der Zutritt verboten." Dem folgt am 17.12.1941 die Bekanntmachung über die kirchliche Stellung evangelischer Juden. Nach ihr ist "jegliche Gemeinschaft mit Judenchristen aufgehoben...Rassejüdische Christen haben in einer deutschen Evangelischen Kirche keinen Raum und kein Recht."[57]

 

Vertreibung

Nach solcherart Erleben wird der Drang, dieses Land zu fliehen, mehr als verständlich. Binnen weniger Wochen verlassen fast alle jüdischen Einwohner die Stadt oder werden hinausgedrängt.

Frau Sophie oder richtiger Schifra Engler gerät seit Frühjahr 1933 immer stärker unter Druck mit ihren Passangelegenheiten. 1907 waren Englers aus der Bukowina als österreichische Staatsbürger nach Deutschland gekommen. Nach dem 1. Weltkrieg gehörte ihr Ursprungsland zu Rumänien. Dessen Staatsbürgerschaft musste erst erworben werden. In Sachsen war selbst in der Weimarer Republik der Erwerb der Staatsbürgerschaft für "Ostjuden" erschwert. Vorausgesetzt war 30-jährige Ansässigkeit. Die hätte Frau Engler 1937 erreicht, aber nun waren die Nazis darauf aus, alle Juden, erst recht jene ohne deutsche Staatsbürgerschaft, aus Deutschland hinauszudrängen.

Viele Schriftstücke durchlaufen die Instanzen, ehe sich das rumänische Konsulat in Leipzig endlich für Englers zuständig erklärt. Jede halbjährlich zu beantragen Passverlängerung muss aber erkämpft werden und kostet Geld, das  Frau Engler allein nicht aufbringen kann. Wie diese Frau, deren Ehemann 1923 verstorben war, sich und ihre drei Mädchen bei schlechtem Geschäftsgang überhaupt durchbringen konnte, ist schier unverständlich.

Zunehmende Bedrängnis, laufende Passprobleme, die Unmöglichkeit des Rückzugs in Anonymität, die in einer kleinen Stadt wie Pirna kaum gegeben war, in der zunehmend ein Klima des Antisemitismus von ihm Betroffene lähmte, all das nährt den Wunsch, möglichst bald auszureisen.

Zum 31. Mai 1938 stellt Schifra Engler ihre Geschäftstätigkeit ein und ersucht um Ausreise. Die örtliche Polizei muss dazu Stellung nehmen. Sie erhebt keine Einwände, zumal, wie es heißt,

"die Engler, weil sie Jüdin ist, als politisch unzuverlässig bezeichnet werden muss...Da sie aber Jüdin ist, keinen Erwerb nachweisen kann und der öffentlichen Fürsorge zur Last fällt, kann die Ausstellung eines Wiedereinreisevermerks von hier aus nicht befürwortet werden."

 

Schätze haben die Englers in über dreißigjährigem Aufenthalt in Deutschland nicht erringen können, nicht einmal bescheidensten Wohlstand.

Nun will Frau Engler nicht nur, sie muss Deutschland verlassen - als nicht der deutschen Staatsbürgerschaft teilhaftige "Ostjüdin". Am 22. September 1938 wird ihr die Auflage erteilt, bis zum 15. Januar 1939 aus dem Lande zu gehen. Aber am Jahresende 1938 besitzt sie immer noch keine Einreiseerlaubnis nach Rumänien.

Da wird die Abschiebung in die Wege geleitet. Die Pirnaer Behörden handeln bis Mitte Februar in einem mehrteiligen Briefwechsel schließlich den Polizeiposten Lobositz als Abschiebestelle aus. Frau Engler aber hat die Stadt am 10. Februar 1939 bereits verlassen. Sie ist zu ihrer Tochter Marie nach Dresden gegangen, mit deren Familie, gleichfalls von der Ausweisung betroffen, sie in der Nacht vom 15. zum 16. Februar Deutschland in Richtung Polen verlässt. Oberbürgermeister Dr. Brunner spricht am 14.2.1939 das Aufenthaltsverbot aus, das die offizielle Reichsverweisung zur Folge hat.[58]

In Sicherheit waren Frau Engler, ihre Töchter und deren Familien keinesfalls. Nach Kriegsbeginn kommen sie in Südostpolen unter sowjetische Herrschaft, aber schon im Juli 1941, nach dem Überfall Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion, ereilt sie die nun zur Ausrottungspolitik eskalierende Judenverfolgung der Nazis. Schifra Engler , ihre Tochter Anna, deren Ehemann Hersch Rinner und ihr Sohn Joachim fallen Erschießungskommandos der SS zum Opfer. Marie, deren Ehemann und weitere Anverwandte kommen im Warschauer Ghetto um.[59]

Frau Engler ging also nicht in ihre ursprüngliche Heimat nach Rumänien zurück, sondern blieb bei Verwandten in Südostpolen. Aber auch in Rumänien wäre sie mit Sicherheit in die Mühlen der faschistischen "Endlösung" geraten. Bereits zwischen September und November 1941 lief die Abschiebung aus der rumänischen Bukowina in die Vernichtungslager am Dnjestr  - in Übereinstimmung zwischen dem Hitlerregime und der rumänischen Militärdiktatur unter Antonescu. Von den einst 185 000 jüdischen Menschen in diesem Gebiet blieben bis zum 20.5.1942 noch 14 000 am Leben. Auch sie sind den unmenschlichen Verhältnissen in den Lagern fast vollständig zum Opfer gefallen.[60]

Ilse Fischer, geb. Engler und ihrem Manne gelingt es unterzutauchen und sich Ausweispapiere für "Volksdeutsche" zu verschaffen. Ilse bringt in diesen erregenden, mörderischen Tagen am 20. August 1941 ihre Tochter Renate zur Welt. Sie hat dabei unverhofftes Glück: Ein humaner deutscher Offizier, der ihre Identität zumindest ahnt, bringt sie ins Krankenhaus und hilft ihr und ihrem Mann auch weiter. Erfreuen kann sich Ilse Fischer an ihrer kleinen Tochter nicht lange. Die ständige Gefahr, als Jüdin identifiziert zu werden und in die Tötungsmaschinerie zu geraten, drängt nach Rettung des Kindes. Es wird einer Polin anvertraut; aus der kleinen Renate wird Renia Tarsonska. Sie kommt in die Obhut des katholischen Felicianerordens, in dessen Kloster sie den Krieg überlebt.

Im Oktober/November 1942 setzen Ilse Fischer und ihr Ehemann Arno ihre Odyssee fort, die hier im einzelnen zu schildern zu weit führte. Nur die Stationen seien angedeutet: Unterschlupf bei der "Organisation Todt" im Raum Rostow am Don als "hilfswillige Volksdeutsche", dann nach Odessa, wo Ilse als Schreibhilfe in einem Frontlazarett Unterschlupf findet, aber von ihrem Mann getrennt wird, der mit seiner Dienststelle weiter muss; schließlich Lazarettverlegung und Flucht ins Rumänische, Befreiung, aber erneute Gefährdung, da kurzzeitig der Spionage verdächtigt. Endlich, auf vielen Um- und Nebenwegen, gelangt Ilse Fischer nach Lublin, wo sie ihre Tochter findet und bald auch ihren Mann. Es grenzt schon an eine Reihe von Wundern, dass diese überlebt haben, dank vieler helfender Menschen, die sich in dieser mörderischen Zeit ihr Menschsein erhielten, aber dank auch ihres unbändigen Lebenswillens, der diese jüdische Kleinfamilie bedingungslos füreinander einstehen ließ.[61]

Wenden wir uns einem anderen Schicksal zu, dem der Familie Jurmann. Nach Geschäftsaufgabe Ende 1938, der Liquidation der Warenbestände, Einrichtungen und Finanzen unter der Regie des dazu bestellten Rechtsanwalts J. wird Wolf Jurmann am 14. Januar 1939 aus der "Schutzhaft" in Buchenwald entlassen. Aber in Pirna können Jurmanns nicht bleiben. Nazipartei und Behörden frönen dem Ehrgeiz, die Stadt möglichst rasch "judenfrei" zu machen.

So wickelt Wolf Jurmann alles Notwendige überhastet ab. Die persönlichen Namenserklärungen (Zusätze Israel bzw. Sara) gibt er für sich, seine Ehefrau und seinen Sohn Manfred am 20.1.1939 ab. Am 28.1. zieht die Familie nach Dresden.[62]

In verzweifelter Suche nach einem aufnehmenden Land gehen Briefe nach Brasilien, Mexiko, Guatemala, in die USA, nach England usw. Im August 1939 reist Wolf Jurmann schließlich nach England, um dort für die Seinen den Boden zu bereiten. Da kommt aber am 1. September 1939 der Kriegsausbruch.

Die Familie sitzt in Dresden gefangen, ihr Oberhaupt sitzt in London fest - keine Verbindung zwischen ihnen ist während des Krieges möglich.

Wie alle anderen Dresdner Juden erleben auch Frau Jurmann und ihre Söhne jenes Ereignis, das Victor Klemperer so beschreibt:

"Ich frage mich heute wieder, was ich mich, was ich die verschiedensten anderen schon Hunderte von Malen gefragt habe: welches war der schwerste Tag der Juden in den zwölf Höllenjahren? Nie habe ich von mir, nie von anderen eine andere Antwort erhalten als diese: der 19. September 1941.

Von da an war der Judenstern zu tragen, der sechszackige Davidsstern, der Lappen in der gelben Farbe, der heute noch Pest und Quarantäne bedeutet, und die im Mittelalter die Kennfarbe der Juden war, die Farbe des Neides und der ins Blut getretenen Galle, die Farbe des zu meidenden Bösen; der gelbe Lappen mit dem schwarzen Aufdruck "Jude", das Wort umrahmt von den Linien der ineinandergeschobenen Dreiecke, das Wort aus dicken Buchstaben gebildet, die in ihrer Isoliertheit und in der breiten Überbetontheit ihrer Horizontalen hebräische Schriftzeichen vortäuschen."[63]

Wo sie sich außerhalb ihrer vier Wände auch immer aufhalten, stets stehen sie am Pranger, der straflosen Willkür ausgesetzt. Vier Monate nach diesem Tag, am 20. Januar 1942, beginnt, wie für viele andere Dresdner Juden, der schreckliche Leidensweg einem nächsten Höhepunkt zuzustreben. In eisiger Kälte werden sie im Evakuierungstransport in die Ghettos und Konzentrationslager des Ostens verfrachtet.[64] Frau Jurmann und ihre beiden Söhne gelangen ins Ghetto von Riga. Die SS hat für sie Platz geschaffen, indem sie dort vordem untergebrachte lettische Juden erschlug oder erschoss. Deren Blut färbte immer noch bei Ankunft der Dresdner die Straßen, die Fußböden und umherliegenden Kleidungsstücke in den Wohnungen. Sehr detailliert beschreibt Esra Jurmann Lebensweise und Lebensorganisation im Ghetto, die Arbeitsverhältnisse, die Ernährung, die Beziehungen der Bewohner untereinander, geprägt von solidarischem Verhalten aber auch von Korruption in der sich herausbildenden Hierarchie - alles in verzweifeltem Überlebenskampf unter täglicher Todesfurcht.

Die Hölle von Ghetto und KZ überlebte Esra Jurmann. Seine Mutter kam in ihr um. Darüber berichtet Esra Jurmann:

„Meine Mutter wurde auf einer ...Aktion (aus dem Lager Strasdenhof bei Riga) weggeführt und - wie das unter den Nazis üblich war - die Kleider der Ermordeten wurden dann zurückgebracht zum Aussortieren. Das mussten unsere Gefangenen machen, damit wir uns auch keinen Illusionen hingeben konnten, was mit den Leuten eventuell geschehen war. Einen ziemlich ausgefallenen Schal, den meine Mutter getragen hatte, erkannte ich wieder. Ein Mädchen trug ihn um ihren Kopf. Da wußte ich, was ich davon zu halten hatte.“[65]

Seinen Bruder verlor er im Außenlager Burggraben des KZ Stutthof. Von dort gingen bei Annäherung der Front Evakuierungstransporte ab. Bei einem war sein Bruder dabei.

„Ich wurde beordert zurückzubleiben, berichtet Esra, es wurde gesagt, wir würden am Abend diesem Transport folgen. Das ist nie geschehen...Das ist wahrscheinlich der Grund, warum ich heute noch hier bin. Von dem Transport, der damals wegging, es waren über tausend Leute, gibt es, soweit ich heute weiß, sechs Überlebende. Mein Bruder war nicht dabei.“[66]

Esra gelangte nach seiner Befreiung durch die Truppen der Roten Armee quer durch Europa zu seinem Vater. Er lebt heute in London. 27 seiner Verwandten sind dem faschistischen Völkermord an den Juden zum Opfer gefallen.[67]

Weniger erregend, aber auf seine Weise bezeichnend ist das Schicksal der Familie Heß. Die seit 1895 in Pirna bestehende Chemische Fabrik befindet sich in den dreißiger Jahren in der Regie des hier 1898 geborenen Gründersohns Manfred Heß, Vater zweier 1925 (Ursula) und 193O (Luise Annette) geborener Töchter. Über das Unternehmen erfahren wir aus einem Aufsatz :

"Eine bekannte Firma des chemischen Geschäftszweiges ist die chemische Fabrik feiner Schwarz- und der wichtigsten Öllacke von Gustav Heß. Kaum ein Telefon oder ein photographischer Apparat und kein Eisernes Kreuz ist ohne Heß-Lack aus den Herstellungswerkstätten herausgegangen. Heß-Lacke haben von jeher dazu beigetragen, den guten Ruf der deutschen (!) Qualitätsarbeit im Auslande zu verbreiten, da selbst Länder mit hochwertiger Lackindustrie wie England und Japan Heß-Lacke in großen Mengen importieren."[68]

Die Fabrik war ein spezialisiertes Kleinunternehmen, wies nie mehr als 40 Arbeitskräfte auf und lag am Postweg 49. Am Postweg 64 befindet sich die Heß-Villa, die bis vor wenigen Jahren als Klubhaus des Kunstseidenwerks genutzt wurde.

Obwohl das Unternehmen wirtschaftlich gut situiert war und auch die Weltwirtschaftskrise relativ unbeschadet überstanden hatte, beginnt Manfred Heß bereits 1936 Möglichkeiten und Bedingungen einer Aussiedlung aus Deutschland zu prüfen. Sofort wittert die Gestapo hier die "Gefahr der Vermögensverschleppung jüdischen Eigentums ins Ausland". Heß hatte in einer anonymen Anzeige in der international beachteten "Farbenzeitung" das Unternehmen zum Tausch angeboten. Alle Regungen in dieser Richtung werden von nun an scharf überwacht und registriert, so z.B. die Einstellung einer Englisch-Lehrerin, und vom Abschluss einer hohen Lebensversicherung im Ausland ist die Rede. Im Sommer 1938 nehmen die Ausreisepläne Gestalt an. Jedoch, so in Ruhe und Ordnung sollte sich der Auszug der Familie Heß aus Deutschland nicht vollziehen lassen.

Anfang Oktober 1938 konfisziert die Polizei bei Heß 3 Jagdgewehre, 2 Ersatzläufe und verschiedene Patronen. Umgehend erhebt er bei der Kreishauptmannschaft Beschwerde. Die wird als unbegründet und kostenpflichtig abgewiesen. Am 9.11. nimmt die Polizei bei Heß die Beschlagnahme einer Mauserpistole und 25 Schuß mit der Begründung vor, "dass er nicht auf dem Boden der nationalen Regierung steht und für diese somit eine Gefahr bildet." Nachgereicht wird durch den Oberbürgermeister die Aufforderung, auch andere Hieb- und Stichwaffen abzuliefern. Heß übergibt daraufhin zwei private Seitengewehre (Dolche) und 21 Patronen. Er zeigt gleichzeitig noch den Besitz einiger Jagdgewehre an. Er verwahrt sich gegen die Behauptung, dass er sich "staatsfeindlich betätigt habe und durch mich eine Gefährdung der öffentlichen Sicherheit zu befürchten sei."

Er stellt fest: "Sie konfiszieren lediglich, weil ich Jude bin, entschädigungslos meine Eigentumswaffen, mit welchen ich im Kriege für Deutschland und nach dem Kriege im Freikorps Epp gekämpft habe." In der Tat hatte der Einjährigfreiwillige über den Krieg hinaus noch an der militärischen Niederschlagung der Bayrischen Räterepublik teilgenommen. Das allerdings zählt nun nicht mehr. Am 10.11. wird Manfred Heß in Haft genommen und kommt über Dresden nach Buchenwald. Dort wird er bereits am 29.11. entlassen. Der Dezember ist durch überstürzt wirkende Auflösung von Betrieb und Hausstand geprägt.[69]

Der Verkauf des Betriebes an die Dresdner Firma Gleitsmann wird nicht genehmigt, aber ein Neuer steht schon vor der Tür, als Interessent und mit ausdrücklicher Förderung durch den "Kreiswirtschaftsberater" der NSDAP namens Maienhofer: Richard Dreßler aus Stadt Wehlen. Ein Gutachten über das betriebliche und private Gesamtvermögen wird beigezogen. Wir erhalten daraus Auskünfte über Grundbesitz, Umsätze und Gesamtgewinne über mehrere Jahre hinweg. Der Kaufvertrag kommt am 23. Januar 1939 zustande. Dreßler "erwirbt" den Betrieb und das Anwesen für einen Bruchteil des wirklichen Werts.[70]

Lange erfreut er sich nicht daran. 1946 wird er als Nazi und Arisierungsgewinnler enteignet.[71]

Manfred Heß hat die Kaufsumme nicht erhalten, denn da fiel die "Reichsfluchtsteuer" an und andere Abgaben, die für solche Fälle ersonnen waren, und was dann noch übrig blieb, musste auf Sperrkonto deponiert werden. Für "gebrauchtes Umzugsgut", das vorher genau auf seine Gebrauchtheit überprüft wurde, erhält Manfred Heß ein Übersiedlungsattest.

Bevor er übersiedelt, muss er, hinausgedrängt aus Pirna, einen Zwischenaufenthalt bei seiner  Mutter in Dresden einlegen. Noch am 21.7.1939 fordert er die Herausgabe seines privaten Laboratoriums und von Büchern aus seinem Wohnhaus. Das wird verwehrt. Das Laboratorium bleibt bis 1942  versiegelt als "in amerikanischem Besitz befindlich", woraus folgt, dass man annahm, Heß wäre in die USA gegangen.

Die Familie Heß emigrierte nach England. Dazu schreibt Ursula Wellemin:

"Mein Vater war ein bekannter Chemiker und unsere Fabrik war im Ausland bekannt.

Ein Vetter, der in England Medizin studierte, fand eine Schule für uns Kinder. Wir emigrierten im Juni 1939 mit einer Tante, der Mutter dieses Vetters, aber ohne unsere Eltern, die erst ihren Paß eine Woche vor Kriegsausbruch bekamen und dann glücklicherweise nach England kamen."[72]

Ernst Noack erreichte mit seiner Ehefrau Palästina und wurde dort nach dem Krieg durch Wolf und Esra Jurmann besucht.[73]

Bruno Freymann verließ am 29.4.1939 Pirna mit seiner Ehefrau und seinen Kindern Marion und Heinz Joachim. Sie mussten dem fortgesetztem Druck weichen und erhielten durch die jüdische Gemeinde in Dresden in der Kurfürstenstraße 6 bei der Familie Goldschmidt eine bescheidene Wohnung.

Heinz Joachim Freymann berichtet:

"Da meine Mutter Christin, oder wie es damals so schön hieß, Arierin war, lebten meine Eltern in einer sogenannten privilegierten Ehe, was uns aber nicht vor weiteren Wohnungsdurchsuchungen seitens der Gestapo bewahrte.

Mein Vater durfte sich nicht außerhalb der Stadtgrenzen Dresdens aufhalten und durfte von 19 Uhr abends bis 7 Uhr morgens die Wohnung nicht verlassen, was in unregelmäßigen Abständen von der Polizei kontrolliert wurde. Außerdem bekam er während der Lebensmittelbewirtschaftung im Kriege weder Fleisch- noch Tabakmarken und war von allen Sonderzuteilungen ausgeschlossen. Als die großen Deportationen nach Osten begannen, gab es für uns erneut erhebliche Probleme, als man versuchte, meinem Vater die deutsche Staatsbürgerschaft abzuerkennen, um ihn ebenfalls abschieben zu können. In einem langwierigen Verfahren konnte das aber verhindert werden. So hat mein Vater zwar den Nationalsozialismus überstanden, starb aber Anfang 1946 als seelisch und körperlich gebrochener Mann, der sich nicht mehr erholen konnte."[74]

Wie Victor Klemperer war Bruno Freymann 1943 zur Arbeit in der Firma Willy Schlüter in der Wormser Straße 30c in Dresden zwangsverpflichtet. Tee wurde dort abgewogen und in Tüten verpackt. In Klemperers Tagebüchern begegnet uns Freymann an zwei Stellen:

Radiohören war den Juden dort wie überall verboten, aber eines Tages kam eine Arbeiterin, die das Radio anstellte. Es "spielte etwas Klassisches, mir Unbekanntes. Der Mann mit der viertel Sehkraft und der halben Lunge und der viertel Hörstärke und der flüsternden Stimme, die Ruine Freymann neben mir, flüsterte: 'Beethoven ist doch das Schönste.' Ich stimmte ihm bei."

Klemperer notierte Angaben zu jenen, mit denen er arbeitete:

"Freymann, die zartfühlende Ruine mit den wissenschaftlichen Interessen, vordem Filialleiter von Messow und Waldschmidt...,jammervoll sterbender Fünfziger, als dauernd d.u. (dienstunfähig) ausgeschieden."[75]

Bruno Freymann dürfte das gleiche erlebt haben wie Victor Klemperer, von dem wir erfahren, dass am 16. Februar 1945 als letzter Schritt der Judenverfolgung in Dresden die "Mischehen" getrennt werden sollten. Die letzten etwa 70 überlebenden Dresdner "Sternträger" erhielten Order zum Transport in den sicheren Tod. Der Untergang Dresdens am 13. Februar bedeutete also für Klemperer, Freymann und die anderen die Rettung. Das "Judenhaus" in der Zeughausstraße stand nach wenigen Minuten in Flammen. Da riss Klemperer den Stern herunter und entkam den Häschern.[76]

Wie bereits vermerkt, verstarb Adolf Kaminsky 1935, seine Ehefrau verzog nach Berlin.

Fast vier Jahre nach ihrem Wegzug aus Pirna muss sich Frau Rosalie Kaminsky doch noch einmal an die hiesigen Behörden wenden. Sie will Deutschland verlassen und zu ihrem Sohn nach Argentinien auswandern. Dazu benötigt sie eine Geburtsschein-Abschrift für ihren in Pirna 1898 geborenen Sohn Walter. Die beantragt sie nun.

Ihre Ausstellung lehnt das Pirnaer Standesamt ab, und zwar mit der Begründung, Walter Kaminsky habe "sich nach Auskunft der politischen Polizei im Ausland deutschfeindlich betätigt."

Daran schließt sich ein Schriftwechsel, der von der Argumentation her aufschlussreich ist, der aber auch belegt, unter welchen finanziellen Bedingungen Ausreisen von Juden aus Deutschland erfolgten.

Der von Frau Kaminsky beauftragte Rechtsanwalt will die Ausstellung eines Geburtsscheins unbedingt erwirken und lässt die Pirnaer wissen, dass sich Walter Kaminsky bereits seit 14 Jahren in Argentinien befindet und seine Mutter nachholen wolle. Eine deutschfeindliche Betätigung wird entschieden bestritten.

Der Rechtsanwalt verweist auf das Finanzamt, das Frau Kaminsky bereits zu 37 000 RM Reichsfluchtsteuer veranlagt habe, und er schreibt weiter:

"Da zudem den auswandernden Juden von dem verbleibenden Vermögen durch die Deutsche Golddiskontobank nur ein Betrag von 6 % in Devisen ausgezahlt wird, würden die übrigen 94 % bei Verhinderung einer Ausreise der Frau Kaminsky der deutschen Volksgemeinschaft weiter verlorengehen."

Auch diese Begründung bewegt die Pirnaer Stadtverwaltung nicht, ihre Entscheidung zu überdenken.

Die angeforderte Urkunde wird schließlich auch nicht mehr benötigt, weil die argentinische Botschaft andere Dokumente als hinreichend anerkennt.[77]

Aus dem Vorgang wird aber deutlich, welch hohe Auswanderungssteuer, Reichsfluchtsteuer genannt,[78] zu entrichten war und in welchem Ausmaß jüdisches Vermögen bei einer Auswanderung geraubt wurde. Immerhin wird aus diesem Fall aber auch erhellt, dass die damals bereits 65-jährige Rosalie Kaminsky Deutschland noch vor Kriegsbeginn verlassen konnte.

 

Erhalten geblieben ist eine Akte, in der all jene Schreiben aufbewahrt sind, in denen in Pirna Geborene die Annahme der Zwangsvornamen Sara bzw. Israel anzeigten oder beantragten. Das mussten ja alle Jüdinnen und Juden, die am 1.1.1939 noch in Deutschland lebten.

Wenn wir davon ausgehen könnten, dass diese Unterlagen vollständig sind, dann hätten von den genau 30 in Pirna Geborenen, aber nicht mehr hier Ansässigen, zu Jahresbeginn 1939 nur noch 8 in Deutschland gewohnt, und zwar Alice Eichtersheimer, geb. Linz (1899) in Karlsruhe, Manfred Heß (1898) in Pirna, Eduard Joachim Neumann (1900) in Dresden, Käte Meyer, geb. Kaminsky (1900) in Berlin, Albert Prinz (1883) in Mannheim, Dr. Hugo Rosam (1890) in Stuttgart, Gertrud Samson, geb. Linz (1902) in Frankfurt/Main und Rosa Schäfer, geb. Ikenberg (1889) in Dresden (in Klammern die Geburtsjahre).

Albert Prinz bat um ein Geburtsscheinduplikat "für Auswanderungszwecke", dürfte also auch bis Kriegsausbruch ausgewandert sein.[79]

Am 22. Juni 1939 berichtete der Pirnaer Anzeiger[80] von einem „Rassenschänderprozess“ in Dresden. Angeklagt war der am 25.9.1900 in Pirna geborene Joachim Eduard Israel Neumann wegen fortgesetzten Verbrechens der Rassenschade. Neumann lebte nach seiner Scheidung mit einer „arischen“ Lebensgefährtin in nichtehelicher Gemeinschaft und setzte diese auch nach dem 1935 verkündeten Blutschutzgesetz in aller Heimlichkeit fort, wobei beide nicht mehr unmittelbar zusammenlebten. Bereits 1937 war gegen ihn ein Strafverfahren eingeleitet worden, das aber eingestellt werden musste, „da sowohl der Jude, als auch die artvergessene Frau leugneten und keine greifbaren Beweise vorhanden waren.“ Als er sich im August 1938 seiner Gefährtin erneut näherte, wurde er „nach Hinweisen scharf überwacht und am 1. März 1939 durch die Geheime Staatspolizei in der Wohnung der Geliebten überrascht und festgenommen.“ Die Strafe: Drei Jahre Zuchthaus und drei Jahre Ehrenrechtsverlust! Das dürfte für Joachim Neumann das Todesurteil gewesen sein. Selbst wenn er 1942 die drei Jahre hinter sich gebracht hätte, auf eine Entlassung konnte er nicht rechnen. Wenn er nicht schon vorher in ein Konzentrations- oder Vernichtungslager überstellt war, dann geschah das mit Sicherheit am Tage der Entlassung aus dem Zuchthaus.

Im Mai 1939 gab es eine Volkszählung. In ihrem Ergebnis wurden auch alle Juden und "Mischlinge" besonders erfasst. Danach lebten zu dieser Zeit noch in Pirna-Copitz der vordem in der Landesanstalt Sonnenstein registrierte Otto Steinberg und im Kreisheim des Landkreises Pirna (heute Landratsamt) die 1877 geborene Rosa Dietrich.[81] Über beide fanden sich keinerlei weitere Unterlagen, die über ihre Herkunft und ihr weiteres Schicksal Auskunft geben könnten.

Erfasst wurden weiterhin 4 "Mischlinge" 1.Grades und 7 2.Grades. In welcher Weise sie unter der nazistischen Judenverfolgung litten, ist nicht bekannt.

Pirna und die "Endlösung der Judenfrage"

Am 28. Juli 1941 verließ ein Zug mit etwa 575 Häftlingen das Konzentrationslager Auschwitz. Seit Mai 1941 war im Lager eine Selektionskommission tätig, die kranke und gebrechliche Häftlinge in Listen erfasste, um sie in ein „Sanatorium“ bei Dresden zu überführen, wo sie angeblich wiederhergestellt werden sollten. Maßgeblich an Untersuchung und Auswahl beteiligt war Dr. Horst Schumann, Leiter der „Euthanasie“-Tötungsanstalt Sonnenstein. Alle diese Auschwitz-Häftlinge, es waren Juden und Polen, wurden sofort nach ihrer Ankunft auf dem Sonnenstein vergast und verbrannt.[82]

Bevor die Tötungs-Maschinerie in den Vernichtungslagern des Ostens (Auschwitz, Treblinka, Belzec, Sobibor, Maidanek) installiert war, übernahmen einige der Euthanasie-Anstalten die Tötung ausgesonderter und nicht mehr hinreichend arbeitsfähiger Häftlinge.

Es war deshalb nur folgerichtig, dass auch das Personal der im Spätsommer 1941 auslaufenden ersten großen Welle der Tötung geistig Behinderter danach in den Massenmordstätten im Osten einen neuen Einsatz fand. In Auschwitz unternahm Dr. Schumann mörderische Versuche für eine Massensterilisation mittels Röntgenstrahlen. Der Sonnensteiner Standesbeamte Gottlieb Hering brachte es zum Kommandanten von Belzec; dort fanden sich auch Sonnensteiner „Brenner“ wie Arthur Dachsel und Rudi Kamm ein. Der aus Dohna stammende Polizeihauptwachtmeister Arthur Walther, Wirtschaftsleiter in der Tötungsanstalt Sonnenstein, war nachher in Sobibor tätig, wie auch der Leiter der Fahrzeugkolonne Paul Rost und der Büroleiter Haunstein, ferner die Sonnensteiner Erich Schulz, Wenzel Rehwald, Kurt Bolender, Erich Dietze. Gustav Münzberger wandte in Treblinka seine auf dem Sonnenstein erworbenen Kenntnisse bei der Vergasung Tausender jüdischer Menschen an.[83]

 

In den letzten Monaten des Nazireichs wird Pirna zum Durchgangsort mindestens eines Evakuierungstransports von Juden per Eisenbahn.

Im Vernichtungs-KZ Auschwitz fand, nach Beginn der sowjetischen Januaroffensive am 17.1.1945, der letzte Zählappell statt.[84] Danach befanden sich in den drei Hauptlagern Auschwitz, Birkenau und Monowitz einschließlich der Nebenlager noch 67.012 Häftlinge. Sie, die bis zu diesem Zeitpunkt Sklavenarbeit in den für den Krieg produzierenden Unternehmen der IG-Farben und anderer privater Großunternehmen leisteten, sollen alle evakuiert, die nicht mehr arbeits- und transportfähigen "liquidiert" werden. Innerhalb von etwa einer Woche gingen mindestens 20 Transporte von Auschwitz ab.

Am 27. Januar sprengte die SS in den Frühstunden das letzte Krematorium, am Nachmittag befreiten sowjetische Truppen das Lager, in dem noch über 7000 Häftlinge überlebt hatten.

Die Evakuierungstransporte waren zwischen drei Tagen und einer Woche unterwegs. Zu dieser Zeit herrschten strenge Fröste, zeitweise waren es -20° und noch darunter. Für die Verpflegung unterwegs war nicht oder nur unzureichend gesorgt worden.

"Auf einigen Zügen wurden die Gefangenen in offene Güterwagen gepfercht, in denen sie Schnee aßen und aus denen sie die unterwegs Gestorbenen hinauswarfen",

schreibt Hilberg.[85]

Ein solcher Transport kam am 27. Januar 1945 durch Pirna. Über ihn unterrichten uns kriminalpolizeiliche Untersuchungen und Vernehmungen, die im September 1945 protokolliert wurden.

Am 27.1. gegen 13 Uhr erfährt der Eisenbahnoberinspektor Herbert D. von einem Sonderzug mit jüdischen KZ-Häftlingen, der aus dem Protektorat (Böhmen und Mähren) in Richtung Dresden verkehre. Aus diesem Zug würden unterwegs tote Häftlinge herausgeworfen. Er wäre schon einige Tage unterwegs und die Häftlinge infolge der Strapazen sehr geschwächt. D. ordnet die "beschleunigte Weiterleitung des Zuges an, dessen Ziel Oranienburg bei Berlin" ist, wie er vom Bahnhof Bodenbach informiert wird. Gegen 16 Uhr durchfährt er den Bahnhof Pirna und legt in Heidenau-Süd einen Zwischenhalt ein, wobei die Lokomotive gewechselt wird. Dort sollte auch Verpflegung verteilt werden, die jedoch nicht eingetroffen war. So erhalten die noch Lebenden lediglich warmes Wasser.

D., der den Zug bei der Durchfahrt beobachtete, gab zu Protokoll:

"Der Zug bestand aus etwa 50 offenen und einem gedeckten Güterwagen. Die Häftlinge waren etwa zu 50 Mann in jedem Wagen untergebracht. Zum Schutz (gegen ) Kälte hatten sie ihre Decken umgehangen. Unter den Häftlingen befanden sich auch mehrere Frauen. Wie ich gesehen habe, befand sich auf jedem 10. oder 12. Wagen ein SS-Mann."

D. erhält die Mitteilung, dass an der Strecke zwischen Mittelgrund und Pirna 17 Tote aus dem Zug geworfen worden sind. Er ordnet an, dass der in Außig eingesetzte Sondergüterzug, der die Leichen zwischen Lobositz und Bodenbach einsammelte, nach Pirna weiterfährt und dabei auch die Toten auf der Strecke bis zum Pirnaer Bahnhof aufnimmt.

Dieser 3 Waggons starke Zug mit insgesamt 73 Leichen, einige von anderen Zügen inzwischen zerstückelt, trifft am Sonntag, dem 28.1., gegen 16 Uhr, in Pirna ein. Friedhofswärter W., Bestattungsordner W., die Polizeidienststelle und der Superintendent waren unterdessen verständigt worden.

Die Reichsbahn stellte zum Einsammeln der Leichen sowjetische Kriegsgefangene ab. Acht von ihnen waren abkommandiert, um auf dem Friedhof ein Massengrab in den gefrorenen Boden zu hacken und auszuheben. Es war mit 5 m Länge und 1,80 m Tiefe zu gering bemessen, weil ursprünglich nur von ca. 35 Leichen die Rede war. So musste dichter in drei Lagen gestapelt werden. Die Toten waren völlig unterernährt und steif gefroren, trugen Häftlingskleidung, vielfach "fast zerlumpt und zum Teil fast völlig entblößt". Keiner hatte Ausweise oder sonstige Papiere bei sich. Niemand konnte identifiziert werden.[86]

Wer waren sie, wie gelangten sie in die mörderische Maschinerie des Hitlerfaschismus, was erlitten sie, ehe sie auf diesem letzten Transportweg verhungerten und erfroren?

Genaueres über diesen Zug war 2009 zu erfahren. Ein Überlebender, Justin Sander aus Chemnitz, berichtete:

„Aufgelöst wurde Auschwitz-Monowitz am 18. Januar 1945. In der Dunkelheit sahen die Häftlinge auf dem Marsch nach Gleiwitz bereits das Aufleuchten sowjetischen Geschützfeuers. Wer zurückblieb, wurde erschossen. In Gleiwitz eine Nacht Rast. Dann mussten 7000 Mann in offene Kohlenwagen steigen. Die Fahrt ging bei klirrendem Frost durch Schlesien und die Tschechoslowakei in Richtung Mauthausen (Österreich). Unterwegs sind viele erfroren. Die Leichen wurden aus dem Zug geworfen. Hielt der Transport auf der Strecke, an Brücken, warfen Tschechen, die merkten, wer da befördert wurde, Brot in die Waggons, bis sie von den Wachmannschaften vertrieben wurden.

Das KZ Mauthausen war im Januar überfüllt. So wurde der Zug umgeleitet, Ziel: Lager Sachsenhausen. Als er auf der Strecke zwischen Usti nad Labem und Dresden an einer kleinen Station hielt, befahl der Transportchef, Hauptsturmführer Bernhard Rackers, mehr als einem Dutzend Häftlingen, sich auf dem Bahnsteig mit dem Gesicht nach unten hinzulegen. Er tötete sie mit Genickschuß, einfach so. Am 28. Januar lieferte er in Sachsenhausen rund 3200 noch Lebende ab.“ Klaus Müller, Auschwitz überlebt. Neues Deutschland vom 24./25.Januar 2009, S. 17.

 

Auf dem Friedhof an der Dippoldiswalder Straße kündet eine Aufschrift:

DEM GEDENKEN VON 80 HÄFTLINGEN VERSCHIEDENER NATIONEN! SIE STARBEN AUF DEM TRANSPORT VON EINEM KONZENTRATIONSLAGER IN DAS ANDERE 1945.[87]

Mehrfach durchzogen Evakuierungskolonnen aus Konzentrationslagern unsere Stadt und das Kreisgebiet.

Zu den 73 Toten aus dem Bahntransport vom 27.1. kamen in den folgenden Wochen weitere hinzu.

Im September 1945 gibt der Verwalter der Fronfeste Paul M. zu Protokoll:

"Am 17.2.1945, nachmittags gegen 15 Uhr, erschien vor dem Grundstück Schmiedestr. 8, Städt. Obdachlosenheim, ein Tafelwagen, der mit einer Plane überdeckt war. Der Begleiter dieses Fahrzeuges, den ich nicht kenne, erklärte, dass er mir eine Person, eine Jüdin Anna Steiner mit einem Kinde, welches am selben Tage früh 6 Uhr in einer Scheune in Zehista geboren worden sei, zuführen müßte. In Begleitung befand sich noch die Schwester der Kindesmutter, Inka Klinger, außerdem lag auf dem Tafelwagen noch eine schwer lungenkranke Person, die Jüdin Rachella Grünbaum.[88]

Der Gesundheitszustand der Letzteren war so, dass ich sie sofort in einem Bett unterbringen musste. Am folgenden Freitag, den 23.2.1945, war für Letztere ärztliche Hilfe dringend nötig. Ich rief Dr. Streitberger an, der baldigst zur Stelle war und alle drei Personen untersuchte. Er erklärte mir, dass ärztliche Hilfe für die Lungenkranke notwendig sei, zuständig aber sei Frau Dr. Peintker.

Auf telefonischen Anruf bei Frau Dr. Peintker erklärte sie mir, dass sie Jüdinnen nicht behandele. Hiervon habe ich Dr. Streitberger in Kenntnis gesetzt, der mir schon vorher erklärt hatte, dass im Falle Frau Dr. Peintker ablehnen sollte, er die Behandlung übernehmen werde, was er dann auch getan hat.

Der Zustand der Lungenkranken verschlechterte sich bis zum Abend noch so, dass sie um 20 Uhr abends verstarb.

Die verstorbene Grünbaum  ist dann am nächsten Tag nach dem Friedhof Pirna gebracht worden."[89]

Keine Nachricht wird uns darüber zuteil, mit welchem der zu dieser Zeit zahlreichen Todestransporte aus Konzentrationslagern sie nach Pirna gelangt sind, wie es Anna Steiner, ihrem Neugeborenen und ihrer Schwester Inka Klinger weiter erging. Ob sie überlebten? - Die Ermittlungen waren nur auf die in Pirna Bestatteten gerichtet.

Möglicherweise steht diese Information mit einem anderen Bericht in Verbindung, der vom KZ-Außenlager in Zatzschke handelt. Dort waren um die gleiche Zeit Frauen aus dem KZ Ravensbrück, die im Januar 1945 zur Arbeit in einen Rüstungsbetrieb nach Dresden verfrachtet worden waren, nach der Zerstörung Dresdens am 13.2.45 eingeliefert worden. Unter ihnen befanden sich zahlreiche jüdische Frauen, die besonders schlecht behandelt wurden. Man gab ihnen z.B. nicht einmal eine Decke. Viele von ihnen starben und wurden auf dem Friedhof in Lohmen beigesetzt, gleich am Ort verbrannt oder im angrenzenden Busch verscharrt.[90]

Ergänzung und Korrektur (14.10.2005)

Die beiden zuletzt erwähnten Vorfälle stehen nicht im Zusammenhang. Rachela Grünbaum, Alice (Inka) Klinger und Anna Steiner gelangten mit einem "Evakuierungstransport" aus einem der Nebenlager des KZ Groß-Rosen in Schlesien, und zwar aus Neusalz (Nowasól), nach Pirna. Sie hatten zu dieser Zeit bereits einen mehrwöchigen Fußmarsch hinter sich, bei dem zahlreiche Häftlingsfrauen den Tod fanden. In der Scheune des Bauern Zumpe in Zehista gebar Anna Steiner am 17.(?) 2. 1945 ihren Sohn. Wie es dazu kam, daß Anna Steiner mit ihrem Kind und Alice Klinger wie auch Rachela Grünbaum aus dem Todestransport nach Pirna in die Fronfeste gebracht wurden, bleibt im Unklaren.

Während Rachela Grünbaum in Pirna verstarb, überlebten die anderen drei auf bisher unbekannte Weise. Mir liegt die Kopie eines "Marschbefehls" vor, der sich im Archiv des Bezirks Prag  XVI befindet. Er hat folgenden Wortlaut:

"Marschbefehl

für die Protektoratsangehörigen

K l i n g e r, Alice, geb. 4.3.1922 in Prag, Dentistin,

Steier, Anna, geb. 13.5.1911 in Lettetsch, Beamtin

Steier, Irmas, geb. 18.2.45 in Zehista.

Die Genannten sind von einem Transport abgekommen. Sie sind angewiesen, nach Prag zu reisen und sich bei der zuständigen Behörde zu melden.

Sie sind berechtigt die Eisenbahn zu benutzen und haben Verpflegung bis mit 26.4.45 erhalten.

Pirna, am 24. April 1945

Unterschrift

(Richter)

(Mstr. d. Schp.)"

 

Dazu ist folgendes zu vermerken:

Alle drei haben überlebt. Alice oder Inka Klinger und Anna Steiner (und nicht Steier, wie es im Marschbefehl heißt) waren nicht Schwestern, sondern gaben es nur vor. Der in Zehista Geborene heißt nicht Irmas, sondern Thomas. Dessen Geburstag muß mindestens bereits der 17.2. gewesen sein, wie es aus dem Bericht des Fronfesten-Verwalters hervorgeht. Die Fehler im Marschbefehl sind nicht erklärbar. Vermutet werden könnte, daß die drei  zwischen dem 17.2. und 24.4.1945 in der Fronfeste untergebracht waren. Ob sie und wie sie ihre jüdische Identität verborgen haben oder ob der Verwalter der Fronfeste das besorgte, ist nicht bekannt. Als Jüdinnen konnten sie zu dieser Zeit auf keinen Fall allein per Bahn von Pirna nach Prag reisen. Ob der Schutzpolizeimeister Richter genauere Kenntnis der Zusammenhänge aufwies, bleibt uns gleichfalls verborgen. Zumindest ahnen konnte er es.

Alice Klinger und Anna Steiner waren Prager Jüdinnen. Thomas Steiner, inzwischen 60 Jahre alt, lebt in den USA.

 

Diese Informationen verdanke ich Dr. Hans Brenner, Zschopau, der sich seit Jahren mit den Evakuierungstransporten bzw. -märschen aus den Nebenlagern des Konzentrationslagers Groß-Rosen befasst und Ergebnisse dieser Forschungen in den "Sächsischen Heimatblättern" veröffentlicht(e).

 

Zwei finden nach 1945 nach Pirna zurück: Alfred Cohn und Max Tabaschnik

Es ist schon seltsam: Über die Familie Cohn, die am längsten in Pirna ansässig war, ist verhältnismäßig wenig bekannt. Isidor Cohn, 1884 nach Pirna gekommen, hatte offenbar keinen besonderen geschäftlichen Erfolg. Er ist wahrscheinlich durch die Inflation und danach durch die Weltwirtschaftskrise 1929 bis 1933 stärker getroffen worden. 1932 starb er.[91]

Sein Sohn versuchte danach, das Unternehmen zu retten. Auch nachdem es seine "arische" Ehefrau übernommen hatte, war es nicht zu halten. 1934 gab Gertrud Cohn, geb. Borrmann, das Geschäft endgültig auf, und Alfred Cohn hielt die Familie als Vertreter einer Weberei in Sohland a. d. Spree mühsam über Wasser.

Alfred Cohn, am 13.11. ins KZ Buchenwald verbracht, wird am 8.12.1938 von dort entlassen, weil durch seine Ehefrau die Ausreise eingeleitet wurde. Aus einem Vermerk der Pirnaer Polizei vom 1.12.1938 geht hervor, dass Cohns Ehefrau um Ausreiseerlaubnis für die Familie nach Brasilien nachgesucht habe. Dazu brauchte sie eine "steuerliche Unbedenklichkeitsbescheinigung". Antragsformulare für einen Reisepass habe sie auch geholt.

Diese Ausreise kam aber nicht wie vorgesehen zustande. Welches Land nahm damals schon relativ unbemittelte Juden auf.

Am 1.2.1939 verzieht Alfred Cohn nach Rotterdam, seine Mutter und seine Ehefrau bleiben im Land und beziehen in Dresden eine Wohnung.

Die Gestapo fragt in Pirna noch an, ob Cohn über Vermögen und sonstigen Besitz verfüge und Reichsfluchtsteuer gezahlt habe. Ihr wird beschieden, Cohn habe kein Vermögen besessen und musste somit auch keine Reichsfluchtsteuer bezahlen.[92]

Alfred Cohn soll den Krieg in einem holländischen Kloster überlebt haben.[93] Im Unterschied zu seinen Eltern war er zum katholischen Glauben konvertiert. Seine Ehefrau und seine Mutter konnten Deutschland nicht mehr verlassen. Amalie Cohn wird Opfer des faschistischen Völkermords an den Juden. 1943 verstirbt sie in Theresienstadt, wohin sie aus Deutschland deportiert wurde.

Die Befreiung, die sein Leben sichert, erlebt Alfred Cohn im September 1944 in Holland. Die ihn befreienden Engländer aber sperren ihn, den Deutschen, zwischen dem 28. September 1944 und dem 31. Mai 1945 als Internierten in das Lager Vught in Nord Brabant/Holland ein. Als er im Herbst 1945 Pirna erreicht und einen Fragebogen ausfüllen muss, schreibt er unter "Haftzeiten": 8 Monate Holland, 24 Tage Buchenwald.

Alfred und Gertrud Cohn finden sich wieder. Sie wohnen zunächst in Lohmen, bis sie am 1.12.1945 eine Wohnung in Pirna, Hospitalstraße 5, beziehen können. Der damals 59-jährige bittet den Oberbürgermeister Wetzig um eine Anstellung beim Rat der Stadt Pirna. In seinem Antrag verweist er auf seine Lebensumstände:

"Wie ich Ihnen mitteilte, bin ich erst kürzlich unter Zurücklassung meiner letzten Sachen aus einem holländischen Internierungslager zurückgekehrt.

Eine lange Zeit würde ich noch zur Erholung von der Hungerkur des Lagers benötigen, dann möchte ich jedoch ein Verdienst haben können, um auch meine Frau, die die ganzen Jahre als mit einem Nichtarier verheiratet, hier viel durchgemacht hat, endlich zu entlasten.

Unsere Existenz hat die Naziregierung vollständig zerstört, jetzt ein Geschäft aufzumachen, ist nicht gut möglich, sodass ich von Ihrer freundlichen Zusage, mich unterbringen zu wollen, gern Kenntnis nahm."

Am 19.11.1945 tritt Alfred Cohn seine Arbeit in der Erörterungsabteilung beim städtischen Wirtschaftsamt an, wofür er mit 226,10 RM vergütet wird. Als Opfer des Faschismus offiziell anerkannt, wird er im August 1946 Mitglied ihres Kreisausschusses[94] und erhält 1947 die Möglichkeit zur einmonatigen Erholung im OdF-Heim Langenhennersdorf. Zum 31.12.1948 wird ihm gekündigt, "wegen Maßnahmen zur Arbeitskräfteeinsparung". Der Einspruch der OdF-Dienststelle beim Landkreisamt kann daran nichts ändern. Diese Entlassung muss ihn schwer getroffen haben.

Seine Frau spricht in einem Brief an den Rat der Stadt vom September 1949 von einer "ihm zugefügten tatsächlich ungerechtfertigten Kränkung", wofür die Stadt einiges an ihm gut zu machen hätte, und bittet um eine Teilzeitbeschäftigung für ihn im Umfang von ca. 3 Stunden, was er noch schaffen könnte, um sich etwas zu seiner Rente hinzuzuverdienen. Als Opfer des Faschismus ist Alfred Cohn, jetzt 62 Jahre alt, schon rentenberechtigt. Bei den damals insgesamt noch kargen Renten, auch für vom Faschismus Verfolgte, war ein auskömmliches Leben ohne jeden weiteren Rückhalt nur schwer möglich.[95]

An Alfred Cohn als Teilnehmer von Veranstaltungen des Kulturbundes können sich noch einige Pirnaer erinnern.

Am 30. April 1957 verziehen Cohns nach Taucha. Ihr Familienname wird in Borrmann, den Mädchennamen seiner Ehefrau, verändert.[96] Was muss sie dazu bewogen haben?

Am 10. Februar 1958 ist Alfred Cohn/Borrmann in Taucha verstorben.[97]

 

Max Tabaschnik durchlebte eines der ungezählten Emigrantenschicksale. 1933 war er den Nazis in die Tschechoslowakei entkommen. Von dort aus übersiedelte die Familie nach England.

Sein Sohn Werner (Jahrgang 1923) wird Angehöriger der britischen Armee, kommt nach Indien und kämpft in Burma gegen die Japaner.

Zu Kriegsende ist er bereits Major. Im Februar 1946, nach dreieinhalb Jahren Überseedienst, folgt seine Versetzung nach England, bald sein Einsatz in Deutschland. Hier arbeitet er als Mitglied eines Gerichts zur Aburteilung von Kriegsverbrechern (z.B. Prozeß Bergen-Belsen II ), aber auch kurzzeitig als Kommandant eines Lagers für gefangene SS-Offiziere. Die längste Zeit versieht er Dienst als Verbindungsmann zwischen englischen und amerikanischen Dienststellen zur Ahndung von Kriegsverbrechen in Augsburg und Dachau.

In Augsburg lässt sich zunächst auch Max Tabaschnik nieder. Als Werner aus der britischen Armee Ende 1947 entlassen wird, bemühen sich beide um Übersiedlung in die sowjetische Besatzungszone. Das gelingt auch nach einigen Schwierigkeiten.

Im März 1948 sind sie nach 15 Jahren wieder in Pirna. Beide werden Mitglieder der SED, Max findet rasch Kontakt zu früheren Freunden und Patienten. In der Maxim-Gorki-Straße bezieht er eine Wohnung und richtet sich seine Praxis ein. Nach Teilnahme an Fortbildungskursen erreicht er seine Anerkennung als Zahnarzt, denn der Beruf des Dentisten ist in der DDR 1949 aufgehoben worden.

Werner Tabaschnik sucht seinen Platz als freiberuflicher Schriftsteller zu finden; das erweist sich in dieser kargen Zeit als unsicheres Unternehmen. Schließlich finden wir ihn als hauptamtlichen Kreissekretär der VVN in Pirna.

Max Tabaschnik und dessen Sohn suchten also bewußt den Weg nicht nur in jene engere Heimat, aus der sie 1933 vor den faschistischen Häschern flohen. Sie entschieden sich auch für jenen Teil Deutschlands, der ihnen als die soziale und antifaschistische Alternative zum Nazireich erschien.

Doch schon 1950 gibt es einen Bruch. Im Zusammenhang mit der von der Stalinschen Politik betriebenen Spionage-Hysterie setzen auch in der DDR Untersuchungen und Partei-Überprüfungen ein, die sich besonders gegen zurückgekehrte Emigranten aus westlichen Ländern richten.

In speziellen Spionageverdacht gerät Werner Tabaschnik als ehemaliger britischer Offizier, der in seiner Tätigkeit als Mitglied von Organen zur Aufdeckung und Aburteilung von Kriegsverbrechen ja auch Kontakte mit amerikanischen und britischen Geheimdiensten haben musste. Nach ersten ihm abverlangten Stellungnahmen und Erklärungen verlässt Werner Tabaschnik überstürzt die DDR.

Max Tabaschnik verlor bald nach seiner Rückkehr seine bereits krank nach Pirna gekommene Frau. Ende 1950 heiratet er ein zweites Mal. Zwei Söhne stammen aus dieser Ehe.[98] Bis 1964 lebt und arbeitet er noch in Pirna und wird 1963 als "Sanitätsrat" geehrt. Von Patienten als guter Zahnarzt geschätzt, erfuhr er zuweilen ihn verletzende herablassend-nachsichtige Behandlung mancher diplomierter Berufskollegen. Politisch geriet er mit weltoffener Sicht zunehmend in Widerspruch zu einer immer starrer und beschränkter werdenden Politik der SED-Führung und verließ schließlich die Partei, der er sich einmal aus natürlichem sozialem Empfinden zugesellt hatte.

Max Tabaschnik verstarb 1971.[99]

 

Schluss

Weit über 50 Millionen Menschen brachte der deutsche Faschismus und der von ihm ausgelöste zweite Weltkrieg um ihr Leben. In dieser das Vorstellungsvermögen völlig überfordernden Größe haben die annähernd sechs Millionen getöteten Juden einen besonderen Platz, sollten sie doch gezielt als Volk vernichtet werden. Das eigentlich nur statistisch faßbare Ausmaß dieser wie anderer Opfergruppen verdeckt die vielen Einzelschicksale.

Wir folgten in einem überschaubaren Raum, wie unserer relativ kleinen Stadt Pirna, den auffindbaren Spuren der hier einmal ansässig gewesenen jüdischen Familien. Selbst das Wenige hier Erschlossene lässt beinahe alle Seiten und Formen jüdischen Lebens und Leidens zugänglich werden: Den latenten und nur zeitweise aufblitzenden Antisemitismus vor 1933, die sofort nach der Machtübernahme der NSDAP einsetzenden Boykottmaßnahmen, die bald alltägliche Gehässigkeit und zunehmende Gefährdung, die Zug um Zug voranschreitende Ausgrenzung, den Novemberpogrom von 1938, den Terror, die Verdrängung aus der Stadt, schließlich die Vernichtung einiger, die hier einmal lebten.

Die in Pirna wie in anderen Teilen Deutschlands früher ansässigen Juden gehörten unterschiedlichen sozialen Schichten an. Sie vertraten politisch verschiedene Auffassungen. Die reichten vom Arbeiter und Kommunisten Noack bis zum Unternehmer und Freikorps-Kämpfer Heß. Sie standen auch untereinander kaum oder nur locker in Verbindung. Auch ihre religiösen Bindungen variierten stark. Viele fühlten sich vor 1933 als vollgültige Deutsche. Emanzipation und Liberalisierung seit dem vergangenen Jahrhundert, lange herbeigesehnt und schrittweise erkämpft, förderten bei einer wachsenden Zahl die Bereitschaft, in diesem Volke hier aufzugehen, viele ohne sich vom alten Glauben zu verabschieden. Alle waren sie ganz normale Menschen, mit starken wie mit schwachen Seiten, unterschiedlichen Charakters und Temperaments, mit Haltungen und Handlungen, wie man sie allerorts im Lande treffen konnte.

Die Nazis jedoch brandmarkten sie als den für alle Übel schlechthin verantwortlichen Aussatz. "Der Jude", dieser in der verabsolutierten Einzahl allen aufgeprägte Stempel verwies sie einem gleichen Geschick: Sie alle waren hinfort drangsaliert, entrechtet, entwürdigt, enteignet, verdrängt, vertrieben und, sofern sie in Deutschland verblieben, in zunehmender Lebensgefährdung.

Amalie Cohn, Schifra Engler, ihre Töchter Anna und Marie, Berta und Manfred Jurmann wissen wir unter den Opfern des nazistischen Völkermords an den Juden.

Die Erinnerung an sie, an die Pirnaer Juden überhaupt, sollten wir in uns aufnehmen und bewahren, weniger wegen einer nicht recht faßbaren Schuld der heute Lebenden, sondern für einen geschärften Blick auf Verantwortung, die es jetzt und künftig wahrzunehmen gilt.

 

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[1] Konzentrationslager. Ein Appell an das Gewissen der Welt. Ein Buch der Greuel. Die Opfer klagen an. Dachau - Brandenburg - Papenburg - Königstein - Lichtenburg - Colditz - Sachsenburg - Moringen - Hohnstein - Reichenbach - Sonnenburg. Karlsbad 1934.

[2] Die Jugendburg Hohnstein, am 8.3.1933 von SA besetzt, diente vom 18.3.1933 bis zum 25.8.1934 als „Schutzhaftlager“ der Pirnaer SA-Standarte 177. Etwa 5600 Gefangene durchliefen in dieser Zeit das Lager, das im Schnitt 700-800 Häftlinge aufwies. Ungefähr 150 fanden hier den Tod.

Vgl.: „Von der Jugendburg zum Schutzhaftlager Hohnstein“, Berlin-Potsdam 1949.

[3] B II-XXVI, 183, 1637.

[4] Vgl. Eschwege, Helmut (Hg.), Kennzeichen „J“. Bilder, Dokumente, Berichte zur Geschichte der Verbrechen des Hitlerfaschismus an den deutschen Juden 1933-1945. Berlin 1973.

[5] StAP: Stadtverordnetenprotokolle II/1933, Bl. 116: Gewerbeamt am 12.5.33 an Stadtverordnete:

Diese hatten 28.3.33 beschlossen, der „Ehape“ die Konzession für den Erfrischungsraum sofort zu entziehen, ferner den Verkauf von Lebensmitteln aller Art sowie von gärtnerischen Erzeugnissen und Tabakwaren zu verbieten.

KHM Dresden: Beschluß darf nach gesetzlichen Bestimmungen nicht durchgeführt werden. 14 entnommene Proben von Nahrungsmitteln  erwiesen sich allesamt als einwandfrei.

[6] Vgl. Bericht von Ilse Fischer, geb. Engler!

[7] Das Kaufhaus Maximilian Reiners bestand als erstes Kaufhaus in der AHM Pirna seit Anfang 1914. Es wurde im November 1938 „arisiert“. Das Geschäft in der Bismarckstraße gehörte dem in der Heidenauer Wiesenstraße 3 wohnhaften Hermann Weiner, der es im Dezember 1930 von Benno Weiner übernommen hatte und bis zum November/Dezember führte. (Quellen: Gespräch mit Frau Mickwausch-Reiner; PA, 3.10.1930; Aussage von Frau Ganze, Heidenau am 4.11.1998).

[8] PA, vom 3.6.1933, S.11.

[9] B III-XXII, 859, 1933/102 und 1938/126.

[10] Briefwechsel mir E.Jurmann.

[11] Gespräch mit E. Laurence, geb. Kohn am 15.6.1994.

[12] RGBl. I, 1935, S.1146-1147, S. 1333 und S. 1334-1336.

[13] PA, vom 23.8.1935, S.7.

[14] PA, vom 26.8.1935, S.2.

[15] PA, vom 9.9.1935, S.2.

[16] PA, vom 11.9.1935, S.5.

[17] B III-XVI, 191.

[18] Mitteilung Marion Freymanns.

[19] Gespräch mit M. und H.J. Freymann am 24.7.1996.

[20] Im Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre. Vom 15. September 1935, RGBl. I, 1935, S.1146 heißt es im § 3: „Juden ist das Hissen der Reichs- und Nationalflagge und das Zeigen der Reichsfarben verboten.“ Bei Verletzung dieser Bestimmung wird Gefängnis bis zu einem Jahr oder eine Geldstrafe angedroht.

[21] B III-XXVI, 183, 634.

[22] B III-XXVI, 183, 677.

[23] PA, vom 10.12.1933, S.13.

[24] Eschwege, Kennzeichen „J“, S.72.

[25] B III-XXII, 857, 1934/125 und B III-XXII, 1935/98.

[26] PA, vom 8.3.1935, S.8 (Todesanzeige).

[27] B III-XXII, 859, 1935/89.

[28] B III-XXII, 859, Februar 1939 und Briefwechsel mit H.J.Freymann.

[29] B III-XXII, 08.

[30] Gespräch mit Frau B.

[31] PA, vom 17.2., S.2, vom 26./27.2., S.2 und vom 7.3., S.9.

[32] RGBl. I, 1938, S. 404 und 414.

[33] PA, 19.4.1938, S.3:

[34] Siehe Dokument im Anhang!

[35] Eschwege, Geschichte..., S.367.

[36] Siehe Teil 2: Erlebnisbericht von Ilse Fischer!

[37] RGBl 1938, I, S.1579, „Verordnung über eine Sühneleistung der Juden deutscher Staatsangehörigkeit“. Die Finanzämter  hatten in vier Raten, die am 15.12.1938, am 15.2., 15.5. und 15.8.1939 fällig waren, je 5% des Vermögens der betroffenen Juden zu vereinnahmen. Zum 15.11.1939 wurde nochmals eine 5 %-Rate erhoben. Insgesamt 1 126 612 469 RM wurden so den Juden geraubt. Siehe: Felix, Günther, Scheinlegalität und Rechtsbeugung - Finanzverwaltung, Steuergerichtsbarkeit und Judenverfolgung im „Dritten Reich“. In: Steuer und Studium, Heft 5/9195, S.202. Den Hinweis auf diesen Beitrag danke ich Rolf Richter.

[38] Briefwechsel mit E.Jurmann.

[39] Briefwechsel mit U.Wellemin, geb. Heß.

[40] Vortrag von Prof.Dr.Dr.Brunner im Neuen Pirnaer Geschichtsverein - aus den Tagebüchern seines Vaters, 1994.

[41] Gespräch mit Frau F.

[42] H.J.Freymann, der an diesem Tage in Dresden beruflich unterwegs war, erlebte zufällig, wie sein Vater vor der Haftanstalt in der Dresdner Schießgasse ausgeladen wurde.

[43] Buchenwald. Mahnung und Verpflichtung. Berlin 1960, S.126.

[44] Stein, Harry, Juden in Buchenwald 1937-1942. Gedenkstätte Buchenwald 1992, S. 43/44.

[45] Die Ansprüche aus den Schäden an Geschäften und Einrichtungen beliefen sich auf 225 Mill. RM, die die Reichskasse vereinnahmte. Vgl. Felix, a.a.O., S.202.

[46] Ebenda, S. 47.

[47] Ebenda, S. 50.

[49] PA, 24.11.1938, S.3

[50] B III-XXVI, 183, 598.

[51] B III-XXVI, 183, 231.

[52] Gleichfalls.

[53] PA, 10.11.1938, S.2.

[54] Vgl. Rudolf Hirsch/ Rosemarie Schuder, Der gelbe Fleck. Berlin 1987, das Kapitel: Josel von Rosheim - Luther - Osiander!

[55] PA, vom 6.1.1939, S.5.

[56] Eschwege, Kennzeichen „J“, S. 354.

[57] Eschwege, Geschichte der Juden..., S. 563.

[58] B III-XXVI, 183, 1535.

[59] Siehe Teil 2: Erlebnisbericht Ilse Fischer!

[60] Hilberg, Raul, Die Vernichtung der europäischen Juden. Frankfurt/Main 1990, Bd.2, S. 826f.

[61] Siehe Teil 2: Erlebnisbericht Ilse Fischer!

[62] „Juden mußten für Wohnungsumzüge eine Abgabe in Höhe von 100 % des Wertes des Umzugsgutes entrichten.“ Felix, a.a.O., S.204.

[63] Klemperer, Victor, LTI. Notizbuch eines Philologen. Berlin 1949, S. 177.

[64] Die Finanzämter hatten Möbel, Hausrat und alle Barbestände einzuziehen und zu verwerten. „25% des eingezogenen Barvermögens floß als >Spende< an die Gestapo zur Deckung der Fahrtkosten“...und als Beitrag für die >Betriebskosten zur Vernichtung<. Felix, a.a.O, S. 203.

[65] Tonbandbericht, im Besitz des Verfassers.

[66] Ebenda.

[67] Siehe Erlebnisbericht Esra Jurmann und Briefwechsel mit E.J.!

[68] Schneider, W., Die industrielle Bedeutung Pirnas. In: Deutscher Städtebau. Pirna. Rat der Stadt Pirna (Hg.). Berlin-Halensee 1924, S. 52ff.

[69] B III-XXVI, 183, 1098 und B III-XXII, 698.

[70] Unbezeichnete Akte „Grundstücke Heß“.

[71] B IV, 1387, Bl. 64.

[72] Briefwechsel mit U.Wellemin.

[73] Briefwechsel mit E.Jurmann.

[74] Briefwechsel mit H.J.Freymann.

[75] Klemperer, Victor, Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten. Tagebücher 1933-1945. Berlin 1995, Bd.2, S.377/378 und 383.

[76] Klemperer, LTI, S.257. Bruno Freymann war damals schon 60 Jahre alt.

[77] B IV, 1028, Bl. 32-35.

[78] Zur Reichsfluchtsteuer: RGBl. I, 1931, S.731 - Kap. III: „Reichsfluchtsteuer und sonstige Maßnahmen gegen die Kapitalflucht.“ Danach wurde mit dieser Steuer belegt, wer als Ausreisender ein steuerpflichtiges Vermögen über 200 000 RM oder ein zu versteuerndes Jahreseinkommen von über 20 000 RM aufwies, Die Höhe der Reichsfluchtsteuer: ein Viertel des steuerpflichtigen Vermögens oder Einkommens. Nach RGBl. I, 1934, S.392/393, Gesetz über die Änderung der Vorschriften über die Reichsfluchtsteuer, vom 18.5.1934, wird die Vermögensgrenze auf 50 000 RM herabgesetzt.

[79] B IV, 1028.

[80] PA, vom 22.6.1939, S.6.

[81] Juden in der Amtshauptmannschaft Pirna, nach der Volkszählung vom Mai 1939. Mitteilung von Dr.Hartstock, Dresden, an den Verfasser.

[82] Stanislaw Klodzinski, Die „Aktion 14f13“. Der Transport von 575 Häflingen von Auschwitz in das „Sanatorium Dresden“. In: Götz Aly, Aktion T4, Berlin 1989, S.136-146.

[83] Ernst Klee, Krankenmord und Judenvernichtung. Über Nazi-Euthanasie, Sonnenstein und sein Personal. In:Nationalsozialistische Euthanasie-Verbrechen in Sachsen, Dresden, Pirna 1993, S.57-76.

[84] Kraus, Ota/Kulka, Erich, Die Todesfabrik. Berlin 1958, S. 232 und Hilberg, a.a.O., Bd.2, S. 1050.

[85] Hilberg, S. 1052.

[86] StA.P., Bestand PDS, S 017, Opfer des Faschismus. Massengrab auf dem Friedhof Pirna. 12 Blätter, beglaubigte Abschriften.

[87] Ehrenmale, Gedenkstätten, Erinnerungsstätten und Mahnstätten der Arbeiterbewegung und des antifaschistischen Widerstandskampfes im Kreis Pirna. 2. überarb. Auflage, Pirna 1984, S.6; siehe auch S.                57-58 und 90!

In diesem Friedhofsareal wurden neben den 73 Toten des Transports vom 27.1.1945 bis zum April 1945 weitere 7 KZ-Häftlinge bestattet, die aus Transporten oder Nebenlagern der näheren Umgebung stammten.

[88] Rachela Grünbaum,geb. Am 22.2.1922 in Czeyne (Polen). Vgl. B IV, 1586, Bl.19.

[89] StA.P., Bestand PDS, S 017, Bl. 6-7. Vgl. Auch B IV, 1586, Bl. 16-32.

[90] StA.P., Bestand PDS, S 016, KZ-Lager Zatzschke.

[91] Auskunft der Urkundenstelle beim Landratsamt Pirna.

[92] B III-XXVI, 183, 553.

[93] Briefwechsel mit H.J.Freymann.

[94] B IV, 1586 - Opfer des Faschismus, Bl. 44.

[95] StA.P., Rat der Stadt, Personalakte Alfred Cohn.

[96] Auskunft: Einwohnermeldeamt Pirna.

[97] Auskunft: Einwohnermeldeamt Taucha.

[98] Auskunft: Einwohnermeldeamt Pirna.

[99] Gespräche mit A.P., R.K. und Fam. Tabaschnik.