Pirna im Widerschein der Revolution von 1848/49

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Vortrag: Maikämpfe 1849 in Pirna  (Stichpunkte und Materialien - 2000)

Einführung:

·         Seltsam ruhig war es 1998 um den 150. Jahrestag der deutschen Revolution von 1848/49

·         „In Deutschland hätte beinahe eine Revolution stattgefunden, aber sie konnte noch rechtzeitig von der Straße in die Kirche verlegt werden“ (Adolf Glasbrenner)

·         Woran mag es gelegen haben, daß die bürgerliche Umwälzung in Deutschland nicht auf revolutionärem Wege gelang (erfolgte), sondern in einem langwierigen Prozeß einer bürgerlichen Umwälzung?

·          

1.        Kurze Bemerkungen zur Revolution von 1848/49

·         Europäisches Ausmaß

·         Widerspruch zwischen wachsender bürgerlicher wirtschaftlicher Macht und politischer Einflußlosigkeit

·         Nationale Bestrebungen in Deutschland (Zollverein, Verkehr, Markt u.a.) gegen Fürstenherrschaft

2.        Chronologie der Revolutionsvorgänge:

22.-24.2.1848         Revolution in Paris, Ausrufung der 2. Republik, provisorische bürgerliche Regierung.

13.-15.3.1848         Straßenkämpfe in Wien, Flucht Metternichs, Kaiser verspricht Verfassung.

März      Revolutionäre Erhebungen und Unruhen in Polen, Böhmen, Ungarn, Italien.

Anfang März        Unruhen und liberale“Märzministerien” in Süd- und Südwestdeutschland

16.3.1849               Märzministerium Braun-Oberländer-Georgi in Sachsen

18./19.3.1848         Barrikadenkämpfe in Berlin. Ende März – Bildung der Regierung Camphausen/Hansemann.

18.5.1848 Nationalversammlung in Frankfurt tritt zusammen (586 Abgeordnete)

22.5.1848               Außerordentlicher Landtag Sachsens tritt zusammen (gewählt nach altem Wahlrecht).

14.6.1848 Zeughaussturm in Berlin

Juni 1848               Juniaufstand in Paris – Signalwirkung für die Konterrevolution in Europa

29.6.1848 Erzherzog Johann als Reichsverweser eingesetzt.

23.8.-3.9.1848        Berliner Arbeiterkongreß – “Arbeiterberbrüderung” – in Sachsen bald 57 Arbeitervereine!

Sept. 1848             In Berlin entsteht die “Arbeiterverbrüderung” – Stefan Born.

Oktober 1848        Aufstand in Wien

10.11.1848             Preußische Armee besetzt Berlin.

14.11.1848                    Preußisches Parlament aufgelöst und aus Berlin vertrieben.

Dez. 1849               Landtagsneuwahlen in Sachsen: 66 Demokraten, 7 Liberale, 2 Konservative.

10.1.1849 Der neue Landtag tritt zusammen.

24.2.1849               Rücktritt des Märzministeriums Braun. – Beamtenministerium Held/Beust.

28.3.1849 Verabschiedung der Reichsverfassung.

3.4.1849                  Friedrich Wilhelm IV. lehnt Kaiserwürde ab

28.4.1849                Sächsischer König löst Landtag auf.

3.-9.5.1849              Dresdner Maiaufstand

 

3. Märzministerium Braun – 13.3.48

4. Pirna vor der Revolution:

5. Pirna in den Revolutionstagen

·         9.3.: Adresse an den König

·         24.3.: Vereidigung der 5. Schwadron des Gardereiter-Regiments

·         4.4.: Aufstellung von Reservekompanien der Kommunalgarde

·         15.5.:Wahl Roßmäßlers zum Abgeordneten der Nationalversammlung

6. Der „Deutsche Verein“ und die „Fliegende Fähre“

Vaterlandsvereine und Deutsche Vereine – Konstitutionelle Vereine

16.4.: Gründung eines „Deutschen Vereins“ im Forsthaus; Vors.: Katzer, Stadtverordnetenvorsteher, Stellv.: Seltmann

Dr. Haußner als treibende Kraft – 1846 Turnverein, Stadtverordneter

5.5.: Probeblatt der „Fliegenden Fähre“ – ihre Richtungserklärung

7. Dr. Haußners Bedeutung

Das ganze Kapitel wäre es wert, zitiert zu werden!

8. Der Kampf gegen die Reaktion

„Fest der deutschen Eintracht“ auf dem Winterberg am 19.6.

31.7.: Eröffnung der Eisenbahnverbindung zw. Dresden und Pirna

Verschiebung des Kräfteverhältnisses: Nationalversammlung debattiert über Grundrechte und Verfassung – die feudale Reaktion gewinnt die faktische politische und vor allem militärische Macht zurück.

Auseinandersetzungen um die Vertrauenserklärung für die Nationalversammlung: Katzer/Exner gegen Dr. Haußner: Anwachsen der radikal-demokratischen Richtung im DV: Haußner übernimmt im Nov. den Vorsitz!

9.11.: Erschießung Robert Blums in Wien. – Trauerfeier am 18.11. in Pirna, bei der „Aktuar Seltmann in seiner Gedächtnisrede scharfe Worte gegen Militärdespotismus und absolutistische Willkür fand und der Hoffnung Ausdruck gab, daß das vergossene Blut der Kitt sein werde, der das deutsche Volk nun erst recht gegenüber allen reaktionären Mächten zusammenhalten werde.“

Kritik am Wahlgesetz (Sachsen) vom 3.10.: das zwar die allgemeine und direkte Wahl vorsah, aber doch das Zweikammersystem beibehalten hatte und allerlei Beschränkungen enthielt. Wahlberechtigt waren alle über 24 Jahre alten ,,selbständigen“ Staatsbürger, für die 1. Kammer nur die Ansässigen. Das passive Wahlrecht besaßen alle über 30 Jahre alten Staatsbürger, für die 1. Kammer nur die über 30 Taler direkte Steuern zahlenden.

Wahlergebnis in Pirna: Sieg der radikalen Richtung: Seltmann erhält fast doppelt soviel Stimmen wie Katzer. Abgeordnete der ersten Kammer werden: Landwirt und Arzt Dr. Theile aus Lungkwitz und Bauer Haußwald aus Nentmannsdorf. Kandidaten der Vaterlandsvereine hatten in Sachsen einen Sieg errungen.

9. Der Maiaufstand

Gegensätze zwischen beiden Kammern und der Regierung: Rücktritt Brauns. Statt seiner am 22.2.49 Dr. Held.

Nationalversammlung endlich mit der Verfassung fertig.

3.4.49: Fr.W. IV. lehnt Kaiserkrone ab; Verfassungswerk in Frage gestellt; Nationalversammlung löste sich auf.

Landtag verlangt Anerkennung der Reichsverfassung, Vereidigung der Truppen auf sie, die dem Reichsverweser zur Durchführung der Verfassung zur Verfügung gestellt werden sollten. – Ablehnung!

30.4. Auflösung der Kammern und Rücktritt der Regierung Held.

2.5.: Neue Regierung Dr. Zschinsky erklärt Reichsverfassung für nicht durchführbar. – Zeichen zum offenen Aufstand.

Die Vaterlandsvereine riefen allerorts ihre Mitglieder zu den Waffen und forderten die Kommunalgarden und Turnvereine zum gemeinsamen Kampfe auf.

Kämpfe in Dresden vom 3. bis 9. Mai.

4.5.: Kgl. Familie verläßt Dresden – nach dem Königstein.

Provisorische Regierung unter Zschirner, Heubner und Todt

10. Maikämpfe und Pirna

Haußners Aufruf vom 30.4.: „Mitbürger von Stadt und Land...“

Beteiligung Pirnaer am Maiaufstand:

4.5.: Haußner, Lauschke, Turnlehrer Schmidt, Kürschnermeister Brähmer nach Dresden.

Kommunalgarde alarmiert (Heinsius: jedem stünde es frei...): 12 zum Bahnhof, weitere schließen sich an, so daß 25 abfahren.

Am 5.5. fahren noch drei.

5.5. Maueranschlag von 17 Bürgern:

,,Mitbürger! Die Kommunalgarden des ganzen Landes sind von dem Stadtrat in Dresden aufgefordert worden, ihren Brüdern daselbst zu Hilfe zu eilen. Der gegenwärtige Zustand des ganzen Landes ist ein solcher, daß er diese Hilfe dringend fordert. Es haben zwar Männer des allgemeinen Vertrauens die Zügel der Regierung ergriffen; allein es kann ihnen nur dann möglich sein, Ordnung und Ruhe wiederherzustellen, wenn gutgesinnte Bürger sie dabei unterstützen. Finden sie diese Stütze nicht, so muß die Gewalt entweder in die Hände derer wieder übergehen, welche bisher sie gemißbraucht haben, oder sie gelangt in die Hände derer, welche aus dem ordnungs- und gesetzlosen Zustande ihre Sondervorteile auf dem Wege des gemeinen Verbrechens ziehen wollen. Es haben sich daher mehrere hiesige Einwohner entschlossen, der Stadt Dresden zu Hilfe zu eilen und sie bei Herstellung der Ruhe und Ordnung zu unterstützen. Sie hoffen, unter ihren Kameraden um so mehr Nachahmung zu finden, als sie selbst Familienväter sind, und daher Opfer bringen wollen, Opfer der guten Sache, nicht der Gesetzlosigkeit. Wer sich ihnen anzuschließen gemeint sein sollte, wird hiermit aufgefordert, sich bei mitunterzeichnetem Meißner heute mittag 1 Uhr einzufinden, um über die Disposition, wie die Zuzüge erfolgen sollen, das Nötige zu besprechen.“

Daraufhin mit 15 Uhr-Zug etwa 50 nach Dresden, aber am nächsten Tag schon wieder zurück, weil Einsatz am Barrikadenkampf, statt Sicherheitsdienst.

Einige blieben und beteiligten sich an Kämpfen.

Fluchtwelle aus Dresden auch nach Pirna am 6.5., Kanonendonner und Rauch über Dresden.

11. Unruhen in Pirna

Nachmittags am 6.5.: Gerücht vom „Pulverdampfer“ aus Dresden, der Material vom Königstein holen sollte. Fuhr am Abend tatsächlich vorbei.

7.5.: Dampfer soll angeblich nicht durchkommen, Kommunalgarde nach Hause entlassen.

Gegen 9 Uhr kam er dann doch durch, wurde beschossen.

Allgemeine Empörung! „Verrat“, Zug zum Rathaus, dann zur Oberen Burgstraße, wo Bürgermeister Ritterstädt und AHM v.Winkler wohnten. – Beide verlassen die Stadt.

Heinsius legt Führung der Kommunalgarde nieder. Sicherheitsausschuß soll gebildet werden.

Aber bald Ruhe, denn Nachricht von Niederlage in Dresden.

10.5.: Pirna militärisch besetzt.

12.5. Versammlungs- und Vereinsfreiheit aufgehoben (DV und Turnverein, ebenso Arbeiterverein aufgelöst – auch die Kommunalgarde). Waffenabgabe.

12. Opfer des Maiaufstandes

·         Lauschke war der einzige zum Tode verurteilte Teilnehmer an den Kämpfen in Dresden aus unserer Stadt.

·         Neben dem Zigarrenmacher Wirth gehörte der

·         Schneidergeselle Friedrich Ernst Barth, Mitglied des Arbeitervereins, zu den im Aufstand Gefallenen.

·         Der Pirnaer Müller Friedrich August Köhler wurde bei den Kämpfen verwundet. [1] Er erlag schließlich seiner Verwundung und konnte nicht weiter verfolgt werden.

·    Seltmann am 14. Mai 1849 verhaftet und in die Pirnaer Fronfeste gesperrt. Während seiner einjährigen Haft hinter meterdicken feuchten Kerkermauern zog er sich ein schweres Lungenleiden zu. Weder seine Freilassung noch ein Kuraufenthalt in Strehlen konnten Heilung bringen. Er starb qualvoll am 19.3.1851 in Pirna.

·         Hochverratsprozeß gegen Roßmäßler, der zu seinen Gunsten entschieden. Bat um Versetzung in den Ruhestand, ging 1850 nach Leipzig – weiteres politisches Wirken.

·         Verfahren gegen 63

Dieter Weber, Die Festung und der Dresdner Maiaufstand 1849. in KV, Mai 1961, S. 1-5.

·         Auf der Festung waren inhaftiert:

Michail Bakunin – 29.5.49, zu 9½ Monaten Gefängnis – Zelle 9 Georgenburg.

Carl August Röckel – 29.8.49 eingeliefert, 8.7.50 aus Zelle 11 nach Waldheim.

Otto Leonhard Heubner – 30.6.50 nach Waldheim; Zelle 8.

Alexander Clarus Heinze – Zelle 7, 17.10.50 nach Waldheim.

Karl Friedrich von Rohrscheid (Hauptmann), 2.5.50 in Zelle 1 eingeliefert.

Franz Moritz Kirbach (Rechtskandidat), 6.10.51-23.6.52 in der Georgenburg.

 

Letzter Abschnitt der Uhlmannschen Schrift

Notwendige Ergänzungen!

 

Fragen:

·         Öffentliche Meinung zur Monarchie – zur Einheit Deutschlands – zur Fürstenherrschaft

·         Wie ist die schwankende Haltung des Bürgertums in Pirna zu erklären? – Warum entstanden zwar in der Umgebung mehrere Vaterlandsvereine – nicht aber in Pirna?

·         Offene Fragen, weiterer Forschungsbedarf:

1.       Analyse der Entwicklung des Deutschen Vereins anhand seiner Versammlungsprotokolle

2.       Welchen Widerhall fand die Revolution unter der bäuerlichen Bevölkerung der Umgebung?

3.       Was ist eventuell über die Vaterlandsvereine in Neustadt, Königstein und Schandau zu ermitteln?

4.       Was vermelden die Kirchenarchive Pirnas und der Umgebung aus dieser Zeit?

5.       Weitgehend unerschlossen sind noch die Stadtverordnetenprotokolle aus der Zeit zwischen 1845 und 1860-70.

6.       Offen: Das ganze Feld sozialer Ungleichheit, also Sozialstruktur, Einkommens- und Lebensverhältnisse verschiedener Schichten, Anteil an, Ausschluß von politischen Teilnahmerechten.

 



[1] SAP, Abendroth, Abt. IV, Beilage Nr. 137 des Dresdner Journals vom Montag, dem 21.5.1849, S. 1086 ff.

 

Die nachfolgende Schrift gab der Stadtrat von Pirna im Jahre 1948 anläßlich des 100. Jahrestages der Revolution von 1848/49 heraus. Sie verzeichnet keinen Verfasser, stammt aber mit hoher Wahrscheinlichkeit von Dr. Johannes Uhlmann.

Pirna

in den Revolutionsjahren

1848 1849

   INHALTSÜBERSICHT

I.     Pirna vor 100 Jahren

II.    Die Märzrevolution in Deutschland

III.   Rückwirkung der Märzrevolution auf Pirna

IV.   Der Pirnaer ,,Deutsche Verein” und die ,,Fliegende Fähre”

V.    Dr. Haußners Bedeutung für das politische Leben in Pirna

VI.   Der Kampf gegen die Reaktion

VII.  Der Maiaufstand

VIII. Die Unruhen in Pirna

IX.   Die Pirnaer Opfer des Maiaufstandes

  

I. Pirna vor 100 Jahren

Das Stadtbild Pirnas unterschied sich vor hundert Jahren nur wenig von dem der vergangenen Jahrhunderte. Zwar waren in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts allmählich die Stadtbefestigungen abgebrochen worden. Vom städtebaulichen Standpunkte aus ist es zu bedauern, daß dabei auch die auf Canalettos Gemälden noch so malerisch wirkenden Tortürme der Spitzhacke zum Opfer gefallen waren, im Zuge der Dohnaischen Straße das Elbtor und das Dohnaische Tor, das Schifftor am Ausgang der Langen Straße und 1826 als letztes das Obertor am Tischerplatz. Wenn infolgedessen auch nur noch spärliche Reste der Stadtmauern erhalten blieben, so umschlossen doch noch Wall und Graben die alte Stadt im Süden und Westen. Mit dem Ausfüllen des Stadtgrabens hatte man erst in den vierziger Jahren begonnen. Durch den 1847 einsetzenden Eisenbahnbau entstand an der Elbseite vor der alten Stadtbefestigung der die Stadt einengende Bahndamm. Nur die am Ende der Badergasse gelegene Elbpforte gewährte noch einen unmittelbaren Zugang zum Fluß. Der Durchbruch durch die Stadtmauer gegenüber der Frohngasse in der Schmiedestraße erfolgte erst 1859. während eine schmale Verbindung zwischen der Dohnaischen und der Grohmaunstraße noch wesentlich später geschaffen wurde; die Jacobäerstraße baute man erst 1891 an dieser Stelle aus.

Ein gütiges Geschick hatte die alte innere Stadt mit ihren kunstgeschichtlich so wertvollen öffentlichen und privaten Bauten im gotischen, im Renaissance- und Barockstil durch die Jahrhunderte erhalten, wenn auch manche Um- und Neubauten den stimmungsvollen Gesamteindruck zu stören begannen. Nur wenig hatten sich die Vorstädte erweitert, im Osten die Schifftorvorstadt, im Süden die Breite Straße und die Braustraße mit ihren Gasthöfen, Gütern und Scheunen der Ackerbürger, mit Posthalterei und Schmiede. Nach Westen führte nur die Dresdnische Gasse, die heutige Bahnhofstraße; im übrigen dehnten sich hier fast bis zur Elbe neben einigen Privatgärten umfangreiche Gärtnereien aus. Die selbständige Gemeinde Hausberg wurde der Stadt erst 1850 eingegliedert. Dem wenig veränderten Stadtumfang entsprach die geringe Zunahme der Bevölkerung, die 1848 rund 5000 Einwohner zählte, wobei die Ratsdörfer Copitz und Niedervogelgesang allerdings nicht einberechnet sind.

Auch das Wirtschaftsleben Pirnas hatte sich im Laufe der Jahrhunderte wenig verändert. Noch beruhte es hauptsächlich auf den Handwerksinnungen, die bis zur Einführung der Gewerbeordnung von 1862 noch die mittelalterlichen Vorteile des Zunftzwanges und des Verbietungsrechtes innerhalb der Bannmeile genossen. Freilich die Bedeutung, die früher der Export der weithin begehrten Erzeugnisse des Pirnaer Handwerks, namentlich der Töpfer und der Tuchmacher, gehabt hatte, war verlorengegangen. Die Versuche, neue Erwerbsquellen zu erschließen, waren ohne Erfolg geblieben. Die früher bedeutende, auf dem heimischen Tabakbau fußende Zigarrenfabrikation war stark zurückgegangen. Die nach den Befreiungskriegen einsetzende Überflutung Deutschlands mit englischen Waren hatte zum Zusammenbruch der seit dem Ende des 18. Jahrhunderts aufblühenden Kattundruckereien geführt. Es war auch ein Engländer gewesen, namens Wilkens, der in der leerstehenden Kattunfabrik im heutigen Nicolaipark an der Reithahnstraße eine Wollfabrik errichtete, die vielen Menschen neue Verdienstmöglichkeiten gab, aber 1841 wieder einging. Gleichzeitig brach die erst 1836 gegründete Zuckerraffinerie am Obergraben, der heutigen Albertstraße, zusammen. Heute ist in dem erweiterten Gebäude das alte Amtsgericht untergebracht.

Die Stadtverwaltung und die gewerbetreibende Einwohnerschaft waren mit vereinten Kräften darangegangen, andere Wege der Wirtschaftsbelebung zu finden. 1838 eröffnete die Stadt eine Spar- und Leihkasse, im folgenden Jahre war zur gegenseitigen Förderung der Gewerbeverein gegründet worden, der u. a. Ausstellungen von hiesigen Gewerbe-, Kunst- und Naturerzeugnissen und regelmäßige Weihnachtsmessen veranstaltete.

Empfindliche Verluste erlitt Pirna durch mehrere wirtschaftspolitische Maßnahmen der Landesregierung in den Jahrzehnten vor 1848. Die Stadt verdankte ihren ehemaligen Wohlstand zum guten Teil den großen Handelsprivilegien aus dem 13. Und 14. Jahrhundert mit einträglichen Zolleinnahmen aus dem Verkehr zu Wasser und zu Lande. Aber die im Jahre 1822 in Kraft tretende Elbschiffahrtsakte befreite den Elbhandel von allen Stapel- und Umschlagrechten und örtlichen Zollabgaben; der Anschluß Sachsens an den Deutschen Zollverein hatte 1834 der Stadt auch noch die letzten Reste der alten Handeisprivilegien genommen. Durch den Verlust dieser Einnahmequellen war bei der geringen Höhe der Entschädigungssummen das städtische Kassenwesen in größte Schwierigkeiten geraten, das zudem durch die nur nach und nach abgestoßenen Schulden aus den Befreiungskriegen schon schwere Einbußen erlitten hatte.

Ein Lichtblick war hingegen die Neubelebung des Verkehrs durch die Dampfmaschine. 1837 war die Dampfschiffahrt auf der Elbe eröffnet worden. Die städtische Kaufmannschaft zog aus dem zunehmenden Elbhandel ihren Nutzen. Noch entscheidender wurde für die Stadt der Anschluß an das neuerstehende Eisenbahnnetz. Am 31. Juli 1848 konnte die Teilstrecke Dresden-Pirna feierlich eröffnet werden. Der damalige Bahnhof, zum Teil in dem heutigen Verwaltungsgebäude der Eisenbahnverwaltung noch erhalten, lag an der Grohmannstraße. Die Strecke nach Königstein befand sich im Jahre 1848 im Bau und wurde im Mai 1850 zum ersten Male befahren, im Jahre 1851 bis Bodenbach fortgeführt. Erst wesentlich später gewann Pirna durch die Bahnverbindung mit Arnsdorf (1875) und Gottleuba (1880) seine alte Bedeutung als Verkehrsknotenpunkt wieder. 1848 war von einer Neubelebung des Pirnaer Wirtschaftslebens durch die Bahnverbindungen natürlich noch nichts zu spüren.

Das soziologische Bild Pirnas entsprach vor 100 Jahren dem damaligen Wirtschaftsleben. Neben den Kaufleuten, Handwerkern und Ackerbürgern spielten die Beamten eine große Rolle, war doch die Stadt auch Sitz eines selbständigen Stadtgerichts und der Amtshauptmannschaft. Die verhältnismäßig große Zahl von Advokaten erklärt sich daraus, daß diese als Gerichtsdirektoren der noch bestehenden Patrimonialgerichte der näheren und weiteren Umgebung ansehnliche Nebeneinnahmen hatten. Nur geringe Ansätze zur Entwicklung des Arbeiterstandes gab es bei dem Mangel einer heimischen Industrie. Vorübergehend gewann lediglich in diesen Jahren die Menge der am Eisenbahnbau beschäftigten Arbeiter eine gewisse Bedeutung. Zu den wirtschaftlich Bedrängten muß man aber auch die vielen Handwerksgesellen rechnen, die infolge des Zunftzwanges wenig Aussicht hatten, sich als Meister selbständig zu machen.

Das gesellschaftliche Leben in Pirna erfuhr in den vierziger Jahren eine Belebung durch die Gründung verschiedener Vereine. Neben dem schon länger bestehenden Gesangverein ,,Die Liedertafel” gründete sich 1842 ein Männergesangverein, der sich seit 1845 ,,Der Liederkranz” nannte. Außer der schon seit 1466 bestehenden Pirnaer Schützengilde begann die 1848 gegründete Copitzer Bogenschützengesellschaft eine Rolle im öffentlichen Leben zu spielen. Ein Turnverein entstand im Jahre 1846. Im übrigen gab es noch eine Reihe nur der Unterhaltung und Geselligkeit dienender Bürgervereine. Politische Vereinigungen fehlten völlig, wie überhaupt das Interesse an kommunalpolitischen Fragen, geschweige denn an den Fragen der hohen Politik, außerordentlich gering gewesen zu sein scheint, wie es zeitgenössische Kritiker oft beklagen. Die Einwohner Pirnas begnügten sich nach den Erschütterungen der napoleonischen Kriege und den Aufregungen der Revolution von 1830 im allgemeinen mit Erfüllung ihrer nächstliegenden Berufspflichten, mit einem behaglichen Familienleben und harmlosen gesellschaftlichen Veranstaltungen, die, was nicht zu verkennen ist, durch musikalische und theatralische Darbietungen kulturell nicht bedeutungslos waren. Aber man kann wohl sagen, daß so etwas wie Biedermeierstimmung das private und öffentliche Leben in der Stadt beherrschte. Noch das Neujahrsgedicht in der ersten Nummer des Pirnaischen Wochenblattes von 1848 spiegelt diesen selbstzufriedenen Bürgersinn wider, wenn es da heißt:

Dem Hochland Sachsens sind unbekannt

Des Zeitgeists düstre Fragen,

Und an der rauschenden Elbe Strand

Wird es die Zwietracht nie wagen,

Mit ihrer Fackel zu nah‘n dem Land;

Zufriedenheit herrscht in dem Vaterland!

Darin sollte sich der Lokalpoet freilich stark getäuscht haben. Ausgerechnet in diesem Jahre schlugen die politischen Wogen auch in Pirna höher, und im nächsten Jahre kam es hier zu Unruhen, die man geradezu als die Pirnaer Revolution bezeichnen kann.

 

II. Die Märzrevolution in Deutschland

Wiederum wie im Jahre 1830 ging die revolutionäre Bewegung in Deutschland von Frankreich aus. Das in der französischen Julirevolution im Kampfe gegen die Reaktion 1830 zur Herrschaft gelangte wohlhabende Bürgertum, die Bourgeoisie, hatte allmählich die Rolle des von ihr verdrängten Adels übernommen und die politischen Vorrechte, die es sich erkämpft hatte, rücksichtslos zum Nachteil der politisch mehr und mehr ausgeschalteten Kleinbürger und Bauern ausgenutzt. Schulter an Schulter mit diesen erhoben sich die Fabrikarbeiter, der 4. Stand, der infolge der beginnenden

Industrialisierung schnell angewachsen war. Am 24. Februar kam es zu blutigen Straßenkämpfen in Paris, die zur Abdankung des ,,Bürgerkönigs” Louis Philipp und zur Ausrufung der Republik führten.

Diese französische Februarrevolution löste in den deutschen Mittel- und Kleinstaaten Volksbewegungen aus, denen die Regierungen kampflos nachgaben; liberale Männer wurden als sogenannte Märzminister berufen, freiheitliche Verfassungen zugesagt. In erster Linie wurde aber die Forderung nach einem festeren staatlichen Zusammenschluß Deutschlands mit einem aus geheimen und direkten Wahlen hervorgehenden Reichsparlament erhoben.

Diesmal wurden im Unterschied zu 1830 auch die beiden größten Staaten des Deutschen Bundes, Österreich und Preußen, in denen es im Gegensatz zu den übrigen Bundesstaaten immer noch keine moderne Volksvertretung gab, von der revolutionären Welle erfaßt. Aber erst blutige Straßenkämpfe erzwangen hier von den Regierungen die staatliche Neuordnung durch verfassunggebende Nationalversammlungen. Metternich wurde gestürzt und damit das seit 1815 auf Deutschland lastende System der Unterdrückung der öffentlichen Meinung beseitigt. Im Vordergrund des allge­meinen Interesses aber blieb das Verlangen nach einem einheitlichen deutschen Reich. Diese Aufgabe sollte die auf Grund eines freiheitlichen Wahlrechts von der ganzen Nation berufene Nationalversammlung erfüllen. Am 18. Mai 1848 trat sie in der Paulskirche zu Frankfurt zusammen.

Auch Sachsen wurde diesmal von der revolutionären Bewegung tiefer ergriffen als im Jahre 1830. Damals hatte sich die Erregung, die‘ nur in Leipzig und Dresden zu Volksversammlungen und Straßenaufläufen geführt hatte und sich mehr gegen die Mißstände bei der Stadtverwaltung gerichtet hatte, bald gelegt. Man hatte sich damit beruhigt, daß der beim Volke unbeliebte König Anton seinen Neffen Prinz Friedrich August zum Mitregenten ernannte und eine neue Verfassung versprach, die am 4. September 1831 verkündet wurde. Der Landtag bestand seitdem aus zwei Kammern. In der ersten saßen die Vertreter der alten Stände, in die zweite Kammer wählte das Volk selbst seine Abgeordneten, allerdings nach einem noch wenig freiheitlichen Wahlrecht, indem die einzelnen Berufszweige, wie Rittergutsbesitzer, Bürger, Bauern, Kaufleute und Fabrikanten gesondert wählten; außerdem war die Wahl indirekt, und die Wahlmänner wurden in den Städten nur von den ansässigen Bürgern, auf dem Lande von den grundbesitzenden Bauern ernannt. So blieben die Unansässigen und die Lohnarbeiterschaft von der Wahl ausgeschlossen. Die zweite große Reform betraf die Neuordnung der Gemeindeverfassung. Durch die 1832 in Kraft tretende Städteordnung und die Landgemeindeordnung von 1838 erhielten die Gemeinden Selbstverwaltung mit selbstgewähltem Stadtrat und den neugeschaffenen Gemeindevertretungen, in den Städten den Stadtverordneten. Zur Aufrechterhaltung der Ordnung wurden in 36 Städten die Kommunalgarden, eine Art. Miliz, eingerichtet.

Trotz all dieser Neuerungen war die politische Freiheit des sächsischen Volkes in vieler Hinsicht noch stark beschränkt. Die Forderung nach einem gerechteren Landtagswahlrecht, nach Versammlungs- und Vereinsfreiheit, nach einem neuzeitlichen mündlichen und öffentlichen Gerichtsverfahren, aber auch nach einer freiheitlichen Reichsreform verstummten nicht. Die in den vierziger Jahren entstehenden Turnvereine wurden als vermeintliche Pflegstätten einer radikalen Gesinnung von der Regierung mit Mißtrauen verfolgt und zeitweise verboten. Insbesondere verbitterte die mehr und mehr verschärfte Zensur, der manche freiheitlich eingestellten Schriften und Tageszeitungen zum Opfer fielen. Zudem hatte eine Mißernte im Jahre 1846 im nächsten Jahre eine Teuerung zur Folge, die die Gemüter noch mehr erregte, da die Regierung dem gewissenlosen Treiben von Spekulanten nicht energisch genug entgegentrat und erst bei der drohenden Hungersnot Maßnahmen zur Versorgung der ärmeren Bevölkerung mit billigerem Getreide getroffen hatte.

Was wunder, daß in Sachsen die revolutionäre Bewegung auf einen fruchtbaren Boden fiel! Zunächst wurden König und Regierung mit einer Flut von Adressen und Petitionen überschüttet, die all die freiheitlichen Reformen stürmisch forderten. Die Regierung stand diesem Ausdruck des Unwillens der Bevölkerung ratlos gegenüber. Schritt für Schritt gab man nach. Am 13. März wurde das Gesamtministerium entlassen und durch Märzminister unter dem Präsidenten der zweiten Kammer, Braun, ersetzt; u. a. wurde am 23. März die unbedingte Pressefreiheit verkündigt.

 

III. Rückwirkung der Märzrevolution auf Pirna

Was sich in jenen Jahren in Deutschland und besonders in Sachsen abspielte, spiegelt sich in den örtlich bedingten Zuständen und Ereignissen der Stadt Pirna wider. Auch hier hatte die Städteordnung von 1832 einschneidende Veränderungen in der Stadtverwaltung zur Folge gehabt. Die Machtbefugnisse hatten bis dahin in der Hand des Stadtrates gelegen, der sich seit Jahrhunderten aus einem kleinen Kreise hierfür bevorrechtigter Patrizier- und Handwerkerfamilien selbst ergänzte und die Bürgermeister ernannte.

Schon am 20. März 1831 wählte man in Pirna in geheimer und indirekter Wahl 18 Kommunerepräsentanten und 7 Ersatzleute. Diese erste neuzeitliche Pirnaer Gemeindevertretung ist die Vorläuferin des Stadtverordnetenkollegiums, das zum ersten Male am 30. September 1832 gemeinsam mit dem von der Bürgerschaft gewählten Stadtrat seine Tätigkeit begann. Neben dem neuen Bürgermeister Ritterstädt, dem ersten berufsmäßigen Bürgermeister Pirnas, wurden am selben Tage die 6 ehrenamtlichen Ratsmitglieder eingewiesen. Eine Erweiterung erfuhr die städtische Selbstverwaltung im Jahre 1834 durch die Einrichtung eines ,,Größeren Bürgerausschusses”, der sich aus den 18 Stadtverordneten und 16 besonders gewählten Bürgern zusammensetzte und bis zur Einführung der ,,Revidierten Städteordnung” von 1874 bestand.

Die Hoffnung freilich, daß diese stärkere Mitbeteiligung der wahlberechtigten Bürgerschaft das öffentliche Interesse an der Stadtverwaltung neu beleben werde, hatte sich, wie oben schon erwähnt, nicht erfüllt. Zwar feierte man Jahr für Jahr zur Erinnerung an die Einführung der neuen Städteordnung am 4. September das Konstitutionsfest, von dem es noch in einem Zeitungsartikel von 1847 heißt: ,,Du weißt, wie lieb wir dich haben, wie wir alljährlich dir die gebührende Ehre mit Parade, Vivats, Gesang, Zweckessen und Böllerschüssen antun!” Aber immer wieder wird über die Teilnahmslosigkeit am öffentlichen Leben, namentlich bei den Wahlen, geklagt. Bei der Landtagswahl am 1. Februar 1848 machten von 267 stimmberechtigten Bürgern nur 164 von ihrem Wahlrecht Gebrauch.

Auch die bis dahin einzige Pirnaer Zeitung, das Pirnaische Wochenblatt, betont noch im Mai 1848 mit einer gewissen Genugtuung, daß sie nie die Politik als ein Hauptaugenmerk ihres Strebens bezeichnet habe. Kennzeichnend dafür ist schon der Untertitel des Blattes ,,zur nützlichen und angenehmen Unterhaltung”. Nur selten findet man in den Spalten der Zeitung politische Tagesfragen behandelt, ja selbst über die Gemeindeangelegenheiten wird nur gelegentlich berichtet. Erst seit 1849 werden Auszüge aus den Protokollen der Stadtratssitzungen veröffentlicht, während schon seit längerer Zeit über die Sitzungen der Stadtverordneten berichtet wird, frei­lich in einer Weise, die an Dürftigkeit nichts zu wünschen übrigläßt. Statt dessen füllten ausführliche Berichte über Vereinsveranstaltungen, behördliche Bekannt­machungen, Geschäftsanzeigen und Familiennachrichten den größten Teil des wenige Seiten umfassenden, wöchentlich in Quartformat zweimal erscheinenden Blattes.

Es bedurfte schon des Anstoßes von außen, um hier Wandel zu schaffen. über die französische Februarrevolution erfuhren die Pirnaer in zunächst noch sehr spärlichen Berichten, bis allmählich die Rückwirkung auf Deutschland zu ausführlichen Aufsätzen und in Leitartikeln auch zu grundsätzlichen Ausführungen zu den brennenden Fragen der hohen Politik zwang. Aufgerüttelt wurde die Einwohnerschaft durch die Nachrichten über die revolutionären Vorgänge in Wien und Berlin.

Schon aber hatten Stadtrat und Stadtverordnete das Wort zu der auch in Sachsen besorgniserregenden Volksstimmung ergriffen. Als Antwort auf einen zu Vertrauen und Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung auffordernden königlichen Aufruf ,,An meine Sachsen!” sandten sie am 9. März eine Adresse an den König, in der es nach der Versicherung unwandelbarer Treue heißt: ,,Auch wir hegen einen großen Teil der Wünsche, welche in den jüngsten Tagen vor Ew. Königlichen Majestät Thron gebracht worden sind. Auch wir sind der Überzeugung, daß es namentlich, um das Deutsche Vaterland stark gegen die ihm von außen her drohenden Gefahren zu machen, dringend nottue, das Wort, vor mehr denn 30 Jahren nach einer überstandenen schweren Zeit von deutschen Fürsten ihren Völkern gegeben, nun zur vollkommenen Lösung zu bringen und durch neue volkstümliche Institute neue, feste Bande des Vertrauens um beide zu schlingen”. So erhob sich zum ersten Male auch in Pirna die öffentliche Stimme für die deutsche Einheit und staatsbürgerliche Freiheit.

Am 24. März fand auf dem Markt in Gegenwart einer zahlreichen Zuschauer-schaft die von der Regierung angeordnete Vereidigung der hier in Garnison liegenden

5. Schwadron des Gardereiter-Regiments statt. Der Zeitungsbericht hierüber schließt mit den Worten: ,,Möge diese Feierlichkeit ein neuer Grundpfeiler sein für das innige Vertrauen zwischen Sachsens Fürst und Volk!” Ein von der Stadt gegebenes Festmahl vereinigte aus diesem Anlaß zwei Tage darauf im ,,Schwarzen Adler” die Mitglieder des Stadtrats, des Stadtgerichts, des Stadtverordnetenkollegiums und eine große Anzahl anderer Bürger mit Vertretern der Garnison, dem Offizierskorps an der Spitze. Bürgermeister Ritterstädt hob in seiner Ansprache hervor, daß ,,die Krieger durch das Bewußtsein sich gehoben fühlen würden, daß sie berufen seien, nicht mehr wie ehemals für das bloße Interesse eines Fürstenhauses, sondern für ihrVaterland, für das Volk zu kämpfen, dem sie angehören.” Der Berichterstatter gibt die Stimmung der Pirnaer Einwohner sicher richtig wieder, wenn er zu diesem Verbrüderungsfeste zwischen Bürgerschaft und Soldaten schreibt: ,,So verbunden schwindet jede Furcht vor städtischen Unruhen; Kommunalgarde und Militär werden fortan im treuen Verbande das ruhige Pirna vor jedem von außen eindringenden oder von innen hervorkriechenden Feind gesetzlicher Ordnung schützen und die Ruhestörer unschädlich machen.”

Wenn somit von einer revolutionären Bewegung in Pirna auch noch nichts zu spüren war, so traf man doch Vorsorge für bessere Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung. Nach einer Bekanntmachung des Stadtrates vom 4. April sollten Reservekompanien der Kommunalgarde aufgestellt werden; zum Beitritt wurden alle nicht dienstverpflichteten Einwohner aufgefordert, Das uniformierte Bürgerschützenkorps begann mit allgemeinen Schießübungen‘ an denen sich jeder beteiligen konnte, und auch der Turnverein beschloß, seine Mitglieder im Waffengebrauch auszubilden.

In den nächsten Wochen bewegten die Vorbereitungen für die Wahl eines Abgeordneten für die Deutsche Nationalversammlung die Gemüter. Die Wahl war noch indirekt und umständlich. Nur wer sich vorher auf dem Rathause in die Wählerliste hatte eintragen lassen und dort einen Stimmzettel in Empfang genommen hatte, konnte sich an der Wahl der für Pirna vorgesehenen 6 Wahlmänner beteiligen. Erstaunlich gering ist die Zahl von 569 Einwohnern, die davon Gebrauch machten, unter denen sich noch dazu etwa 100 Mann der Garnison befanden; und bei der am 4. Mai stattfindenden Wahl versäumten überdies über 50 Angemeldete ihr Wahlrecht. Gewählt wurden der Arzt Dr. Haußner, Amtsaktuar Seltmann, Gerichtsdirektor Advokat Katzer, Gasthofbesitzer Kaders, Seifensiedermeister Benjamin Flachs und Riemermeister Just, alles Männer, die in den kommenden politisch bewegteren Zeiten eine Rolle zu spielen berufen waren. Am 15. Mai fand in Pirna durch die 88 Wahlmänner des für die Amtshauptmannschaft Pirna und Dippoldiswalde bestimmten Wahlbezirks die Wahl statt, aus der Professor Roßmäßler aus Tharandt, eins entschiedener Demokrat, als hiesiger Vertreter für die Frankfurter Nationalversammlung hervorging.

 

IV.       Der Pirnaer ,,Deutsche Verein” und die ,,Fliegende Fähre”

In diesen Tagen fand, wie im ganzen Lande, auch in Pirna der Wunsch nach einem engeren Zusammenschluß der freiheitlich gesinnten Kreise seine Erfüllung. Den Beginn mit der Parteienbildung hatte der Leipziger Buchhändler Robert Blum mit der Gründung des auf radikal-demokratischer Grundlage stehenden Vaterlandsvereins gemacht, der sich hauptsächlich aus Kleinhandwerkern und Arbeitern zusammensetzte und mit Flugschriften und Aufrufen eine rege Werbetätigkeit betrieb. Im April gab es schon 40 solcher Vereine in Sachsen mit über 11 000 Mitgliedern.

Bald darauf schlossen sich die Anhänger der gemäßigt-liberalen Richtung, in Besorgnis um die Radikalisierung der Volksstimmung, in Deutschen Vereinen zusammen. Als dritte Vereinigung politisch Gleichdenkender erstanden die am weitesten rechts stehenden Konstitutionellen Vereine, die unter starker Beteiligung der Großgrundbesitzer ihre Werbetätigkeit vor allem unter der Bauernschaft entfalteten. Auch die soziale Frage des vierten Standes war mehr in den Vordergrund gerückt durch die Gründung eines ,,Zentralkomitees aller deutschen Arbeiter” in Leipzig und von Arbeitervereinen in einer Anzahl sächsischer Städte.

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In Pirna wurde am 16. April ein ,,Deutscher Verein” gegründet. Die treibende Kraft war Dr. Wilhelm Adolph Haußner gewesen. Er war geboren in Plauen im Vogtland und hatte sich im Jahre 1845 hier, am Wohnsitz von Verwandten, als junger Arzt niedergelassen. Er war ein Mann von starkem politischem Interesse und ein leidenschaftlicher Verfechter demokratischer Ideen. Tatkräftig setzte er sich für die Verwirklichung aller neuzeitlichen Bestrebungen ein; so hat er sich im Jahre 1846 durch die Gründung des Pirnaer Turnvereins verdient gemacht. Auf seine Einladung hin fanden sich 150 Pirnaer Einwohner nunmehr im Saale des Gasthofes ,,Zum Forsthaus”, dem heutigen Astoria in der Langen Straße, zu einer konstituierenden Versammlung ein. Seinem Vorschlag, einen Vaterlandsverein zu gründen, versagte man aber die Zustimmung und gründete einen Deutschen Verein, zu dessen Vorsitzenden am 25. April der erwähnte Wahlmann zur Deutschen Nationalversammlung und Stadtverordnetenvorsteher, Advokat Katzer, und zu seinem Stellvertreter der ebenfalls schon erwähnte Wahlmann Amtsaktuar Seltmann ernannt wurden.

Selbst das Pirnaische Wochenblatt begrüßte diese Gründung mit den Worten:

,,Gott sei Dank! Es scheint nun wirklich Tag zu werden in Pirna. Wie ein Alp lag‘s auf uns, daß niemand mit der offenen deutschen Sprache herauswollte”. Der Herausgeber des Wochenblattes Diller ahnte nicht, wie bald er in unliebsamer Weise in den auch in Pirna nun entbrennenden politischen Tageskampf verwickelt werden sollte. Denn kurz darauf erstand ihm in einer zweiten Pirnaer Zeitung ein unangenehmes Konkurrenzunternehmen, ,,Die Fliegende Fähre”, deren geistiger Urheber wiederum Dr. Haußner war. Der Buchdrucker Keller, der seit 38 Jahren das Pirnaische Wochenblatt gedruckt hatte, übernahm die Herausgabe der Fliegenden Fähre und löste seine Geschäftsbeziehung mit Diller, so daß dieser sich gezwungen sah, seine Zeitung erst einige Zeit in der Teubnerschen Offizin in Dresden drucken zu lassen, bis er am 27. Mai eine eigene Druckerei in der Langen Straße eröffnen konnte.

Am 5. Mai gaben Keller als Verleger und Dr. Haußner als künftiger Leiter ein Probeblatt der neuen Zeitung heraus, die den Titel: ,,Die Fliegende Fähre, ein Verbindungsmittel für die Bewohner der Oberelbe” tragen sollte. Darin wird die Neuerscheinung ausdrücklich als ,,politisches Wochenblatt” bezeichnet, das sich die Aufgabe gestellt habe, ,,im allgemeinen den zeitgemäßen Fortschritt kräftigst zu vertreten und im besonderen die Anliegen der oberen Elbgegenden‘ sowohl sächsischer- als böhmischerseits‘ zu vermitteln”. Zur Begründung des gewählten Titels heißt es weiter: ,,Sowie wir die Parteien, welche im staatlichen Leben sich schroff gegenüberstellen, als die beiden Ufer betrachten, zwischen denen sich der große Volksstrom mitten hindurch, bewegt, so glauben wir den Strom der Jetztzeit gebettet zu sehen zwischen den uralten unverjährbaren Rechten der göttlichen Vernunft und den auf geschichtlicher Verjährung beruhenden Ansprüchen menschlichen Eigenwillens .

Wie die fliegende Fähre ihren Ankergrund nur mitten im Strome suchen muß und finden kann, so will auch dieses Blatt nur in der Mitte des Volkes seine Begründung suchen und finden; wie die fliegende Fähre von dem Strome selbst getragen wird, so wünscht auch dieses Blatt von dem Volke getragen und durch das Volk gehoben zu werden; . . . wie die fliegende Fähre die Verbindung zwischen den entgegenge­setzten Ufern herstellt, so soll dieses Blatt die Vermittlung und Verständigung der Partei- und Zeitansichten übernehmen; . . . wie die fliegende Fähre nur bei Eis und großer Überschwemmung in ihren Diensten gehemmt wird, so wird dieses Blatt nur dann in seinem Erscheinen unterbrochen werden können, wenn, wofür uns Gott in Gnaden bewahren wolle, entweder nordisches Eis (eine Anspielung auf Preußen!) den Strom der Volksfreiheit hemmen oder die wilde Flut ungezügelter Leidenschaften die schönen Gaue unseres Vaterlandes verheeren sollte.”

In einer anschließenden ,,Offenen Erklärung über den Zweck und Plan dieses Blattes” erblicken wir Haußners eigenes politisches Glaubensbekenntnis. ,,Das Volk ist in seiner Gesamtheit, obgleich die verbesserten Schulen in der Neuzeit einen entschieden vorteilhaften Einfluß auf die allgemeine Volksbildung ausgeübt haben, dennoch in politischer Beziehung ziemlich ungebildet. Die Schuld davon ist aber weniger dem Volke, als vielmehr seinen früheren Vormündern zuzurechnen, welche eifrigst dafür zu sorgen bemüht waren, daß das Volk ja nicht selbständig über staatliche und kirchliche Angelegenheiten entscheiden und denken lerne. Mit der erwachten. Freiheit des deutschen Volkes ist nun auch das Streben nach politischer Durchbildung mehr und mehr erwacht, weil man fühlt und einsieht, daß man ohne diese die erlangten Vorteile nicht gehörig schätzen und würdigen kann . . . Das Hauptmittel zur Erreichung dieses allgemeinen Zweckes besteht vor allem in einer kräftigen Vertretung des zeitgemäßen Fortschrittes und in einer allgemein verständlichen Erklärung und Erläuterung aller Bedürfnisse, Rechte und Pflichten des Volkes dem Vaterlande gegenüber. Demnach wird dieses Blatt:

1.         Für die Beibehaltung und zeitgemäße Fortbildung der verfassungsmaßigen Königswürde (konstitutionellen Monarchie) als Vertreterin und Vollzieherin des Volkswillens mit allen Kräften kämpfen;

2.         Die Notwendigkeit einer kräftigen und einigen Vertretung Deutschlands nach außen bei jeder Gelegenheit vor Augen führen;

3.         Die innere Einheit Deutschlands nur dann als möglich erachten, wenn die Einheit in der Gesetzgebung, allgemein öffentliches und mündliches Gerichtsverfahren mit Schwurgerichten, Gleichmäßigkeit der bewaffneten Macht zu Land und See, Gleichheit im Verkehre und Zollwesen, in Münze, Maß und Gewicht, allgemeines Bundesbürgerrecht und Freizügigkeit in Wirklichkeit angebahnt werden;

4.         Die Freiheit der Presse, der Versammlungen und Vereinigungen, Schutz der Person und des Eigentums, Glaubens-, Lehr- und Lernfreiheit ungetrennt und unverkümmert als unveräußerliche Rechte des deutschen Volkes an die Spitze aller Errungenschaften stellen;

5.         Die Aufhebung des Adels sowie aller auf Stand, Rang und Einkommen begründeter Vorrechte, Aufhebung aller Standesherrlichkeit und Patrimonialgewalt und des Lehnwesens, Ablösung aller Feudallasten und Bannrechte, Wegfall aller Besteuerung der notwendigsten Lebensmittel, Aufhebung aller auf Benutzung von Flüssen, Straßen, Brücken ruhenden Abgaben, Verminderung der stehenden Heere durch allgemeine Volksbewaffnung, als das sicherste und einzige Mittel der allgemeinen Volkswohlfahrt in Schutz nehmen und durch die Presse verteidigen;

6.         Den unentgeltlichen Unterricht aller auf Kosten des Staates, gerechte Verteilung der Steuern, nach dem Vermögen wachsende Einkommensteuer, wohlfeile Regierung, Minderung des Druckes des Vermögens auf die Arbeit, Erhebung der Arbeitskraft von der Ware zum Vermögen, ein besonderes Ministerium zur Verbesserung der Lage der Arbeiter als d r i n g e n d e Aufgaben zur Förderung des allgemeinen Wohlstandes nicht bloß hinstellen, sondern auch nachzuweisen suchen.”

Dieses alle wichtigen Probleme auf dem Gebiete des Staatsrechts, der Wirtschaftspolitik, des Bildungswesens und der sozialen Frage umfassende Programm zeugt von dem politischen Weitblick des Mannes, der damals im politischen Leben Pirnas eine hervorragende Rolle zu spielen berufen war. Viele der Programmpunkte wurden erst viel später erfüllt, manche harren noch heute der Verwirklichung. Wie er aber für sie den aufopferungsvollen Kampf mit Wort und Schrift und unter Einsatz seiner ganzen Persönlichkeit aufnahm, dafür ist der weitere · Verlauf der revolutionären Bewegung jener Tage ein eindeutiger Beweis.

 

V.        Dr. Haußners Bedeutung für das politische Leben in Pirna

Dr. Haußner gelang es sehr bald, durch seine die politischen Zeitfragen gründlich behandelnden Aufsätze und durch wertvolle Beitrage anderer demokratischer Politiker seine, zunächst wöchentlich einmal, dann zweimal erscheinende Zeitung zu einem der angesehensten politischen Blätter Sachsens zu machen. Der Leserkreis erweiterte sich weit über Pirnas Grenzen hinaus.

Eine besondere Bedeutung erhielt sie in den bevorstehenden Wahlkämpfen. Die jeweiligen Kandidaten veröffentlichten darin ihre politischen Programme. Die Zeitung öffnete ihre Spalten der Auseinandersetzung der verschiedenen politischen Meinungen, die nun auch in Pirna sich gegenüberstanden und oft zu scharfer Kritik am politischen Gegner, aber auch zu manchen unerquicklichen und gehässigen persönlichen Streitigkeiten führten. Haußner selbst stand auf dem linken demokratischen Flügel, war selbst ein scharfer Kritiker und leidenschaftlicher Verfechter seiner politischen Überzeugung, war aber auch eine eigenwillige Natur, die gegenüber der in Pirna vorherrschenden gemäßigt-demokratischen Einstellung oft keinen leichten Stand hatte.

Schon bei der Gründung des Deutschen Vereins hatte sich das gezeigt. Immer wieder versuchte er, diesen Verein ins Fahrwasser der radikalen Vaterlandsvereine zu führen. Allwöchentlich fanden sonnabends die Vereinsversammlungen statt, in denen über die wichtigsten Tagesfragen aufschlußreiche Vorträge von hiesigen und auswärtigen Rednern gehalten wurden, über die Fragen des Wahlrechts, die deutschen Grundrechte, die einzelnen strittigen Punkte der künftigen Reichsverfassung, vor allem über das Erbkaisertum, die Zusammensetzung des Reichstags, über Schul- und Heeresreform und nicht zuletzt, vor allem durch Haußners Einfluß, über die Arbeiterfrage. In den Debatten traten die im Deutschen Verein bestehenden Gegensätze allmählich immer offener zutage.

Haußner hatte im Juli als Vertreter des Pirnaer Deutschen Vereins sowohl an der Hauptversammlung der Deutschen Vereine in Leipzig wie an der Tagung der Vaterlandsvereine in Dresden teilgenommen und heftige Kritik an der Rückständigkeit der Deutschen Vereine geübt. Seine Behauptung, daß die Vaterlandsvereine für die Verwirklichung des freiheitlichen Volkswillens redlicher sorgten als die Deutschen Vereine, welche die Aufmerksamkeit des Volkes auf ferner liegende Gebiete oder auf Formfragen zu lenken suchten und das Zunächst-liegende unberücksichtigt ließen, rief einen Sturm der Entrüstung hervor, zu deren Sprecher sich der 1. Vorsitzende, Advokat Katzer, machte. Es entspann sich eine öffentliche Auseinandersetzung mit Erklärungen und Gegenerklärungen, Bemerkungen und Gegenbemerkungen im Pirnaischen Wochenblatt und der Fliegenden Fähre. Haußner, der schon früher die politische Zuverlässigkeit der Beamten angezweifelt hatte, dehnte jetzt seine Angriffe auch auf andere Stände aus, wenn er schreibt: ,,Beamte, Geistliche, Rittergutzbesitzer und Geldleute bilden nach meiner Ansicht in ihrer Mehrzahl ein volks- und freiheitsfeindliches Element.” In ähnlich schroffem Ton geißelte die Fliegende Fähre in einem Bericht über das Vogelschießen den Pirnaer Kastengeist und schrieb: ,,daß der Standesunterschied von der jetzigen Mitte nach unten mit seinen Vorurteilen um kein Haar besser sei, als jene Anmaßungen und Dünkelhaftigkeiten des Geburts-, Geld- und Beamtenadels gegen alle, welche den einzelnen Schattierungen desselben nicht angehören.”

Aber auch Haußners Eintreten für die Arbeiterschaft hatte ihm neue Feindschaft eingetragen. Et war die treibende Kraft zu der am 13. Juni erfolgten Gründung eines ,,Handwerker-Gehilfen-Vereins” gewesen, der sich bald darauf ,,Arbeiterverein” nannte und zu dessen Obmann Haußner gewählt worden war. Im Gegensatz zum Pirnaischen Wochenblatt brachte die Fliegende Fähre regelmäßige ausführliche Berichte über die Vereinsversammlungen. Haußner nahm an der Entwicklung des Arbeitervereins lebhaften Anteil und nahm ihn oft in der Fliegenden Fähre gegen den Verdacht ,,wühlerischer und aufrührerischer” Tätigkeit in Schutz. In dem Bericht über die Hauptversammlung des Arbeitervereins vom 19. August verteidigt er den Arbeiterstand gegen bürgerliche überhebliche Standesvorurteile, indem er schreibt:

,,Überhaupt dürfte der hiesige Arbeiterverein sich mit manchem ähnlichen Vereine nicht bloß messen, sondern auch hier und da als Muster gelten können . . . und mancher Gebildetseinwollende und in vornehmer Dünkelhaftigkeit sich über die Arbeiter und den hiesigen Arbeiterverein Seibstüberhebende dürfte weit, weit durch die gründliche politische Bildung und Verstandesschärfe des hiesigen Lackierergehilfen Schumacher übertroffen und arg beschämt werden ... Die Zeit wird nicht mehr fern sein, wo solche Dunkelmänner, von der Bildung des Volkes überflügelt, herabstürzen müssen aus ihrer schwindelnden Höhe, zu der sie sich bloß durch die Leere und Leichtigkeit ihres Kopfes und durch die ganze Aufgeblasenheit ihres ganzen Wesens erheben konnten.”

Ein anderes Mal heißt es in der Fliegenden Fähre anläßlich der am 10. September stattgefundenen Hauptversammlung der Arbeitervereine der Umgebung - es hatten sich auch in Wehlen, Königstein, Schandau und Neustadt solche Vereine gebildet -, daß ,,diese von neuem ein Zeugnis ablegte für den redlichen Willen und das ernste Streben des Arbeiterstandes, auf den man hier wie anderwärts leider immer noch von vielen Seiten mit einer gewissen Geringschätzung und Selbstüberhebung herniederblickt. Wer aber jetzt noch die Bedeutung des Arbeiterstandes im staatlichen und bürgerlichen Leben verkennen und mißachten kann, der hat zweifelsohne unsere Gegenwart und Zukunft nicht begriffen und ist sich und seinen Mitbürgern verantwortlich, wenn er es unterläßt, zur allgemeinen sittlichen Hebung und zur Verbesserung der äußeren Lage des vierten Standes nach seinen Kräften auf gesetzlichem Wege beizutragen”.

In der hiesigen Gegend war schon bei der Teuerung des Hungerjahres 1847 die große Notlage der Minderbemittelten, namentlich der beim Eisenbahnbau beschäftigten Arbeiterschaft, Anlaß zu Lohnstreitigkeiten mit der Staatsbahnverwaltung gewesen. Sozialistische Ideen aber hatten im Arbeiterverein noch keinen Eingang gefunden; ihm gehörten neben den eigentlichen Lohnarbeitern vor allem Handwerksgesellen an; ja, man forderte sogar die Handwerksmeister zum Eintritt auf.

Wie für die sozialen Nöte des vierten Standes hatte Haußner auch ein Herz für alle, die um die Befreiung von den Fesseln eines veralteten Systems kämpften, auch für den Soldatenstand. Als es in Pirna zwischen Mannschaften und Vorgesetzten zu Mißhelligkeiten gekommen war, gab er einem Soldaten, dem Gardereiter Seifert, im Deutschen Verein die Möglichkeit, die Interessen seiner Kameraden zu vertreten, und veröffentlichte dessen Vortrag in der Fliegenden Fähre. Damit wirbelte er aber viel Staub auf. Das Pirnaische Wochenblatt machte sich zum Sprachrohr für die durch Seiferts Ausführungen gekränkten Unteroffiziere. Das Unteroffizierskorps verwahrte sich in einer öffentlichen Erklärung gegen Seiferts Kritik der Behandlung durch die Vorgesetzten; hatte er doch gesagt: ,,Der Soldatenstand war leider bis jetzt ein wahrer Jammerstand, der manchen Soldaten mit Ehrgefühl leicht zur Verzweiflung treiben konnte. Die schmählichsten und entehrendsten Fluch- und Schimpfworte wurden auf der Reitbahn und den Exerzierplätzen ausgestoßen, weshalb mancher nur mit Zittern und Zagen dorthin kam”. Haußner, dem sogar Unwahrhaftigkeit und Entstellung der Tatsachen vorgeworfen wurden, verteidigte sein Eintreten für die Rechte der Soldaten, denen ja neuerdings zum Ärger reaktionärer Kreise auch das Wahlrecht und die Erlaubnis zum Besuche politischer Versammlungen eingeräumt worden war, mit den für ihn kennzeichnenden Worten: ,,Der Grund zur weiteren Verbreitung der bekannten Vorfälle beruhte ebensowenig auf persönlichen als auf böswilligen Absichten, sondern lediglich in dem Bestreben, daß die errungene Rechtsgleichheit und Sicherheit aller Staatsbürger für alle und so namentlich auch für die Soldaten zur Wirklichkeit werde”.

 

VI.       Der Kampf gegen die Reaktion

Die unerfreuliche Entwicklung der politischen Verhältnisse in Deutschland hatte unterdessen in weiten Kreisen eine starke Verbitterung hervorgerufen und auch in Pirna eine Zunahme der radikalen Gesinnung zur Folge gehabt. Ja, selbst das Vertrauen zu den einst mit so großen Hoffnungen begrüßten Märzministern und schließlich auch zu der Nationalversammlung war ins Wanken gekommen.

Noch einmal waren die Wogen der Begeisterung für die vermeintlichen Errungenschaften der neuen Zeit hochgegangen, als am 19. Juni auf Einladung des Königsteiner Deutschen Vereins auf dem Winterberg ein stark besuchtes Treffen stattfand, ,,um ein Fest deutscher Eintracht, Freundschaft und Verbrüderung zu feiern”, zu dem auch aus Böhmen zahlreiche Teilnehmer erschienen waren. Unter den Festrednern stand Dr. Haußner mit an erster Stelle.

Bald darauf konnte Pirna in festlicher Hochstimmung am 31. Juli die Eröffnung der Eisenbahnverbindung zwischen Dresden und Pirna feiern. Bürgermeister Ritterstädt begrüßte die mit dem Zug eintreffenden Festgäste, unter ihnen den Prinzen Johann und die Mitglieder der beiden Kammern, und brachte ein von der Zuschauermenge begeistert aufgenommenes Hoch auf König, Vaterland und Verfassung aus.

Aber schon die Vereidigung der Pirnaer Garnison auf den Reichsverweser am 6. August zeigte, daß alte Kräfte am Werke waren, die hochfliegenden Pläne der freiheitlich gesinnten Vaterlandsfreunde zu dämpfen. Die Vereidigung fand nicht auf dem Markte, sondern auf der außerhalb der Stadt gelegenen Reitbahn während des Vormittagsgottesdienstes statt, ohne daß, wie bei der Verteidigung auf die sächsische Verfassung am 24. März, die Behörden und die Bevölkerung eingeladen worden waren. Auch wurde dieses Ereignis nicht, wie wenige Monate vorher, durch ein gemeinsames Festmahl gefeiert. In konservativen Kreisen, vor allem des sächsischen Offizierskorps, hatte das durch die Nationalversammlung angeordnete Anlegen der deutschen schwarz-rot-goldenen Kokarde großen Unwillen hervorgerufen; die Vereidigung auf den Reichsverweser war auch nur in den kleineren Staaten durchgeführt worden, während Österreich und Preußen, wo die Reaktion im Bunde mit dem stehenden Heere ihr Haupt wieder erhob, die Durchführung verweigerten. Dabei zeigte sich, daß die Frankfurter Zentralregierung demgegenüber ohnmächtig war, da sie keinerlei Machtmittel hatte, um ihren Willen durchzusetzen.

Andererseits begann auch die Nationalversammlung die in sie gesetzten Hoffnungen zu enttäuschen. Anstatt beschleunigt die ersehnte Reichsverfassung zustandezubringen, hatte man wertvolle Zeit mit Beratungen über die deutschen Grundrechte vergeudet, und inzwischen hatten in Wien und Berlin die kontrarevolutionären Kräfte die Oberhand gewonnen. Und als Preußen den ihm übertragenen Bundeskrieg gegen Dänemark zur Befreiung der Provinzen Schleswig und Holstein durch den Waffenstillstand von Malmö kurzerhand abgebrochen hatte und seine Truppen zur Einschüchterung der preußischen Nationalversammlung zurückführte, war es in der Paulskirche zu heftigen Auftritten gekommen. Obwohl die radikale Partei scharfes Vorgehen gegen. Preußen forderte, hatte sich die Mehrheit der Nationalversammlung mit der vollendeten Tatsache abgefunden. Ein von radikaler Seite entfachter Aufstand war von den aus der Bundesfestung Mainz herangeführten österreichischen und preußischen Truppen blutig niedergeworfen worden.

Die allgemeine Erregung über diese Vorgänge rief in Deutschland zahlreiche Protestkundgebungen hervor, sah man doch das ganze Verfassungswerk gefährdet. Von überallher gingen der Nationalversammlung Vertrauenskundgebungen zu, um ihr als Vertreterin des Volkswillens im Kampfe mit der Reaktion neuen Rückhalt zu geben.

Auch auf der Mitte Oktober in Dresden tagenden Hauptversammlung der Deutschen Vereine wurde eine solche Vertrauensadresse beschlossen. Von den Abgesandten des Pirnaer Vereins hatten dessen 1. Vorsitzender Katzer und Aktuar Exner dafür gestimmt, während Dr. Haußner seine Zustimmung verweigert hatte. Im Pirnaer Deutschen Verein kam es deswegen zu erregten Auseinandersetzungen. Katzer forderte in der Versammlung vom 11. November die Billigung seiner Haltung, während Haußner die Ablehnung des Vertrauensvotums an die Nationalversammlung damit begründete, daß man damit zugleich der Majorität das Vertrauen ausgesprochen hätte, was nach den letzten Ereignissen nicht zu rechtfertigen sei. Bei der Abstimmung zeigte sich, daß im Pirnaer Verein die radikal-demokratische Richtung angewachsen war. Man stellte sich auf Haußners Seite, worauf Katzer den Vorsitz niederlegte, seinen Austritt aus dem Verein erklärte und unter großem Tumult mit 12 anderen gleichgesinnten Mitgliedern die Versammlung verließ. Von nun an stand der Deutsche Verein, dessen Vorsitz er übernahm, ganz unter dem Einfluß Haußners.

Zu gleicher Zeit erschütterte alle freiheitlichen Kreise die Nachricht von der am 9. November erfolgten standrechtlichen Erschießung Robert Blums in Wien und trug zur weiteren Radikalisierung der öffentlichen Meinung bei. In Preußen und Österreich hatten die reaktionären Kräfte wieder die Macht an sich gerissen; in Preußen ohne neues Blutvergießen. Bei der Einnahme Wiens durch die Truppen war es dagegen zu verlustreichen Zusammenstößen gekommen. An den Kämpfen hatten auch die beiden von der Nationalversammlung dorthin gesandten Abgeordneten Robert Blum aus Leipzig und J. Fröbel aus Thüringen als Hauptleute der Revolutionsarmee teilgenommen und waren verhaftet worden. Fröbel teilte das Schicksal Blums nicht, da er weniger belastet schien, sondern wurde nur aus Österreich ausgewiesen. Auf seiner Heimreise kam er mit der Prager Eilpost in der Nacht vom 13. zum 14. November in Pirna an, wo er bei seinem kurzen Aufenthalt dem Postmeister über seine Erlebnisse in Wien berichtete. So erfuhr man hier aus erster Quelle über die Wiener Vorgänge.

Die allgemeine Empörung äußerte sich in ganz Deutschland in der Presse, in Protesten an die Regierungen und an die Nationalversammlung, in Massenkundgebungen und Trauerfeiern; erblickte man doch in der Erschießung eines Abgeordneten der deutschen Nationalversammlung ein Verbrechen gegen die Volkssouveränität. Die Nationalversammlung selbst erließ einen Aufruf ,,An das deutsche Volk!” mit der Überschrift: Robert Blum ist gefallen, ein Opfer feigen Mordes!

Die Spalten der Fliegenden Fähre, aber auch des Pirnaischen Wochenblattes sind wochenlang gefüllt mit Artikeln, Nachrufen und Gedichten zu Ehren des durch seinen Opfertod zum volkstümlichsten Freiheitshelden gewordenen Mannes; Lebensbeschreibungen und Bilder Blums werden zum Kauf angeboten; für die in Leipzig gegründete Blumstiftung zur Unterstützung der Witwe und ihrer vier Kinder wird in Pirna gesammelt. Am 18. November ehrte der Pirnaer Deutsche Verein den Toten durch eine eindrucksvolle Trauerfeier, bei der Aktuar Seltmann in seiner Gedächtnisrede scharfe Worte gegen Militärdespotismus und absolutistische Willkür fand und der Hoffnung Ausdruck gab, daß das vergossene Blut der Kitt sein werde, der das deutsche Volk nun erst recht gegenüber allen reaktionären Mächten zusammenhalten werde. In einer einstimmig angenommenen Adresse wurde die Nationalversammlung auf gefordert, Blums Ermordung für Hochverrat zu erklären und die Bestrafung der Mörder zu verlangen.

Als die sächsische Regierung der allgemeinen Forderung nach Abberufung und Bestrafung des sächsischen Gesandten in Wien, weil er die Erschießung Blume nicht verhindert habe, nicht nachkam, verloren auch die Märzminister das Vertrauen weiter Kreise der Bevölkerung, die auch in anderen Maßnahmen der Regierung das Aufleben der Reaktion in Sachsen witterte. So waren sächsische Truppen auf Anforderung der Nationalversammlung zur Unterdrückung von Unruhen nach Thüringen gesandt worden. Stimmen wurden laut, die verlangten, daß die künftige Reichsverfassung erst in den sächsischen Kammern genehmigt werden sollte. Vor allem übte man Kritik an dem neuen Wahlgesetz vom 3. Oktober, das zwar die allgemeine und direkte Wahl vorsah, aber doch das Zweikammersystem beibehalten hatte und allerlei Beschränkungen enthielt. Wahlberechtigt waren alle über 24 Jahre alten ,,selbständigen” Staatsbürger, für die 1. Kammer nur die Ansässigen. Das passive Wahlrecht besaßen alle über 30 Jahre alten Staatsbürger, für die 1. Kammer nur die über 30 Taler direkte Steuern zahlenden.

Im Pirnaer Wahlbezirk, der einen Abgeordneten für die 2. Kammer und zusammen mit zwei anderen benachbarten Wahlbezirken zwei Abgeordnete für die 1. Kammer zu entsenden hatte, nahm der Wahlkampf in diesen Wochen der allgemeinen Aufregung bewegte Formen an. In der Presse veröffentlichten die Kandidaten oft in seitenlangen Extrabeilagen ihr politisches Glaubensbekenntnis, in Artikeln und Eingesandtes wurde von den gemäßigten und den radikalen Demokraten für und wider die Kandidaten gestritten, wobei es nicht ohne politische Verdächtigungen und persönliche Verunglimpfungen abging.

Bei dieser Gelegenheit gerieten auch wieder Dr. Haußner und Advokat Katzer in eine heftige Pressefehde, in deren Verlauf Katzer von Haußner als Kandidat der Aristokratie, Bürokratie und Plutokratie bezeichnet wurde, während Haußner und der Kandidat des Deutschen Vereins, der mehrfach erwähnte Amtsaktuar Seltmann, der republikanischen Gesinnung verdächtigt wurden. Dagegen verwahrten diese sich, aber Haußner war es von vielen schwer verübelt worden, daß er in jenen Tagen einmal im Deutschen Verein den Wunsch ausgesprochen, hatte, ,,daß unser König, sowie überhaupt andere Monarchen Deutschlands, sich einen bescheideneren Titel zulegen möchten, da solche nach ihren Titeln auch den Aufwand machen müßten, welcher gewissermaßen der Größe des Landes nicht angemessen sei. Eine Verringerung der Civilliste könne dann am ersten ermöglicht werden, zumal das meiste Geld die Hofschranzen aufzehrten, welche ohnehin das Volk von dem Könige trennten”.

Für den Pirnaer Bezirk ergab die Ende des Jahres durchgeführte Wahl einen Sieg der radikalen Richtung. Aktuar Seltmann wurde in die 2. Kammer gewählt und erhielt fast doppelt soviel Stimmen wie sein Gegenkandidat Advokat Katzer. Abgeordnete für die 1. Kammer wurden Landwirt und Arzt Dr. Theile aus Lungkwitz und Bauer Haußwald aus Nentmannsdorf. Im übrigen Sachsen hatten die linksgerichteten Kandidaten der Vaterlandsvereine einen überwältigenden Wahlsieg errungen.

 

VII.     Der Maiaufstand

Bald kam es zu unüberbrückbaren Gegensätzen zwischen der Regierung und den beiden Kammern. Im Vordergrund der Landtagsverhandlungen standen die Debatten über die gesamtdeutschen Probleme: die von der Nationalversammlung verkündeten Grundrechte, die Frage des Erbkaisertums, in dem man eine Beeinträchtigung der Volkssouveränität sah, über das Einkammer- oder Zweikammersystem. Von der Regierung verlangte man eine entschiedenere Haltung in diesen Fragen. Das führte zum Rücktritt des mißliebig gewordenen Märzministeriums Braun. An die Spitze der neuen Regierung trat am 22. Februar 1849 der Oberappellationsrat Dr. Held, ein entschieden freisinniger Mann.

Unterdessen hatte die Nationalversammlung nach monatelangen Auseinandersetzungen zwischen Großdeutschen und Kleindeutschen, zwischen Föderalisten und Unitariern endlich unter dem Drucke der politischen Entwicklung in Österreich das Verfassungswerk vollendet. Die künftige deutsche Verfassung sah ein kleindeutsches Reich mit einem Erbkaiser und einem Reichstag vor, der sich aus einem Staatenhaus und einem aus gleichen, allgemeinen, direkten und geheimen Wahlen hervorgehenden Volkshaus zusammensetzen sollte. Zum Kaiser wurde der preußische König gewählt. Aber mit der Ablehnung der Kaiserkrone durch Friedrich Wilhelm IV. am 3. April 1849 brach das ganze Verfassungswerk zusammen. Die Nationalversammlung löste sich auf.

Da beantragte der sächsische Landtag, die sächsische Regierung solle trotzdem die Reichsverfassung anerkennen, umgehend die Truppen auf diese vereidigen und dem Reichsverweser zur Durchführung der Verfassung zur Verfügung stellen. Diese Forderung wurde zurückgewiesen. Als daraufhin der Landtag die ihm vorgelegten dringenden Steuergesetze ablehnte, kam es zum offenen Konflikt, der am 30. April zur Auflösung der Kammern und dem Rücktritt des Ministeriums Held führte. Das am 2. Mai neuernannte Ministerium unter dem Geheimen Justizrat Dr. Zschinsky erklärte in Übereinstimmung mit dem König das Werk der Nationalversammlung für undurchführbar. Damit war das Zeichen zum offenen Aufstand gegeben.

Die Vaterlandsvereine riefen allerorts ihre Mitglieder zu den Waffen und forderten die Kommunalgarden und Turnvereine zum gemeinsamen Kampfe auf. So kam es zu den folgenschweren Kämpfen in Dresden vom 3. bis 9. Mai.

Der Regierung standen zunächst nur geringe militärische Kräfte zur Verfügung, da ein Teil der sächsischen Truppen an dem wieder aufgenommenen dänischen Kriege teilnahm. Bis zur Heranführung der in Leipzig, dem Erzgebirge und der Lausitz in Garnison liegenden Regimenter und dem Eingreifen der angeforderten preußischen Truppen erzielten die Aufständischen, die durch dauernden Zuzug von Freiheitskämpfern aus dem Lande unterstützt wurden, in den ersten Kampftagen Erfolge. Am 4. Mai verließ die königliche Familie auf einem Dampfschiff Dresden, um auf dem Königstein Zuflucht zu suchen. Eine provisorische Regierung bildete sich unter dem früheren Abgeordneten für Bautzen Zschirner, dem Kreisamtmann Heubner von Freiberg und dem ehemaligen Bürgermeister von Adorf Todt. Nach auf beiden Seiten verlustreichen Barrikaden- und Straßenkämpfen wurde der Aufstand niedergeschlagen.

Es ist selbstverständlich, daß auf die Pirnaer Bevölkerung die in nächster Nähe sich abspielenden Ereignisse nicht ohne unmittelbare Wirkung blieben. Schon vorher hatte sich der Unwille über die politischen Vorgänge in Deutschland und in Sachsen in den überfüllten Gaststätten, auf offener Straße und besonders im Deutschen Verein in erregten Aussprachen geäußert. Nicht ohne Bedeutung war es, daß bei den Stadtverordnetenwahlen Dr. Haußner mit anderen Gleichgesinnten gewählt worden war. Die Radikalisierung der politischen Stimmung fand auch in dem erneuten Versuch, den Deutschen Verein in einen Vaterlandsverein umzuwandeln, ihren Ausdruck. Wiederholt wurden auch von hier Adressen und Deputationen an König und Regierung mit der Forderung der Anerkennung der Beschlüsse der Nationalversammlung abgesandt. Nach der Auflösung des Landtages erschien als erster revolutionärer Maueranschlag folgender, z. T. auf rotem Papier gedruckter Aufruf:

,,Mitbürger von Stadt und Land seid wach! Noch lebt Metternich und seine Politik! Die fluchwürdige Politik Metternichs steht nach dem Erlasse des Ministeriums Held vom 28. d. Mts. deutlich vor uns! Nachdem der österreichische Reichstag in Kremsier durch Bajonette auseinandergejagt; nachdem die Kammern in München vertagt; nachdem die Kammern in Hannover - nachdem dieselbe in Berlin aufgelöst, hat auch das Ministerium Held den Mut bekommen, unsre dermalen versammelten sächsischen Kammern aufzulösen. Leset den Erlaß des Ministeriums Held, welches das Vertrauen des sächsischen Volkes nie besessen und verdient hat; beachtet die neuesten Vorgänge in den übrigen deutschen Staaten, und urteilt selbst, ob nicht die eingeschlagene Politik der größeren deutschen Fürstenhöfe der berüchtigten, volks-feindlichen Politik ähnelt oder gleicht, wie ein Ei dem andern?! Männer des Volks! Lasset unter Euren Augen den bereits bebrüteten Basiliskeneiern die Brut nicht entschlüpfen; sondern vernichtet sie, ehe noch die werdenden Ungetüme Kraft erlangen, Euch und Eure Freiheit zu verschlingen! Ein Ministerium Held hat es gewagt, an die Stimme des sächsischen Volks noch Berufung einzulegen, nachdem das Volk durch seine ersten Wahlen bereits deutlich genug geredet! Mitbürger! Ihr werdet gewiß, wenn es gilt, als deutsche Männer antworten! Pirna, am letzten April 1849. Für den Ausschuß des Deutschen Vereines Dr. Haußner.”

Nach dem Zusammenbruch des Maiaufstandes wurden die Mitglieder des Ausschusses wegen Hochverrats angeklagt, aber freigesprochen. Der Hauptverantwortliche für diesen Aufruf, Dr. Haußner, war inzwischen ein Opfer der Maikämpfe in Dresden geworden.

Nun ergoß sich in den ersten Maitagen ein großer Flüchtlingsstrom aus Dresden über Pirna und fand in den überfüllten Gasthäusern und Privatquartieren notdürftige Unterkunft. Kaum war es durch die aus Dresden eintreffenden Nachrichten zur Gewißheit geworden, daß der Entscheidungskampf um ein einiges demokratisches Deutschland begonnen hatte, da trieb es die entschiedensten Pirnaer Vorkämpfer für dieses Hochziel, den kämpfenden Brüdern zu Hilfe zu eilen. An ihrer Spitze stand selbstverständlich Dr. Haußner. Mit der ersten besten Gelegenheit, der Extrapost, fuhr er am 4. Mai vormittags 10 Uhr nach Dresden, begleitet von dem Töpfermeister Oswald Lauschke, dem Turnlehrer Louis Schmidt und dem Kürschnermeister Albert Brähmer.

Zur gleichen Zeit wurden in Pirna Stimmen laut, die den Einsatz der hiesigen Kommunalgarde zur Unterstützung der Dresdner Freiheitskämpfer forderten. Am Vormittag des 4. Mai wurde die Kommunalgarde alarmiert und auf dem Markt durch den Kommandanten, den Amtssportelkontrolleur Heinsius, davon verständigt, daß es jedem freistehe, sich bewaffnet nach Dresden zu begeben. Nur zwölf Mann marschierten nach dem Bahnhof, denen sieh unterwegs noch andere Freiwillige anschlossen, die z. T. nicht der Kommunalgarde angehörten, so daß ein Trupp von ungefähr 25 Mann mit dem 11-Uhr-Zug Pirna verließ. Als im Laufe des Tages ein Aufruf des Dresdener Stadtrats eintraf, in dem zur Aufrechterhaltung der Ordnung in der Landeshauptstadt die Entsendung der ganzen Kommunalgarde erbeten wurde, wurde abermals zum Alarm geblasen und getrommelt. Aber weder die Stadtverwaltung noch das Kommando der Kommunalgarde wagten es, einen Befehl zum Abmarsch zu geben. So fanden sich am 5. Mai zu dem Frühzug nur ganze drei Mann ein.

Mehr Erfolg hatte folgender, von 17 Bürgern unterzeichneter Maueranschlag, der im Laufe des Vormittags erschien.

,,Mitbürger! Die Kommunalgarden des ganzen Landes sind von dem Stadtrat in Dresden aufgefordert worden, ihren Brüdern daselbst zu Hilfe zu eilen. Der gegenwärtige Zustand des ganzen Landes ist ein solcher, daß er diese Hilfe dringend fordert. Es haben zwar Männer des allgemeinen Vertrauens die Zügel der Regierung ergriffen; allein es kann ihnen nur dann möglich sein, Ordnung und Ruhe wiederherzustellen, wenn gutgesinnte Bürger sie dabei unterstützen. Finden sie diese Stütze nicht, so muß die Gewalt entweder in die Hände derer wieder übergehen, welche bisher sie gemißbraucht haben, oder sie gelangt in die Hände derer, welche aus dem ordnungs- und gesetzlosen Zustande ihre Sondervorteile auf dem Wege des gemeinen Verbrechens ziehen wollen. Es haben sich daher mehrere hiesige Einwohner entschlossen, der Stadt Dresden zu Hilfe zu eilen und sie bei Herstellung der Ruhe und Ordnung zu unterstützen. Sie hoffen, unter ihren Kameraden um so mehr Nachahmung zu finden, als sie selbst Familienväter sind, und daher Opfer bringen wollen, Opfer der guten Sache, nicht der Gesetzlosigkeit. Wer sich ihnen anzuschließen gemeint sein sollte, wird hiermit aufgefordert, sich bei mitunterzeichnetem Meißner heute mittag 1 Uhr einzufinden, um über die Disposition, wie die Zuzüge erfolgen sollen, das Nötige zu besprechen.”

Daraufhin fanden sich gegen 50 Mann auf dem von Neugierigen umlagerten Bahnhof ein und fuhren mit dem 3-Uhr-Zug unter dem Gesang: O du Deutschland, ich muß marschieren .. . ! und den Hochrufen der Menge ab. Aber schon am Morgen des nächsten Tages kehrte der größte Teil wieder zurück, weil die provisorische Regierung sie nicht nur zum Sicherheitsdienst, sondern zum Barrikadenkampf einsetzen wollte. Einige blieben jedoch in Dresden und beteiligten sich an den Kämpfen.

Zur Mittagsstunde des 6. Mai war in Pirna heftiger Kanonendonner zu hören, und als sich nachmittags das bis dahin anhaltende Regenwetter verzog, erblickte man über Dresden eine gewaltige Rauchwolke; unter anderem stand das Opernhaus. in Flammen. Auf dem Bahnhof stauten sich die Koffer, Kisten, Betten und Kinderwagen der in immer größerer Zahl ankommenden Dresdner Flüchtlinge.

 

VIII.    Die Unruhen in Pirna

In der fünften Nachmittagsstunde des 6. Mai rief plötzlich das Gerücht, ein Dampfschiff mit militärischer Bedeckung komme stromaufwärts, um aus der Festung Königstein schweres Geschütz und Munition für die Truppen zu holen, große Aufregung in der Bevölkerung hervor. Alles strömte zur Elbe, wo schon von bewaffneten Männern auf dem Bahndamm Schutzwehren aus den zum Bau bereitliegenden Eisenbahnschwellen aufgerichtet wurden. Unter ihnen befanden sich keine Kommunalgardisten, dagegen eine große Anzahl von Bahnarbeitern, die an diesem Tage, einem Sonntag, ohne Beschäftigung waren und aus der Umgebung sich hier zahlreich eingefunden hatten. Zwei Dampfer, die gerade vorüberfuhren, wurden durch Zurufe und Flintenschüsse zum Ankern gezwungen. So hoffte man auch, das für den Abend erwartete ,,Pulverschiff” an der Weiterfahrt nach Königstein hindern zu können. Die Meinungen über dieses Vorhaben waren stark geteilt; mußte man doch befürchten, daß dies im Falle des militärischen Sieges für Pirna schwerwiegende Folgen haben werde.

Nach den aus Dresden eintreffenden, sich widersprechenden Nachrichten war der Ausgang der dortigen Kämpfe ganz ungewiß. Von der für die Ruhe und Ordnung verantwortlichen Kommunalgarde war nichts zu sehen und zu hören. Der Kommandant Heinsius hatte an diesem Tage in aller Gemütsruhe bei Bekannten Gevatter gestanden und wurde darnach spazierengehend endlich, angetroffen. Als der auf dem Rathause versammelte Stadtrat ihn zu sich rufen ließ, antwortete er sarkastisch:

,,Gut, ich komme gleich, ich will mir nur die Löwenhaut (er meinte seine Uniform) anziehen und mein Testament machen, denn nun kann‘s böse werden!” Bald erklangen wieder die Alarmsignale der Kommunalgarde in den von einer aufgeregten Menschenmenge erfüllten Straßen. Ehe die Kompanien aber auf dem Markt versammelt waren, war die Nacht hereingebrochen. Bei hellem Mondenschein fand der Appell statt, bei dem Bürgermeister Ritterstädt die Bürgerwehr an ihre Obliegenheiten mahnen mußte, aller Ungesetzlichkeit zu steuern und namentlich alles Schießen innerhalb des Stadtgebietes zu verhindern. Gleichzeitig war das erwartete Schiff wirklich vorbeigefahren, ohne sich durch einige vom Ufer abgefeuerte Schüsse aufhalten zu lassen. Der Stadtrat blieb die Nacht hindurch auf dem Rathaus beisammen, während die eine Kompanie der Kommunalgarde an die Elbe abrückte, die andere das Wachlokal bezog.

Auch am nächsten Tage, dem 7. Mai, ging es in Erwartung des Pulverschiffes in den Straßen und Lokalen der Stadt lebhaft zu; wieder waren auch viele Bahnarbeiter anwesend, da des Regens wegen nicht gearbeitet werden konnte. Gegen Abend ließ die Spannung nach, da nach eingegangenen Meldungen an diesem Tage mit der Vorbeifahrt des Schiffes nicht mehr zu rechnen war. Die Menge verlief sich, die Kommunalgardisten wurden nach Hause entlassen. Da erscholl plötzlich gegen 9 Uhr der Ruf durch die Straßen: Das Schiff kommt! Tatsächlich fuhr der Dampfer mit einem angehängten Schleppschiff in höchster Fahrt vorüber; auf einzelne Schüsse von beiden Ufern antwortete die Besatzung mit Gewehrfeuer und einigen Kartätschenschüssen.

Nun kannte die allgemeine Empörung über das Mißlingen des Anschlags keine Grenzen mehr. Die an der Elbe zusammenströmende Menge rief ,,Verrat!” und drängte nach dem Rathause, um an dem Stadtrat Rache zu nehmen, den man beschuldigte, zur Irreführung der Bevölkerung in Kenntnis von der bevorstehenden Ankunft des Dampfers die Kommunalgarde entlassen zu haben. Dieser Verdacht war freilich unbegründet. Vor allem richtete sich die Wut gegen den Bürgermeister Ritterstädt und den Amtshauptmann von Winkler, dem man geheime Verbindung mit der Festung Königstein nachsagte, was aber auch nicht zutraf. Die Mitglieder des Stadtrates hatten unterdessen sich nach Hause begeben. Nun zog die tobende Menge darunter viele Frauen und Jugendliche, durch die Schloßstraße nach der heutigen Oberen Burgstraße, wo der Amtshauptmann wohnte und der Bürgermeister an der Stelle des Verwaltungsgebäudes der ehemaligen Amtshauptmannschaft ein eigenes Haus besaß. Die sofort alarmierte Kommunalgarde versagte vollkommen; nur wenige Gardisten stellten sich ein, andere mischten sich mit unter die Demonstranten, die die Haustüren erbrachen und mit Steinwürfen die Fenster zertrümmerten. Der Amtshauptmann hatte schon am Vormittag mit seiner Familie Pirna verlassen, da er wiederholt bedroht worden war. Der Bürgermeister befand sich auf dem Wege nach dem Rathaus. Bei der Aussichtslosigkeit, auf die auch den Markt füllende, gegen ihn aufgebrachte Menschenmenge beruhigend einzuwirken, flüchtete er auf Anraten befreundeter Bürger nach dem Sonnenstein. Ein einsetzender Platzregen zerstreute gegen Mitternacht die Ansammlungen, ohne daß es zu weiteren Ausschreitungen gekommen war.

Als am anderen Morgen erneute Drohungen gegen Ritterstädt laut wurden und alle Anzeichen dafür sprachen, daß es wieder zu Angriffen auf seine Person kommen werde, entschloß er sich, Pirna eiligst zu verlassen, und ging zu Fuß nach Großcotta, wo ihn eine befreundete Familie, die im Wagen aus Pirna geflüchtet war und sich auf dem Wege nach Teplitz befand, aufnahm. Auch der Amtshauptmann hatte sich dorthin begeben.

In Pirna hatte unterdessen der Kommandant der Kommunalgarde seinen Posten niedergelegt und dem Riemermeister Just übergeben, was durch Maueranschlag bekanntgegeben wurde. Gleichzeitig verkündeten Plakate, daß sich nach dem Dresdener Vorbilde ein Sicherheitsausschuß gebildet habe, der sich aus Ratsmitgliedern, Stadtverordneten, Bürgern, Arbeitern und Turnern zusammensetzte. Der Arbeiterverein forderte in einem besonderen Anschlag seine Mitglieder auf, sich dem Sicherheitsausschuß zur Verfügung zu stellen. Allmählich trat in Pirna wieder Ruhe ein, wozu namentlich die aus Dresden eintreffenden Nachrichten von der endgültigen Unterdrückung des Aufstandes und der Flucht der provisorischen Regierung beitrugen.

Amtshauptmann und Bürgermeister übernahmen nach ihrer sofortigen Rückkehr ihre Amtsgeschäfte wieder, verließen aber bald in Verbitterung über die ihnen angetanen Kränkungen ihre Wirkungsstätten. Ritterstädt wurde zum Assessor beim Appellationsgericht in Dresden ernannt, wo er hochbetagt als Appellationsgerichtsrat i. R. 1883 starb.

Nachdem über Dresden und die Umgebung von drei Meilen der Kriegszustand verhängt worden war, wurde Pirna am 10. Mai militärisch besetzt, zunächst durch eine Kompanie Schützen und eine Schwadron leichte Reiter, die später durch andere Truppen, vorübergehend im Juni und Juli auch durch preußische Landwehr, abgelöst wurden. Mitte September kehrte die 5. Schwadron Gardereiter aus dem dänischen Kriege in ihre alte Garnisonstadt zurück.

Durch Befehl des Oberbefehlshabers der bewaffneten Macht vom 12. Mai wurde die Versammlungs- und Vereinsfreiheit aufgehoben; nur die rein gesellschaftlichen und kulturellen Vereine bestanden weiter. Der Deutsche Verein wurde aufgelöst, ebenso der Turnverein, dessen Mitgliedern allerdings die Ausübung des Turnbetriebs ohne vereinsmäßigen Zusammenschluß gestattet wurde. Aufgelöst wurde auch die Kommunalgarde, die auch später nicht, wie in vielen anderen Orten, neu organisiert wurde. Sämtliche Waffen mußten auf dem Rathause abgeliefert werden und wurden nach Dresden in das Zeughaus gebracht, aber nach Aufhebung des Kriegszustandes im-Juni 1850 ihren Eigentümern wieder zurückgegeben. Die ,,Fliegende Fähre” wurde nicht verboten und erschien bis zum Ende des Jahres 1854.

 

IX. Die Pirnaer Opfer des Maiaufstandes

Die im ganzen Lande einsetzende Verhaftungswelle erfaßte eine Anzahl Pirnaer Einwohner. Einige waren schon in Dresden während der Kampftage in Gefangenschaft geraten, die meisten aber als harmlose Mitläufer wieder entlassen worden. Andere hatten sich der Verhaftung durch die Flucht entzogen. Der Rechtskandidat Köhler, der bei der provisorischen Regierung beschäftigt gewesen war, floh über Bremen nach Amerika; der Führer des zweiten Pirnaer Zuzugs, der Schriftsetzer Naumann, flüchtete nach England. Durch das Militär wurden in Pirna verhaftet und unter starker Bedeckung in Wagen nach Dresden abtransportiert: Am 12. Mai Fährmeister Hille, Turnlehrer Schmidt, Zigarrenmacher Rau, Schneidermeister Decker und Maurerpolier Mitzschke, am 18. Mai Tuchmachermeister Wohlrab, Seifensiedermeister Gottlob Flachs, Kaufmann Traugott Meißner, Bürstenmachermeister Behnisch und Markthelfer Schmidt, am 14. Mai der Landtagsabgeordnete Aktuar Seltmann. Auch von diesen wurde die überwiegende Mehrzahl wieder auf freien Fuß gesetzt. Bei der dem Pirnaer Stadtgericht übertragenen Untersuchung gegen 63 Einwohner ,,wegen direkter oder indirekter Beteiligung an dem Maiaufstand” ergab sich, daß der größte Teil der Teilnehmer an den Zuzügen nach Dresden an keinen Kampfhandlungen teilgenommen hatte, sondern nur im Sicherheitsdienst kurze Zeit tätig gewesen war. Nur einige wenige hatten mitgekämpft, vor allem auf den Barrikaden am Neumarkt. Das gegen 50 Angeklagte eingeleitete Rechtsverfahren endete im Februar 1850 mit dem Freispruch, bis auf fünf, die aber anscheinend auch ohne größere Freiheitsstrafen davonkamen. Ihre Namen konnten nicht festgestellt werden.

Hart betroffen wurde dagegen der Töpfermeister Oswald Lauschke, der mit Dr. Haußner als einer der ersten nach Dresden geeilt war und bei dem Kampf um die Barrikade am Hotel de Pologne von der Schußwaffe Gebrauch gemacht hatte. Er wurde im Juli 1850 zum Tode verurteilt, dann aber zu zehn Jahren Zuchthaus begnadigt, von denen ihm schließlich im November 1851 auf dem Gnadenwege sieben Jahre erlassen würden.

Zwei Todesopfer des Malaufstandes hatte Pirna zu beklagen. Bei dem Angriff auf das Zeughaus in Dresden war als erster Toter auf selten der Aufständischen der Zigarrenarbeiter Wirth aus Copitz am 3. Mai gefallen. Der andere Blutzeuge der Freiheitskämpfe jener Tage war Dr. Haußner. Als einer der ersten Pirnaer Freiwilligen war er am 4. Mai nach Dresden geeilt und hatte, wie es heißt, als Kommandant einer Barrikade aktivsten Anteil an den Kämpfen genommen. Er geriet in preußische Gefangenschaft, riß sich aber beim Transport nach Dresden-Neustadt von der Begleitmannschaft los und sprang im Vertrauen auf seine Schwimmkunst in die Elbe. Nachgesandte Schüsse töteten ihn. Sein Leichnam wurde am 16. Mai bei Sörnewitz angeschwemmt und an Ort und Stelle begraben. In der Fliegenden Fähre vom 22. Mai wurde ihm auf der Titelseite ein schwarzumränderter ehrender Nachruf gewidmet, in dem es heißt:

,,Es gibt Charaktere, die von der Wahrheit und Vortrefflichkeit einer Idee so begeistert sind, daß sie alles, selbst Ehre, Glück und Leben für dieselbe einzusetzen bereit sind.”

Die Nachricht von seinem Tode erschütterte alle freiheitsliebenden Pirnaer. Bald tauchten aber Zweifel daran auf, daß es sich bei dem Toten wirklich um Dr. Haußner handele, obwohl bei ihm eine lederne Tasche gefunden worden war mit einem messingenen Schlosse, auf dem ,,Dr. Haußner aus Pirna” eingraviert war. Man wollte ihn noch in Dohna, in Freiberg und Tharandt gesehen haben. So entschlossen sich der Verleger der Fliegenden Fähre Keller und drei andere Pirnaer Freunde, nach der Begräbnisstätte zu fahren, wo sie die Erlaubnis zur Ausgrabung erhielten. Nachdem sie die Identität des nur in Stroh gebetteten Toten festgestellt hatten, legten sie ihn in einen bereitgehaltenen Sarg und überführten ihn nach dem Friedhof zu Brockwitz, wo er am 29. Mai unter Glockengeläut und den Segensworten des Ortsgeistlichen feierlich beerdigt wurde.

Sein Mitarbeiter Keller ehrte noch einmal in seinem Bericht hierüber in der Fliegenden Fähre das Andenken dieses aufrechten und mannhaft sich aufopfernden Pirnaer Freiheitshelden mit den Worten:

,,Mit Schmerz habe ich mich hiermit des Freundschaftsdienstes entledigt, den ich dem Vollendeten schuldig zu sein glaubte. Sanft ruhe seine Asche, und noch lange daure sein Andenken in den Herzen aller der Edlen fort, die an Gesinnungstüchtigkeit ihm gleichen und für das Wohl des Vaterlandes und die Freiheit der Völker eine nicht bloß erkünstelte, sondern wahre Begeisterung im Herzen tragen!”

Ein Beweis dafür, daß dem im Alter von 30 Jahren Frühvollendeten seine Pirnaer Freunde über den Tod hinaus die Treue hielten, ist das Ergebnis der Versteigerung seines Nachlasses am 24. September. Für die Gegenstände wurden Preise geboten, die über dem Anschaffungswert lagen. Die Weihe einer Erinnerungstafel an dem Hause Barbiergasse 10, Ecke Dohnaische Straße, wo Dr. Haußner im 1. Stock gewohnt hat, bezeugt, daß auch heute noch in Pirna das Gedächtnis an diesen Vorkämpfer für die Einheit eines demokratischen Deutschlands in Ehren gehalten wird.

 

 

Pirna und der Dresdner Maiaufstand von 1849

Gliederung des Vortrags

1.      Die Ereignisse in Dresden

2.      Wesentliche Revolutionsvorgänge in Pirna vor dem Maiaufstand

a)      Haußner, der Deutsche Verein und die Fliegende Fähre

b)      Vaterlandsvereine in der näheren Umgebung

c)      Die Bildung des Arbeitervereins mit seinen Zweigvereinen

d)      Die Wahl Roßmäßlers zum Abgeordneten des 22. sächsischen Wahlkreises

e)      Die Wahl Seltmanns zum Landtagsabgeordneten

f)        Die Radikalisierung im DV und der Übergang des Vorsitzes an Haußner

3.      Die Ereignisse während des Maiaufstandes

a)      Die Stadtverordnetenversammlung für die Reichsverfassung

b)      Züge nach Dresden – die Haltung der Kommunalgarde – der Sicherheitsausschuß unter Seltmann

c)      Das Pulverschiff

d)      Die Empörung gegen Ritterstädt und den Amtshauptmann

e)      Pirna unter Besatzung und Ausnahmerecht

4.      Die Pirnaer Opfer: Haußner, Wittig, Barth, Köhler, Seltmann

5.      Weitere Verfolgungen

a)      Friedrich Oswald Lauschke

Das Verfahren gegen die 63

 

Fragen:

·        Öffentliche Meinung zur Monarchie – zur Einheit Deutschlands – zur Fürstenherrschaft

·        Wie ist die schwankende Haltung des Bürgertums in Pirna zu erklären? – Warum entstanden zwar in der Umgebung mehrere Vaterlandsvereine – nicht aber in Pirna?

·        Offene Fragen, weiterer Forschungsbedarf:

1.      Analyse der Entwicklung des Deutschen Vereins anhand seiner Versammlungsprotokolle

2.      Welchen Widerhall fand die Revolution unter der bäuerlichen Bevölkerung der Umgebung?

3.      Was ist eventuell über die Vaterlandsvereine in Neustadt, Königstein und Schandau zu ermitteln?

4.      Was vermelden die Kirchenarchive Pirnas und der Umgebung aus dieser Zeit?

5.      Weitgehend unerschlossen sind noch die Stadtverordnetenprotokolle aus der Zeit zwischen 1845 und 1860-70.

6.      Offen: Das ganze Feld sozialer Ungleichheit, also Sozialstruktur, Einkommens- und Lebensverhältnisse verschiedener Schichten, Anteil an, Ausschluß von politischen Teilnahmerechten.

 

 Material zum Vortrag

1. Dr. Wilhelm Adolph Haußner

Initiator jeder demokratischen Bewegung in den 40er Jahren und zweifellos politisch klarster Kopf in unserer Stadt war der junge Arzt Dr. Wilhelm Adolph Haußner.

W.A.Haußner, am 7.4.1819 in Plauen geboren, war der Sohn des dortigen Stadtrichters Heinrich Adolph Haußner, der während der Revolution demokratischer Abgeordneter des sächsischen Landtags und gleichfalls an den Kämpfen in Dresden beteiligt war. Er emigrierte nach der Niederlage des Dresdner Aufstandes in die Schweiz.

W.A.Haußner studierte nach Abschluß des Gymnasiums seit 1839 an der Universität Leipzig Medizin. Wegen burschenschaftlicher Betätigung wurde er dort gemaßregelt. Bereits 1843 promovierte er zum Dr. med. Im Juni 1844 erhielt er eine Anstellung als Arzt in Dohna und ließ sich Anfang 1845 in Pirna nieder.

Sein öffentliches Auftreten in unserer Stadt begann 1846, als er mit anderen jungen Leuten einen Turnverein gründete. Während der ersten Revolutionswochen scheiterte seine Absicht, einen Vaterlandsverein in Pirna zu gründen, einen jener radikal-demokratischen Vereine in Sachsen, die der Buchhändler Robert Blum in Leipzig initierte. Die das politische Leben beherrschenden, in monarchistischem Denken befangenen, wankelmütigen Beamten, Kaufleute und Handwerker leisteten dem Widerstand und setzten sich durch. So entstand am 16.4.1848 ein Deutscher Verein der gemäßigt-liberalen Richtung. In ihm vermochte Haußner jedoch immer stärker seine konsequent demokratischen Ansichten zur Geltung zu bringen. Das äußerte sich in seiner Wahl zum Delegierten der Hauptversammlung der Deutschen Vereine in Leipzig. Das hinderte ihn aber auch nicht, an der Tagung der Vaterlandsvereine in Dresden teilzunehmen. Im November erreichten die politischen Auseinandersetzungen im Deutschen Verein ihren Höhepunkt. Dr. Haußner setzte sich mit seinen Gesinnungsgenossen durch und wurde Vorsitzender.

Seit dem 5. Mai 1848 erschien bei Buchdrucker Keller die von Dr. Haußner herausgegebene „Fliegende Fähre - ein Verbindungsblatt für die Bewohner der Oberelbe...“ als Wochenblatt unter dem Motto „Wahrheit gegen Freund und Feind“. [1] Damit verschaffte sich Haußner ein Publikationsorgan von kämpferischem Geist mit beträchtlichem Einfluß im gesamten Gebiet der Amtshauptmannschaft Pirna.

Am Montag, dem 6.6.1848 begründete er den hiesigen Handwerksgehilfenverein, als dessen Zweck „zeitgemäße Fortbildung“ angegeben wurde. Ab August trat für ihn die Bezeichnung Arbeiterverein auf. Als Zweck des Gründung des Arbeitervereins gab Dr. Haußner im Oktober 1848 in einem Bericht an den Hauptausschuß der sächsischen Arbeitervereine in Leipzig an, der Verein sei  ins Leben gerufen worden „aus einem stark gefühlten allgemeinem Bedürfnisse zu einer Vereinigung, einem engeren Aneinanderschließen der Arbeiter behufs der eigenen Forschung nach den Haupt- und Grundursachen ihres dermaligen gedrückten Verhältnisses, Beantwortung der diesfalls aufgestellten Arbeiterfragen, Darlegung ihrer Wünsche hierbei, endlich der Selbsthilfe und zwar der erlaubten Selbsthilfe nach Anleitung der niedergesetzten Arbeiter-Commission zu gebenden Vorschläge...“ Erklärtes Ziel war die „zeitgemäße Fortbildung“. Wie aus der Tätigkeit des Vereins aber hervorgeht, schloß sie die aktive Teilnahme am politischen Leben ganz selbstverständlich ein.

 

2. Friedrich Oswald Lauschke

Während das Gerichtsverfahren gegen die meisten Pirnaer Teilnehmer keine ernsten Folgen hatte, wurde der Töpfermeister Friedrich Oswald Lauschke hart betroffen. Er bekannte sich offen dazu, am ersten Zuzug nach Dresden zum Barrikadenkampf teilgenommen zu haben.

Lauschke wird am 4.7.1822 in Pirna geboren. Er entstammt einer wohlsituierten und angesehenen Handwerkerfamilie der Stadt. Sein früh verstorbener Vater, Töpfermeister, Bürger und Ratsmitglied, war zeitweise auch Stadtältester in Pirna. Seine Mutter war die Tochter des Schankwirts auf der Festung Königstein. Faßt man alle über ihn schriftlich überlieferten Aussagen zusammen, so ergibt sich das Bild eines wachen, begeisterungsfähigen, handwerklich geschickten und erfinderischen Mannes von aufrechter Gesinnung und starkem Charakter, der seinen Überzeugungen gemäß handelte. Nach der Niederschlagung des Dresdner Aufstandes stellte er sich freiwillig den Untersuchungsbehörden.

Wurde er gerade deshalb nach kurzer Haft bis zum Gerichtsverfahren entlassen? Zwischen dem 16.5. und dem 4.12.1850 befindet er sich in Haft in der Fronfeste Pirna (Schmiedestraße). Am 1.8.1850 wird über ihn das Todesurteil gefällt. Am 18.11.1850 heiratet Lauschke in der Fronfeste Augusta Amalia Müller, Tochter des Obermeisters der Zeug- und Leineweber-innung zu Pirna. Die Akten des Staatsarchivs in Dresden enthalten eine Fülle von Gnadengesuchen des Stadtrates, des Stadtgerichts, des evangelischen Archidiakonus Eger, des katholischen Pfarrers Helzel, der Geschwister Lauschkes, Gesuche mit teilweise bis zu 300 Unterschriften - Zeugnisse für das öffentliche Ansehen des Verurteilten. Am 29.10.1850 wir dann auch das Todesurteil in eine zehnjährige Zuchthausstrafe umgewandelt. Der zu dieser Zeit 28jährige Lauschke erlebt in der Folgezeit in der Strafanstalt Zwickau die Nachricht von der Totgeburt seines ersten Sohnes, den Niedergang seiner einst florierenden Töpferei in der Schifftorvorstadt (heute Steinplatz 21), in der bis zu seiner Verhaftung 5 Gesellen, 2 Lehrlinge und 2 Arbeiter beschäftigt waren. Wenn er auch am 23.8.1850 in der „Fliegenden Fähre“ bekanntmachen läßt, die Geschwister und Bekannten würden im Verein mit seinen Gehilfen sein Geschäft weiterführen, so zeugen die Angaben über den wirtschaftlichen Verfall und die fortschreitende Verschuldung in den Gnadengesuchen, die nach dem 29.10.1850 weitergehen, vom allmählich herannahenden Ruin des Unternehmens. Daß er übrigens selbst Gnadengesuche eingereicht hätte, ist nicht überliefert. Die Zuchthausstrafe für Lauschke wird am 6.11.1851 auf drei Jahre herabgesetzt. Anfang Juni 1852 wird er völlig begnadigt und nach Hause entlassen.

Von da ab werden die Nachrichten über ihn dürftig. Wir erfahren lediglich, daß sein Besitz (Haus und Töpferei) im Sommer 1861 an seinen Schwager, den Seifensiedermeister Johann Gottlieb Flachs übergeht. Von der Verelendung der Familie zeugen besonders zwei Tatsachen: Von sieben Kindern, die seine Frau zwischen 1851 und 1861 zur Welt bringt, sterben fünf meist im Säuglingsalter. Aus den Jahren 1871 und 1875 finden wir Vermerke in den Armenschulakten über von Lauschke zu bezahlende Schulgeldreste mit Summen zwischen 2 Talern, 6 Groschen und 12 Mark, 30 Pfennigen und den Zusätzen „wird erlassen, da nicht einbringbar“ oder „ist abzuschreiben“. Seiner wirtschaftlichen Existenzmöglichkeiten beraubt, verläßt Lauschke, wahrscheinlich im Frühjahr 1875, Pirna, wohin ist bisher nicht zu ermitteln gewesen.

Am 4. März 1872 „zeigt Friedrich Oswald Lauschke, Töpfer, wohnhaft Dohnaische Gasse 93, im Hofe 1 Treppe...die Gründung einer >Genossenschaft Vorwärts< an“.

Lauschke, der als Vorsitzender gewählt ist, übersendet auch das „Grundgesetz der Genossenschaft Vorwärts zu Pirna“ vom 25.2.1872. Darin wird als Zweck der Gründung „gegenseitige Aus- und Fortbildung in allen Gebieten des Wissens“angegeben.

Dieser Mann also gründet 1872, damals fünfzigjährig, die Genossenschaft Vorwärts. Wie kommt er dazu? Haben die Revolutionsereignisse prägend gewirkt, die freundschaftliche Verbindung mit Dr. Haußner, mit dem er im Turnverein und im Deutschen Verein häufig zusammen war? Hat er in der Haftanstalt Zwickau Verbindung mit Männern erhalten, die sozialistische Ideen vertraten? Sind solche Verbindungen über die Haftjahre hinaus festgeblieben und weiter ausgebaut worden? Sicher ist lediglich, daß Lauschke die Genossenschaft Vorwärts gründet und ihr erster Vorsitzender wird, aber auch, daß die Genossenschaft sofort feste Kontakte nach Dresden aufweist.

 

3. Zigarrenarbeiter Wirth

 Über den Zigarrenarbeiter Fedor Hugo Constantin Leopold Wirth wissen wir sehr wenig. Im September 1839 errichtete er, der aus Guhrau bei Breslau stammte, in der Langestraße 7 eine Cigarren-Tabak-Fabrik mit einem Kompagnon namens Junker. Er geriet aber in Auseinandersetzungen mit der Kaufmannsinnung und mußte aufgeben. Wirths Frau Emilie Auguste erwarb 1841 in Copitz ein Grundstück und erbaute ein Wohn und Geschäftshaus. Damit erwarben die Wirths 27.7.41 das Bürgerrecht der Stadt Pirna. Bereits Anfang 1844 gingen sie aber in Konkurs. Der endete mit dem Verlust von Haus und Grundstück.

Wirth war dann wahrscheinlich wieder als Tabakspinner tätig; das Bürgerrecht erlosch 2.8.45.

Vermutlich war Wirth Mitglied des Arbeitervereins. Er nahm ebenfalls am ersten Zuzug nach Dresden teil. Es kursierte damals eine Version, nachdem Wirth der erste Gefallene in Dresden gewesen und auf einem Wagen aufgebahrt durch die Stadt gefahren worden sein soll. Dem widerspricht aber die Eintragung im Sterberegister der Kreuz-Kirchengemeinde Dresden, wonach er am 6.Mai 1849 verstarb und am 9. Mai beerdigt wurde.

 

4. Heinrich Seltmann

 H.A. Seltmann wurde am 14.12.1810 in Oberwiesenthal geboren. Von 1834-1837 studierte er an der Leipziger Universität Jura. Die Referendarzeit verbrachte er in Sayda, in der damaligen Amtshauptmannschaft Freiberg. Von Juli l839 - März 1841 arbeitete er als Aktuar am Fürstlich Schönbergschen Gericht auf Schloß Purschenstein, in der Nähe von Sayda gelegen. Von 1843 bis 1846 war er als Advokat in Frauenstein tätig.

Heinrich Seltmann heiratete im September 1841 Emilie Auguste Hänel. Ihre ersten beiden Kinder verstarben. In der Folgezeit lebte das Ehepaar, dem inzwischen Sohn Max und Tochter Ida geboren wurden, in Pirna. In dieser Zeit wurde Seltmann auch zum Abgeordneten der 2. Kammer des Sächsischen Landtages ernannt. Heinrich August Seltmann war aktiv am politischen Leben der Revolutionsjahre 1848/49 in Pirna beteiligt. Im Mai 1848 gehörte er zu den sechs Wahlmännern, die Prof. Roßmäßler als Vertreter des Wahlkreises Pirna in die Frankfurter Nationalversammlung schickten. Als im April 1848 in Pirna ein „Deutscher Verein“ gegründet wurde, bestimmten dessen Mitglieder Seltmann zum Stellvertreter des Vorsitzenden, Advokat Katzer.

Als Kandidat des „Deutschen Vereins“ wurde er Ende 1848 in die 2. Kammer des Sächsischen Landtags gewählt.

Aus den vorliegenden Dokumenten wird ersichtlich, daß sich Seltmann von gewaltsamen Umsturzgedanken, wie sie beispielweise auch der Pirnaer Demokrat Wilhelm Adolph Haußner vertrat, distanzierte. Er bezeichnete sich selbst als einen „Feind der Reaction wie Feind der unbeschränkten Demokratie.“ Wahre Freiheit war nach seiner Ansicht „nur auf dem Wege ruhiger Reform“ zu erzielen.

Während des Maiaufstandes 1849 versuchte er deshalb, in Pirna für Ruhe und Ordnung zu sorgen und die aufgebrachte Bevölkerung zu beschwichtigen. Durch sein besonnenes Handeln konnte Blutvergießen verhindert werden.

Aufgrund von Denunziationen wurde er am 14. Mai 1849 verhaftet und in die Pirnaer Fronfeste gesperrt. Während seiner einjährigen Haft hinter meterdicken feuchten Kerkermauern zog er sich ein schweres Lungenleiden zu. Weder seine Freilassung noch ein Kuraufenthalt in Strehlen konnten Heilung bringen. Er starb qualvoll am 19.3.1851 in Pirna.

In der Zeitung „Die Fliegende Fähre“ vom 21.März 1851 heißt es:

„Am 19.März verstarb der hiesige Amtsactuar Seltmann. Er führte seinen Namen in der That, er war ein seltener Mann, an Talent und Herzensgüte. Nur wenige Jahre erst hier und wie hatte man ihn doch so lieb gewonnen.“

Heinrich August Seltmann verdient es, in der Reihe der aus Pirna stammenden Todesopfer der 49er Revolution, Dr. Wilhelm Adolph Haußner, Zigarrenarbeiter Feodor Hugo Wirth und Schneidergeselle Friedrich Ernst Barth - genannt zu werden.

 

  5. Friedrich Ernst Barth

Über den Schneidergesellen Friedrich Ernst Barth wissen wir eigentlich nur, daß er zu denen gehörte, die „nach erhaltenen Wunden“ bei den Barrikadenkämpfen verstarb. In einer amtlichen Liste finden wir ihn unter den als tot Genannten unter Nr. 7.

    B II-IX,06 Wahl eines deutschen Nationalvertreters im XXII. Wahlbezirk d. Kgr. Sachsen. AHM Pirna und Dippoldiswalde.

Nach Gerichtsbezirken gegliedert: 88 Wahlmänner gewählt. (Verzeichnis aller Wahlmänner)

Wahl am 15.Mai 1848. Ergebnis:

Prof Roßmäßler, Tharandt                               53 Stimmen

Prof. Weber, Leipzig                                       22 Stimmen

Staatsminister v.Carlowitz, Dresden                 6 Stimmen

Adv. Schumann, Dippoldiswalde                     6 Stimmen

Dr. Theile, Lungwitz                                        1 Stimme

Als Stellvertreter gewählt: Adv. Schumann.

    Rolf Görner, Emil Adolf Roßmäßlers Leben und politisches Wirken. Sächsische Heimatblätter, 1956, Heft 14/15, S. 1-10.

Geb. 3.3.1806 in Leipzig, Vater Kupferstecher, Eltern früh gestorben. Studium der Theologie in Leipzig ab 1825, Abbruch 1827.

Übernahme der Leitung einer schola collecta (Privatschule) in Weida, Thüringen.

In Weida zum Naturwissenschaftler geworden: Botanische Aufsätze, Herbarmaterial für “Flora in Deutschland”.

1830 Berufung zum Prof. f. Zoologie an der Kgl. sächs. Akademie für Land- und Forstwirte in Tharandt.

Hauptwerk: Ikonographie der Land- und Süßwasser-Mollusken (zw. 1835-1858).

Reisen, Bekanntschaft mit A.v.Humboldt und anderen Gelehrten.

Politische Ansichten reiften: 1845 Begründer des Bürgervereins in Tharandt, wo seit 1848 politische Aussprachen; stellte sich der Revolution begeistert zur Verfügung; Auftritte in Volksversammlungen, für Gründung von Vaterlandsvereinen.

Bewarb sich um einen der 24 Sitze der sächsischen Vertretung in der Frankfurter Nationalversammlung. Für ein Deutschland, „dessen einzelne konstitutionell monarchische Staaten unter dem einigenden Schutze eines unbeschränkten Volksparlaments stehen.” (Werke, S. 136).

Vertreter des 22. sächsischen Wahlbezirks (Pirna) ab 20.5.1848 in der Nationalkversammlung. Platz auf der Linken. Gewissenhafter Vertreter, aber nur einmal größere Rede.

7.7.1848 Antrag, Kommission für Schulangelegenheiten zu gründen; selbst in die Kommission gewählt.

Parlamentsrede vom 18.9.48 mit Material aus Aufruf zu Mitteilungen über Lage und Wünsche der Volksschulen. Gegen kirchliche Schulaufsicht. Antrag zu Grundrechten:

§ 17 Die Wissenschaft und ihre Lehre sind frei.

§ 19 Das gesamte unterrichts- und Erziehungswesen steht unter Oberaufsicht des Staates, bildet einen abgesonderten Zweig der Verwaltung und ist der Beaufsichtigung der Geistlichkeit entzogen.

Hauptursache für das Scheitern der Revolution sah er in mangelhafter Volksbildung.

Hochverratsprozeß, der zu seinen Gunsten entschieden: Bittet um Versetzung in den Ruhestand., geht 1850 nach Leipzig.

Zog als naturwissenschaftlicher Wanderprediger durch viele Städte.

Daneben Herausgabe allgemeinverständlicher wissenschaftlicher Bücher:

Der Mensch im Spiegel der Natur (1849-53)

Populäre Vorlesungen aus dem Gebiete der Natur (1852/53)

Flora im Winterkleid (1854)

Die vier Jahreszeiten (1855)

Die Geschichte der Erden (1856)

Mitarbeiter der “Gartenlaube” (1853-59)

Eigene Zeitschrift: “Aus der Heimat” (1859-66)

Volksbildung (1865)

Mitbegründer der Leipziger Arbeiterbewegung.

1861 Mitarbeit im Gewerblichen Bildungsverein der Polytechnischen Gesellschaft in Leipzig. Oppositionelle Gruppe unter R. bildet 1863 Verein “Vorwärts”, der sich aber 1865 wieder mit dem Gewerblichen Bildungsverein zum “Leipziger Arbeiterbildungsverein” vereinigt. Dort auch Bebel.

Leipzig Ausgangsort für Bildung eines Verbandes Deutscher Arbeiterbildungsvereine. Roßmäßler Vertrauensmann des Leipziger Zentralkomitees. Soll Programm schreiben: 1862 “Wort an die deutschen Arbeiter” (Anfang 1863 erschienen).

Durch bessere Bildung zu politischen Fortschritten.

Sächsische Regierung läßt R. wegen einiger Feststellungen zu einer Gefängnisstrafe verurteilen und die Schrift konfiszieren.

Leipziger Zentralkomitee unklar, wendet sich 1863 an Lassalle, der März 1863 sein “Offenes Antwortschreiben” veröffentlicht.

23.5.1863 im Leipziger Pantheon Gründung des ADAV. R. verbleibt beim Leipziger Arbeiterbildungsverein.

Juni 1863 fährt R. mit Bebel zum Gründungskongreß des Verbandes deutscher Arbeiterbildungs- und Arbeitervereine nach Frankfurt a.M. – 1868 löste sich Verband von der Fortschrittspartei: 1869 Eisenacher!

1866 R. nochmals hervorgetreten: Präsident der Gründungsversammlung der Sächsischen Volkspartei in Chemnitz. In dieser Partei Gegner des Norddeutschen Bundes – auch Bebel und Liebknecht.

R. erkrankte 1866 zum wiederholten Male, starb 8.4.1867.

“Er war ein Wissenschaftler von Rang, dem die Naturkunde wichtige Erkenntnisse verdankt, ein liberaler Bürger, der sich als Abgeordneter der Frankfurter Nationalversammlung und später als Vertrauensmann des Zentralkomitees des Verbandes deutscher Arbeiterbildungsvereine für die sozialen Belange der “niederen Volksschichten” einsetzte und ein Volksredner und –schriftsteller, der unermüdlich für die Verbesserung der naturwissenschaftlichen Volksbildung tätig war.”

Nach Verbüßung der Gefängnisstrafe: “Ich werde nach wie vor so reden und schreiben, so handeln, wie es mir der Dienst der Humanität in deren weitester Bedeutung vorschreibt, mein Streben wird immer darauf gerichtet sein: Durch Bildung zur Freiheit!”

 

Herbert Boden, Warum Roßmäßler-Straße in Pirna? In KV, Dez. 1962, S. 16/17:

Drei Mal als “Aufwiegler” im Gefängnis gesessen: Verheiratet, vier Kinder.

Gehörte mit A.v.Humboldt und Alfred Brehm (mit diesem befreundet) zu den Begründern der volkstümlichen wissenschaftlichen Literatur.

 

Aufruf:

“Mitbürger!

Nachdem für hiesige Stadt ein aus 24 Personen bestehender Sicherheitsausschuß, theils aus dem Arbeiterstande, theils aus den Turnern und der übrigen Einwohnerschaft gewählt worden ist, sich constituiert hat, so wird solches hierdurch öffentlich und mit dem Bemerken bekannt gemacht, daß dieser Ausschuß auf dem hiesigen Rathausse seinen Sitz hat, und so lange, als es die Umstände erheischen, beisammen bleiben wird. Seine Mitglieder tragen am linken Arme eine schwarz-roth-gelbe Binde.

Zugleich wird an sämmtliche hiesige Einwohner die Bitte gerichtet, dem Sicherheitsausschuß bei Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung hiesiger Stadt mit allen Kräften zu unterstützen und insbesondere zu den nöthigen Wachen, wozu die Locale für die Communalgarde und die Arbeiter im Rathause, und für die Turner am Dohnaischen Thore sich befinden, freiwillig und gern sich einzufinden. Der Sicherheitsausschuß versichert seiner Seits, daß er Alles, was in seinen Kräften steht, beitragen werde, um die billigen Wünsche der hiesigen Einwohner zu verwirklichen.

Pirna, den 8. Mai 1849

Der Sicherheitsausschuß

      Actuar Seltmann

         Vorsitzender”

 

  General-Übersicht über die Ergebnisse der vor dem Stadtgericht zu Pirna gegen 63 Personen geführten Untersuchungen wegen direkter und indirekter Beteiligung am Dresdner Aufstande vom 3.-9.Mai 1849

Name                    Vorname                   Beruf                      Alter   AV     

Behnisch                Friedrich Moritz                       Bürstenmachermeister       40           +

Boehme                 Carl Christian                           Zimmergeselle                   53                   

Bourquain              Johann Jacob                           Kattundrucker                  37                   

Braehmer               Paul Robert                             Kürschner-Meister            38                   

Braehmer               Otto Albert                              Kürschner-Meister            31                   

Brückmann            Andreas Benno                        Rechtscandidat                 23                   

Decker                  Friedrich Ferdinand                  Schmiedemeister               29            +

Dittel                      Carl Friedrich                          Maurergeselle                   22                   

Doering                  Samuel Gottlieb                       Tagearbeiter                     39             +         

Eisenschmidt          Joh. Aug. Wilhelm                    Schmiedemeister               42            +

Esmarch                 Heinrich                                   Schriftsetzer (Ausländer)   33            +

Flachs                    Benjamin                                 Seifensiedemeister             46                   

Flachs                    Gottlob                                    Seifensiedemeister             42            +

Flachs                    Heinrich Oswald                      Handlungsdiener               20                   

Gebhardt               Wilhelm Ferdinand                   Klempnermeister               33                   

Glaser                    Carl August                             Amtslohncopist                 24                   

Haecker                 Carl Wilhelm                            Buchbindermeister            30                   

Heinsius                 Oscar Arthur                           Copist                              22                   

Herold                   Samuel Heinrich                       Orgelbauer                       30                   

Hille                       Carl Traugott                           Fährmeister                       41              +

Hoenicke               August Robert                         Schuhmachergeselle          28                   

Hollmann               Friedrich                                  Schmiedemeister               33                   

Hollmann               Carl                                         Schmiedemeister               30                   

Illgen                      Carl Benno                              Bäckergeselle                   22                   

Just                        Johann Gottlob                        Riemermeister                   44                   

Kiesling                  Carl Christian                           Maurergeselle                   45             +         

Kluge                     Gottlieb Robert                        Schuhflicker                      29                   

Kubach                  Ernst Julius                               Steindrucker                     21             +

Lange                    Carl Friedrich                          Advocat                           33                   

Lauschke               Friedrich Oswald                     Töpfermeister                   27               +

Lotze                     Gustav                                     Musikus                            18                   

Ludwig                  Carl Friedrich                          Seilermeister                     46                   

Meißner                 Friedrich Traugott                    Kaufmann                         41              +

Mildner                  Friedrich Wilhelm                     Schiffsherr                        36                   

Mitzschke              Gustav Adolf                           Maurerpolier                     27               +

Müller                    Johann Heinrich                       Tagelöhner                        53               +

Müller                    Julius Robert                            Bäckergeselle                   20                   

Naumann (1)          Carl Gustav                             Schriftsetzer (Ausländer)   25                +

Oehler                   Johann Gotthilf                         Leinewebermeister            47                   

Pankow                 Friedrich Wilhelm                     Tabakspinner                    41               +         

Papperitz               Ernst                                        Seilermeister                     33                   

Peschke                 Carl Gottfried                          Maurergeselle                   32                   

Petters                   Johann Eduard                         Zimmergeselle                   24                   

Pfeiffer                   Ludwig                                    Hutmacherges. (Ausländer)20               +

Pfeiffer                   Joh. Friedr. Wilhelm                 Handschuhmachermeister  26                   

Preller                    Carl Wilhelm                            Herbergsvater                   48               +         

Rau                        Hermann                                  Zigarrenmacher                 27               +

Reinhold                Christoph Michael                    Schneidermeister               40                   

Richter                   Carl Gottlob                            Posamentiermeister           47                   

Richter                   Carl                                         Braumeister                      34                   

Schaefer                Friedrich August                      Buchbindermeister            46                   

Schmidt                 Carl Friedrich                          Kaufmann                         53                 +

Schmidt                 Friedrich Louis                         Turnlehrer                         27                   

Schmidt                 Leberecht Traugott                  Maurergeselle                   28                   

Schneider               Joh. Carl August                      Maurergeselle                   35                +         

Schoene                 Julius Leberecht                       Fleischergeselle                 19                   

Schroeder              Joh. Christian                           Eisenbahnarbeiter              20                   

Streitlinger              Carl August Robert                  Schriftsetzer                      24                   

Thierfelder             Friedrich Ernst                         Markthelfer                       29                 +         

Walther                  Oscar                                      Oekonom                         20                   

Wittig                     Christian Gottlob                      Tagearbeiter                     54                +         

Wittig                     August Moritz                          Cigarrenmacher                21                   

Wohlrab                Carl Friedrich Leberecht          Tuchmachermeister           42    

           

AV = Arbeiterverein (nur solche, die in Vereinsnachrichten oder in der Fliegenden Fähre auftauchen)

(1) = Führer des 2. Zugs nach Dresden; Flucht nach Amerika

Soziale Zugehörigkeit: 27 Arbeiter, 28 Handwerksmeister von 63 Teilnehmern

   

Dieter Weber, Die Festung und der Dresdner Maiaufstand 1849. in KV, Mai 1961, S. 1-5.

Auf der Festung inhaftiert:

Michail Bakunin – 29.5.49, zu 9½ Monaten Gefängnis – Zelle 9 Georgenburg.

Carl August Röckel – 29.8.49 eingeliefert, 8.7.50 aus Zelle 11 nach Waldheim.

Otto Leonhard Heubner – 30.6.50 nach Waldheim; Zelle 8.

Alexander Clarus Heinze – Zelle 7, 17.10.50 nach Waldheim.

Karl Friedrich von Rohrscheid (Hauptmann), 2.5.50 in Zelle 1 eingeliefert.

Franz Moritz Kirbach (Rechtskandidat), 6.10.51-23.6.52 in der Georgenburg.

 

  Abendroth, Abt. IV. Gedruckte Berichte über den Maiaufstand.

Beilage zur Nr. 137 des Dresdner Journals, Montag, 21.5.1849, S. 1086:

Namensverzeichnis der beim Aufstand vom 3.-9. Mai Gefallenen und Verwundeten:

I Todte: 6. Schneidergeselle Friedrich Ernst Barth aus Pirna. Später an erhaltenen Wunden gestorben.

91. Cigarrenspinner Wirth (handschriftlich: aus Copitz)

II Verwundete: Friedrich August Köhler, Müller aus Pirna. (in der Liste der Angezeigten und zur Untersuchung Gekommenen,

Abt. VI, S. 150, unter Nummer 397: gestorben!)

 

Abendroth, Abt. V, Dresdner Journal und Anzeiger, Nr. , 7.10.1849, S. ½:

Verzeichnis sämtlicher Suspendierten:

Justizministerium:

5. Bürgermeister Meyer in Stolpen

Ministerium des Innern:

5. Rathmann Vetter in Neustadt

18. Bürgermeister und Advocat Meyer in Stolpen

45. Rathmann Böhme, Stolpen

Cultusministerium:

8. Schullehrer Weißbach in Schlößchen Porschendorf

17. Schullehrer Fröde in Helmsdorf

19. Lehrer Schellhorn in Königstein

Finanzministerium:

1.      Leutnant u. Grenzaufseher Bauer, Schandau.

11.  Leutnant und Obergrenzkontrolleur, v. Schweinitz, Schandau

12.  Grenzaufseher Stromann, Schandau

Alle Genannten sind für Landtagswahlen nicht wählbar. Den beiden Leutnants wurde der Offizierscharakter entzogen.

 

Abendroth, Abt. VI, Beglaubigte Copien

S. 19f: Vaterlandsvereine u.a.

Hohnstein b. Stolpen                                                               65 Mitglieder

Neustadt b. Stolpen u. Umg., Rechtscandidat Streit                 439 Mitgl.

Schandau (Vors. L.Aubert, Apotheker)                                  175 Mitgl.

Stolpen mit 7 Dörfern, Schriftführer D. Kretzschmar                312 Mitgl.

Kunersdorf Hohnstein b. Stolpen, Vors. Lehrer Hantzsch

S.150 f: Hauptverzeichnis aller bis zum 25.8.1849 polizeilich angezeigten und zur Untersuchung gekommenen Personen.

30. Borrmann, Julius Robert, Bäcker, Pirna

32. Breitfeld, Carl Gottlob, Schmiedemeister, Dohna

38. Benisch, Friedrich Moritz, Bürstenmacher, Pirna

39. Böhme, Friedrich August, Seifensiedermeister, Dohna

44. Bierling, Hugo, Expedient, Pirna

77. Broser, Johann Friedrich, Schenkwirth, Schandau

99. Decker, Friedrich Ferdinand, Schneidermeister, Pirna

122. Eisenschmidt, Johann Wilhelm August, Schneidermeister, Pirna

123. Esmarch, Heinrich, Schriftsetzer, Schlesien

149. Flachs, Johann Gottlob, Seifensiedermeister, Pirna

190. Gierth, Johann Gottlieb, Schneider, Langenwolmsdorf

194. Gräber, Franz Ludwig, Schuhmacher, Königstein

206. Gröber, Franz Ludwig, Schuhmachergeselle, Königstein

231. Herrmann, August, Strumpfwirker, Neustadt b. Stolpen

250. Hentzschel, Heinrich Ferdinand, Bäckermeister, Berggießhübel

267. Hille, Carl Traugott, Fährmeister, Pirna

270. Haase, Gustav Adolph, Advocat, Thürmsdorf

274. Hartmann, Gottlieb August, Handarbeiter, Neustadt b. Stolpen

321. Judenfeind, Carl Gottlob, Schiffmann, Krebs

375. Kuhbach, Ernst Julius, Steindrucker, Pirna

397. Köhler, Friedrich August, Müller, Pirna – gestorben

434. Lauschke, Friedrich Oswald, Töpfermeister, Pirna

438. Lorenz, Heinrich, Tischlergeselle, Burgstädtel

458. Müller, Johann Heinrich, Handarbeiter, Copitz

472. Meißner, Friedrich Traugott, Kaufmann, Pirna

473. Mitzschke, Gustav Adolph, Maurerpolier, Pirna

474. Mothes, Eduard Moritz, Glasermeister, Dohna

553. Peitz, August Ferdinand, Schornsteinfegergeselle, Pirna

586. Rau, Hermann, Cigarrenmacher, Pirna

596. Reichert, Johann Gottlieb, Handarbeiter, Maxen

604. Richter, Friedrich August, Korbmachergeselle, Pirna

646. Schmidt, Friedrich Moritz, Fleischer, Berggießhübel

662. Seifert, Herrmann, Buchhändler, Hohnstein

668. Schmidt, Louis, Tanzlehrer, Pirna

669. Schmidt, Carl Moritz, Markthelfer, Pirna

672. Seltmann, (Heinrich August), Actuar, Pirna

801. Wohlrabe, Carl Friedrich Leberecht, Tuchhändler, Pirna

850. Zeibig, August Wilhelm, Schlossergeselle, Stolpen

855. Zentner, August Wilhelm, Fleischer, Dohna

856. Zeuner, August Wilhelm, Wundarzt, Dohna.

   

Pirnaisches Wochenblatt, 40. Jg. 1849

S. 308  Jahreshauptversammlung Turnverein. 190 Mitglieder. Turnwart Haußner; Oswald Lauschke auch im Turnrat.

S.423   9..Mai 49: Stadtverordnetensitzung am 4.5.49: Auf Antrag des Stadtv. Behnisch erklärt das Kollegium einstimmig, “daß es die Reichsverfassung für das Königreich Sachsen zur Geltung gebracht wissen wolle”, ...”alle Beschlüsse der Nationalversammlung (müßten) vom Volke anerkannt werden.”

S. 427  12. Mai 49: Steckbrief gegen Adv. Samuel Erdmann Tzschirner

Geh. Regierungsrath Karl Todt

Kreis-Amtmann Otto Leonhard Heubner

S. 429  Pirna, 11. Mai: Gestern Abend gegen 7 Uhr Kompanie Schützen (150-160 Mann) sowie Abteilung des leichten Reiterregiments (50 Mann) hier eingerückt. Unterkunft im Rathaussaal und im Weißen Roß. Sollen von Preußen abgelöst werden. – Am 10. Juni rückte eine preußische Kompanie für kurze Zeit ein.

Aufforderung zur Anzeige aus Dresden Geflohener bei Polizeiexpedition.

S. 497  Dr. Haußner war auch Stadtverordneter!.

 

B II-XXVIII, 01, Acten, die Ereignisse im Monat Mai 1849 und den in deren Folge über die Stadt Pirna verhangenen Kriegszustand betreffend.

30-38     Bericht, die Pirnaische Communalgarde betreffend, von AHM v.Winkler vom 14.5.1849.

33b      “Am 1. Tage des Kampfes (4.Mai) bloß Dr. Haußner, Turnlehrer Schmidt und Töpfer Lauschke, den folgenden Tag aber 50 Männer”, am folgenden Tag 50 Männer, die jedoch meistens am Abend zurück, “dem Vernehmen nach unzufrieden mit ihrer dortigen Verwendung”.

bis 48   Dazu Stellungnahme des Stadtrates vom 18. Juli 1849.

75                Waffenabgabe: 503 Personen aufgeführt.

76                Communalgardisten nach Dresden:

4. Mai: 4

5. Mai: 52

6. Mai: 56 von Dresden nach Pirna.

Kostenlos befördert; dafür Rechnung auf 18,20 M von Eisenbahnverwaltung.

91                Am 3.6.1850 Kriegsrecht wieder aufgehoben. Danach Waffenrückgabe.

 

  ND, 8./9.Mai 1990

Es begann mit dem Sturm auf das Zeughaus

Von Karin Jeschke und Gunda Ulbricht

 Überliefert ist uns aus den Maitagen des Jahres 1849 der Augenzeugenbericht des braven Dresdner Bürgers Gustav Nieritz, der hier 50 Jahre Lehrer war: »Drei Kriege hatte ich erlebt und deren Schrecknisse, namentlich in dem letzten, kennengelernt. Doch waren sie nichts gegen den Aufruhr und Bürgerkrieg in den wenigen Maitagen des Jahres 1849, an deren blutigen Opfern die Regierung einen großen, ja den allergrößten Teil der Schuld trug. Denn sie rührte keine Hand, keinen Finger, um die Empörung im ersten Keime zu ersticken. Wenige Soldaten hätten gereicht, diese Leute zu verjagen, indem man ihnen hinter die Ohren schlug.

Männer, Frauen, Kinder, Pöbel und Bürger, ja selbst höhere Staatsbeamte arbeiteten an Straßenverschanzungen. Tausende der Einwohner aus allen Ständen sahen diesem neuen Schauspiele zu und überkletterten lachend die bunt durcheinander aufgetürmten Hindernisse «

  Der in den letzten Zeilen anklingenden Wertung der Revolution als Volksfest konnte man auch in den Inszenierungen des Jubiläumsjahres 1998 begegnen. Dem widersprechen jedoch in deutlicher Weise zwei schlichte Obelisken auf Dresdner Friedhöfen, die den Gefallenen des Maiaufstandes gewidmet sind. Über die Zahl der Opfer gehen die Angaben der Historiker weit auseinander. Eine neuere Untersuchung nennt 197 tote Aufständische und acht preußische sowie 23 sächsische Soldaten.

Am 27. März 1849 hatten die Abgeordneten der Paulskirche die Deutsche Reichsverfassung verabschiedet. Die preußischen Hohenzollern sollten erbliche Kaiser eines konstitutionell regierten Reiches werden. König Friedrich Wilhelm IV. lehnte aber die Kaiserwürde ab. Der König von Sachsen verweigerte der Reichsverfassung ebenfalls die Anerkennung, wie auch die regierenden Dynastien in Bayern, Württemberg und Hannover. Das mühevoll errungene Ergebnis eines mit den Hoffnungen vieler Liberaler und Demokraten beladenen Parlaments drohte damit zu scheitern.

Die beiden Kammern des Sächsischen Landtages stimmten am 28. April 1849 für die Reichsverfassung und verweigerten die Bewilligung von Steuern. Daraufhin löste der König den Landtag auf. Auf Initiative der Vaterlandsvereine wurden Anfang Mai in ganz Sachsen Paraden der Kommunalgarden für die Reichsverfassung anberaumt. Angesichts solcher Proteste gegen den Willen der fürstlichen Staatsgewalt wandte sich Friedrich August II. an den König von Preußen mit der Bitte um militärische Unterstützung. Erst dieses Ersuchen löste am 3. Mai 1849 den Sturm auf das Dresdner Zeughaus aus.

In den Morgenstunden des 4. Mai flohen der König und seine Minister auf die Festung Königstein. Daraufhin bildete sich eine provisorische Regierung mit Karl Gotthelf Todt, Otto Leonhard Heubner und Erdmann Samuel Tzschirner, die auf die Reichsverfassung vereidigt wurde. In der Stadt wurden sofort mit Hilfe Gottfried Sempers Barrikaden errichtet und Kuriere in alle Städte des Landes gesandt, die die Kommunalgarden zum Marsch nach Dresden aufforderten. Aber nur ein kleiner Teil der Aufgerufenen erschien.

Als am 5. Mai die Straßenkämpfe begannen, standen den etwa 3000 Revolutionären insgesamt 5000 sächsische und preußische Soldaten gegenüber. In der Dresdner Altstadt wurde fünf Tage lang verbissen gekämpft. Die Barrikaden erwiesen sich dabei als kaum einnehmbar.

Die Aufständischen erhielten Unterstützung durch den Artillerieoffizier Michail A. Bakunin, die Hofkapellmeister Richard Wagner und August Röckel und den Vorsitzenden der „Arbeiterverbrüderung“ Stefan Born. Aber der Übermacht der sächsischen und preußischen Soldaten konnten sie nicht allzu lange widerstehen, als diese auch die Häusermauern durchstießen, um die Barrikaden zu umgehen. Die provisorische Regierung mußte am 9. Mai, früh 3 Uhr, Dresden verlassen. Etwa 1800 Revolutionären gelang es, sich aus der Stadt zurückzuziehen. Manche schlugen sich nach Baden durch, um dort an den Revolutionskämpfen teilzunehmen. Zahlreiche Gefangene wurden von den Soldaten der sächsischen und preußischen Armeen erschossen, mißhandelt, von der Elbbrücke geworfen und ertränkt. Etwa 700 Kämpfer wurden gerichtlich verfolgt.

  Viele, wie Bakunin und Röckel, wurden zum Tode verurteilt und dann zu lebenslänglichem Zuchthaus begnadigt. Der Steckbrief gegen Wagner wegen Hochverrats wurde noch 1853 in Sachsen erneuert, Semper ging nach London und wurde später Schweizer Bürger.

Am 1. Juni 1850 löste König Friedrich August II. den Landtag auf und ordnete durch Dekret die Wiederherstellung der vorrevolutionären Verhältnisse an. Das neue Wahlrecht wurde außer Kraft gesetzt und jenes von 1831 als gültig bestimmt. Presse-, Versammlungs- und Vereinsfreiheit wurden erheblich eingeschränkt. Die Ergebnisse der 48er Revolution waren in Sachsen wieder rückgängig gemacht.

 

  Die Versammlung in der Paulskirche

Am 18. Mai 1848 zogen die Abgeordneten unter dem Jubel der Bevölkerung in einer feierlichen Prozession in die Frankfurter Paulskirche ein, die mit schwarzrotgoldenen Farben geschmückt war.

Von den 831 Abgeordneten waren ihrer sozialen Herkunft nach:

154 Professoren, Lehrer, Bibliothekare, Schriftsteller, Redakteure,

364 Juristen der verschiedenen Berufe,

50 Ärzte und Geistliche,

76 Offiziere und größere Gutsbesitzer,

61 Kaufleute, mittlere Beamte und Handwerker,

126 Berufslose und sonstige, vor allem Rentiers.

Darunter befanden sich kein Arbeiter, ein Bauer, aber 85 Adlige.

 

Der Dresdner Maiaufstand und der Pirnaer Arbeiterverein (Jensch, Anfänge der Arbeiterbewegung...)

Der preußische König lehnte die von der Frankfurther Nationalversammlung verabschiedete Verfassung ab und, durch ihn ermutigt, auch der sächsische König. Am 14.4.1849 schrieb der Abgeordnete unseres Wahlkreises, Prof. Emil Adolf Roßmäßler aus Tharandt, in einem Brief an seine Wähler:

„Die Nationalversammlung konnte die Verfassung wohl machen, aber ihren Bestand sichern kann nur das Volk. Drohende Gefahren werden vielleicht bald die Frage an das Volk richten: Hast du den Muth, für deine Verfassung einzutreten?“ [2]

Im Namen des Ausschusses des Deutschen Vereins zu Pirna veröffentlichte Dr. Haußner am 30.4.1849 einen Aufruf. Er erschien als Maueranschlag in Pirna und angeblich auch in Dresden. In ihm forderte Dr. Haußner zum Kampf gegen den Vormarsch der Konterrevolution auf, die in Sachsen den Landtag am 28.4.1849 aufgelöst hatte. „Männer des Volks!“, heißt es dort, „Lasset unter Euren Augen den bereits bebrüteten Basiliskeneiern die Brut nicht entschlüpfen, sondern vernichtet sie, ehe noch die werdenden Ungethüme Kraft erlangen, Euch und Eure Freiheit zu verschlingen!“

  „Haußners Aufruf fand aber nur bei seinem, meist unter den Besitzlosen, den Proletariern zu findenden Anhang Anklang, die Mehrzahl der Bürgerschaft mißbilligte ihn entschieden“, heißt es in einer zeitgenössischen Chronik. [3]

Am 1. Mai wurde der Maueranschlag mit gerichtlichem Beschlag belegt und von der Staatsanwaltschaft gegen Haußner und den Deutschen Verein Voruntersuchung wegen Hochverrats eröffnet.

Der Ausgang des Verfahrens sei hier vorweggenommen. Es wurde am 27.11.1849 eröffnet, und zwar gegen die Ausschußmitglieder des Deutschen Vereins. Sie erfuhren Freispruch, nachdem sie beschworen hatten, den Aufruf nicht gekannt und auch nicht unterzeichnet zu haben. Haußner hätte völlig allein gehandelt. Auf ihn, der als Verwundeter bei den Kämpfen in Dresden von preußischer Soldateska erschossen wurde, wälzten sie alle Schuld. [4]

Als einer der ersten eilte Dr. Haußner nach Ausbruch der Kämpfe (3. Mai) in den Morgenstunden des 4. Mai nach Dresden. Mit ihm zogen der Töpfermeister Friedrich Oswald Lauschke und der Turnlehrer Schmidt. Der Zigarrenmacher Wirth aus Copitz, vorher in Pirna ansässig, fiel bereits zu Beginn des Aufstandes am 3. Mai gegen 4 Uhr nachmittags beim ersten Angriff auf das Zeughaus und wurde anschließend „auf einem Wagen mit bloßgelegter Schußwunde in Dresden herumgefahren“, wie uns der erwähnte ‘Chronist mitteilt.

Im Pirnaer Stadtarchiv gibt die „General-Übersicht über die Ereignisse der vor dem Stadtgericht zu Pirna gegen 63 Personen geführten Untersuchungen wegen direkter und indirekter Beteiligung am Dresdner Aufstande vom 3. bis 9. Mai 1849“ die Liste derer wieder, die vom 4. bis 6. Mai während des Aufstandes teils bewaffnet nach Dresden gefahren waren. [5] Unter diesen 63, die in ihrer Mehrzahl an den Kämpfen nicht teilgenommen, sondern sich sogar geweigert hatten, gegen sächsisches und preußisches Militär zu kämpfen, befanden sich viele Mitglieder der Pirnaer Kommunalgarde. Zu irgendeinem Wachdienst hätten sie sich noch geschickt, nicht aber in einen Kampf gegen die Reaktion verwickeln lassen, auch wenn es um die Reichsverfassung ging.

Bemerkenswert ist aber die Teilnahme einer Reihe von Arbeitern, deren Namen sich in den Nachrichten vom Pirnaer Arbeiterverein befinden. Es sind:

der Tagearbeiter Samuel Gottlieb Doering,

der Schriftsetzer Heinrich Esmarch,

der Maurergeselle Carl Christian Kiesling,

der Steindrucker Ernst Julius Kubach,

der Tagelöhner Johann Heinrich Müller,

der Tabakspinner Friedrich Wilhelm Pankow,

der Herbergsvater Carl Wilhelm Preller,

der Maurergeselle Johann Karl August Schneider,

der Markthelfer Friedrich Ernst Thierfelder,

der Tagearbeiter Christian Gottlieb Wittig.

Ihre Mitgliedschaft im Arbeiterverein ist verbürgt. Ob andere der weiteren 17 Arbeiter unter den 63 Angeklagten Vereinsmitglieder waren, bleibt ungewiß, wenn auch anzunehmen. Arbeiter stellten ja ohnehin die Mehrzahl der Kämpfer beim Dresdner Maiaufstand. Unter den etwa 250 Toten sind die meisten Arbeiter, und unter den 869 Personen, gegen die gerichtliche Untersuchungen eingeleitet wurden, waren 569 Arbeiter und Handwerksgesellen. [6]

Während das Gerichtsverfahren gegen die meisten Pirnaer Teilnehmer keine ernsten Folgen hatte, wurde der Töpfermeister Friedrich Oswald Lauschke hart betroffen. Er bekannte sich offen dazu, als Teilnehmer des ersten Zuzugs am Barrikadenkampf in Dresden teilgenommen zu haben. War Lauschke Vereinsmitglied? Auch das wissen wir nicht. Die Frage hat insofern einige Berechtigung, als dieser Friedrich Oswald Lauschke 23 Jahre später Gründer der ersten eindeutig sozialistischen Arbeiterorganisation in unserer Stadt war. [7] Auf sein Schicksal wird bei anderer Gelegenheit zurückzukommen sein.

Der Arbeiterverein stand von Anfang an unter dem prägenden Einfluß Dr. Haußners, des führenden Kopfes unter den revolutionären Kräften Pirnas. Er war Revolutionär bürgerlich radikal-demokratischen Typs, der die revolutionäre Potenz der Arbeiter wohl zumindest ahnte. Auf seinen Anstoß hin war dieser erste Aufschwung der Pirnaer Arbeiter in eigener Organisation zurückzuführen. Gleichzeitig lag aber hier auch der Grund, daß die Vereinsmitglieder über Hauß´ners Auffassungen nicht hinauskamen. Auch über die „Allgemeine deutsche Arbeiterverbrüderung“ unter Führung Stefan Borns, der sich der Verein etwa im Oktober 1848 angeschlossen hatte, gelangten anscheinend keine weiterführenden Auffassungen nach Pirna.

Die nach der Niederlage der bürgerlich-demokratischen Revolution von 1848/49 in Deutschland einsetzende Reaktionsperiode schloß das Verbot zu politischer Organisation der Arbeiter ein. Es sollten noch etwa zwei Jahrzehnte vergehen, ehe in Pirna erneut ein Versuch unternommen wurde, Arbeiter in politischen Vereinen zu organisieren.

Waren sie dann dabei, die noch lebenden Mitglieder des ersten Arbeitervereins? Genau wissen wir es nicht. Dazu sind die überlieferten Nachrichten zu spärlich. Dennoch gibt es einige Hinweise. Die spätere sozialdemokratische Bewegung wurde, wie wir noch sehen werden, besonders durch die Zigarrenarbeiter getragen. In der Liste der verfolgten Maikämpfer finden wir den Tabakspinner Pankow, die Zigarrenmacher Rau und Wittig. Rau werden wir noch begegnen. Wenn die Namen der anderen später auch nicht wieder auftauchen, so gehen wir doch wahrscheinlich in der Vermutung nicht fehl, daß sie ihre Erlebnisse und auch ihre im Arbeiterverein erlangten Erfahrungen und Ansichten weitergegeben haben. Sie werden so eine Tradition begründet haben, die zwar vorerst noch im Verborgenen wirkte, später aber, bei wachsender Zahl und in größeren Werkstätten, nach öffentlicher Betätigung drängte. Dieser Spur wird noch nachzugehen sein.

Um noch einmal auf Dr. Haußner zurückzukommen: Hat E. Fischer (vgl. Anmerkung 8) nicht recht, wenn er in ihm einen „Vorkämpfer der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung“ würdigt? Dieser Anfang einer proletarischen Traditionslinie in unserem Kreis ist wesentlich seinem sozialen Empfinden, seiner Initiative und seinem politischen Einfluß zu danken. So mancher der radikalen bürgerlichen Demokraten aus der Revolution von 1848/49 fand später seine politische Heimat in der marxistischen deutschen Arbeiterbewegung. Erinnert sei an dieser Stelle nur an Johann Jacobi und Wilhelm Liebknecht. Dieser Weg blieb Haußner versagt. Ihn hatte preußische Soldateska ermordet. Nur kurze Zeit wirkte er in unserer Stadt, aber er hinterließ eine dauerhafte Spur. Es ist gut, daß eine Straße, wenn auch eine recht abgelegene, seinen Namen trägt. Eine Gedenktafel erinnert an ihn mitten in unserer Stadt am Hause, in dem er wohnte, in der Dohnaschen Straße, Ecke Barbiergasse.



  • [1] „Die Fliegende Fähre“, ein Verbindungsmittel für die Bewohner der Oberelbe. Verlag von Ernst Keller, Langegasse 219, geleitet von Dr. Wilhelm     Adolph Haußner. Jahrgänge 1848 bis 1852. Im folgenden: FF.

  • [2] FF, 20.4.1849.

  • [3] SAP, Abendroth, zitiert in E II, 612, Bd. II, S. 270.

  • [4] SAP, B II-XXVIII, 01, Bl. 33.

  • [5] SAP, B IX-I, 01.

  • [6] Dresden - Geschichte der Stadt in Wort und Bild. Berlin 1984, S. 99.

  • [7] SAP, B II-IX, 02, Bl. 1.


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